Archi W. Bechlenberg / 19.01.2020 / 06:10 / Foto: Pixabay / 15 / Seite ausdrucken

Taxi nach Kuba

Um Kuba ist es in den letzten Jahren als Thema in unseren Medien ruhiger geworden, wenn nicht sogar weitgehend still. Das hat sicher zum einen damit zu tun, dass die (je nach Blickwinkel) Hass- oder Erlöserfigur Fidel Castro nicht mehr unter den Lebenden weilt. Der Barbudo war immer wieder gut für launige Geschichten über vergiftete Zigarren, verheimlichte Geliebte und verhaftete Oppositionelle. Als er 2016 im für einen Revolutionär ungewöhnlich hohen Alter von 90 Jahren starb, verließ ohne Frage eine unterhaltsame Person die Weltbühne.

Zum zweiten dürfte das geschwundene Interesse an den Verhältnissen auf Kuba damit zusammenhängen, dass man aus Europa, insbesondere Deutschland, nicht mehr in Richtung Karibik blicken muss, um sozialistische Experimente, marode Infrastrukturen, zerfallende Städte, staatlich gelenkte Presse, Enteignungsbestrebungen, Deindustrialisierung, Abbau von Bürgerrechten, ein Einparteiensystem und einen an der Macht klebenden Comandante in Jefe zu beobachten. Gut, Merkel dürfte sich schwer tun, es wie Castro auf 50 Jahre Machthaberei zu bringen, doch warten wir's ab. Bis zu ihrem 90. Geburtstag kann es noch viele same procedures as every year geben. Vielleicht nicht weitere 36, aber ist nicht 1 Merkeljahr vergleichbar mit 7 Menschenjahren... doch lassen wir das. Ich will Sie nicht in Trübsal tauchen.

Im Gegenteil, hier soll es heute um eine Buchempfehlung gehen, eine Buchempfehlung in Sachen Kuba. Für diese Insel ist der als Chronist und kritisch-sympathisierende, Achgut.com-Lesern als Autor vertraute Klaus D. Leciejewski zuständig, dessen neues Buch Kuba 151 in diesem Winter erschienen ist. Mag sein, dass Kuba thematisch nicht mehr so häufig wie in früheren Jahrzehnten im politischen Kontext Erwähnung findet, als Reiseziel hingegen boomt das Land umso mehr. Kuba ist inzwischen das wichtigste Urlaubsland in der Karibik, und der real existierende Sozialismus stört den Pauschaltouristen kaum. Wer als Reisender in einem der bestehenden oder derzeit im Bau befindlichen Hotels und Resorts absteigt oder sich für ein paar Stunden von seinem festen Boden auf einem kapitalistischen Kreuzfahrtschiff in das schwankende sozialistische Paradies wagt, kann es sich richtig gut gehen lassen, dank Sonne, Sand, Strand, Natur, Wetter, und reichlich prä-revolutionärer Geschichte. 

Zumeist etwas, das das Auge erfreut

Klaus D. Leciejewski lebt seit zehn Jahren die meiste Zeit in Havanna und ist mit der Kubanerin Jitsy Santana Gómez verheiratet; von ihr stammen die mehr als 100 Fotografien des Buches. Er hat die Insel weitläufig bereist und ist auch mit anderen karibischen wie mittelamerikanischen Ländern aus eigenem Erleben vertraut, so dass er treffend Parallelen, Gemeinsamkeiten und Gegensätze beschreiben kann. 

Wenn ich sage „beschreiben“, sollte ich zutreffender von „erzählen“ sprechen. 151 Kuba ist kein Reiseführer im klassischen Sinne, die alphabetisch geordneten Miniaturen mit jeweils einer Seite Text und einer Seite Bild(ern) erzählen vielmehr von dem, was der Autor auf Kuba erlebt, entdeckt, erfahren hat. Man muss nicht linear vorgehen; man kann das Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und das dort dann gefundene Stichwort lesen.

Das ist zumeist etwas, das das Auge erfreut (rüstige Straßenkreuzer, junge Tänzerinnen und alte Architektur), etwas, an dem sich Gaumen und Magen laben (kubanische Speisen wie Moros y Cristianos, das Nationalgericht Ropa Vieja – zu deutsch „Alte Wäsche“, Drinks, wie der auch hier bekannte Mojito und natürlich Zigarren) und viel Natur von der Sierra Maestre bis Varadero und dem Vinales-Tal. Dass es auch andere Seiten Kubas gibt, wird nicht unterschlagen, aber auch über diese Themen wird unterhaltsam und informativ erzählt. Man sehe sich nur einmal das Bild der russischen Botschaft in Havanna an – dieser Laden könnte ohne weiteres für Barad-dûr, die Festung Saurons in Mordor, Modell gestanden haben. Oder umgekehrt. 

Auf einer Bank sitzend und kubanische Behike-Zigarren rauchend

Ein anderes, weniger touristisches Thema ist der Hausmüll auf Kuba und der „Umgang“ damit. Da liegt vieles im Argen. Das exemplarische Bild im Kapitel zeigt eine Szenerie, die durchaus auch aus Duisburg oder Berlin stammen könnte, sähe man nicht im Hintergrund eine üppig beblätterte Palme. 

Im Mittelpunkt von Kuba 151 stehen die Menschen und das, was ihr Leben und den nicht einfachen Alltag im Sozialismus ausmacht. Manches davon kennen auch wir in Deutschland (die in der DDR aufgewachsenen Bürger wohl besonders intensiv), manches lernen wir gerade kennen. Die kubanische Institution CDR zum Beispiel, die nach der Revolution geschaffen wurde, um dafür zu sorgen, dass sämtliche von der Staatsdoktrin abweichenden Meinungen höheren Orts gemeldet und entsprechend „gewürdigt“ wurden. Wie Aasgeier stürzten sich Funktionäre, Spitzel und sonstige IM auf echte oder vermeintliche Hassredner und sorgten dafür, dass diese fortan nicht mehr gegen den Sozialismus und das Wahre und Gute hetzen konnten. In Kuba hat dieses Unwesen inzwischen weitgehend seinen Schrecken verloren, dafür blüht es nun anderswo auf.

Im Spätsommer 2019 saß ich mit Klaus Leciejewski und Jitsy im Restaurant eines belgischen Klostergartens zusammen; er hatte, als Kenner der Materie (es gibt von ihm auch ein kundig geschriebenes Buch über gute Restaurants) auf der Karte gleich eine belgische Spezialität entdeckt (Carbonnade de boeuf, Rindfleisch über viele Stunden in braunem Bier und Gewürzbrot geschmort) dazu tranken wir das vor Ort gebraute Klosterbier, und anschließend machten wir einen ausgedehnten Spaziergang durch den prächtigen Park hinter den sakralen Gebäuden.

Lange Zeit verbrachten wir auf einer Bank sitzend und kubanische Behike-Zigarren rauchend, und Klaus Leciejewski erzählte dabei so farbig und kundig, dass wir gar nicht bemerkten, wie die Zeit verstrich. So dass uns dann irgendwann einmal Jitsy dezent darauf aufmerksam machen musste, dass der Nachmittag allmählich in den Spätnachmittag übergehe und es Zeit zum Aufbrechen sei.

Ähnlich gut unterhalten wie an diesem sonnigen Sonntag fühle ich mich durch ihr gemeinsames neues Buch. Und so wird es auch Ihnen gehen, wenn Sie lesen, was Klaus D. Leciejewski und Jitsy Santana Gómez über Land und Leute zusammengetragen haben, auf 280 Seiten mit 151 „Momentaufnahmen“. Danach werden Sie wissen, wer El Ultimó ist, welcher Sport auf Kuba immer beliebter wird, welcher Sport im Verborgenen betrieben wird, wie es sich mit den Jineteras, Praktizierer einer weiteren Sportart (m/w) verhält, wer die gefährlichsten Raubtiere Kubas sind (es sind nicht die Cocodrilos) und womit man auf Kuba Masochisten glücklich machen kann. 

 

Klaus D. Leciejewski / Jitsy Santana Gómez 
Kuba 151: Porträt der größten und ungewöhnlichsten Karibikinsel in 151 Momentaufnahmen
288 Seiten, Verlag: CONBOOK, ISBN-13: 978-3958893177, € 16,95
Blick ins Buch
hier. 

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Paul Siemons / 19.01.2020

Herr Rogge, ich will hoffen, dass Sie Ihre Kritik nicht auf einem in China produzierten Gerät getippt haben und auch sonst nichts aus diesem Land besitzen und benutzen. Im Übrigen habe ich diesen Satz im Text durchaus als ironisch verstanden.

beat schaller / 19.01.2020

Spannend und es regt den Appetit auf das Land an. Schon die alten Amischlitten alleine wären doch eine Reise wert.Ja, und im Urlaub kann man durchaus einen leichten Hang zum Chaotismus mitbringen und trotzdem locker bleiben. b.schaller

Thomas Mueller / 19.01.2020

Sie schulden mir einen Kaffee. Merkeljahre…

Detlef Rogge / 19.01.2020

“Der real existierende Sozialismus stört den Pauschaltouristen kaum.” Jeder dieser gedankenlosen Anspruchsunverschämten finanziert Unterdrückung, Kerker und Folter, so wie, mutatis mutandis, einst westdeutsche Intershopkonsumenten der DDR-Diktatur zu überlebenswichtigen Devisen verhalfen. “Die Freiheitsliebe der West-Berliner zeigt sich in der Länge der Warteschlangen vor den Intershopläden” , derartige Rhetorik hat mir seinerzeit wenig Freunde eingebracht. “Aber Du zahlst ja auch den Zwangsumtausch”, wurde meist entgegengehalten. Richtig, der war unvermeidbar, um meine DDR-Grosseltern besuchen zu können. Freiwillig, so wie vom Intershopkäufer, hat der Unrechtsstaat DDR von mir keinen Pfennig gesehen. So, jetzt habe ich allen Kuba-Touristen und Ex-Intershopkonsumenten unter der geschätzten Leserschaft den Sonntag ruiniert.

J.G.R. Benthien / 19.01.2020

Endlich einmal eine gute Nachricht und das am Sonntagmorgen. <Sarkasmus an> Nun, sie muss gut sein, da sie nicht aus Deutschland kommt, sonst wäre es anders gelaufen.<Sarkasmus aus> Danke für die Information!

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