Taxi. Berlin. Warschauer Straße. Sonntagmorgen. 4 Uhr

Wir leben in merkwürdigen Zeiten. Es scheint immer schwerer zu werden, unpolitische Gespräche zu führen. Ich erlebe zumindest mehr und mehr, dass harmlos und banal beginnende Unterhaltungen schnell bei den zu hohen Mieten, den zu niedrigen Löhnen, den vielen Obdachlosen, der Migrationspolitik, der Altersarmut, der Klimafrage oder der Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens landen.

Dies habe ich des Öfteren in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch an der Uni beobachtet und vor allen Dingen auch erfahren, wie hitzig Debatten geführt werden, wenn die Diskutierenden eine entgegengesetzte Meinung vertreten. Schon mancher gesellige Abend ist gewissermaßen ruiniert worden, weil eine Diskussion sich zu einem Streit entwickelte und die Stimmung somit nachhaltig getrübt wurde. Die buchstäbliche Spaltung der Gesellschaft macht sich auch in meinem unmittelbaren Umfeld bemerkbar.

Grundsätzlich mag ich es, wenn es in Gesprächen ans Eingemachte geht, denn Smalltalk langweilt mich schnell, und tiefgründigere Themen finde ich viel reizvoller (es muss natürlich bei weitem nicht nur um Politik gehen). Und ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn mein Gegenüber eine andere Meinung vertritt, vielmehr ganz im Gegenteil. Dies macht eine Unterhaltung oft erst spannend. Mir ist jedoch zugleich aufgefallen, wie schwer es fällt, konstruktiv über Politik zu sprechen. Ich merke, dass die verhärteten Fronten, die sich momentan bei politischen Diskussionen auftun, scheinbar durch nichts aufzulockern sind, es scheint nur ein Schwarz oder ein Weiß zu geben, wo die Wahrheit doch oft in der Mitte liegt.

Ich selbst habe mich schon oft in derartigen Gesprächen ereifert und im Gegenzug starke Ablehnung erfahren. Dies hat mich häufig verletzt und somit betrachte ich die Anbahnung politischer Unterhaltungen – wenigstens in gewissen Kreisen – mehr und mehr mit Argwohn und habe stellenweise, trotz meines offenen Wesens, eine regelrechte Phobie dagegen entwickelt.

Erhellende Begegnungen

Doch auch bei flüchtigeren Begegnungen des Alltags, wie beispielsweise mit Kellnerinnen, Ladenbesitzern, Ärztinnen oder Nachbarn, die man nach Wochen mal wieder zufällig auf dem Hof trifft, führen die zumeist wenigen gewechselten Worte schnell zu gesellschaftskritischen, politischen Sachverhalten. Mir ist das neu, ich beobachte diese Entwicklung erst seit ungefähr zwei oder drei Jahren. Ich habe bis dato die deutsche Gesellschaft – im Vergleich mit anderen Ländern – als ziemlich unpolitisch wahrgenommen. Es tut sich etwas, es gibt eine wachsende Unzufriedenheit unter den Menschen, die immer öfter auch gegenüber Fremden geäußert werden will.

Natürlich sind bei weitem nicht alle dieser Gespräche nervlich aufreibend, immer wieder freue ich mich über einen unerwarteten erhellenden Austausch. Stellvertretend für all diese unmittelbaren Begegnungen möchte ich im Folgenden ein Gespräch mit einem Taxifahrer wiedergeben, das ich vor Kurzem führte.

Es war an einem Sonntagmorgen um 4 Uhr früh, als ich die Wohnung meiner besten Freundin verließ. Es war ein schöner Abend gewesen, wir hatten viel geredet und gelacht und so ging ich – mit mir und der Welt zufrieden (und auch ein bisschen beschwipst) – auf das gerufene Taxi zu. Ich war einerseits zu faul, um diese Uhrzeit noch die U-Bahn zu benutzen, andererseits finde ich es immer unangenehmer, zu später Stunde in Berlin mit den Öffentlichen zu fahren. Grundsätzlich bin ich seit einer Weile nicht mehr so gerne nachts unterwegs. Das ist sehr bitter für jemanden, der die Dunkelheit liebt. Denn eigentlich bin ich eine Nachtschwärmerin.

Hat jeder eine Chance verdient?

Ich stieg also ins Taxi. Wir waren gerade losgefahren und hielten an einer Kreuzung, als eine Gruppe finster aussehender Gestalten auf uns zukam. Der Taxifahrer betätigte prompt die Zentralverriegelung. Sowas hatte ich noch nicht erlebt! Er bemerkte mein Stirnrunzeln im Rückspiegel und erklärte: „Ach, wissen Sie, es gibt so viele Idioten heutzutage, da gehe ich lieber auf Nummer sicher.“

Ich war also nicht die einzige, die sich gruselte. Nachdem die Gruppe an uns vorbei gezogen war, fragte ich ihn, ob es eigentlich gefährlich sei, als Taxifahrer zu arbeiten. „Naja, Sie sollten schon ein dickes Fell haben, wenn Sie ängstlich sind, kommen Sie nicht weit.“

Unser Gespräch brach ab, müde wie ich war, freute ich mich, bald zu Hause zu sein und ins Bett fallen zu können. Ich lehnte meinen Kopf gegen die Scheibe und sah, wie wir über die Warschauer Straße fuhren. Es waren die üblichen Party People unterwegs, um sich in einem der Clubs des Berliner „Techno Strichs“ zu vergnügen. Dazwischen standen in Grüppchen die ebenfalls üblichen Dealer, bestehend aus afrikanischen Migranten. Sie verteilen sich auf die Warschauer und die angrenzende Revaler Straße, um zumeist sehr aufdringlich ihre Drogen anzubieten. Kommt man dort als Frau vorbei, muss man sich zudem auf einige Obszönitäten gefasst machen. Und wenn man gerade Pech hat – vor allem als Mann – wird man auch schon mal in den Rücken gestochen, wenn man keine Drogen will.

Gleichzeitig überlegte ich: Da haben sie nun den weiten Weg aus Afrika hinter sich gebracht, um am Ende hier als Drogendealer zu arbeiten. Ist das jetzt eine humane Lösung? Sie waren irgendwann, scheinbar wie aus dem Nichts an der Warschauer Straße aufgetaucht. Ich glaube, es war 2014.

„Also, hier würde ich um diese Uhrzeit als Frau nicht alleine langgehen“, meinte der Taxifahrer, als hätte er meine Gedanken erraten. „Naja, es ist jedenfalls nicht sehr angenehm“, entgegnete ich.

„Wissen Sie, ich finde, man sollte grundsätzlich jedem, der hierher kommt, eine Chance geben. Wenn er diese Chance vertut und kriminell wird, dann sollte er abgeschoben werden. Aber wenigstens eine Chance hat doch jeder Mensch verdient oder meinen Sie nicht?“, fragte er mich.

Aufgestautem Ärger Luft machen

Schon wieder so ein schwieriges Thema. Und das um diese Uhrzeit!

„Grundsätzlich schon. Aber ich glaube nicht, dass die grenzenlose Migration aus Entwicklungsstaaten das Wahre ist“, erwiderte ich knapp.

„Tja …“, kam es vom Fahrersitz zurück. „Ich führe sehr häufig mit meinen Fahrgästen Gespräche über dieses Thema. Was meinen Sie, was mir die Leute alles erzählen!“

„Die Migrationsfrage beschäftigt ja mehr oder weniger uns alle“, sagte ich.

Mittlerweile waren wir vor meiner Haustür angekommen. Nachdem ich bezahlt hatte, drehte er sich zu mir um: „Ich befasse mich in meiner Freizeit viel mit politischen Fragen, mit dem Wirtschaftssystem und allem, was da dran hängt. Es ist einfach nur unglaublich, was hier gerade stattfindet. Wie man beispielsweise Italien mit den Target-2-Salden mitgespielt hat …“ Nun legte er los und machte in den nächsten Minuten seinem angestauten Ärger Luft.

Schließlich stieg ich aus und schloss meine Haustür auf. Was wird das Ergebnis all dieser Debatten sein, überlegte ich. Der Groll wächst, und zwar auf allen Seiten. Die meisten Politiker scheint das jedoch wenig zu stören, sodass bestehende Konflikte nicht angegangen werden. Sind die Probleme unserer Zeit überhaupt so leicht zu lösen? Wird es bald heftigere Proteste geben? Stehen uns gar gewaltsame Auseinandersetzungen bevor? Ich stieg die Stufen zu meiner Wohnung hinauf und war plötzlich wieder hellwach. 

Foto: Achgut.com

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Leserpost

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Karl Olbert / 10.02.2019

Das mit den Target 2 Salen hat er wohl falsch verstanden. Wir haben geliefert aber nichts dafür bekommen und da die Südländer die Schulden niemals zurückzahlen können werden wir das Geld nie sehen. Dazu kommt laut Hans Werner Sinn noch die Haftung von 12 Billionen Euro Bank/Staatsschulden für die Deutschland dank Brüssel haften muss und jetzt kommts,die Gläubiger müssen OHNE SCHADEN DAVON KOMMEN!Das ist eine Perversion des Anlagemarktes denn jeder weiss das er alles verlieren kann,jetzt muss aber Deutschland alles zahlen!HWS wird es wissen.

Christina S. Richter / 10.02.2019

Beim Lesen wurde ich in die Vergangenheit versetzt: Nach einer durchtanzten Nacht im Cafe Nord (Schönhauser Allee) und dem Verzehr der Currywurst bei Konnopke morgens um 4Uhr mit der “Troschke”  nach Berlin-Weißensee…incl. einem netten verschlüsseltem Schwatz mit dem “Troschkenfahrer” sofern er nicht IM war…ja die echten Berliner Taxifahrer haben noch heute das Herz am richtigen Fleck und reden Tacheles, leider bin ich nur noch selten in Berlin.  Die Themen haben sich teilweise geändert, die Taktik ist wieder die gleiche und die Angst ist auch wieder da… Heute wurde nun die Abschaffung von Hartz4 beschlossen von einer mitregierenden Partei, die kaum noch Prozente hat…sowie wieder ein Verwaltungsakt ohne Ende welcher neue Stellen für xxx schafft, wahrscheinlich auch den einen oder anderen Paragraphen verschwinden lässt, so dass es noch einfacher wird, vor allem für Menschen, die noch nicht lange hier wohnen. Und bewusst keine Kontrolle ob der Bezug berechtigt ist….wer soll dieses weitere Schlaraffenland von Merkels Kabinett IV noch bezahlen? Der Mittelstand wird immer mehr zerlegt ...das Cafe Babylon in Berlin existiert noch immer…und der Film war scheinbar der Vorreiter auf Turbo 3.0…Alle Macht geht vom Volke aus…Wir weben wir weben…

Markus Rüschenschmidt / 10.02.2019

Seit 2015 ist jede Debatte kontaminiert. Auch die Kunst, sei es Musik, Film oder Rundfunk, zumindest deren Protagonisten und schöpferisch Tätigen, ist voll vom Subliminalen, “subtil” vermittelten Subkutanen, das man nervigerweise herausfiltern muss. Von dem ich mich nur noch angewidert abwenden kann. Mich nervt das extrem. Ich wohne zwar in einer Großstadt, doch einer, gerade im Vergleich zu Berlin, beschaulichen, seligen. Doch auch hier ist der Social-Justice-Warriors-Wahn zu spüren und besichtigen. Ich fahre selten mit Taxis, aber wäre sehr gespannt, wie Taxifahrer (insbesondere und gerade auch die mit Migrationsgeschichte) über das Thema denken, die alles überragende Gretchenfrage unserer Tage (abgesehen von der autistischen Klimajungfrau Greta Gottestochter Gesalbte von Thun und Bergen). Insgeheim wünsche, ja glaube ich, dass viel mehr Menschen so empfinden wie Sie, Frau Stockmann - und ebenso ich. Man kann nichts für die Gefühle und Gedanken, sie drängen sich unwillkürlich auf.

G. Müller / 10.02.2019

Mit den Dealern in der Revaler Straße hatte ich noch nie Probleme, die sind im Schnitt eher ruhig und passiv. Ein paar hundert Meter weiter bin ich allerdings mehrmals auf der Oberbaumbrücke von aggressiven Dealern o. ä. eingekreist worden, sogar schon am frühen Abend. Diese jungen Männer stehen über die ganze Brücke verteilt, wollen einem Gespräche aufdrängen und verfolgen einen und laufen auf engem Raum mit. Lt. Polizei darf man sie keinesfalls irgendwie konfrontieren, also z. B. nicht sagen, dass sie einen in Ruhe lassen sollen. Man muss möglichst still und ausweichend vorbeischleichen oder kann notfalls vom Fußweg in den Autoverkehr laufen, wenn zu brenzlig wird. Ich wünsche so eine Erfahrung niemandem, dass der ganz normale Heimweg von Leuten, die man gerade in dieser Gegend nicht als “ungefährlich” einschätzen kann, “besetzt” gehalten wird und nicht mehr ungestört und nicht ohne Angst benutzt werden kann. Über solche Probleme sollte viel mehr geredet werden,  aber es gibt noch genug Leute, die sich einreden, solche Kriminalitätsschwerpunkte wie nun schon langjährig Umgebung Warschauer Straße würde es gar nicht geben und die würden auch nicht anwachsen usw.

Reiner Gerlach / 10.02.2019

Sehr geehrte Frau Stockmann, ich bin froh, dass es noch junge Menschen wie Sie gibt. Auch wenn nicht alles der Weisheit letzter Schluss ist, muss man berücksichtigen, dass Sie ja nicht die allwissende Frau Bundeskanzlerin ablösen wollen oder sollen. Aber wenn man an einer Stelle erst mal anfängt, Fragen zu stellen und das regierungsamtliche Märchen etwas in Frage zu stellen, ist das ein toller Anfang. Ich hatte vor kurzem ein Gespräch (keine Diskussion) mit einem Verwandten aus Köln. Er fragte mich nebenher auch, was ich von dieser “Geschichte mit den Flüchtlingen” halte. Das Wort Krise wollte er wohl nicht verwenden. Ich sagte ihm dazu Folgendes: wenn ich als alter Militär im Fernsehen sehe, wie eine Million junge Männer im besten wehrfähigen Alter in breiter Front die deutsche Grenze überschreiten, ist es an der Zeit, das Glas mit dem Cognac aus der Hand zu stellen und die Uniform wieder aus dem Schrank zu holen. Eine Million Männer hat zu Zeiten des kalten Krieges Bundeswehr und NVA zusammen nicht unter Waffen gehabt. Und wir werfen mit Teddybären und rufen “Welcome”? Ich glaube, der Artikel von Thilo Schneider “Besuch aus dem Morgenland” ist näher an der Wahrheit als mancher glaubt. Liebe Frau Stockmann, wenn eine schöne junge Frau (Achtung, sexistische Anmache) den Mut aufbringt, ihre Meinung zu diesem Theater hier öffentlich zu machen, kann man Ihnen dazu nur gratulieren.

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