Talkshows nur in Begleitung Erwachsener!

Ein Philosophenrätsel fragt: Wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand hört ihn aufschlagen, hat er ein Geräusch gemacht? Ich möchte ein ähnliches Rätsel formulieren: Wenn wir alle reden und brüllen, jauchzen oder jammern, aber niemand wirklich dem anderen zuhört, sind wir dann nicht alle in Wahrheit stumm? Im Fernsehen schaut Deutschland jeden Abend „Talkshows“. Ich bin dafür, Talkshows erst ab 18 Jahre freizugeben und mit Warnhinweisen zu versehen.

Nein, es ist kein „Gespräch“, kein „Talk“, wenn bezahlte PR-Profis einander in vorgefertigten Talking Points anbrüllen. Wer den Gegner niederringt und mit den eigenen Phrasen am demütigendsten penetriert, der geht – so der öffentliche Konsens – aus der Talkshow als „Sieger“ hervor. Talkshows verhalten sich zu Debatte wie Pornographie zu Liebe. Wer Talkshows für Debatte hält, wer von dieser verbalen Gewalt wirklich etwas dazulernen will, der hofft bestimmt auch, dass sie im Sexfilm am Ende heiraten. Und wenn sogar, wie im Staatsfunk häufiger, vier Talkgäste plus der Moderator ein Brülltribunal gegen einen einzigen Oppositionspolitiker halten – diesen Vergleich will ich erst gar nicht ziehen.

Ich fürchte, zu viele Kinder wachsen ohne Zuhör-Vorbilder auf. Wenn die Großeltern noch arbeiten, wenn sie in einer anderen Straße oder einer anderen Stadt wohnen, oder wenn man eine „Patchwork-Familie“ darstellt, dann fallen die Großeltern als tägliche Zuhörer und damit auch Zuhör-Vorbilder aus. Wenn die Eltern nach einem harten Arbeitstag zu erschöpft sind, um den Kinderseelen halbwegs würdig zuzuhören, dann fallen auch die Eltern als Zuhör-Vorbilder weg. Wenn aber am Abend dann die Glotze läuft, sehen die Kinder als „Gespräche“ diese unwürdigen Schrei-Shows – genauso gut könnte man die Kinder zur Aufklärung über die Liebe einen jener Filme gucken lassen.

Wir haben kaum noch Vorbilder für nichtblöde Debatten und nichtfrustrierende Gespräche. Echte Debatten und echte Gespräche setzen Zuhören voraus. Ich rede vom wirklichen Zuhören, und nicht nur, wie Chuck Palahniuk es in Fight Club formuliert, zu warten, bis man an der Reihe ist, endlich selbst zu reden.

Wie man Nicht-zuhört

Ein Gespräch zu sabotieren, um sich dann als „Sieger“ zu fühlen, ist leicht. Ein Gespräch so zu führen, dass alle Beteiligten – und sogar die Zuhörer – sich verstanden wissen und vielleicht sogar etwas dazugelernt haben, das ist schwieriger, aber auch lohnender. Zwei derzeit besonders beliebte Taktiken zum „Sieg“ in Gesprächen und Debatten sind die Ebenenverwechslung und die Unterstellung.

Nehmen wir etwa an, der Arzt sagt Ihnen, dass Sie für Ihre Größe zuviel wiegen. Sie könnten diese Aussage auf der Sachebene betrachten und für sich überlegen, ob und was Sie dagegen unternehmen möchten. Wachsen? Abnehmen? Sie könnten aber auch in die emotionale Ebene wechseln, also die Kategorie des Gesprächs wechseln, und den Arzt anbrüllen: „Haben Sie mich gerade ‚fett‘ genannt? So was lasse ich mir von einem weißen Hetero-Mann nicht bieten! Das wird Konsequenzen haben!“ Derart die Ebene zu wechseln ist ein Trick, um sich dem erwähnten Problem nicht stellen zu müssen. Die Aussage in der Sache wird auf einer emotional aufgeladenen Beziehungsebene gedeutet.

Zugleich wird dem Arzt etwas unterstellt. Man unterstellt, dass der Arzt auf der emotionalen Ebene sprach, und dass er verletzten wollte. Es ist absurd, doch es ersetzt den inneren Schweinehund gegen einen vermeintlich äußeren Gegner, und den zu attackieren scheint einfacher.

Will man echtes Gespräch unbedingt vermeiden, etwa weil man die Argumente des Gegenübers fürchtet, oder weil man halt so eine Art von Mensch ist, dann kann man 1. die Ebene wechseln, und 2. dem Gegenüber üble Motivation unterstellen.

Um eine Debatte zu verhindern und zugleich in der Wahrnehmung der jeweiligen emotionalen Peer-Group zu „gewinnen“, muss man das Gegenteil dessen tun, was Habermas im Aufsatz „Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz“ empfiehlt: Wir unterstellen, dass zurechnungsfähige Subjekte jederzeit aus einem problematischen Handlungszusammenhang heraustreten und einen Diskurs aufnehmen könnten.

Destruktive Muster des Anti-Zuhörens

Es wird ja diskutiert, wie mit Rechten zu reden sei, und dann wieder, ob und wie mit Linken überhaupt auch nur ein Zusammenleben möglich ist. Die Frage ist doch, wie man mit jemandem redet, der sich selbst aktiv als „nicht-zurechnungsfähiges Subjekt“ positioniert, der zwecks Diskursvermeidung jedes gegenläufige Argument in einen problematischen Handlungszusammenhang bringt („wer besorgt ist, ist Nazi“, „wer Islam kritisiert, ist Rassist“, „Argumente von weißen Männern sind ‚mansplaining‘, außer sie geben mir in allem recht, dann sind sie ‚allies‘“, etc. pp.).

Dieses destruktive Muster des Anti-Zuhörens finden wir etwa in der Debatte über die Folgen kontrollenfreier Immigration und offener Grenzen. Wer sich fürchtet, und wer Sorgen hat, wer vielleicht sieht, wie Teile seiner Heimat zur Gefahrenzone werden, dem wird von Merkel-Anhängern und Anti-Deutschen schnell „Rassismus“ vorgeworfen. Sie treiben Anti-Zuhören. Statt zu erforschen, welche Strukturen dem Gegner wirklich wichtig sind, statt die Berechtigung seiner Sorge zu finden, unterstellt man ihm übelste Absichten.

Für die neuen Kritikerkritiker ist „besorgt“ zu sein, böse und „besorgter Bürger“ ein Schimpfwort. Ihre militante Vorhut, die „Antifa“, tritt auf, wie die funktionale Wiedergeburt früherer Gewalt, und ihre Sprache klingt zugleich wie die der Faschisten, nur eben ins Pseudoflauschige übersetzt. Die Faschisten von damals verachteten den Schwachen und nannten ihn etwa „degeneriert“, die „Guten“ von heute verachten ebenfalls den Schwachen und spucken ihren Opfern ein „Mimimi!“ ins Gesicht.

So kann kein Gespräch entstehen. Wer im Andersdenkenden den Feind mit üblen Absichten sieht, wer jede Äußerung durch Ebenenverschiebung auf die unproduktivste Art zu interpretieren sucht, der macht Gespräch, Debatte und gemeinsames Dazulernen unmöglich.

Vom richtigen Zuhören

Wie aber soll man richtig zuhören? Wir erleben so viele Beispiele für schlechtes Zuhören, dass wir vergessen könnten, wie gutes Zuhören sich anfühlt. Genügt es, das Handy wegzulegen, um gut zuzuhören? Soll ich das sprechende Gegenüber durchweg anschauen, oder ist es in Ordnung, wenn ich zwischendurch die Augen vom Beifahrer nehme und auf die Straße schaue? Muss ich bei jedem Satz nicken, oder wie manche Zuhörer des „aktiven Zuhörens“ zu meinen scheinen, jeden Satz auch in eigene Worten umformulieren?

„Ich habe Kopfweh“ – „Dein Kopf schmerzt also" – „Ja, das stimmt. Ich fühle mich jetzt ganz verstanden!“ Nein, all diese Ratschläge sind Hilfsmittel, nicht das Ergebnis selbst. Wer wirklich zuhört, der will verstehen, welche Strukturen dem Gegenüber relevant sind. Ein bekanntes Hilfsmittel ist etwa das Prinzip der wohlwollenden Interpretation (englisch: principle of charity). Nach diesem Prinzip sollte dem Argument-Gegner jeweils die wohlwollendste Interpretation seiner Argumente zugestanden werden. (Also im Prinzip das Gegenteil des Interview-Stils von Carmen Miosga oder Cathy Newmann, die einfach dem Gegner einen bösen Unsinn nach dem anderen unterstellen und das für kritische Debatte halten.)

„You have to walk a mile in my shoes“ („du solltest eine Meile in meinen Schuhen gehen“), sagt das Sprichwort. Die Hoffnung darin: Wenn ich die Lebenssituation des anderen verstehe, dann kann ich auch verstehen, welche Strukturen dem anderen relevant sind. Wir rufen: „Versetz dich doch mal in meine Lage!“, und wir bitten darum, dass uns zugehört wird, wirklich zugehört wird.

Zuhören bedeutet nicht zustimmen

Wenn ich einem Menschen wirklich zugehört habe, und wir beide meinen, verstanden zu haben, was ihm wirklich wichtig ist, dann kann ich mich ja noch immer entscheiden, für mich selbst auf seine Wichtigkeit zu pfeifen. Merkel etwa hat gesagt, es komme ihr aufs „freundliche Gesicht“ an, dass Deutschland der Welt zeigt, und es sei nicht ihr Land, wenn sie sich dafür entschuldigen müsse.

Ich habe zugehört, ich verstehe es, und ich sage: Ich pfeife aufs „freundliche Gesicht“, wenn dadurch der einfache Bürger zum Fußabtreter gemacht wird. („Freundliches Gesicht“ könnte übrigens auch bedeuten, erst freundlich beim Tee zu lächeln – und später dann Waffenlieferungen zuzustimmen.) Wer allezeit ein freundliches Gesicht zeigt, der bringt sich in den Verdacht, etwas blöde zu sein.

Das Rätsel vom Baum im Wald

Die Antwort auf das Rätsel vom Baum im Wald und dem Geräusch lautet übrigens: Ob der Baum, der allein fällt, ein Geräusch macht, hängt davon ab, wie wir „Geräusch“ definieren. Wenn „Geräusch“ die Schallwellen allein beschreibt, dann hat er ein Geräusch gemacht. Wenn es fürs Geräusch auch ein „Gehört-werden“ durch ein Ohr und ein Bewusstsein braucht, dann hat er eben kein Geräusch gemacht, sondern nur ungehörte Schallwellen verursacht. Viele Fragen beantworten sich von selbst, wenn man sich nur klar macht, wovon man eigentlich redet!

Die Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Zuhörens haben wir ebenfalls beantwortet: Finde heraus, was dem Gegenüber wirklich wichtig ist. Welche Schwächung einer ihm relevanten Struktur bereitet ihm Sorge? Welche Stärkung einer ihm relevanten Struktur erfreut ihn?

Wenn wir alle reden, aber niemand zuhört, sind wir in Wahrheit alle stumm. Wir sind brüllend laut stumm. Es braucht eine neue Kultur des Zuhörens, und es muss das Gegenteil dessen sein, was uns in Talkshows und im Parlament vorgehampelt wird, das komplette Gegenteil.

Ich habe auch eine Idee, wo wir anfangen könnten mit dem Zuhören: bei und gegenüber uns selbst! Ich kann nicht einem anderen Menschen zuhören, wenn ich mich nicht selbst reflektiert und mir nicht selbst zugehört habe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – wie willst du einen anderen lieben, wenn du dich selbst hasst? Höre deinem Nächsten zu wie dir selbst – wie willst du einem anderen zuhören, wenn du dich selbst ignorierst?

Was ist dir wichtig? Welche Schwächung einer dir relevanten Struktur bereitet dir Sorge? Welche Stärkung erfreut dich?

Wer die Welt verändern will, der sollte bei sich selbst beginnen – das ist eine alte, bewährte und richtige Weisheit. Und wer das Zuhören wieder einführen will, auch der kann bei sich selbst anfangen. Bei wem denn sonst?

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

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Leserpost (20)
beat schaller / 26.02.2018

Lieber Herr Wegner ” Talkshows verhalten sich zu Debatte wie Pornographie zu Liebe. ” Ich glaube, dass dieser Satz alleine die Sache auf den Punkt bringt. Im Übrigen sind Ihre Ausführungen sehr differenziert und basieren auf sehr tiefen Erkenntnissen. Eindrücklich mal auf solche Weise eine tolle Information zu bekommen. Ich gehe mit Ihren Ausführungen völlig einig und danke Ihnen für die tiefgründige “Verpackung” dieser Fakten. b.schaller

Martin Landvoigt / 26.02.2018

Ein guter und nachdenklicher Text, der Grundsätzliches adressiert ... und bei sich selbst anfängt. Aber es gibt dennoch ein Problem. Denken wir an das Sprichwort: ‘Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.’ Will sagen, selbst wenn eine Seite bereit ist, wirklich zuzuhören, wird das noch nicht zum Erfolg führen. Denn es könnte von der Gegenseite als Schwäche verstanden werden. Aber auch dieses Argument kann keine Rechtfertigung sein, nicht selbst mit dem Zuhören anzufangen. Aber der Buchtipp ‘Mit Rechten reden: Ein Leitfaden’ verheißt nichts Gutes. In den Rezensionen steht z.B. bei der FAZ: ‘In einem fast schon heiteren Ton signalisieren sie, wie wenig sie selbst mit der hilflosen Entrüstung zu tun haben wollen, mit der große Teile der Öffentlichkeit artig das Geschäft der Provokateure betreiben.’ Klartext: Das Urteil ist gesprochen, der Meinungsgegner hat nichts zu sagen und es geht nur darum, jene auszugrenzen. Die Gräben werden noch ein wenig tiefer ausgehoben. Auch wenn die Neue Züricher Zeitung den Aufruf zu einer echten Debattenkultur sieht, schreibt die Junge Welt:  ‘»mit Rechten reden« und zeigt sehr gut, dass die Rechten außer dunkel dräuenden Gefühlen nicht viel zu bieten haben, aber das immer erfolgreicher.’ Die Zielgruppe scheint damit klar umrissen: Es adressiert die Guten, die sich ihrer korrekten Position der Ausgrenzung versichern wollen. Herr Wegner: Gegen einen derartigen Mainstream anzuschreiben gleicht eine Don Quixoterie.

Nicholas van Rijn / 26.02.2018

Meiner Meinung nach: Der umfallende Baum, den niemand hört, erzeugt kein Geräusch, sondern nur eine (Schall-)Druckwelle, die sich in dem ihn umgebenden Medium ausbreitet.

Werner Arning / 26.02.2018

Haben nicht viele von uns Achselesern in den letzten 2-3 Jahren erlebt wie es ist, wenn man in einer Diskussion mit sachlichen Argumenten nicht weiterkommt. Wie es ist, wenn die anderen Gesprächsteilnehmer plötzlich emotional, laut werden, gar nicht mehr zuhören. Wenn sie sich nur noch mit Phrasen über die Zeit retten wollen, Dinge wiederholen, die man gestern noch in den Tagesthemen vorgesagt bekommen hatte. So läuft es wohl sehr oft ab, Irgendwann hört man dann auf, das Gespräch überhaupt noch zu suchen. Im Gegenteil, man vermeidet es. Wenn Diskussion gar nicht erwünscht ist, ist auch das Denken nicht erwünscht. So bleiben uns zum Glück Orte wie etwa die Achse, wo das Denken noch erlaubt bleibt.

Paul Thomas / 26.02.2018

„Versetz dich doch mal in meine Lage!“—Anstelle dieser Aufforderung stelle ich meinem Diskussionspartner stets diese Frage: Was ist denn deine Erwartung in einem Best-Case-Scenario die Entwicklung unserer Gesellschaft betreffend? Laufe nicht in meinen Schuhen, sondern in deinen (!) - und dann überprüfe ehrlich, ob sie geeignet oder nutzlos sind.

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