Tagesschau mit Teufelchen

Das Einschalten der 20:00-Uhr-Tagesschau, ein Ritual der alten Bundesrepublik und – vielleicht sogar noch ein wenig mehr – der späten DDR, erfordert schon seit einer ganzen Weile regelrecht physische Überwindung. Denn da kommt sofort das Teufelchen zu Gast. Uneingeladen natürlich. Es hat die Angewohnheit, sich auf die rechte Schulter zu setzen und nicht nur ab und an schmerzhaft-ohrenbetäubend zu flüstern. (Da es das Teufelchen ist, muss man diesen Widerspruch akzeptieren, müffeln tut es übrigens auch.) Es redet dann immer ganz abstruse Dinge, die man gar nicht hören will. Aber das Zischeln ist einfach zu penetrant und es ist unmöglich, sich zu entziehen.

So auch am letzten Mittwoch. Jan Hofers unverwechselbare Tagessschau-Chefsprecher-Stimme informiert, dass auch „Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus“ (Teufelchen schnieft) nach Aussetzung einer entsprechenden Regelung ihre engsten Familienangehörigen nun wieder nach Deutschland holen dürften. 1.000 Personen pro Monat, das sei in den Koalitionsverhandlungen der Großen Koalition beschlossen worden. Ein Vertreter des Innenministeriums, Stephan Mayer, mit deutlich bayerischem Zungenschlag, findet die Regelung „richtig und sachgerecht“. Der Gedanke der Humanität verbinde sich mit Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung. (Teufelchen: „Steuerung und Begrenzung, hoho!“) Die Tagesschau weiter: Die Kernfamilien darf man nachholen, also Ehepartner und minderjährige Kinder. Und (Teufelchen setzt sich aufrecht): Wer selbst unter 18 ist, darf Vater und Mutter und minderjährige Geschwister nachholen. (Teufelchen: „Sind da etwa einfach so Kinder losgezogen? Achtung, ‚Kinder‘ ist ein Stichwort!“ Ich bleibe ruhig.)

Die Linkspartei will noch mehr Menschen nachholen, nur ein AfD-Mann, Jürgen Braun, vertritt natürlich abstruse Standpunkte: Familienzusammenführung in der Heimat, Syrien brauche junge Männer für den Wiederaufbau. (Teufelchen nickt und grunzt beifällig, war ja auch nicht anders zu erwarten von dem. Ich sage noch immer nichts.)

34.000 Terminanfragen bei deutschen Auslandsvertretungen gebe es, das Interesse am Familiennachzug scheint groß zu sein (Teufelchen: „Das wären schon jetzt die Nachzüge bis Juni 2021!“ Rechnen kann er.). Und dann kündigt uns der Herr Hofer einen dazu beispielhaften (Teufelchen kneift mich: „Achtung!!!“) Fall aus dem Libanon an. Zunächst sieht man einen nicht ganz jungen Mann (Ich: „Von wegen Kinder!“), der auf sein Smartphone starrt. Sekunden des Glücks seien es, wenn er sehe, dass es seinem zehnjährigen Sohn (Teufelchen: „Ätsch!“) in Deutschland gut gehe. Nach drei Jahren Trennung wünsche er sich nichts mehr, als das Kind wieder in den Arm zu nehmen. Der Sohn lebt in Frankfurt/Main, der Vater in Beirut. (Teufelchen: „Hat er etwa vor drei Jahren seinen siebenjährigen Sohn weggeschickt? Mit wem? Allein?“ – Ich: „Wohl kaum. Klärt sich sicher gleich.“)

„Erlösende Botschaft“ in den ARD-Nachrichten

Aus Aleppo sei die Familie geflohen, vor den Bomben. Die Frau sei an Krebs gestorben. (Teufelchen: „Nach ‚Kind‘ das zweite Wort aus der ‚K-Klasse‘. Krebs, da hat man noch mehr Mitleid, ist ruhig und fragt nicht.“ – Ich: „Vielleicht ist sie ja wirklich an Krebs gestorben, da sollte man nicht… man würde sich in Grund und Boden schämen, falls das stimmen würde und man es bezweifelt hätte, also…“ – Teufelchen: „Siehste?!“) Mit dem ganzen Ersparten habe der Vater den Sohn dann über die Türkei nach Deutschland geschickt. (Teufelchen: „Waren sie nicht schon im Libanon sicher? Und abermals: Einen Siebenjährigen schickt der einfach so los? Allein? Extreme Frühreife? Was ist denn bitte das für ein Vater?“ – Ich: „Hm… vielleicht kann man in einem kurzen Tagesschau-Beitrag nicht auf alle Details eingehen.“) Für die Reise des Vaters habe das Geld nicht mehr gereicht. (Teufelchen: „Hä? Und da schickt – ich wiederhole mich nochmal – der Vater einen Siebenjährigen allein los? Und bleibt selbst da? Hat er ihn vielleicht dem Roten Kreuz/Halbmond für die Reise in Obhut gegeben? Aber die nehmen eigentlich keine überhöhten Tarife.“ – Ich: „Hm.“)

In Beirut schlage sich der Vater als Tagelöhner durch. „Ich lebe, weil ich nicht sterbe, es ist sehr traurig, so weit weg von meinem Sohn“, wird seine Aussage übersetzt. (Teufelchen: „Ein Philosoph mit dem Hang, ein Kind ohne wirkliche Not auf eine nicht so ganz ungefährliche Reise zu schicken. Man muss nicht alles verstehen.“ – Ich: „Hm.“)

Schon vor Wochen habe der Vater den Familiennachzug beantragt. Andere haben das auch getan, Klagen über Bürokratie und lange Wartezeiten gibt es. Ein jüngerer Mann, offenbar auch ein Familiennachzugsinteressierter, kommt im Tagesschau-Bericht zu Wort, übersetzt wird: Der Prozess sei ganz schön zäh, sie sollten es einfacher machen. (Teufelchen: „Stimmt. Das kann man schon erwarten, oder?“ Dann pupst es mittelschwer.)

Die „erlösende Botschaft“ (Teufelchen: „Das sind die Worte des Tagesschau-Berichts!“): Der Vater darf nach Deutschland. Zum Schluss kann man einen Blick auf seinen Smartphone-Schirm werfen: Ein herziges Kind spricht, mit knuffigem Akzent, die Worte: „Tschüss – Auf Wiedersehen – Bis nachher!“ und winkt lächelnd. (Teufelchen: „Haben sie Dich jetzt? Wer kann bei einem solchen Anblick noch gegen…“)

Nach diesem „beispielhaften Fall“ – klassische syrische Ein-Kind-Familie mit alleinerziehendem Vater – wird Jan Hofer wieder sichtbar und irgendwas mit „Ankerzentren“. Bis hierher habe ich durchgehalten, aber das Teufelchen wird einfach zu lästig. Klick, aus, abschalten. Teufelchen ist auch weg. Fenster auf, trotz Sommerhitze. Der Mief muss raus.

Foto: Fabian Nicolay

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Dirk Felden / 05.08.2018

Die gleiche Geschichte (identische Protagonisten) lief zwei Stunden vorher im Deutschlandfunk. Dass verschiedene Medien über ein tagesaktuelle Ereignis ähnlich berichten, liegt in der Natur der Sache. Dass verschiedene Medien das idente emotionale Rührstück bringen, sagt uns was über unsere Medienlandschaft?

Wilfried Cremer / 04.08.2018

Seit Jahrzehnten hab ich keine Glotze. Die Wichtigtuer machen in Sekunden schlechte Laune. Wer will das denn?

Christa Blessing / 04.08.2018

Die Faznet brachte vor zwei Tagen ebenfalls so einen die Herzen anrührenden Beitrag: Eine wirklich bildhübsche junge Mama aus Syrien mit zwei niedlichen kleinen Kindern. Papa lebt seit 2015 schon in Deutschland und telefoniert jeden Tag zweimal mit seinen Kleinen, die Mama lebt mit diesen noch in Jordanien, wo der Papa sie zurückliess. Aber da haben die Kleinen, die sie schon an der Uni sieht, ja keine Zukunft. Die Universitäten seien sehr teuer. Deswegen also zu Papa nach Deutschland. Natürlich nimmt man für dergleichen Filmchen eine hübsche junge Frau und niedliche Vorschulkinder, das rührt die Herzen doch am meisten. Was der Papa in DE macht, bleibt unklar. Warum geht er nicht zurück zu seiner Familie nach Jordanien? Wieso muss die Familienzusammenführung denn ausgerechnet in Deutschland passieren? Weil die Familie sich das Land ausgesucht hat. Sie will ihre Kinder (Alter etwa 3 und 5 Jahre) dort grossziehen wegen der günstigen Unis. Ob das ausgesuchte Land dies auch befürwortet, ist nicht die Frage. Öffnet die Türen weit, kann man da nur sagen. So dass alle, die mögen, kommen. Könnte man ja machen unter der Voraussetzung, dass alle Ankommenden erst einmal legal und bewilligt unter nachprüfbarer Identität einreisen, 100% für sich selbst sorgen, keine Sozialunterstützung bekommen und Steuern zahlen, wie jeder Einheimische. Dass ihre Kinder, bevor sie von Uni träumen, den Unterricht besuchen wie Einheimische auch, ohne Kopftuch schon im Kindergartenalter und mit Schwimmunterricht, Schulreise usw, ohne Gemotze. Dass sie die Sprache lernen, sich nicht in Parallelgesellschaften verkriechen und im Land integrieren. Dass sie unsere Gesetze und Regeln vollumfänglich akzeptieren und nicht die Religion darüber stellen. Es heisst immer nur “wir wollen, wir fordern, wir verweigern”. Es sollte aber heissen: “Wie kann ich mich schnellstens integrieren und ein nützliches Mitglied dieser Gesellschaft werden, die ich nicht ständig mit Sonderwünschen und Extrawürsten belästige.”

Gerd Schmidt / 04.08.2018

In der heutigen Tagesschau war ein ähnlich anrührender Bericht über das Elend fehlender Sozialwohnungen. darin ein sekundenkurzer Blick auf einen von Steuergeld finanzierten soz. Wohnbau: Satellitenschüsseln hängen an jedem Balkon und dickste Benze parken in Doppelreihe vor dem Gebäude. Alles klar, meint nicht nur mein Teufelchen…

Sabine Schönfelder / 04.08.2018

Vielleicht sollten wir auch eine teuflische Familienzusammenführung planen, denn ich habe das Zwillingsteufelchen bei mir auf der linken Schulzer sitzen und das rät mir,  aus gesundheitlichen Gründen, den Fernsehapparat gar nicht erst anzumachen. Wenn ich allerdings im Radio Deutschlandfunk höre, wird es manchmal ziemlich ausfällig! ....ist eben ein Teufelchen.

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