Gastautor / 26.03.2012 / 08:25 / 0 / Seite ausdrucken

Täter ohne Väter

Gunnar Heinsohn

Mohammed Merah ist Sohn einer Alleinerziehenden, die noch weitere drei Söhne sowie eine Tochter vorweisen kann. Nirgendwo auf der Welt sorgt man sich um Frauen in ihrer Lage so rührend wie in Frankreich, Deutschland oder England. Europas nobelstes sozialpolitisches Angebot richtet sich nämlich an Bürgerinnen, die in der Schule scheitern, psychisch in Bedrängnis stecken, auf den Arbeitsmärkten nicht mitkonkurrieren können und deshalb kein Geld verdienen. Wenn ihr euch zur Mutterschaft entschließt, so tröstet man sie aus London, Berlin oder Paris, wird euch euch jedes Wunschkind bezahlt. Ihr sollt nicht schlechter gestellt sein als Frauen, die ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Den einzigen Familientypus mit kräftigen Zuwächsen stellen deshalb die Alleinerziehenden. Die sich selbst versorgenden Frauen hingegen können ihren Status nur erhalten, wenn sie in der Konkurrenz immer wieder siegreich abschneiden. Bei Auszeiten für Kinder fürchten sie, den Anschluss an noch fleißiger Lernende zu verlieren. Die Hilflosen hingegen werden auch durch mehrfache Mutterschaften nicht schlechter gestellt, weil gerade wachsende Chancenlosigkeit die Stetigkeit staatlicher Transfereinkommen verbürgt. In Deutschland legt ihr Lebensmodell deshalb allein zwischen 1996 und 2009 von 1,3 auf 1,6 Millionen Haushalte zu, während die Vollfamilien mit Kindern unter 18 Jahren von 8,1, auf 6,6 Millionen abrutschen.

Keineswegs alle Kinder dieser Mütter enden ebenfalls als Schulversager, viele aber schon. Und dabei geraten Knaben in eine besonders schwierige Lage. Ihre Schwestern können sich nach der Pubertät ebenfalls zur Fortpflanzung entscheiden und so nicht nur Lebenssinn finden, sondern auch ein bescheidenes, aber regelmäßiges Einkommen beziehen. Ihre Brüder dagegen können nicht durch multiples Zeugen diese beamtenähnliche Stellung erreichen. Da verständlicherweise auch sie alles haben wollen, das dafür nötige Geld aber nicht verdienen, werden sie zu zornigen jungen Männern. Bei passender Gelegenheit holen sie sich das Unerreichbare mit Gewalt. Auch Mohammed Merah beginnt erst einmal als Krimineller und Schläger.

Doch die alte Weisheit, wie gut der Krieg noch jeden Mann durch Sieg oder Heldentod versorgen kann, wird ebenfalls zur Option. Jeder Mensch steht täglich vor der Aufgabe, Sieger zu bleiben und nicht verrückt zu werden. Im Gefängnis zu landen wie Mohammed Merah leistet dafür nichts. Doch wer über Selbstrekrutierung Soldat wird im Weltkrieg gegen Juden und Amerikaner sowie alle, die sich von ihnen nicht abwenden, wird zum Helden für ein neues Kalifat. Das zumindest verkündet sein älterer Bruder. Ihn hat die Mutter zwar nicht gleich nach dem Propheten, aber doch immerhin nach Abdelkader (1808-1863) benannt. Der besiegt französische Armeen unter General Trézel und General d’Arlanges schon 1835 bzw. 1836.

Allein durch seine Morde schafft es ein Exhäftling aus Toulouse in die Ehrengarde der Toten der arabischen Aufstände. Die Parallele zu den Kämpfern in Nordafrika findet ihre Grenze allerdings darin, dass in vielen muslimischen Ländern nicht nur die Unterschicht, sondern alle Gruppen Söhne hatten oder noch haben, für die es akzeptable Positionen in ausreichender Zahl nicht gibt. Europa dagegen leistet sich chancenlosen Nachwuchs ganz überwiegend bei den Entmutigten. Da diese jungen Männer staatlichen Garantien geschuldet sind, werden sie auch dann noch ihren Zorn in die Welt tragen, wenn in den Aufstandsnationen die Geburtenraten längst gefallen sind. So haben etwa Algerierinnen oder Tunesierinnen in ihren nach-terroristischen Heimatländern viel weniger Kinder als in Frankreich, wo der Staat die Mutterschaft finanziert.

Gleichwohl ist es nicht allein die Chancenlosigkeit, die immer mehr junge Europäer aus den Hilfesektoren in kriminelle oder politische Gewalt treibt. Auch die schlichte Vaterlosigkeit spielt ihre Rolle. Schon die karibischen Jungen, die im August 2011 in London plündern, kommen aus einer Minderheit, in der zwei Drittel der Frauen alleinerziehend von Hilfe leben. Karibische Jungen aus Vollfamilien begehen in England damals nur halb so viele Straftaten wie ihre vaterlosen Landsleute. Warum ist das so? Ihnen fehlen männliche Vorbilder, die auf die natürliche Aggression der Jungen immer wieder gutmütig verzeihend reagieren, statt mit gleicher Härte zurückzuschlagen. Obwohl sie die provokativen Jungen „am ausgestreckten Arm verhungern“ lassen könnten, tun sie das nicht. Diese Gnadenerfahrung rührt die Kleinen wie jeden normalen Menschen, der einem anderen geschadet hat, dann auf Vergeltung rechnet und plötzlich statt des erwarteten Schlages eine freundliche Hand hingestreckt bekommt. Es ist diese Rührung über den Machtverzicht der Väter, die ihre Söhne danach streben lässt, ihre unvermeidliche Kinderwut als beschützende Stärke zu verausgaben, also ein „weißer Ritter“ zu werden und nicht der Grausamkeit einer „dunklen Macht“ zu verfallen.

Auch Alleinstehende wollen „weiße Ritter“ aufziehen. Wie schwer das jedoch ist, wird in den USA schon 1993 dokumentiert: „Vaterlos aufwachsende Kinder zeigen eine dramatisch höhere Anfälligkeit für Drogen- und Alkoholmissbrauch, psychische Erkrankungen, Selbstmord, geringen Schulerfolg, Teenager-Schwangerschaften und Kriminalität“  (US Department of Health).  Amerika ersetzt daraufhin die lebenslängliche Bezahlung der Hilflosen und ihres Nachwuchses durch eine maximal fünfjährige Versorgung durch die Steuerzahler. Europa aber ist anders und will den Abgeschlagenen der Erde lebenslangen Schutz bieten. Der Respekt für die Alte Welt wird noch wachsen, wenn sie zum Stolz über das sozialpolitische Alleinstellungsmerkmal den gelassenen Mut entwickelt, den es bei zunehmenden Verlusten einfach braucht.

Man würde Israel ähnlicher. Das kleine Land wird von den überzähligen Söhnen der Nachbarschaft beschossen. Viele Palästinenser haben ihre lebenslange Versorgung ja ebenfalls hiesigen Steuerzahlern zu danken.  Europas Metropolen könnten sogar noch tapferer aussehen, weil sie potentiellen Angreifern die eigenen Vorstädte oder sogar innere Bezirke zur Verfügung stellen und die nicht einmal mit Zäunen oder gar Iron Domes in Schach zu halten versuchen.  85 Franzosen islamischen Glaubens - so Pakistans Geheimdienst am 24. März 2012 – trainieren momentan in Waziristan für den Einsatz in Paris. Ihre deutschen Glaubensgenossen wollen dem keinesfalls nachstehen. Doch im Oktober 2010 fallen die Kühnsten unter ihnen noch im fernen Pakistan gegen amerikanische Drohnen. Neue Anwerbungen für die fernen Trainingszentren brauchen einfach Zeit. Aber warum nicht eines Tages dann doch Schüsse aus Neukölln direkt ins Kanzleramt? An der Bereitstellung von immer mehr chancenlosen jungen Männern jedenfalls wird die Regierung das nicht scheitern lassen.

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