Es hat einige Jahre gedauert, bis ich es mir eingestanden habe. Vor ein paar Tagen war es dann soweit. Da war mir plötzlich klar: ich bin süchtig. Allerdings nicht nach den gewöhnlichen Suchtmitteln, von starkem Kaffee vielleicht einmal abgesehen. Und eine Zigarette habe ich bis heute nicht geraucht.
Nein, meine Sucht ist viel schlimmer als die handelsüblichen Betäubungsmittel. Unbeteiligten Außenseitern mag es gar wie eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung erscheinen, aber ich habe ein geradezu unstillbares Verlangen. Nach deutscher Politik.
Seit über sechs Jahren lebe ich nun im Ausland, zunächst in London und nun in Sydney. Eigentlich sollte das nun wirklich lange genug sein, um sich gründlich von deutscher Politik zu entwöhnen. Es gäbe da ja auch eigentlich nicht viel zu vermissen.
Und trotzdem beginnt mein Tag nach wie vor mit der Lektüre deutscher Tageszeitungen – ortsbedingt natürlich am Bildschirm und nicht in gedruckter Form. Während der Mittagspause sehe ich wahlweise das heute journal oder die Tagesthemen vom Vortag. Und bevor ich ins Bett gehe – in Deutschland ist es da gerade einmal früher Nachmittag – sehe ich vorsichtshalber noch einmal bei SPIEGEL online vorbei, ob noch etwas Wichtiges passiert ist.
Dabei passiert in Deutschland so gut wie nie etwas wirklich Wichtiges. Genau genommen passiert dort sogar höchst selten irgendetwas, über das sich zu berichten lohnt. Wenn man die Sache rational betrachtete, dann würde eine monatliche oder gar jährliche Beschäftigung mit Deutschland vollkommen ausreichen.
Das ginge dann in etwa so: „Aha, Merkel immer noch Kanzlerin. Ladenschlussgesetz nach wie vor nicht aufgehoben. Schuldenberg wieder etwas gewachsen. Bayern mal wieder Meister. Bis nächstes Jahr dann.“
Ich kenne Auslandsdeutsche, die das genau so handhaben und damit eigenem Bekunden zufolge gute Erfahrungen gemacht haben. Wenn man sich mit ihnen unterhält, gewinnt man den Eindruck, sie wären gut auf dem Laufenden über die Zustände in der alten Heimat. Tatsächlich aber hat sich dort nichts getan, seit sie zuletzt den SPIEGEL in der Hand hielten.
Beneidenswert, diese Zeitgenossen. Und sie haben ja durchaus Recht: Man verpasst nicht viel, wenn man irgendwann einmal aufhört, den feinen Verästelungen deutscher Politik im Detail zu folgen. Und wenn wider Erwarten doch einmal etwas Wichtiges passiert, dann wird davon im Zweifelsfall auch in den SBS World News berichtet.
Und doch komme ich von der deutschen Politik nicht los. Gelegentlich ertappe ich mich sogar dabei, wie ich deutsche Polit-Talkshows per Internet-TV sehe. Dass ich diverse deutsche Radioprogramme als Podcast auf meinem MP3-Player abonniert habe, versteht sich von selbst. Und dass ich mir von Amazon.de zwei-, dreimal im Jahr einen dicken Karton mit deutschen Sachbüchern schicken lasse, brauche ich wohl kaum noch zu erwähnen.
Bei alledem stelle ich mir immer wieder die Frage, warum ich mir das eigentlich noch antue. Vielleicht um in mir die Illusion aufrechtzuerhalten, dass ich irgendwann doch wieder zurück nach Deutschland ziehe? Aber das wird mit jedem Tag, den ich in Sydney lebe, doch unwahrscheinlicher. Schließlich lebe ich gerne hier und möchte das gute australische Leben nicht mehr missen.
Vielleicht ist es dann ja doch das tiefe, deutsche Interesse an der fernen, alten Heimat? Mag sein, aber dagegen spricht dann doch, dass die emotionale Bindung zumindest soweit abgenommen hat, dass ich nicht einmal mehr weiß, ob ich in der WM-Vorrunde den Deutschen oder den Australiern die Daumen drücke, wenn sie gegeneinander antreten. Eigentlich wünsche ich mir ein Unentschieden, auf dass beide Mannschaften die nächste Runde erreichen und sich im Finale wiedersehen. Bis dahin könnte ich mir dann immer noch überlegen, wen ich wirklich unterstütze.
Bleibt also nur eine mögliche Erklärung für meine Sucht. Deutsche Politik ist nämlich auf eine perverse Art und Weise doch recht unterhaltsam. Nicht, dass es dort besonders originell zuginge. Es ist eher die Art von Unterhaltung, die man aus Daily Soaps kennt. Man hält diesen belanglosen Endlosserien über Jahre hinweg die Treue, auch wenn man eigentlich ganz genau weiß, dass die Dialoge mies, die Handlungsstränge schlecht konstruiert und die Schauspieler amateurhaft sind. Eben alles, wie in der deutschen Politik.
Seitdem ich mir nicht nur eingestanden habe, dass ich politiksüchtig bin, sondern auch, dass es sich bei der Politik eigentlich um eine Seifenoper handelt, ist mein Leben um einiges erträglicher geworden. Ich rege mich jedenfalls nicht mehr über den Unsinn auf, der in der deutschen Politik veranstaltet wird.
Es tut mir zwar leid, dass das Land nicht besser regiert wird, aber es ist doch im höchsten Maße unterhaltend. Wie da gerade CDU, CSU und FDP mit allerlei Schimpfwörtern (‚Gurkentruppe‘, ‚Wildsau‘, ‚Rumpelstilzchen‘) übereinander herfallen, das hat schon was. Dagegen geht es in jedem Krimi im Unterschichtenmilieu geradezu gesittet zu. Und die Intrigen, die um die Neubesetzung des Bundespräsidentenamtes gesponnen werden, stellen sämtliche Vorabendserien in den Schatten.
Deutsche Politik, das ist Unterhaltung auf Weltniveau. Dagegen kommt Australien nicht an, auch wenn es in der hiesigen Politik an Dummheit mit Sicherheit nicht mangelt. Aber selbst eine chronisch inkompetente Regierung wie jene des Bundesstaates von New South Wales schafft es immer noch, einen Haushaltsüberschuss zu generieren. Und so sehr sich auch die australische Bundesregierung bemüht, die Wirtschaft aus dem Tritt zu bringen, so ist die Arbeitslosenquote doch schon wieder auf 5,2 Prozent gefallen. Mit diesen australischen Politikern ist einfach kein großes Theater zu machen, dem man täglich gerne folgen würde. Es lohnt sich einfach nicht, denn es geht noch viel zu wenig schief.
Da bleibt einem Auslandsdeutschen in Sydney mit einem Faible für großes Polit-Theater wirklich nur die deutsche Politik als Ersatzdroge. Hauen und Stechen, Skandale und Skandälchen, Auftritte und Rücktritte – das macht in Berlin einfach viel mehr her als in Canberra.
Und solange das so bleibt, wird meine morgendliche Lektüre nach wie vor mit der Welt, der FAZ und dem SPIEGEL beginnen. Und dann kann ja immer noch im Sydney Morning Herald nachlesen, wie hier das Wetter wird.