Gabor Steingart, Gastautor / 10.10.2017 / 12:30 / Foto: Tru KIM / 7 / Seite ausdrucken

Sturmwarnung aus Washington, Berlin in Narkose

Von Gabor Steingart.

Amerika erlebt einen politischen Hurrikan, dessen Zentrum sich zwischen State Department, Weißem Haus und Capitol Hill in ständiger Bewegung befindet und dessen Thermodynamik wir in Europa bald zu spüren bekommen. Es geht um Fragen zu Krieg und Frieden, auch wenn sie sich derzeit hinter einer Nebelwand von persönlichen Anschuldigungen zu verbergen scheinen.

Kaum hat Außenminister Rex Tillerson seinen Präsidenten in vertrauter Runde einen „Deppen” genannt, meldet sich via Twitter der dem Außenminister eng verbundene Senator Bob Corker zu Wort, seines Zeichens oberster Republikaner im Auswärtigen Ausschuss des Senats. Es sei eine Schande, dass sich das Weiße Haus zu einem „adult day care center“, einer Seniorentagesstätte, entwickelt habe.

Im Interview mit der „New York Times“ begründet der Mann seine harschen Worte so: „Ich weiß aus gesicherter Quelle, dass die Mitarbeiter im Weißen Haus an jedem einzelnen Tag alles geben, ihn einzudämmen.“ Ihn – den Präsidenten. Eindämmen – damit waren einst die Russen gemeint. Mit seinen unbeherrschten verbalen Angriffen auf andere Länder riskiere Trump, dass sich die Nation „auf den Weg in Richtung eines Dritten Weltkriegs begebe“.

Tillerson gegen Trump

Zum Hintergrund: Seit Wochen versucht Tillerson hinter den Kulissen, eine diplomatische Offensive gegen Nordkorea zu starten, um den amerikanischen Erstschlag zu verhindern. Er kennt die euphorische Gereiztheit seines Chefs, der zum Gegenspieler geworden ist. In unzähligen Einzelgesprächen fordert, fast muss man sagen fleht, Tillerson die Staaten – auch die Bundesregierung – an, jegliche Geschäftsbeziehungen zu Nordkorea zu unterbrechen und die nordkoreanischen Botschafter nach Hause zu schicken. Trump aber sabotiert seinen eigenen Minister: „Spar dir deine Energie Rex, wir werden tun, was getan werden muss“, twitterte er vor einer Woche. Am Samstag legte er nach: „Sorry, but only one thing will work.“ Bei einem Treffen mit Militärs sprach er von der „Ruhe vor dem Sturm“. Auf Reporternachfragen verweigerte das Weiße Haus jede Erläuterung.

Hinzu kommt: Stephen Bannon, der rechte Trommler von Donald Trump, hat zwar das Weiße Haus verlassen, aber nicht das politische Theater. Er arbeitet jetzt hinter den Kulissen. „Darkness is good“, sagt er. Zusammen mit Geldgebern wie Hedge-Fonds-Milliardär Robert Mercer sucht er politische Außenseiter vom militärischen rechten Rand, die bereit sind, gegen das republikanische Establishment für den Senat zu kandidieren.

Derart ermuntert erwägt, der Gründer der privaten Söldnerarmee Blackwater, Erik Prince, dessen Truppen im Irak und anderswo in Menschenrechtsverletzungen verwickelt waren, eine Kampfkandidatur. Wer sehen will, der sieht: Trump stolpert zwar durch unsere Zeitungen, aber die Trump-Revolution innerhalb der großen konservativen Regierungspartei der USA stolpert nicht. Sie marschiert.

Und Deutschland? Wirkt angesichts des heraufziehenden Sturms wie narkotisiert mit jenem Betäubungsmittel, das sich Parteipolitik nennt. Es geht im Berlin der Koalitionsspiele nicht um Krieg oder Frieden, sondern um eine Obergrenze ohne Grenze, um Richtwerte, die nichts richten und daher auch keine Wertigkeit besitzen. Die deutsche Debatte spiegelt nicht die Wirklichkeit, sondern die parteipolitischen Interessen wider. Eine Obergrenze für Weltabgewandtheit scheint es nicht zu geben.

Polemik statt Politik

Der amerikanische Sturmvogel, der vom heraufziehenden Unheil kündet, bleibt so unbemerkt. In Sachen Trump gibt es jede Menge Polemik, aber keine ernst zu nehmende Politik. Aus Gründen der Bequemlichkeit hat man sich entschlossen, ihn zu unterschätzen. Wir haben Sorgen. Aber er hat einen Plan. Wir wollen Ruhe, er den Sieg. Im Geschichtsbuch möchte er als der Mann auftauchen, der Amerikas Abstieg verhindert hat. Dafür braucht er die Hände der Footballspieler am Herzen und die der gewöhnlichen Amerikaner am Gewehr. All die Sorgen um die Brutalisierung der Gesellschaft bekümmern ihn nicht, sondern putschen ihn auf.

Sebastian Haffner beschreibt in seiner „Geschichte eines Deutschen“ die Atmosphäre der Vorkriegsjahre, die in ihrer vorsätzlichen Ahnungslosigkeit an die Gegenwart erinnert: „Alle waren rettungslos eingespannt in ihren Beruf und ihren Tagesplan, abhängig von tausend Unübersehbarkeiten, Glieder eines unkontrollierbaren Mechanismus, auf Schienen laufend gleichsam und hilflos. [...] Wir bewegten uns mit einer Sorglosigkeit, mit der die Menschen in einem modernen, käfiglosen Zoo zwischen den Raubtieren herumgehen, im Vertrauen darauf, dass die Gräben und Hecken alle richtig berechnet sind. [...] Nur in der täglichen Routine ist Sicherheit und Weiterbestehen – gleich daneben fängt der Dschungel an.“

Dieser Beitrag erschien zuerst als Handelsblatt Morning-Briefing.

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Leserpost (7)
Christian Erkelenz / 10.10.2017

Die anfängliche Hoffung, dass DT nur so dumpf-chaotisch tut, sich aber bald im Amt fängt, hat sich erledigt. Nur wissen wir nicht, ob die Alternative HC besser gewesen wäre. Oder ob wir nicht längst Krieg hätten - nur woanders.

Rüdiger Barasch / 10.10.2017

Nicht immer…aber siehe hier , trifft der Handelsblattboss wieder den Nagel uff’n Kopp! Merci Bei aller sonstiger Abhängigkeit dennoch couragiert und eigenwillig! Und das großartige Werk von Sebastian Haffner hat er noch in Erinnerung! Hut ab! Rüdiger Barasch

Christian Renner / 10.10.2017

Inwiefern ist irgendetwas von dem, das was hier als große Gefahr für Weltfrieden und Demokratie in Amerika stilisiert wird, auch nur ansatzweise eine solche? Rex Tillerson war eine Fehlbesetzung von Anfang an. Sein Fokus liegt, entgegen der Wünsche der Trump-Basis, auf der Aufrechterhaltung des außenpolitischen Status Quo, welcher seit jeher bedeutet: Kuschelkurs mit den expansiv islamistischen Golfdiktaturen, Appeasement gegenüber dem Iran und Nordkorea und Konfrontationskurs gegenüber Russland.  Gleichzeitig legt er großen Wert darauf, dass im State Department genug “Diversity” herrscht. Der Mann hätte auch für Obama Außenminister sein können. Er ist offensichtlich überfordert. Trump sollte ihn entlassen und John Bolton ernennen. Bob Corker ist das, was Konservative in den USA einen “French-Republican” oder einen “Quisling-Republican” nennen. In Wahljahren, macht er einen auf Hardliner und sobald keiner mehr guckt, stimmt er im Senat für sämtliche Anliegen der Linken und gegen sämtliche der Konservativen, wofür er dann bei CNN als “Moderater” gefeiert wird. Er ist wie Angela Merkel und Trump macht ihn zurecht auf Twitter zur Schnecke. Kleiner Fun-Fact: Corker war einer der beiden Väter von Obamas Iran-Deal! Die Generäle Kelly, Mattis und Mc Master sind keinesfalls, wie der Artikel suggeriert, die Stimme der Vernunft, die sich für das Wohl der Menschheit aufopfern, um den wahnsinnigen Trump und seinen rechtsextremen Einflüsterer Bannon zu bändigen. Auch sie sind Fehlbesetzungen und Relikte der gescheiterten Clinton-Bush-Obama Außenpolitik, ohne Visionen, strategischen Weitblick und Bewusstsein, für eine veränderte weltpolitische Lage und deren Prioritäten. Hier gäbe es vielfach bessere Köpfe in den USA. Und ich sehe auch nicht, wie Herr Steingart offenbar, wie ein konventioneller Erstschlag gegen Nordkorea irgendetwas anderes sein sollte als überfällig. Wie lange soll Trump seiner Meinung nach denn noch warten und das Krokodil füttern? Verhandlungen und Wandel durch Annäherung hat der Kim Dynastie nicht bloß die Atombombe, sondern jetzt auch die Wasserstoffbombe verschafft. Ein Krieg in Korea wäre schlimm, aber ist die Alternative, ein Nordkorea mit Wasserstoffbomben und Interkontinentalraketen wirklich besser? Ist nicht eher Trump hier der Vernünftige? Und Bannon sorgt mit seiner Kampagne gerade dafür, dass die Republikanische Partei wieder das wird, was sie war und eigentlich sein müsste: Rechts. Die Primarys 2015-16 haben gezeigt, dass die Parteibasis genug hat von Weichspülern, Buschisten, Einwanderungslobbyisten und Linken mit dem falschen Parteibuch wie Jeff Flake, Lindsey Graham oder John Maccain, die sich bei ihren Think-Tanks und in der New York Times als liberale Bastionen der Vernunft feiern lassen, wenn sie permanent ihre Wählerschaft betrügen. Erik Prince mag zwar nicht clean sein, aber sauberer als Lindsay Graham ist er allemal. Und was hat Herr Steingart eigentlich dagegen, dass Trump sich gegen Millionen verdienende Sportler ausspricht, die, aus möchtegern-intellektueller ideologischer Eitelkeit, bei der Nationalhymne knien, um zu zeigen, wie rassistisch Amerika doch ist? Inwiefern ist das “Brutalisierung”?

Hartmut Laun / 10.10.2017

Zitat: “„Alle waren rettungslos eingespannt in ihren Beruf und ihren Tagesplan, abhängig von tausend Unübersehbarkeiten, Glieder eines unkontrollierbaren Mechanismus, auf Schienen laufend gleichsam und hilflos. ” Alle, Sie, ich, wir? Sie, der das Unheil kommen sieht, der aber genauso wenig Möglichkeiten der Einflussnahme hat wie wir, wie ich, was ist ihr Plan sich dagegen zu wehren, wenn der Präsident der größten Militärmacht auf dem Globus gewillt ist gegen andere Länder Krieg zu führen? Die zum einen Kriege sind, ohne von denen angegriffen zu sein und zum zweiten andere Großmächte und Anrainerländer schwer in Mitleidenschaft ziehen können. Wenn die USA das so wollen, was sollen dann Deutschland, Italien, Frankreich, um nur die europäische Mittelmächte zu nennen, was sollen die dagegen unternehmen? Was unternimmt der gewöhnliche US - Bürger um den gewählten Präsidenten zu hindern? Zitat: “„Alle waren rettungslos eingespannt in ihren Beruf und ihren Tagesplan, abhängig von tausend Unübersehbarkeiten, Glieder eines unkontrollierbaren Mechanismus, .....” Dieses einfach so weiter machen, für den gemeinen Bürger, ist das nur ein Merkmal der deutschen Menschen?

Dr. Michael Kubina / 10.10.2017

ohne zu wissen, was da genau in Washington abläuft, so bitte ich doch in Erwägung zu ziehen, dass, wenn man eine glaubwürdige (!) Drohkulisse aufbauen wollte, man dies genau so, wie die Situation jetzt hier geschildert wurde, tun müsste. Ein “Irrer” am roten Knopf, und seine Umgebung emsig bemüht, das Schlimmste (Erstschlag) zu verhindern. Wenn eine Situation denkbar ist, in der Nordkoreas Führung die Drohung ernst nimmt, dann müsste sie so aussehen. Alles andere wird natürlich als leere Drohung angesehen, d.h. in Washington muss Panik in der Führung sein, wenn Trumps Drohung in Nordkorea Wirkung zeigen soll.  Und natürlich dürften in einen solchen Plan nur ganz wenige eingeweiht sein. In meinem Verständnis würde solch eine Drohung auch gar nicht auf Kim zielen, sondern auf die zweite oder dritte Garde, die, um ihr Leben zu retten, vielleicht einen Putsch wagt. Wie sollte sonst die Lage in Korea verändert werden? Ein Putsch ist m.E. die einzige Möglichkeit, und dafür muss die Bedrohung von aussen für das Leben der Elite größer bzw. akuter sein als die durch Kim. Es kann natürlich auch ganz banal so sein, wie von Herrn Steingart geschildert, aber man sollte schon etwas komplexer an solche Themen herangehen und wenigsten verschiedene Interpretationsmöglichkeiten durchspielen, dann geht das Trump-Bashing aber natürlich nicht so schön leicht von der Hand .....

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