Burkhard Müller-Ullrich / 16.11.2015 / 00:58 / 8 / Seite ausdrucken

Straft ihn! Er hat instrumentalisiert, der Schuft!

Es gibt ein ganz, ganz böses Wort in unserem politischen Diskurstheater, und zwar „Instrumentalisierung“. Unter Instrumentalisierung versteht man die unzulässige Heranziehung von Tatsachen, um daraus irgendwelche Folgerungen oder Forderungen abzuleiten. Aber was heißt hier „unzulässig“? Eigentlich tut man das ja dauernd: Schlüsse ziehen aus Geschehnissen. Täte man es nicht, wäre jede Meinung unbegründet. Auch das kann einem vorgeworfen werden. Aber über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit des Schlüsseziehens entscheidet neuerdings eine Art Wettkampf. Gewinner ist, wer als erster „Instrumentalisierung“ ruft.

Nehmen wir die Attentate von Paris. Mindestens zwei Terroristen, soviel steht inzwischen fest, sind – wie vom IS versprochen – über die „Flüchtlingsrouten“ ungehindert nach Europa gereist. Wer jetzt etwas gegen Flüchtlingsrouten sagt, instrumentalisiert die schrecklichen Geschehnisse, das Blutbad und die Todesopfer vom vergangenen Wochenende. „Das ist geschmacklos und ein fatales Signal“, bellt die Gegen-Instrumentalisierungs-Publizistik der nervlich etwas angegriffenen Welcome-Szene.

Das wird sicherlich Schule machen. Kracht einer einem anderen ins Auto, weil er die Vorfahrt übersehen hat, kann er sich über „Instrumentalisierung“ beschweren, wenn der Geschädigte Schadenersatz fordert. Bloß wenn unsere Kanzlerin wegen eines Erdbebens in Japan die deutsche Energieversorgung auf Sonne, Wind und Smileys umstellt, dann ist das keine Instrumentalisierung, sondern, vermutlich, Erleuchtung.

Wir lernen also: Instrumentalisierung = pfui Teufel! Aber auch eine ganze Reihe gängiger Vokabeln sind sowas von pfui Teufel, daß sich die Welcome-Publizistik gar nicht mehr einbekommt. Da sprach doch kürzlich Wolfgang Schäuble wahrhaftig von einer „Flüchtlingslawine“. Da war aber in Deutschland was los! ‚Ungeheuerlich, er hat Lawine gesagt‘, raunte ein ‚Spiegel‘-Redakteur dem anderen zu, und der letzte drosch es in die Tasten: „Das ist die Sprache der Aufwiegler und Fremdenfeinde. Das ist schlicht: eine Entgleisung.“

Dieser zur Begriffs-Comedy verkommene Journalismus könnte (und wird eines Tages) jedes beliebige Wort skandalisieren: Oh, er hat ‚Flut‘ gesagt – Schweinerei! Er sprach von ‚Problem‘ – der Verbrecher! Er schämte sich nicht, von ‚Zustrom‘ zu reden. Wann endlich wird der ‚Spiegel‘ seine Selektorenliste mit den Ausdrücken, die er zu verpönen gedenkt, der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen?

Was dagegen immer gut kommt, sind Aufrufe à la „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen!“ Man liest und hört sie nach den Pariser Massakern jetzt überall: aus den Mündern von Politikern, deren Personenschutz gerade hochgestuft wurde, und aus den Schreibcomputern von Kommentatoren, in deren Verlagshäusern und Rundfunkanstalten die Eingangskontrollen gerade enorm verstärkt wurden. Sie alle appellieren an die Bevölkerung, sich bloß nicht beirren oder gar beängstigen zu lassen und „wie die Engländer“ weiterzumachen wie bisher. Das ist ja als Haltung nicht ganz falsch, aber bei denen, die diese Empfehlungen geben, ist es nichts als Gratis-Geschwätz.

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Wolfgang Rubinger / 16.11.2015

Plüschtier Fraktion Moralsaures Moralin versprühend und mit erhobenem Zeigefinger erinnert mich der Deutsche Beifallklatscher und deren politische Beifall-Knopf-Drücker derzeit an jenen bekannten Lehrer von Max und Moritz von Wilhelm Busch. Der gemeine Intelligenz Zombi ist abhängig von seiner täglichen Dosis des öffentlich verblödenden Staatsfernsehen. Die bunten Pillen gehen über den Sehnerv direkt dahin wo eigentlich früher einmal ein Organ vermutet wurde das den Menschen vom Einzeller unterscheidet. Früher. Lang, Lang ists her

Max Wedell / 16.11.2015

Der deutsche Großdenker Augstein bezeichnet die momentane Flüchtlingsaufnahme als “tätige Versöhnung zwischen Orient und Okzident”. Er behauptet, die Islamisten würden diese “Versöhnung” nicht wollen, und Zweck der Anschläge sei es, sie zu sabotieren. Man müsse aber jetzt gerade mit dieser Versöhnung weitermachen (d.h. die Flüchtlingsaufnahme muß ungemindert weiter so liberal erfolgen wie bisher), denn ansonsten hätten die Terroristen ja gewonnen und ihr Ziel erreicht. Na wenn das mal nicht auch eine ziemliche Instrumentalisierung der Anschläge ist, um Veränderungen der Flüchtlingspolitik entgegenzuarbeiten… Wenn andere Instrumentalisierungen “geschmacklos” sind, dann müsste es diese eigentlich doch auch sein, oder nicht? Pfui, Augstein!

Rudolf v. Trollingen / 16.11.2015

Absolut treffend! Geschwätz an allen Ecken und Enden. Ich habe mir gerade die Jauch- Wiederholung von gestern Abend im Hintergrund angehört. Dass mir der Sonntagabend dafür zu schade ist, wurde da eindrucksvoll bestätigt. “WIR” müssen reden. Ein netter trauter Verein, kaum Aufmucken, maximal minimalistisches vorsichtiges Andeuten. Und die illegal und unerkannt ins Land strömenden Flüchtlinge sind nicht vom IS. Das wissen die Damen und Herren der Runde ganz genau. Nur nichts Anstößiges, Unerwünschtes sagen, die Karriere… Der Grüßaugust hatte wohl auch nichts Besseres vor. Herrn Wickert hatte ich mal für mutiger gehalten. Vielleicht mauert er aber nur, aus o.g. Gründen. Ringelbiz wie bei den Gebr. Grimm, fehlt nur noch Kaffee und Kuchen. Und nun geht man auch noch geschlossen zum Fußball, Stärke zeigen… Wie viele tausend Staatsdiener da wohl wieder Überstunden schieben müssen. Eine Tagträumerin befriedet den IS mit Reden. Ich frage mich, was die nachts träumt. Sichere Grenzen kommen sicher darin nicht vor. Ein ausgesuchtes Publikum, stürmischer Beifall. Schafft denn endlich mal jemand diese DDR ab?

Detlev Cornelius / 16.11.2015

Die Briten zeichnet noch eine andere nachahmenswerte Haltung aus: Im Einzelfall pragmatisch, im Grundsätzlichen beinhart. Winston Churchill läßt grüßen.

Anne Cejp / 16.11.2015

Es wäre interessant, wenn jemand sich die Mühe machen würde, die Anwendung der Sprache in Bezug auf das heutige Geschehen - sei es Islamismus, sei es Masseneinwanderung, Integration usw. zu analysieren. Welche Satzbausteine werden verwendet, und was sollen sie aussagen? Mein Lieblingswort ist: Generalverdacht.

Axel Kracke / 16.11.2015

Diesen Slapstick hat bereits Monty Python treffend beobachtet: “Er hat Jehova gesagt!”...

Dr. Wolfgang Hintze / 16.11.2015

Jeder, der ein Ereignis - oft genug gegen die Mehrheit -  richtig vorhergesagt hatte,” instrumentalisiert” naturgemäß das Eintreffen dieses Ereignisses. Aber “Instrumentalisierung” ist noch die vornehme Variante. Dieselbe Klientel verwendet noch häufiger den Begriff “Ausschlachten”. Wie passend !

Bianca Darius / 16.11.2015

Sprechverbote sind Denkverbote. Der Kern von Sprechverboten und Sprachregelungen besteht zudem - auch mehr als 30 Jahre nach dem Orwell´schen “1984” - immer aus dem Versuch totalitärer Machthaber / Parteien, die individuelle Wahrnehmung von Realität durch Propaganda zu verzerren oder zu ersetzen. Sprechverbote und Denkverbote sind mit einer Demokratie nicht vereinbar.

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