Westminster gleicht heute wieder einmal einem Polizeiübungsplatz, und das schon das zweite Mal in dieser Woche. Nachdem vorgestern eine Nelson Mandela-Statue auf dem Parliament Square enthüllt wurde (es wurde darauf verzichtet, auf das Ableben des Geehrten zu warten), widmet man sich heute zur Abwechslung wieder dem Totengedenken. Es ist Diana Spencers (geschiedene Wales) 10. Todestag. Und damit das auch gar niemand vergessen kann, erlebt das Vereinigte Königreich seit Wochen, nein, eigentlich seit Monaten einen nicht enden wollenden Strom von Gedenkveranstaltungen, ein Gedenkkonzert im Wembley-Stadion, Gedenkbücher und immer neue Schlagzeilen in jenen Zeitungen, die ihre Titelseiten gerne mit Großbuchstaben füllen. Selbst der letzte Aushilfsbutler, der einmal das Glück hatte, Diana die Tür aufhalten zu dürfen, hat inzwischen eine Autobiographie über sein Leben mit der Prinzessin geschrieben.
Erstaunlich, dass es über Diana anscheinend noch immer irgend etwas Neues zu berichten gibt. In der Saturday Night Live-Show gab es lange den Running Gag, dass regelmäßig “breaking news” gezeigt wurden, in denen berichtet wurde, dass General Franco immer noch tot sei. Das war in dieser Sendung nicht ganz ernst gemeint, aber England macht mit Diana auf eben diese Weise Programm. Ja, Diana ist immer noch tot, seit zehn Jahren nun, und voraussichtlich wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Wobei eine Auferstehung mit anschließender Himmelfahrt zweifelsohne für göttliche Schlagzeilen sorgen würde.
Mit Ausnahme der These, dass die Prinzessin nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, sondern in Wirklichkeit von Außerirdischen entführt wurde, sind eigentlich schon alle Verschwörungstheorien durchgespielt worden. Der Fahrer sei gar nicht betrunken gewesen, der Geheimdienst MI5 stecke hinter dem Unfall in Paris oder Diana sei tatsächlich noch am Leben. Letzteres ist natürlich der sympathischste Gedanke. Elvis lebt, warum nicht auch Diana? Und die Prinzessin der Herzen vereint mit dem King of Rock, das wäre fast zu nahe liegend, als dass es die News of the World drucken würde.
Und heute nun der emotionale Höhepunkt der großbritischen Diana-Festspiele: ein Gedenkgottesdienst in der Guards’ Chapel in der Nähe von Buckingham Palace. Eigentlich eine kleine Enttäuschung, denn Westminster Abbey wie zur Beerdigung oder St. Paul’s wie bei Dianas Hochzeit hätten doch mehr hergemacht. Und auch der ehemalige Millennium Dome, die heutige O2-Arena, wäre noch frei gewesen. Aber wenigstens haben sich die Spitzen des Staates angesagt: Sir Elton John, Premierminister Gordon Brown und die Queen. In dieser Reihenfolge. Prinz Charles hätte gerne noch Camilla dabei gehabt, aber die musste sich dem Druck der Boulevardpresse beugen und zum Urlaub ans Mittelmeer verschwinden, alleine. Nochmal Glück gehabt.
Natürlich wird das heutige Mega-Event live im Fernsehen übertragen, die Fürbitten des Erzbischofs von Canterbury sind seit Wochen bekannt und ausgiebig diskutiert worden, nur hat man es vergessen, die Flaggen auf Halbmast zu setzen. Auch an eine Gedenkviertelstunde hat offenbar niemand gedacht. Und eigentlich hätte man diesen Tag doch auch direkt zum nationalen Gedenktag erklären können.
Doch es besteht Hoffnung. Wenn der Gottesdienst in der Kathedrale von Manchester vorbei, der Gedenkchoral in Bristol gesungen und die letzten Diana-Gebete in Cardiff gesprochen sind (denn nicht nur in London wird heute noch einmal nach allen Regeln der Kunst getrauert), dann haben wir es für dieses Jahr erst einmal überstanden. Aber wir können uns schon auf das Jahr 2022 freuen. Dann finden die Feierlichkeiten zum silbernen Krönungsjubiläum der Königin der Herzen statt.