Im tiefen Westen der Republik, im Rhein-Ruhr Ballungsraum, quasi der größten Stadt Deutschlands, mag es mit der Verkehrswende nicht so richtig klappen. Es klappt auch nicht mit dem ganz normalen Bus- und Bahnverkehr. Der soll uns alle ja eigentlich vom Individualverkehr wegbringen und uns die bessere Alternative bieten. Es gibt jedoch viele strukturelle Probleme, die das nachhaltig verhindern.
In einer aktuellen Meldung auf der Webseite des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) werden Gründe für zahlreiche Zugausfälle genannt. Er ist einer der größten Verkehrsverbünde Deutschlands und vereint die kommunalen Verkehrsbetriebe vom Niederrhein (an der niederländischen Grenze) über Düsseldorf und Wuppertal bis hin nach Dortmund im Osten.
In diesem Jahr sind die Bahn-Nutzer im Ruhrgebiet durch Baustellen auf der wichtigen Ost-West-Achse besonders geplagt. Für zweimal zwei Monate (!) war der Bahnverkehr zwischen den Städten Essen und Dortmund komplett gesperrt. Das dazwischen liegende Bochum war in der Zeit vollständig vom DB-Fernverkehr abgehängt. Nur eine S-Bahnlinie sowie Busse und eine U-Bahn boten hier den Anschluss an andere Städte. Diese langen Bauzeiten dienen nur der Ertüchtigung der Strecken und einer Bahnsteigverlängerung in Bochum. Ein struktureller Neubau findet nicht statt. Die VRR-Meldung offenbart nun weitere strukturelle Probleme:
„Aufgrund von Personalmangel bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen und mangelnder Fahrzeugverfügbarkeit wird es auch in den kommenden Monaten zu Einschränkungen im Fahrplan kommen. Ziel ist es, kurzfristige personalbedingte Zugausfälle auf ein Minimum zu reduzieren und ein zwar eingeschränktes, aber verlässliches Angebot zu schaffen“ (Stand: 23.10.2025).
Folgend werden Einschränkungen und Ausfälle auf insgesamt 11 Linien des S-Bahn- und des Regionalexpressverkehrs angegeben. Diese Personalprobleme waren natürlich in Fachkreisen nicht unbekannt. Der VRR sagt aber nun offiziell, dass es zu wenig Fachkräfte und zu wenig Zugmaterial gibt. Neben den Zugausfällen wurde durch den Einsatz von 60 Jahre alten historischen Zügen im Liniendienst ganz augenfällig, dass der ganze Regionalverkehr in NRW ziemlich „auf Kante genäht“ ist.
Fachkräftemangel im bevölkerungsreichsten Deutschland aller Zeiten – wie konnte das passieren? Mangelhafte Fahrzeugverfügbarkeit trotz seit Jahrzehnten versprochener „Verkehrswende“ – wie konnte das passieren? Versprochener mehr Bahnverkehr und nun Reduzierung des Angebotes um verlässlicher zu werden – wie konnte das passieren? Wenn ideologische Politik sich nicht an strukturellen Rahmendaten orientiert, sondern nur traumtänzerisch den Menschen das „Blaue vom Himmel herunter“ verspricht, dann passiert so etwas.
Lokführer und Busfahrer fehlen überall
Lokführermangel trotz intensiven gewerkschaftlichen Einsatzes und wochenlanger Streiks – Wie konnte auch das passieren? Wir erinnern uns: Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) hat mit ihrem ehemaligen charismatischen Vorsitzenden Claus Weselsky ein Kräftemessen gewonnen und die tarifliche Entlohnung der Lokführer erheblich steigern können. Ein gutes Gehalt ist eben auch nur die eine Seite der Medaille. Wenn es einfach nicht genügend Kollegen gibt, wird hierdurch kein strukturelles Problem gelöst.
Wir können uns noch weiter erinnern: Der GdL-Streik hat sogar einige Sozialdemokraten dazu gebracht zu fordern, dass das grundgesetzlich garantierte Streikrecht für kleine Gewerkschaften eingeschränkt werden soll. Eine populistische Initiative, die auch garantiert nichts an den Ursachen verändert und massiv gegen Artikel 9 Grundgesetz verstößt.
Zu dem Mangel an Lokführern kommt noch der Mangel an Busfahrern, was ein bundesweites Problem ist. Genauso wie bei den fehlenden LKW-Fahrern, ist der entsprechende Führerschein mittlerweile eine gewaltige Investition geworden. Früher haben viele diesen Schein kostenfrei bei der Bundeswehr machen können. Heute wird den jungen Leuten durch die immensen Kosten für einen normalen (und eingeschränkten) PKW-Führerschein, schon der Eintritt in diese mögliche Berufswelt abgewöhnt. In der Realität kommt es dann hier in der Region häufiger vor, dass sie den Busfahrer nicht oder nur eingeschränkt um einen Hinweis bitten können. Das liegt dann an den mangelnden Deutsch-Kenntnissen ausländischer Führerscheininhaber. Ein neues Qualitätsmerkmal im öffentlichen Nahverkehr. In Flensburg ist der Versuch Busfahrer aus Kenia zu gewinnen und zu schulen, medial enorm vermarket worden, jedoch leider nahezu gescheitert.
Zurück ins Ruhrgebiet: In alter Tradition ist der VRR auch vollständig in politischer Hand. An der Spitze steht mit Oliver Wittke (CDU), Ex-Oberbürgermeister von Gelsenkirchen, ein Urgestein der Ruhrgebiets-Politik.
Reduziertes Angebot für mehr Verlässlichkeit
Im SPNV-Qualitätsbericht 2024 des Verkehrsverbundes RheinRuhr verkündet nun Oliver Wittke die Folgen dieser strukturellen Defizite:
„Baumaßnahmen an der maroden Infrastruktur und der Mangel an Triebfahrzeugführer*innen waren vielfach die Hauptgründe für die zahlreichen Verspätungen und Zugausfälle im vergangenen Jahr. Das dokumentiert der SPNV-Qualitätsbericht 2024 des VRR. … Um die Lage für den Betrieb zu stabilisieren und vor allem für die Fahrgäste planbarer zu machen, sind die Fahrpläne dahingehend reduziert worden, dass sie mit dem tatsächlich vorhandenen Personal zuverlässig zu planen und um-zusetzen sind. Das Ziel: mehr Verlässlichkeit beim Angebot und weniger personalbedingte Ausfälle.“
Weiter heißt es, dass man „im Zuge des ‚Aktionsprogramms Personal und Betrieb‘ einen reduzierten Fahrplan auf den Weg gebracht hat“. Die euphemistische Parole lautet „Reduziertes Angebot für mehr Verlässlichkeit“. Es wird also verkündet, dass noch weniger ein Mehr für die Bürger ist. Von der Sprache her, erinnert es schon etwas an eine sozialistischer Mangelverwaltung. Das Prinzip hat Herr Wittke von der Deutschen Bahn abgeschaut. Dort fallen Züge auch ganz aus um die Unpünktlichkeitsstatik nicht negativ zu beeinflussen. Auch das ist natürlich bei der „Verkehrswende“ nicht wirklich von Vorteil.
Im Übrigen ist das „Weniger ist mehr“-Prinzip nicht mit den Kostensteigerungen für die Kunden in Verbindung zu bringen. Trotz weniger Angebot steigen die Ticketpreise beim VRR alljährlich deutlich an. Das erinnert auch an die typische Form der Straßensanierung im Ruhrgebiet. Die erfolgt bei nicht zu übersehenden Schäden vorerst mit einem Schild, mit dem eine deutliche Geschwindigkeitsbegrenzung umgesetzt wird und einem Schild „Straßenschäden“. Danach passiert erstmals jahrelang nichts.
Chronische Unterfinanzierung - Streik einer Bahngesellschaft
Der öffentliche Nahverkehr in NRW leidet weiterhin unter chronischer Unterfinanzierung. Die Zeiten, dass die Deutsche Bahn der alleinige Anbieter von Bahnverkehren war, sind lange vorbei. Die Bahndienstleistungen werden für bestimmte Strecken ausgeschrieben und es können sich Bahngesellschaften darauf bewerben.
Nun hat eine der Bahngesellschaften „National Express“, die Nummer zwei mit insgesamt sieben Bahnlinien in NRW, wegen der chronischen Unterfinanzierung einfach mal auch gestreikt. Die Bahngesellschaften haben mit dem Land NRW und den Verkehrsverbünden Verhandlungen über Kostenanpassungen geführt. Das hat nicht ganz zum Erfolg geführt. Die Leidtragenden waren die Fahrgäste, die am Wochenende auf den Wegen zu ihren Bundesligaspielen waren. Wenn es mit der Finanzierung nicht klappt, könnte es düster für den Nahverkehr in NRW enden.
Das mit der Vergabe von Bahnleistungen ist namentlich schon mal in die Hose gegangen. Mit der Abellio GmbH ist einer dieser Bahngesellschaften in den Konkurs gegangen. Die Gesellschaft hatte wohl zu knapp kalkuliert, Bahnausfälle wegen zu wenig Personal wurden nicht bezahlt und die niederländische Muttergesellschaft war nicht mehr bereit die Verluste aus dem Deutschlandgeschäft auszugleichen.
Der NRW-Verkehrsminister Oliver Krische (Grüne) musste schon im vergangenen Jahr wegen Geldmangel „blank ziehen“, wie man hier im Ruhrgebiet sagt. Planer und Verkehrsgesellschaften hatten ein hervorragendes, in der Region abgestimmtes ÖPNV-Aktionsprogramm ausgearbeitet. Hiermit sollte durch gezielte Ausweitung und Verzahnung von Bahn- und Buslinien, ein spürbar verbessertes Angebot in der Fläche umgesetzt werden. Wegen der strukturellen Finanznot der Ruhrgebietsstädte wäre dies nur mit der Unterstützung des Landes NRW möglich gewesen. Mit dem Hinweis auf fehlendes Geld war allerdings „der Drops schnell geluscht“ und die viele Planungsarbeit vorerst umsonst. Der grüne Verkehrsminister musste den ÖPNV-Plan ablehnen.
Verkehrswende im Ruhrgebiet adé
Die strukturellen Defizite im öffentlichen Nahverkehr, nicht nur im Ruhrgebiet, sind enorm. Eine Veränderung des Verkehrsverhaltens der Bürger ohne ein deutlich verbessertes Angebot mit Bahnen und Bussen sind ferne Utopien. Eine propagierte sogenannte „Verkehrswende“ kann nicht stattfinden weil es an verlässlicher und funktionierender Infrastruktur fehlt. Die Einführung des „Deutschland-Tickets“ kompensiert mit hohem finanziellen Aufwand die Fahrgastverluste, ausgelöst durch die Corona-Krise, nur marginal. Nur die Konsum-Seite zu fördern ist mittelfristig zu teuer und verhindert die Sicherung und Ausbau einer verlässlichen Infrastruktur.
Die Dysfunktionalität der herrschenden Politik wird dadurch noch gesteigert, dass auf dem Verordnungswege nun zu Beginn des Jahres 2027 die Kosten für die Bürger für das beste Verkehrsmittel im Ruhrgebiet, dem Auto, weiter enorm steigen werden. Die Bundesregierung hat beschlossen, dass die Überführung des privaten Energiegebrauches in den Europäischen CO2-Zertifikatehandel (EU ETS 2) stattfinden soll. Hierdurch werden Preissteigerungen von bis zu 60 Prozent erwartet! Da ist es hilfreich, dass die bundesdeutschen Bürger durch eine propagandistische Kriegsrhetorik mit ihrer Aufmerksamkeit auf einen vermeintlichen äußeren Feind gelenkt werden. Das ist ein altes Prinzip um vom ungelösten inneren Missstand perfekt abzulenken.
Korrektur: Oliver Wittke (CDU), Ex-Oberbürgermeister von Gelsenkirchen, wurde in der ersten Textverfassung der SPD zugeschrieben. Wir bedauern den Irrtum und entschuldigen uns dafür.
Frank Bothmann (Jahrgang 1962), Diplom-Geograph, ist als Landschaftsplaner im Ruhrgebiet tätig.
War vor 20 Jahren schon so. Da tuckern ICE Züge auf Gleisen, die der Kaiser einst für Dampfloks bauen lies, mit 80 Km/h zwischen den Metropolen umher. Alle Weiche lang ein Personenunfall, weil sich die Kundschaft inzwischen lieber unter, als in den Zug begibt. Was willst schon von den Flachzangen in NRW erwarten, die schon Kohle und Stahl Schach Matt gesetzt haben? Dass die in Nahverkehr besser sind? Da kotzt doch nur noch das tote Pferd aufs Gleis.
Seit Jahrzehnten haben die Verkehrsbetriebe im Ruhrgebiet den Kunden das Leben schwer gemacht. Die Fahrt von einem Stadteil in einen benachbarten Stadtteil in der Nachbarstadt durch Fahrpläne, Preisgestaltung und Linienführung vergällt. Kirchturmdenken! Straßenbahntrassen sind en masse abgebaut worden, dafür sündhaft teure U-Bahnstückchen gebaut worden. Prestigedenken!
Man hat noch nicht einmal die Spurbreiten vereinheitlicht bekommen!
Dank späteren Betriebsbeginns (Sparmaßnahmen) wissen Leute mit frühem Dienstbeginn nicht mehr, zur Arbeit zu kommen.
Zechenbahnen sind nicht für entlastende Nebenlinien genutzt worden, man hat mit EU-Geldern Radwege für Touristen geschaffen.
So schaut’s aus!
60 Jahre alte Züge im Ruhrgebiet? Ganz schaffen sie das im „reichen“ München nicht, aber es fahren sehr viele Züge, die den Start der Münchner S-Bahn 1972 mitgemacht haben. Und es sind nicht nur Personalprobleme, die den Betrieb ausbremsen, sondern auch die Instandhaltung und Wartung (wie anderswo auch): „Türstörung“, „Weichenstörung“, „Signalstörung“, „Fahrzeugstörung“, „Bahnhofsstörung“ (das gab es tatsächlich auch schon!).
Die hier geschilderten Zustände kenne ich zum Teil auch vom Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Zwischentakte der S-Bahnen im Berufsverkehr fallen oft wegen kurzfristigen Personalmangels aus. Stellwerke sind unterbesetzt, Weichen defekt. Eine S-Bahn gilt als pünktlich, wenn sie nicht mehr als 6 Minuten Verspätung hat. Der Anschluss in meinem Heimatort ist aber auf maximal 3 Minuten Verspätung ausgelegt, dann muss der Busfahrer losfahren, um seinen Fahrplan einhalten zu können. Wenn alles funktioniert, ist das System gut ausgelegt, kommt aber nicht so oft vor.
Unverständlich ist der Personalmangel angesichts von 3.000.000 Arbeitslosen. Da müsste es doch genügend Personen geben, die man zum S-Bahn-Fahrer ausbilden könnte.
Meine wenigen Erfahrungen mit dem ÖPNV im VRR in letzter Zeit entsprechen durchaus den hier geschilderten Sachverhalten. Ich wollte z.B. vor einiger Zeit mit dem Bus in die City fahren und dafür beim Fahrer eine Fahrkarte der Preisstufe A kaufen. Der Fahrer entgegnete mir auf mein Anliegen nur ein ungläubiges „WAS?“. Danach sagte ich, dass ich in die Stadt wolle, daraufhin kam dann ein „Ah, dreidreißisch! Sag das doch!“ Zudem sehe ich immer öfter Linienbusfahrer über rote Ampeln fahren, Verkehrsregeln missachten oder direkt mittig auf zwei Spuren fahrend. Der Fachkräftemangel ist also mehr als offensichtlich. Dazu kommen immer wieder ausfallende Züge, sodass an manchen Tagen Kollegen auf der Arbeit fehlen und nur, wenn möglich, aus dem Homeoffice arbeiten können. Was im Artikel leider fehlt, ist die mittlerweile komplett auf das Fahrrad konzentrierte Straßenverkehrsplanung. Es werden Fahrstreifen für Radwege gesperrt oder stark verengt, es werden Parkplätze entfernt oder Straßen komplett zu Fahrradstraßen umgewidmet. Was hier erschwerdend hinzukommt, sind die völlig absurden Verkehrsführungen der Radwege. Zum Teil fragt man sich, wieso es nicht täglich zu tödlichen Unfällen kommt. Als Rechtsabbieger muss man häufig, um auf die Abbiegerspur zu kommen, einen Radweg kreuzen und als Linksabbieger hat man durchaus mal einen Fahrradstreifen direkt auf der Abbiegerspur. Entsprechend kommt es häufig zu gefährlichen Situationen und Aggressionen im Straßenverkehr. In meinen Augen will man dadurch die verschiedenen Arten von Verkehrsteilnehmern gegeneinander ausspielen, ob das aber tatsächlich Absicht ist, darf jeder für sich entscheiden.
Können sich dann nicht Deutsche einen Führerschein in Kenia kaufen und hier Busse, U-Bahnen und Straßenbahnen fahren?
Bei aller berechtigten Kritik bitte korrekt recherchieren. Oliver Wittke ist kein „Urgestein-Sozialdemokrat“, sondern ein CDU-Politiker, der von 1999 – 2004 Oberbürgermeister von Gelsenkirchen war. Außerdem sass er mehrere Jahre für die CDU im Bundestag.