Wann immer ich unseren Bundespräsidenten reden höre, frage ich mich: Wer schreibt eigentlich seine Reden? Doch nicht etwa er selbst?
Als Gastredner bei der Jahresversammlung der deutschen Hochschulrektorenkonferenz sprach er in Hamburg über tatsächliche oder angebliche Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. Dabei sagte er u.a.:
„Es gibt keine staatliche Meinungszensur und keine staatliche Sprachpolizei... Wer das behauptet, lügt und führt Menschen in die Irre. Und wer so etwas glaube, der falle auf eine bewusste Strategie interessierter verantwortungsloser Kräfte herein, und wer versucht, Verständnis aufzubringen für die angeblich gefühlte Freiheitsbeschränkung, die doch in Wahrheit nur eine massiv eingeredete ist, besorgt schon das Geschäft der Scharfmacher!“
Für einen, der ausgleichen, Brücken bauen und den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken will, ist das schon ein seltsamer Jargon, irgendetwas zwischen Karl-Eduard von Schnitzler und Franz Josef Strauß. Natürlich gibt es keine staatliche Zensur in der Bundesrepublik, keine Reichspresse- und keine Reichsschrifttumskammer, aber das bedeutet nicht, dass es überhaupt keine Zensur gibt, vor allem keine Selbstzensur. Jede Ausgabe der Tagesthemen oder des heute journals beweist das Gegenteil. Und wer oder was sind die interessierten verantwortungslosen Kräfte? Kann der Mann nicht Ross und Reiter nennen, muss er raunen?
Und was die angeblich gefühlte Freiheitsbeschränkung, die doch in Wahrheit nur eine massiv eingeredete ist, angeht, wenn schon die ZEIT sich darüber Sorgen meint, dass fast sieben von zehn Deutschen glauben, ihre Meinung öffentlich nicht mehr frei äußern zu dürfen, dann ist das wohl etwas mehr als nur ein Gerücht, das von interessierten Kräften verbreitet wird.
Steinmeier kann aber nicht nur Uni, er kann auch Marktplatz. Bei einem Besuch in der sächsischen Kleinstadt Pulsnitz forderte er eine "sachliche Streitkultur", was sich nicht nur so anhört, sondern auch so gemeint ist wie "gepflegte Speisen und gediegenes Ambiente". Sachliche Streitkultur, das ist wie Duschen im Regenmantel oder die Tour de France auf dem Hometrainer.
Wer eine sachliche Streitkultur will, der will keine Streitkultur oder bestenfalls eine, die niemandem wehtut. Wir müssen wieder lernen, einander gegenüber zu sitzen und unterschiedliche Meinungen auszuhalten, vor allen Dingen aber auch wieder lernen, dass der Kompromiss nicht ein Verrat an den eigenen Interessen, sondern mitunter auch das ist, was uns weiterbringt, was die Demokratie am Leben hält... So ein Ding hat manchen Reiz.
Steinmeier ist ein Meister des gepflegten Einerseits-Andererseits und der gediegenen Unverbindlichkeit. Egal, ob er eine Rede in einem ehemaligen KZ hält – Dieses Konzentrationslager steht für die Monstrosität eines Regimes, das das Grauen institutionalisierte – oder einen Kranz am Grab von Arafat niederlegt.
So war er schon immer, auch als Außenminister. Sein absolutes Meisterstück, mit dem er sich einen Ehrenplatz in der Hall of Shame erwarb, lieferte er im Sommer 2007 ab, als er den Tod einer deutschen Taliban-Geisel in Afghanistan so einordnete: Wir müssen davon ausgehen, dass einer der entführten Deutschen in der Geiselhaft verstorben ist. Nichts deutet darauf hin, dass er ermordet wurde, alles weist darauf hin, dass er den Strapazen erlegen ist, die ihm seine Entführer auferlegt haben.
Von Henryk M. Broder erschien am 8. November 2019 das Buch „Wer, wenn nicht ich – Henryk M. Broder“. Der Autor befasst sich darin mit „Deutschen, Deppen, Dichtern und Denkern auf dem Egotrip“. Das Buch kann im Achgut.com-Shop vorbestellt werden. Die zweite Auflage ist ab dem 18. Dezember lieferbar.

@Geert Aufderhaydn: Könnten Sie aus Ihrer mühevollen Erfahrung nicht eine Lehre ziehen? Mit den ältesten Kommentaren anzufangen, zum Beispiel? Man muss ja nicht alles bis zum letzten Buchstaben in sich aufsaugen...
Lieber Herr Broder, wie können Sie nur diesen unfähigen "Schreibtischtäter" nur in die nähe von Franz Josef Strauß im Zusammenhang bringen? Hätte der FJS einen würdigen Nachfolger in der CSU, wäre Deutschland aller voraussieht nach nicht in die Misere gekommen in der es sich aktuell befindet. Leider war nach Ihm keiner da, der dieser explosionsartigen Ausbreitung von "Schmeißfliegen" sich energisch entgegenstellt und verhindert, daß die Schwesternpartei so viel Misthaufen hinterläßt auf denen diese Ihre Kraftnahrung finden. Die CSU ist leider zur einer Eunuchen-Partei mutiert die von der CDU Heroin ("weiblicher" ein Spiegelbild des Römischen Herrschers Nero) kastriert wurde. Es ist jammer schade, auch wenn mich so mancher Ereignis in Germanen Geschichte bis zu dem absoluten Unmenschlichkeit-Wahn des III Reiches, sehr sehr reservierend gegenüber den Nachkriegs-deutschen machte, habe ich Mitte der 70-ziger zum Studieren hier, und aus Israel kommend, entschlossen (w.g. der damaligen Qualität deutscher Unis) , war ich von wenigen Ausnahmen abgesehen positiv überrascht worden. Die deutschen Regierungen der letzten 30 Jahre akkumuliert mit der eruptiver Übernahme durch die SED Sekretärin für den letzten 16 Jahre, haben dieses Land sukzessive, zuerst ganz langsam und unmerklich bis lawinenartig seit ca. 2010 in den Abgrund gerissen. Viele befinden sich in Ohnmachtsartiger Starre und die "Schmeißfliegen" feiern auf dem reichlich vorhandenem Mist, jetzt muß ich die frühere wirtschaftliche Titanic Europas im Rettungsboot verlassen.
Vielleicht bin ich hier der Einzige, der ein Problem damit hat, zuerst die jüngsten Kommentare zu lesen, dann die älteren, die z.T. wiederum noch ältere zitieren, welche ich wiederum erst lesen kann, nachdem ich mir die denen gefolgten Kommentare und Schlußfolgerungen auf Kommentare, die ich wiederum auch noch nicht gelesen haben kann, zu Gemüte führe. Würde mir das Spaß machen, wäre ich längst Ermittler bei der Polizei in Sachen Kriminaldelikte. Broder Reverse - das Spiel für alle Kommentatoren. Trotz immer wieder beteuerter Zuneigung zum Produkt an sich - für mich sehr anstrengend . . .
In dem verlinkten Artikel der ZEIT ist der Kommentarbereich besonders delikat, denn dort findet man die Relevanz des Themas perfekt bestätigt. Nutzer, die gesperrt sind, werden dort bekanntlich "schwarz" angezeigt. Obwohl der Artikel noch nicht alt ist, sind das verdammt viele und sie scheinen überwiegend "unerwünschte Meinungen" zu verbreiten. Da hat also jemand ausnahmsweise einmal einen vernünftigen Artikel geschrieben und gar nicht bemerkt, dass sein eigenes Haus inzwischen ein Teil des beschriebenen Problems ist.
Steinmeier? Steinmeier, …. war das nicht...., ach nee, doch nicht. Ja, ich glaub' ich hab' tatsächlich vergessen, wer das war, toll.
Ein wunderbares Zitat von Idi Amin bringt es auf den Punkt: "“There is freedom of speech, but I cannot guarantee freedom after speech.”
Ich hoffe Steinmeier ist bei seinem Marktbesuch in Pulsnitz über einen Merkelpoller gestolpert!