Hans Scheuerlein, Gastautor / 02.02.2025 / 11:00 / Foto: Dhphoto / 6 / Seite ausdrucken

Status Quo: 50 Jahre „On the Level“

Die Könige des Boogie-Rock sind dafür bekannt, ohne Kompromisse ihr Ding durchgezogen zu haben. Tatsächlich fingen sie aber ganz anders an. Und das schon ziemlich früh.

Grundsätzlich hege ich große Sympathien für Bands, die klare Kante zeigen. Dazu gehören für mich die Ramones, AC/DC, Motörhead oder auch Status Quo. Alles Bands, die dafür bekannt sind, kompromisslos ihr Ding durchgezogen zu haben. Wie niemand anderer haben Status Quo den Gitarrenboogie auf den Punkt festgenagelt. Sie sind die Könige des Boogie-Rock. Barré-Griff auf die Klampfe und bei jeder 2 und 4 den kleinen Finger auf die Sexte. „And I like it, I like it, I like it, I like it...“. Dabei fing alles ganz anders an.

Die Geschichte von Status Quo beginnt im Jahr 1962, als sich Gitarrist Francis Rossi und Bassist Alan Lancaster im zarten Alter von 13 Jahren an einer Londoner Schule kennenlernten. Schnell entdeckten sie ihr gemeinsames Faible für Musik und beschlossen, eine Band zu gründen. Wohlgemerkt: Da wusste man noch nichts von den Beatles oder den Rolling Stones, geschweige denn von den Kinks oder The Who; Bob Dylan hatte gerade mal sein erstes Album draußen (von dem kaum jemand Notiz nahm) und Elvis machte sich in „Blue Hawai“ lächerlich.

Immerhin kam in diesem Jahr Little Eva mit ihrem „The Loco-Motion“ heraus, Tommy Roe besang seine „Sheila“, Dion outete sich als „The Wanderer“, und Booker T. & the M.G.'s räumten mit „Green Onions“ ab. Ansonsten sah es 1962 noch ziemlich mau aus. Aber dann ging alles rasend schnell: Die Beatlemania und die British Invasion revolutionierten ab 1964 die gesamte Musikwelt. Dieser Sturm riss natürlich auch die Jungs mit, aus denen später einmal Status Quo werden sollte.

Früher Erfolg mit Psychedelic-Pop

Nach einigen Umbenennungen und Umbesetzungen, durch die Schlagzeuger John Coghlan und Keyboarder Roy Lynes in die Band gekommen waren, erhielten The Spectres, wie Rossi und Lancaster ihre Band jetzt nannten, anno 1965 ihren ersten Plattenvertrag bei Picadilly Records. Noch im selben Jahr kamen zwei Singles auf den Markt und eine weitere im Jahr darauf, die jedoch allesamt in der Masse der unzähligen Neuerscheinungen untergingen.

Als sich die populäre Musik dann zu verändern begann, erkannte man die Zeichen der Zeit und schloss sich der aufkommenden Psychedelia-Bewegung an. Natürlich musste dann auch ein neuer Name her, den man in Traffic fand. Da Steve Winwood aber zuvor schon auf dieselbe Idee gekommen war, änderte man ihn flugs in Traffic Jam um. Zwischenzeitlich hatte sich Rossi mit dem Rhythmusgitarristen und Sänger Rick Parfitt angefreundet, der schließlich 1967 als fünftes Mitglied in die Band geholt wurde.

Jetzt konnte es richtig losgehen. Aber nicht, bevor man sich nochmals einen neuen Namen gab: The Status Quo. Das „The“ sollte später noch wegfallen, aber zunächst hielt man es mit den vielen anderen Bands, die ihrem Namen den obligatorischen Artikel voranstellten. 1968 erschien dann die erste Single „Pictures of Matchstick Men“, die es aus dem Stand in die Top 10 der britischen, der deutschen, der niederländischen und der schweizerischen Charts schaffte. In allen anderen maßgeblichen Hitlisten konnte sie immer noch einen Platz unter den ersten Zwanzig ergattern; in den USA sogar Platz 12 der tonangebenden Billboard-Charts.

Mit neuem Sound und neuem Image – und ohne „The“

„Pictures of Matchstick Men“ gilt heute als Klassiker des Psych-Pop. Demgegenüber fand das Album mit dem sperrigen Namen „Picturesque Matchstickable Messages from the Status Quo“ kaum Beachtung. Nichtsdestoweniger darf die durchaus gelungene Psychedelic-Rock-Scheibe, für mein Dafürhalten, als eines der meist übersehenen Debütalben in der populären Musik gelten. In der Folgezeit sollte es den Blitzaufsteigern mit keinem ihrer neuen Songs mehr gelingen, auch nur in die Nähe ihres Anfangserfolgs zu kommen.

Tja, wer so schnell so hoch steigt, kann natürlich auch wieder tief fallen. Nach einer weiteren erfolglosen Single und einem weiteren gefloppten Album war es definitiv an der Zeit, grundsätzlich etwas zu ändern. Und da der Psychedelic-Rausch in Großbritannien rasch wieder abgeklungen und durch einen bodenständigen Blues-Rock abgelöst worden war, schloss man sich dem neuen Zeitgeist an und ersetzte auch gleich seine buntgescheckten Carnaby-Street-Klamotten durch einfarbige T-Shirts und ausgewaschene Blue Jeans.

Die erste Single im neuen Gewand erschien 1970 und hieß „Down the Dustpipe“. Die flotte Boogie-Nummer beginnt mit einer Mundharmonika, die von Bob Young gespielt wurde, der nicht nur Tourmanager und Chef-Roadie der Band war, sondern auch Co-Autor einiger ihrer bekanntesten Stücke. Dieser Song war auch der erste, der unter dem Namen Status Quo (ohne das „The“) veröffentlicht wurde. Und als im Herbst 1970 Keyboarder Roy Lynes die Band verließ, beschlossen die übrigen Vier, als Quartett weiterzumachen.

Ausdauer und Beharrlichkeit zahlen sich aus

Auf den nachfolgenden Alben festigten sie immer mehr ihren neuen Stil und kämpften sich mit Songs wie „Paper Plane“, „Caroline“ und „Break the Rules“ allmählich auch wieder auf die vorderen Plätze der Charts zurück. Und auch mit ihren Alben konnten sie endlich punkten: „Hello“ von 1973 erreichte erstmals den ersten Platz der britischen Albumcharts. „Quo“ aus dem Jahr darauf kletterte bis auf Platz 2. Und ihr achtes Album „On the Level“, das im Februar 1975 erschien, führte schließlich die Hitlisten in Großbritannien, den Niederlanden und in Schweden an.

Die zuvor veröffentlichte Single „Down Down“ sollte der einzige Nummer-eins-Hit von Status Quo in ihrem Heimatland bleiben. Der Song, der einmal mehr aus einer Kollaboration von Francis Rossi und Bob Young hervorging, macht nach all der Zeit immer noch ordentlich Dampf. Zunächst beginnt das Stück mit einem harmlosen Intro, bei dem sich die Gitarre immer mehr an das Riff heranpirscht, bis dann der Rest der Band wie ein Donnerschlag losbricht. Heißassa, das geht ab, wie die Feuerwehr! Nach wie vor mein absoluter Quo-Favorit.

Weitere Highlights des Albums sind gleich der Opener „Little Lady“, der in dieselbe Kerbe haut, aber mit einem überraschend lyrischen Zwischenspiel aufwartet und am Schluss nahtlos in das zweite Stück „Most of the Time“ übergeht. Das nachfolgende „I Saw the Light“ ist ein Quo-typischer Boogie-Rocker mit einer eingängigen Gesangsmelodie, die mich immer irgendwie an Steve Miller erinnert. Und last but not least, der fulminante Abschluss des Albums mit der rattenschärfsten Version von Chuck-Berrys „Bye Bye Johnny“. Meine Herren, das hat gesessen!

Rockin' All Over (nicht ganz) the World

In den nachfolgenden Jahren konnte sich Status Quo als eine der führenden Rockbands diesseits des Antlantiks etablieren, die auch regelmäßig in den Charts mitmischte. Insbesondere ihre Version von John Fogertys „Rockin' All Over the World“ mauserte sich zu einem Dauerbrenner, den so ziemlich jeder schon einmal gehört haben dürfte. Mit Ausnahme in den USA, wo die Engländer seit ihrer ersten Single von 1968 nie wieder richtig Fuß fassen konnten. Dafür haben sie in ihrer britischen Heimat mit bis dato siebzig Platzierungen so viele Charterfolge vorzuweisen, wie keine andere Band (nicht einmal die Beatles!).

Ich persönlich verlor nach und nach jedoch das Interesse an ihrer Musik. Letztlich war es dann doch immer wieder dasselbe. Und noch dazu wurden die neuen Songs auch immer schwächer. Die alten Sachen waren halt, wie so oft, einfach besser (wobei auch da schon genug Ausschuss dabei war). In den 80er Jahren, nach einer Zeit exzessiven Tourens mit über hundert Auftritten pro Jahr, verließen erst Coghlan und dann auch Lancaster die Band. Rossi und Parfitt fanden jedoch rasch Ersatz und konnten mit dem für sie untypischen „In the Army Now“ des holländischen Duos Bolland & Bolland sogar noch einen ihrer größten Hits landen.

2013 kam es schließlich zur Wiedervereinigung der Originalbesetzung. Unter dem Motto „The Frantic Four“ spielte die alte Garde eine Reihe von Konzerten im Vereinigten Königreich. 2016 starb Rick Parfitt überraschend an einer Infektion infolge einer Schulterverletzung. Er wurde 68 Jahre alt. 2021 segnete dann Alan Lancaster mit 72 das Zeitliche. Drummer John Coghlan sitzt noch immer hinter der Schießbude – mitunter in einer Status Quo-Coverband – und wird dieses Jahr 79. Und Francis Rossi ist das einzige Originalmitglied, das die alte Band am Laufen hält. Er darf im Mai dieses Jahres seinen 76. Geburtstag feiern.

P.S. Das Coverfoto von „On the Level“ wurde in einem sogenannten Ames-Raum aufgenommen. Das ist ein speziell konstruierter Raum, der durch ein Guckloch betrachtet, wie ein normales, rechtwinkliges Zimmer aussieht. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um einen trapezförmig verzerrten Raum mit schrägem Boden und unterschiedlich langen und hohen Wänden. Stellen sich zwei gleichgroße Personen nun in die beiden hinteren Ecken des Zimmers, erscheinen sie dem Betrachter unterschiedlich groß. Läuft eine der Personen von einer Ecke zur anderen, ergibt sich die optische Täuschung, als würde sie währenddessen wachsen bzw. schrumpfen.

Und jetzt mit einem Flashback zurück ins Jahr 1975 zu einem TV-Auftritt von Status Quo mit ihrem Nummer-eins-Hit „Down Down

YouTube-Link zu „Little Lady“ und „Most of the Time“ von einem Live-Konzert der wiedervereinigten Originalbesetzung aus dem Jahr 2013

YouTube-Link zur überragenden Albumversion von Chuck Berrys „Bye Bye Johnny

 

Hans Scheuerlein verarbeitet auf der Achse des Guten seit 2021 sein Erschrecken über die Tatsache, dass viele der Schallplatten, die den Soundtrack seines Lebens prägten, inzwischen ein halbes Jahrhundert alt geworden sind.

Foto: Dhphoto - Eigenes Werk, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

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Leserpost

netiquette:

Bernhard Piosczyk / 02.02.2025

Hauptsache: Sie hatten die Haare schön. Nicht nur Status Quo. Alle Bands damals.

Olaf Schulz / 02.02.2025

Ich hab diese LP sowie etliche andere heute noch.

L. Luhmann / 02.02.2025

“„Pictures of Matchstick Men“ gilt heute als Klassiker des Psych-Pop.” - Das ist auch mein Lieblingslied von denen.

Dieter Helbig / 02.02.2025

Lieber Status Quo als Adorno und Konsorten.

janblank / 02.02.2025

In der Rückschau ist für mich diese Band meines frühestes Eigenerlebtes, von dem, was man heute Wokeness und cancel culture nennt. 1974 war ich 13 Jahre alt und ein sexuell frustrierter Gymnasiast( welcher 13 - jährige ist nicht sexuell frustriert?) dann hörte ich “Paper Plane” und war sofort elektrisiert. Status Quo waren von dem Moment an mehr als ein Freizeitspaß, sie waren Sinn, Überlebensmittel wenn nicht gar Religion. Welche ich allerdings sehr schnell lernte zu verbergen. Schließlich waren der Großteil meiner bildungsbürgerlichen Mitschüler viel mehr auf dem Prog Rock Trip. Man hörte Yes, PinkFloyd, Genesis, King Crimson und anderen “Art Rock”. Status Quo galt als blechern, prolo, zu simpel. Auf die angesagten Parties kam man damit nicht. Später wurde dann auch der “Atomkraft nein Danke Button” und das Palästinensertuch obligatorisch. Ohne es damals ahnen zu können, erlebte ich seinerzeit die Geburt des links- grünen Mindsets. Auf dem Gymnasium ging ich damals “baden” , Status Quo bin ich treu geblieben. Genau wie der Großteil meiner damaligen Mitschüler ihrer Arroganz und ihrem Bewusstsein über den Dingen zu stehen, die bessere Moral zu haben, auch treu geblieben sind und heute die Medien, Politik und sonstigen Leitstellen der Gesellschaft besetzen. Status Quo sind für mich deshalb im besten Sinne eine ebenso bodenständige wie subversive Band, fast so etwas wie die “blaue Partei” der Rockmusik.

Thomas Taterka / 02.02.2025

NÖ. - Julian Bream , ” Cordoba ” und überhaupt Bream und Isaac Albéniz . Wenn ich rauh wirke , tut mir das leid , es ist NOTWEHR .  Siehe Strafgesetzbuch (StGB) § 32 .

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