Ich war buchstäblich von Anfang an dabei: Am 27. Februar, Sternzeit 1972, einem Freitag, lief die erste Folge Star-Trek im Fernsehen, damals noch unter dem Namen „Raumschiff Enterprise“. Ich war zarte fünf Jahre alt und diese Serie, auf unserem Fernseher schon in Farbe, hat mich als kleiner Knopf schon mitgerissen. Sicher, anfangs hatte ich etwas Angst vor Mister Spock, alldieweil der wie ein kleiner Teufel ausgesehen hatte, aber Captain James Tiberius Kirk und seine zupackende, kraft- und humorvolle Art, die fand ich toll. In einem Raumschiff die Galaxie bereisen, fremde Kulturen kennen zu lernen ohne die eigene zu verleugnen: Genau mein Ding. Und ich wurde regelrecht stocksauer, als mir meine Eltern ein paar Wochen später erzählten, die Crew sei krank und es gäbe heute kein „Raumschiff Enterprise“. Wie schön es doch ist, Kinder zu verarschen.
Sicher habe ich die Folgen später, in der Video-Edition, mit anderen Augen gesehen, dann kamen schließlich auch die Filme und letztlich, im September 1990, die erste Folge von „Star Trek – The Next Generation“. Der Schock für mich war groß: Ein alter, glatzköpfiger Kapitän, außerdem noch Franzose, garniert mit einem Roboter, einem „empathischen Weibchen“, einem Klingonen und einem ersten Offizier, der einen etwas dämlichen Eindruck machte. Eine Vollkatastrophe. Dieser Mann hatte so gar nichts mit dem draufgängerischen Kirk gemeinsam, viel mehr litt er häufig unter Selbstzweifeln und war mehr Philosoph als militärischer Kommandeur.
Diese Serie war die wohl bisher beste Serie der Star-Trek Welt, was einfach war, weil sie ja das erste „Spin-Off“ war. Und sie hat nicht nur mein Leben, sondern auch das aller anderen Fans geprägt. Der Grundtenor war immer noch optimistisch, wir hatten uns als Menschheit weiter entwickelt, mussten uns trotzdem ethischen Fragen stellen und gesellschaftliche, soziale und politische Probleme lösen, ohne uns selbst und unseren Wertekanon zu verleugnen. Es gab wohl nie ein Star-Trek, das liberalen Konservatismus und Humanismus so sehr lebte wie die „nächste Generation“.
Hauptsache, der „Kanon“ stimmt
Dann Deep-Spice-Nine: Düsterer als sein Vorgänger, spiritueller und gefährlicher. Trotzdem mindestens genauso gut. Dann das eher im Kanon als „geht so“ bewertete „Raumschiff Voyager“, das ich irgendwie langweilig fand und fragwürdig war auch, dass sich meine geliebte Föderation einer Rebellenbewegung gegenübersah.
Über die neueren Serien breiten wir den Mantel des Schweigens. Schön waren die nicht, finde ich. Der optimistische Grundtenor war verflogen. Alles war nur noch schwer, schmutzig und schwermütig und begann, sich aus dem „Kanon“ herauszubewegen, alleine schon durch das veränderte Design der Klingonen.
Star Trek ging schon immer gerne Wege, die noch nie zuvor ein Trekkie beschritten hat und sorgte zumindest in der Fanbase immer wieder für Diskussionen, seien sie logischer, physikalischer, moralischer, technischer oder militärischer Natur. Oder, warum gelegentliche Drehbuchautoren auch einfach nur Lack gesoffen hatten und die Besetzung der Besatzung diesmal ABER WIRKLICH ein „Griff ins Raumklo“ waren. Einem Trekkie war und ist immer wichtig, dass der „Kanon“ gewahrt bleibt: Mensch ist Mensch, Vulkanier ist Vulkanier, Klingone ist Klingone, Ferengi ist Ferengi, die Borg sind die Borg und der Charakter Wesley Crusher überflüssig und eine Fehlbesetzung. Ich durfte einigen meiner Helden bei diversen Conventions die Hand schütteln und habe mir, seit ich William Shatner die Hand geben durfte, diese drei Tage lang nicht gewaschen!
Geht dahin, wohin Euch kein Trekkie folgen wird
Und jetzt das: Starfleet Academy. Der neueste Ableger, der 100 Jahre nach dem „Brand“ spielt, einem Ereignis, bei dem ein Außerirdischer durch einen Schmerzensschrei sämtliche Warp-Antriebe der Föderation vernichtete und auf knapp 100 Jahre keine Raumflüge mit Überlichtgeschwindigkeit mehr stattfinden konnten.
Die erste Folge dieser seltsamen neuen Serie war kostenlos, die habe ich mir auf YouTube angesehen – den Rest kenne ich nur von den einschlägigen Kritiken und werde sie mir sparen. Sie stellen laut den Kritikern nicht nur eine Verletzung des „Kanons“ dar, sie sind außerdem unlogisch, dämlich und dümmlich.
So gibt es einen schwulen Klingonen, der gerne Vögel beobachtet, eine junge Hologramm-Frau mit Übergewicht, aber erstaunlich wenig Hirn, zwei lesbische Lehrerinnen, die sogar von den „Omas gegen Rechts“ rausgeschmissen würden, einen absoluten, psychotischen und kriminellen Narzissten als Hauptdarsteller und eine früh gealterte Akademieleiterin, die sich auf keinem Sitzmöbel niederlassen kann, ohne sich auf eine Art und Weise hinzufläzen, die kein Teenager ohne Yoga-Ausbildung schafft, ein wahrlich „feminines“ Schiff, dem es an dem typischen Aussehen fehlt und eine Handlung, die auch an der „Minnesota High School“ spielen könnte, wenn kein Raumschiffboden darunter wäre.
Sieht man als Trekkie aber von den unsympathischen Charakteren, den offensichtlichen Logiklöchern im Drehbuch, den gewaltsamen Verstößen gegen den Kanon, der nicht nur unlogischen, sondern teilweise sogar dämlichen Handlung, den ordinären Witzchen auf Acht-Klässler-Niveau, dem ziellosen Herumgestochere im Star-Trek-Universum und der unsympathischen Figurenbesetzung einmal ab, dann ist Starfleet Academy trotzdem großer Mist. Woke. Anbiedernd. Einfältig. Elend.
Die eigentliche Intention von „SFA“ dürfte sein, sich ein jüngeres Publikum zu erschließen, das mit dem 60 Jahre alten Franchise und dem „Kanon“ bisher überhaupt keine Berührungspunkte hatte und dem Serien wie „The Next Generation“ schlichtweg zu intellektuell und zu anspruchsvoll sein dürften. Die Zielgruppe besteht hier nicht aus Erwachsenen mit einem Hang zum Grübeln, sondern aus kichernden 14-Jährigen, die sich über Witzchen à la „ich habe meinen Kommunikator verschluckt“ – „Oh, jetzt schon?“ beömmeln können. Keine Akademie der „Besten der Besten“, der Elite der Elite, würde Studenten aufnehmen, die ihr Handy fressen. Oder können Sie sich einen Havard-Studenten vorstellen, der sich beschwert, dass das „Malen nach Zahlen“ in seiner Hausaufgabe ihn vor unlösbare Probleme mit psychischen Traumata stellt?
Go on, Paramount. Versucht Euer Glück bei den TikTokern und Katzenvideo-Schauern. Macht, wenn Ihr meint, dass die gerne hunderte von Euro in Euer Merchandise stecken. Nur Mut, nur zu. Geht dahin, wohin Euch kein Trekkie folgen wird: Zum Teufel. Ich jedenfalls bin zu alt für diesen Scheiß.
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten. Weitere Forschungsmissionen des Autors unter www.politticker.de.
Beitragsbild: Pixabay

Mein Lieblingszitat aus Star Trek:
„Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, dann sind wir alle unwiderruflich gefesselt.“
Heute undenkbar…
Wenn Star Trek, dann das Original aus den 60ern. Warum? Weil da noch existenzielle Dinge transportiert wurden, die dann anhand von in die moderne Welt verlegten historischen Geschichten erzählt wurden. Das klingt jetzt wohl füŕ so manchen absurd, aber hinter den angeklebten Ohren von Spock und den Monstern in Plüschkostümen steckten noch allgemeingültige Lebensweisheiten, die zwar bisweilen ein wenig gutmeinend daherkommen, weil sie vom gesellschaftlichen Interessenausgleich ausgehen der in einer Welt voller Aggressoren nun mal nicht zum üblichen Handwerk gehört, aber da kann bisweilen sogar heute noch was von lernen. Ich denke da z.B. an Folgen wie „Brot und Spiele“, „Schablonen der Gewalt“ oder auch „Epigonen“, wo mal das alte Rom, das Dritte Reich oder die Prohibitionszeit unterhaltsam und bisweilen durchaus lehrreich aufs Korn genommen wird. Der Science Fiction im TV von heute geht derartiges total ab und erzählt nur noch Banalitäten, weswegen ich mich da auch meist ausklinke.
Das Gute ist: Niemand schaut das, nicht mal die-ach-so-woke „modern audience“.
Starfleet Academy schafft es nicht mal wöchentlich mir ihren Folgen in die Top 10 auf ihren eigenen Streaming Service (Paramount+). Das is der Todeskuß.
Nur so als Vergleich: Es schaun sich auf Paramount+ mehr Leute die Wiederholungen von „Sabrina-Total Verhext“ aus den 90ern an, als die aktuelle offizielle Star Trek Serie.
„knapp quatrevingt Jahren“
Dan ist bald Schluss, möchten Sie damit wohl ausdrücken. Was soll ich dann bloß machen? Erst der Mullah und dann Schnatterinchen …
Nach der Serie „Star Trek: Enterprise“ (2001-2005), deren Erstausstrahlung in den USA am 26. Sep. 2001 erfolgte, war für mich Schluss. Die Serien und Spielfilme danach haben nichts mehr mit den Gedanken des Star Trek Schöpfers Gene Roddenberry zu tun, selbst wenn, so sind Roddenberrys humanistische Visionen einer vereinten Menschheit, die sich gemeinsam ins All aufmacht („To boldly go where no man has gone before“), am 11. Sep. 2001 zerplatzt. – Im Moment schaue ich wieder einmal die komplette Star Trek Serie Voyager durch, tuntenfrei!
Star Trek – ach, diese Erinnerungen an Kirk, Pille und Spock! Oder „Scottie, beam mich up“! Meine Enkelkinder durften die Serie (Wiederholung) erst schauen, wenn das Vulkanier- „V“ richtig saß (und schwärmen heute noch davon). Die frühen Folgen von Next Generation und Deep Space 9 waren auch nicht so schlecht, bis sie langsam moraltriefend oder okkult daher kamen. Die „neue“ Enterprise mit Captain Archer? Vergiss es. Gerade versucht auf Tele 5 die „Voyager“ wieder in den Alpha-Quadranten zu gelangen, was z. Z. noch erträglich ist. Ich habe ca. 30 Minuten mit „Discovery“ verbracht und werde mir die „Academie“ auf keinen Fall antun. So ist das mit den Serien (und ihren Spin-Offs), ob Star Trek, Star Wars oder Star Gate: Sie sind wie ein Gummiband, das man zu lange in die Länge zieht, es leiert aus. Übrigens, Herr Schneider, was ist mit „Kanon“ gemeint? Die „Oberste Direktive“?
Das Grauen hat einen Name. Alex Kurtzman.