Dass er für Pfitzners selten gespieltes Klavierkonzert aus dem Jahre 1923 den deutsch-jüdischen Pianisten Igor Levit engagierte, der Mitglied der Grünen ist, einen AfD-Politiker schon mal als „widerlichen Drecksack“ bezeichnete und sich für die „Fridays for Future“ ans Klavier setzte, nutzte ihm allerdings wenig.
Die Feuilletons der beiden größten Berliner Tageszeitungen schäumten. „Elfen im Sperrfeuer – Thielemann spielt den Antisemiten Pfitzner“ titelte die Berliner Zeitung; „Treudeutsch und bitterböse“ lautete die Überschrift im „Tagesspiegel“ und deren Rezensent kreidete dem Stardirigenten sogar an, dass er am Schluss des Konzertes, in dem auch noch zwei symphonische Dichtungen Franz Liszts erklangen, Richard Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre spielte in einer Weise, die der Schreiber als „beinahe schon schamlose Machtdemonstration“ empfand (beide Artikel hinter der Zahlschranke).
Über Thielemann und Hans Pfitzner, Nazi der ersten Stunden und glühenden Antisemiten, habe ich schon mehrfach für Achgut geschrieben (siehe hier, hier und hier). Darin habe ich auch ausführlich dargelegt, wie schwierig es ist, diesen extrem widersprüchlichen, erratischen Charakter einordnen zu können.
Thielemann steht einfach nicht auf der richtigen Seite
Dazu gehört auch die in einer der Rezensionen immerhin erwähnte Tatsache, dass Pfitzner den im „Dritten Reich“ verfemten jüdischstämmigen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy außerordentlich hochschätzte und dessen Genie niemals infrage stellte. Pfitzner machte nämlich einen Unterschied zwischen national (deutsch) denkenden Juden und „dem Rest“, was die Sache nicht besser macht, aber im Kontext der Zeit analysiert werden muss, in dem solcherlei Ansichten selbst bei Juden anzutreffen waren, die sich vor allem als Deutsche empfanden.
Und ich habe keinen Zweifel daran gelassen, dass nicht nur ich selbst Pfitzner für einen Schöpfer genialer Musik halte, allen voran seine große Künstleroper „Palaestrina“, seine Lieder und sein von der 2023 verstorbenen Edith Peinemann so feinsinnig wie zupackend interpretiertes, hoch melodisches Violinkonzert. Musik, die es wert ist, gespielt und gehört zu werden. Eine Musik, die irgendwo zwischen der altdeutschen Tradition und der anbrechenden Moderne schwebt, oft grundiert mit einem melancholischen Zug, der von Pfitzners brennender Sorge zeugt, die von ihm so geliebte deutsche Kultur zu verlieren. Dass es der auch von ihm selbst herbeigerufene „Erlöser“ war, der dieser Kultur dann den Todesstoß versetzte, mag ein Grund dafür sein, dass der Komponist auch nach dem Krieg umso verbissener an seinen deutschnationalen und antisemitischen Vorstellungen festhielt.
Thielemann hat vom Beginn seiner Karriere an Pfitzners Musik aufs Programm gesetzt und sich immer wieder zu dessen Schaffen bekannt. Das wurde und wird ihm in den Kreisen woker Kulturscharfrichter bis heute ebenso verübelt wie sein einmal geäußertes Verständnis für die migrationskritische „Pegida“-Bewegung. Thielemann steht keineswegs, wie der Tagesspiegel-Schreiber meinte, „in der schlechten, deutschen Tradition unpolitischer Kunst“, im Gegenteil. Er steht nur nicht auf der richtigen Seite.
„Koboldhaftes Hüpfen“ und perlende Läufe
Heute hält sich Thielemann mit expliziten (tages)politischen Kommentaren zurück. Doch den Scharfrichtern missfällt nach wie vor nicht nur sein künstlerisches Bekenntnis zu Pfitzner, sondern auch zu Richard Strauss und Richard Wagner. Strauss wird in Antifa-Kreisen bestenfalls für einen karrieregeilen Opportunisten und Verdränger gehalten, der sich während der Nazizeit durchlavierte, während Wagner wohl nur noch die ungebrochene Popularität seiner Opern davor bewahrt, dass seine Denkmäler geschleift, nach ihm benannte Straßen und Plätze umbenannt werden, weil er Hitler den Weg bereitet habe.
Es lohnt sich nicht, einzelne Wertungen der erwähnten Rezensionen über das jüngste Berliner Thielemann-Konzert auf ihre historische und ästhetische Stimmigkeit zu untersuchen. Was jedoch zu konstatieren ist, ist der flegelhafte Ton dieser Veröffentlichungen, der für eine allgemeine Verrohung des kulturellen Diskurses spricht und manchmal an den hasserfüllten Duktus jener Zeiten erinnert, denen man hier so vehement begegnen möchte. Immerhin das Boulevardblatt „BZ“ hält den Ball flach und beobachtet Levit dabei, wie er Pfitzners anspruchsvolle Partitur mit ihren mächtigen Akkorden, ihrem „koboldhaften Hüpfen“ und perlenden Läufen „mit einem Lächeln“ kommentierte.
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Beitragsbild: Christian Michelides CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Ist ja hochinteressant. :-) Stellt sich nur die Frage, wo und wie man in diesem ganzen Kuddelmuddel noch auf „der richtigen Seite“ stehen will. Was ist überhaupt die richtige Seite und wer definiert sie? Meine ist die menschliche. Und die musikalische. Der Rest interessiert mich nur sekundär, sofern ich damit nicht direkt kollidiere. Wobei ich üblicherweise Kollisionen vermeide. Dummerweise gibt es in dieser verkommenen Welt einfach viel zu viele Menschen, die es auf Kollisionen anlegen. Man kennt das ja vom Autoscooter auf dem Jahrmarkt: Die meisten Fahren da gemütlich im Kreis und genießen die Fahrt. Aber leider gibt es ja auch die Chaoten, die absichtlich in jeden anderen reinfahren. Das Leben könnte so angenehm sein, wenn alle einfach musikalisch wären und einem guten Musikstück nicht abgeneigt wären. Aber das ist leider nicht der Fall. Ich bin ein abgehärteter Knochen bis in die letzte Gehirnzelle und die letzte Fleischfaser. Eine Schwäche habe ich dennoch: Gute Musik ist das einzige, was mich wirklich aus der Fassung und zum Weinen bringen kann. Und nein, das ist kein Scherz.
Fazit: Antisemiten sind nicht zwangsläufig schlechte Komponisten. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!
Bzgl. Richard Strauß möchte ich ergänzen: Die Schwiegertochter von Richard Strauss, Alice, geb. von Grab-Hermannswörth, war Jüdin. Sie hatte unter den Drangsalierungen und Diskriminierungen schwer zu leiden, insbesondere im Pogrom-Jahr 1938, und überlebte nur dank der Strauss-Familie. Mehrere ihrer eigenen Familien-Angehörigen wurden deportiert und verstarben im KZ. (vgl. u. a. gap-geschichte.de, Autor A. Schwarzmüller). Alice Strauss gilt heute als wichtige Mitarbeiterin des (alten) Richard Strauss. Inbesondere hat sie als getreue Archivarin seine Werke für die Nachwelt bewahrt. Die Dummheit und Charakterlosigkeit selbstgerechter AntiFAnten zeigt sich nicht zuletzt an deren nur noch kriminell zu nennender Doppelmoral. An einen egomanischen Frauenverbraucher wie Brecht, eine Ikone linksgewirkter Bolschewikenkunst, trauen sie sich nicht heran. Bertolt Brecht kann man übertriebene Anteilnahme am Schicksal seiner Schauspielerin (und Geliebten ?) Carola Neher nicht nachsagen. Während Brecht, von Finnland kommend, über die friedliebende Sowjetunion (das „Vaterland aller Werktätigen“) ins böse kapitalistische US-Amerika ausreiste (warum wohl ?), starb Carola Neher in einem der vielen stalinistischen Gulags. – Das Vermögen von Richard Strauss wurde übrigens 1945 von den siegreichen Alliierten beschlagnahmt. Seine Frau Pauline und er, beide über 80 Jahre alt, waren etwa 3 Jahre lang vollkommen mittellos und auf die Hilfe von (überwiegend Schweizer) Freunden angewiesen. Erste ein Freispruch im Spruchkammerverfahren (Juni 1948) und zuvor ein überwältigender Erfolg von zwei Konzertaufführungen in London (Oktober 1947) stabilisierte die Situation für die letzten knapp 2 verbleibenden Lebensjahre des Jahrhundertmusikers Richard Strauss.
maciste grüßt euch. denkmale und festungen werden nicht „geschliffen“, sondern „geschleift“… – und es gehört so einiges geschleift im lande… ich bin rechts. battle on.
„widerlichen Drecksack“! Ja, wie kann man nur so nachtragend sein! Leider hat der Autor vergessen zu erwähnen, was der Pianist Levit im Laufe seines woken Genossen-Lebens noch so verbrochen hat. Levit äußerte bereits im Oktober 2015 über AfD-Mitglieder: „Mitglied der widerwärtigen Partei AfD. Menschen, die ihr Menschsein verwirkt haben.“ (vgl. hierzu die WELT vom 01.11.2015). Ich klage an: Herr Levit hat mehreren zehntausend Menschen das Mensch-Sein abgesprochen. Das ist ziemlich nahe an den „eliminatorischen“ Vernichtungs-Phantasien der Nazis, Bolschwiken und Robespierre-Diener gegen die „Feinde“ und „Untermenschen“ ihrer Zeit: Juden, „Kulaken“, Bauern, orthodoxe und katholische Christen. – Und aus „Phantasien“ wurde „damals“ leider Wirklichkeit! – Man sollte Herrn Levit darum als das bezeichnen, was er ist: Ein halb-wahnsinniger selbsternannter Besser-Mensch, der zur Gefahr für Leib und Leben von zehntausenden unbescholtenen Mit-Menschen geworden ist. Er sagt(e) es ja selber! Niemand weiß, was Levit demnächst anrichtet; wenn ihn der nächste Anfall überkommt. Im Interesse der Inneren Sicherheit unseres Landes sollten Burschen wie Levit konsequent und nachhaltig aus dem (öffentlichen) Verkehr gezogen und entfernt werden! „widerlicher Drecksack“ ist demgegenüber eine zwar etwas derbe aber im Grunde fast liebevoll-harmlose „Kritik“, die man großzügig wie achselzuckend zur Kenntnis nehmen kann.
Ich habe die Ehre Werke des großen Wiener Impressionisten Carl Moll (1861-1945) zu besitzen.
Moll förderte den jungen Gustav Klimt und brachte erstmals Werke von Vincent van Gogh nach Wien.
Alma Mahler-Werfel war seine Stieftochter. Sie war u.a. mit Gustav Mahler verheiratet. Moll schätzte den jüdischen Komponisten Mahler und fertigte dessen Totenmaske an.
Moll bekehrte sich durch den Einfluss seiner leiblichen Tochter und ihrer Umgebung zum Nationalsozialismus und die ganze Familie beging 1945 beim Einmarsch der Russen in Wien kollektiv Selbstmord.
Die Ambivalenz der menschlichen Natur.
Moll starb laut seines handgeschriebenen Testaments „reuelos“, aber das ändert nichts am Genie seiner Malerei.
Ich weiß nicht, ob ich Moll als Mensch gemocht hätte, aber seine Bilder nehmen mich für ihn ein.
„Pfitzner machte nämlich einen Unterschied zwischen national (deutsch) denkenden Juden und “dem Rest„, … solcherlei Ansichten selbst bei Juden anzutreffen waren, die sich vor allem als Deutsche empfanden.“
In Ephraim Kishons Memoiren „Nichts zu lachen“ beschreibt er dieses Phänomen des Budapester jüdischen Bürgertums. Sie empfanden sich als patriotische Ungarn und nicht als Juden. Aus Spaß Jiddisch zu sprechen brachte ihm als Kind eine Ohrfeige ein.