Erik Lommatzsch, Gastautor / 14.10.2020 / 13:00 / 34 / Seite ausdrucken

Stadt Essen: Im Denunziations-Paradies

Dem Freizeit- und Hobbydenunzianten bietet die Stadt Essen derzeit nahezu paradiesische Zustände. Nicht mehr dieses umständliche Anrufen oder Benachrichtigen der Polizei, die dann vielleicht auch noch wissen möchte, wer genau denn da seiner Bürgerpflicht nachkomme.

Nein, das geht alles modern online und vor allem anonym. Die „Kontaktdaten“ im offiziellen Corona-Maßnahmen-Denunziationsportal – der nordrhein-westfälischen Metropole sind nämlich „optional“.

Allzu große Ansprüche an die eigene Kreativität stellt das Ganze zunächst nicht. Für „Ort des Verstoßes“, „Datum der Feststellung“ sowie „Uhrzeit der Feststellung“ ist jeweils nur das entsprechende Feld auszufüllen, für „Art des Verstoßes“ wird eine Auswahl geboten, etwa: „Durchführung von unzulässigen Veranstaltungen nach §13 Abs. 4 CoronaSchVO“ oder „Vorstoß gegen das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung nach §2 Abs. 3 CoronaSchVO“ oder „Zusammenkunft oder Ansammlung im öffentlichen Raum für die keine Ausnahme gilt (§1 Abs. 2 und 3 CoronaSchVO)“.

Ein Komma kann man da im Eifer der Aufstellung der mannigfaltigen Möglichkeiten schon ab und an mal vergessen, wichtig ist aber der stete Hinweis auf die Paragraphen. Damit ist der, nun ja, aufmerksame Bürger nicht nur auf der richtigen Seite, es zeigt ihm darüber hinaus, dass es nahezu seine Pflicht ist, „Meldung“ zu erstatten. Etwas Arbeit ist dann noch gefragt, das Feld „Nähere Beschreibung des Verstoßes“ ist ein Pflichtfeld. Aber dafür darf man im Anschluss noch seine Fotos hochladen.

Widerlich. Sollte die Stadt Essen Mitteilungen darüber herausgeben, wie oft von diesem Formular Gebrauch gemacht wurde und wird – man will es nicht wissen. Der ohnehin schon angefressene Glaube an das Gute im Menschen könnte den Todesstoß bekommen.

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Leserpost

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Tobias Meier / 15.10.2020

Da fällt mir nur eins zu ein: unablässiges Ausfüllen von Fake-Verstoßbeobachtungen, wahlweise anonym oder unter Verwendung kreativer Phantasiepersönlichkeiten, und zwar so lange, bis Essen einsieht, dass dieses Formular für die Mülltonne ist. Geht’s noch?!?

Laura Mavrides / 14.10.2020

Hat die Stadt Essen einen Oberbürgermeister? Einen Stadtrat? Auf wessen Geheiß wurde dieses Denunziationverfahren “to go” installiert? Wie verhalten sich die Fraktionen in der BÜRGERSCHAFTsvertretung dazu? Gab es eine Diskussion oder hat man sich dankbar weggeduckt, weil die Verwaltung hier das Heft des Handelns an sich gerissen hat? Die Verantwortlichen müssen viel stärker in den Fokus gerückt und unter Rechtfertigungsdruck gesetzt werden. Solche Auswüchse fallen nicht vom Himmel - sie haben Urheber, die nur eine Wahl von ihrem politischen Ende entfernt sind.

Elias Schwarz / 14.10.2020

Zuerst anonym anzeigen und dann noch ohne Zeugen (sind ja anonym) verurteilen. Schöne Zukunft für Mitbürger*innen und Neid von Mitbürger*außen.

Karla Kuhn / 14.10.2020

Erik Lommatzsch, Sie sind bestimmt im goldenen Westen groß geworden.  Wir Ossis, auch wenn ich schon sehr lange hier lebe, sind da VOLL im Vorteil. DENUNZIATION gehörte im Unrechtsstaat genau so dazu, wie die Luft zum atmen.  WER auch-ohne STASI zu sein, auf Teufel komm raus “fröhlich” denunzierte, durfte schon mal etwas mehr als 100 km schnell fahren OHNE Strafe zu zahlen.  Daß die die meisten DENUNZIANTEN dumm wie Bohnenstroh waren und gelogen haben, daß sich die Balken bogen, hat die Polizei nicht interessiert HAUPTSACHE, sie konnten ihren DENUNZIANTEN PLAN erfüllen.  Falls Mangels Masse wurde auch schon mal selber nachgeholfen. So war der Unrechtsstaat und genau aus DIESEM MORALISCHEN SUMPF stammt die linientreue FDJ AGIT PROPSE.  Na ja, gelernt ist gelernt und wenn es BRACHIAL sein muß. Ich frage mich jeden Tag, IST DIESE PERSON NOCH KLAR IM KOPPE ??  Herr Merx, der Unrechtsstaat hat es eins zu eins von der LINKEN Hitlerdiktatur und heute sieht es so aus, als hätte der “Westen” den Unrechtsstaat eins zu eins kopiert.  Diese “Tradition ” wird eben von -m. M. n. schon wieder GEWISSELOSEN Personen weiter geführt.  Das aßt genau zum bald einziehenden verbrecherischen Kommunismus.

Horst vom Holtz / 14.10.2020

Ich erinnere mich an jene pikante Szene, in der sich der Bundesgesundheitsminister und seine Entourage, allesamt ohne Maske und ohne Sicherheitsabstand, in einen Aufzug zwängen. Gute Fotos sowie genaue Angaben über Ort und Zeit des Ereignisses sind sicher noch im Internet auffindbar. Wäre das eine Meldung wert? Oder auch zwei, drei, vier, ..., x Meldungen?

Christina M. Kerpen / 14.10.2020

Oh weh, oh weh, wenn ich in die Zukunft seh. Ich schäme mich unendlich Deutsche zu sein.

R. Nicolaisen / 14.10.2020

Am Ende der Meldung sollte das “Heil!” nicht fehlen.

Andreas Hartwig / 14.10.2020

Hab gestern einen Termin im Bauamt einer Brandenburger Kleinstadt abgesagt, wegen schwachsinniger Entscheidungen ihrer Landesregierung. Heute die Antwort, ob ich es mir noch mal überlegen könnte. Sollte da die Entwässerung eines Kindergartens planen. Is nich. Freitag ein Termin auf Usedom. Fahre mit einem Geschäftsfreund mit, der kein B am Auto hat. Wäre gern das WE an der Ostsee geblieben, zumal der letzte Urlaub Silvester war. Könnte kotzen. Ein Bekannter wollte jetzt mit einem Hausboot ein paar Tage auf Brandenburger Gewässern rumschippern. Abgesagt wegen Beherbergungsverbot. Fährt jetzt mit seinem eigenen Boot. Zu blöd.

Ulla Schneider / 14.10.2020

..... und Fotos oder Film können Sie auch zusenden. Man könnte dann auch Fotomontagen machen .... mit unliebsamen Personen , so mit Fotoshop…. manche können das richtig gut z. B. Zeitungsleute .... Ich habe es mir heruntergeladen, sonst glaubt es keiner.

Klaus Kalweit / 14.10.2020

Ich habe das Portal gerade genutzt. Angeschwärzt habe ich das Rathaus Essen, vorgeworfen habe ich die Mißachtung des Grundgesetzes, die Verbreitung von Hass und Hetze und die Beihilfe zur Errichtung einer Diktatur nach dem Vorbild des 3. Reichs. Natürlich konnte ich das anonym machen über Proxy. Wenn das nun sehr viele auch machen würden, bestünde dann eine kleine Chance, daß dieses verachtenswerte Portal wieder verschwindet?

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