Der Krieg in der Ukraine markiert keinen historischen Ausnahmezustand, sondern folgt einer vertrauten Logik machtpolitischer Neuordnung. Was nach Chaos aussieht, ist Teil eines strukturellen Konflikts, der seit dem Ende des Kalten Krieges ungelöst geblieben ist.
Russlands Angriff auf die Ukraine gilt oft als kolonialer Reflex eines untergegangenen Imperiums. Doch diese Deutung greift zu kurz. Kriege sind nicht nur Akte roher Gewalt – sie formen oft neue, stabile Ordnungen. In diesem Licht erscheint Putins Krieg nicht als isolierter Akt imperialer Nostalgie, sondern als die verspätete Konfrontation zwischen Moskau und Washington – ein Konflikt, den der Kalte Krieg nie zu Ende führte.
Die Vorstellung, dass ein Krieg nicht vermieden, sondern nur hinausgeschoben wird, findet sich bereits bei Niccolò Machiavelli im frühen 16. Jahrhundert. Er erkannte, dass Konflikte zwischen Imperien selten durch Diplomatie, sondern meist durch Gewalt entschieden werden. Diese Dynamik prägt die europäische Geschichte – von imperialen Expansionen und dynastischen Rivalitäten bis hin zu ideologischen Auseinandersetzungen.
Ein Beispiel für eine durch Krieg erzwungene Stabilität ist der Westfälische Friede von 1648, der Europa rund 150 Jahre lang vor großflächigen Kriegen bewahrte – bis die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege das Gleichgewicht erneut kippten. Auch der Kalte Krieg folgte dieser Logik: Großmachtkonflikte eskalieren zwangsläufig. Doch diesmal verhinderte die nukleare Abschreckung die finale Konfrontation.
Das friedliche Ende des Kalten Krieges ließ eine zentrale Lehre in Vergessenheit geraten: Friedensordnungen, die militärisch erzwungen werden, sind oft stabiler, weil sie unumstößliche Realitäten schaffen. Ohne eine klare Machtverschiebung bleibt die Frage nach einer neuen Ordnung ungelöst. Genau deshalb bestand die Anti-Hitler-Koalition darauf, dass ein nachhaltiger Frieden nur durch die totale Niederwerfung Deutschlands möglich war.
1991 setzte sich eine Illusion durch: Die neue Ordnung ließe sich auf der Grundlage des 2+4-Vertrags stabilisieren. Doch sie beruhte nicht auf einem militärischen Sieg, sondern auf dem wirtschaftlichen Kollaps der Sowjetunion. Eine hochgerüstete Supermacht implodierte, bevor sie losschlagen konnte – ein Schock, der in Russlands Elite tiefe Frustration hinterließ. Anders als 1917 galt die Niederlage nicht als Zeichen eines überholten Systems, sondern als Folge politischer Fehler und schwacher Führung. Putin brachte diese Empfindung mit dem Begriff der „geopolitischen Katastrophe“ zum Ausdruck.
Bis in die 1980er Jahre folgte der Ost-West-Konflikt einer unvermeidlichen Eskalationslogik. Der NATO-Doppelbeschluss, Reagans Evil Empire-Rhetorik und das Manöver Able Archer 83 trieben die Spannungen auf einen gefährlichen Höhepunkt. Die Sowjetunion eskalierte ihrerseits – mit SS-20-Raketen in der DDR und dem Abschuss von Korean-Airlines-Flug KAL 007 im Jahr 1983. Ein Krieg mit der NATO schien greifbar.
Nach der Auflösung der UdSSR blieb für die Prätorianer der alten Ordnung – KGB-Kader, Militärs, Parteifunktionäre – die zentrale Frage ungelöst: Wie sollte eine neue Ordnung Osteuropas aussehen, die der einstigen Macht der Sowjetunion gerecht würde? Der Augustputsch von 1991 war ihr letzter Versuch, den Zerfall des Imperiums aufzuhalten – ein verzweifeltes Aufbäumen gegen das Unvermeidliche. Für sie war der 31. Dezember 1991 kein historischer Bruch, sondern ein Verrat.
Dass Ordnungen instabil bleiben, wenn sie die Perspektive der Unterlegenen ignorieren, ist eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg. Für große Teile der politischen und militärischen Elite war der Versailler Vertrag keine Friedensordnung, sondern eine nationale Demütigung, die Deutschland allein die Schuld zuwies und seine vormalige Rolle als europäische Großmacht negierte. Es folgte eine jahrzehntelange Revisionspolitik – genährt von demselben nagenden Gefühl, das nach 1991 auch die Kader der alten Ordnung in Russland erfasste: nicht nur um Macht, sondern um Anerkennung und Respekt betrogen worden zu sein.
In diesem Zustand war Russland für Washington keine strategische Priorität. Erst mit Putins Aufstieg und Moskaus Rückkehr als geopolitischer Akteur stellte der Kreml die Frage nach seiner Rolle in der neuen Weltordnung. Doch Washington konnte oder wollte darauf keine klare Antwort geben – nicht zuletzt, weil es Russland, anders als dessen Führung, nicht als legitimen Erben der UdSSR betrachtete, sondern als schwachen Nachfolger eines untergegangenen Imperiums.
Kritiker argumentieren, dass die USA nach 1991 kein Interesse an einem implodierenden Russland hatten – zu groß sei die Angst vor den Folgen einer kollabierenden Atommacht gewesen. Das ist zutreffend. Doch eine Neuordnung im Sinne Putins war für Washington nicht nötig. Ein wirtschaftlich und politisch entmachtetes Russland stellte keine Bedrohung für die amerikanische Hegemonie in Europa dar. Der Verfall des Rubels, die grassierende Korruption und der wirtschaftliche Kollaps waren für das Weiße Haus leichter hinzunehmen als für den Kreml.
In Moskau galt dies als Demütigung, die den Ruf nach einer geopolitischen Korrektur laut werden ließ. Putin wollte den USA die einstige Größe der UdSSR in Erinnerung rufen. Er ließ die sowjetische Nationalhymne wieder einführen, machte den Sieg über Hitler zur quasireligiösen Zeremonie und rehabilitierte Josef Stalin. Russlands Interessen sollten nicht länger nur diplomatisch, sondern mit Stärke durchgesetzt werden – sei es in Georgien oder auf der Krim. Doch Putins Ziel ging über das alte Imperium hinaus: Russland wollte vom Westen jenen Lorbeer der Stärke und des Respekts erzwingen, den es als rechtmäßiges Erbe der Sowjetunion betrachtete.
Washington ignorierte diese Signale und setzte wie schon im Kalten Krieg auf eine Strategie der indirekten Eindämmung. Anders als russische Propagandisten behaupten, war die NATO-Erweiterung in Osteuropa keine sich zuziehende Schlinge, sondern eine geopolitische Opportunität, die das Machtvakuum nach dem Zerfall der Sowjetunion füllte. Diskussionen über den Beitritt Georgiens, die Aufnahme Nordmazedoniens – trotz fehlender strategischer Relevanz – und der Putsch in Kiew folgten dieser Logik. Putin reagierte vehement: Er griff Georgien an, annektierte die Krim und schürte den Separatismus im Donbass.
Damit erreicht diese Betrachtung ihren Kern: Weil Moskau und Washington aufgrund des nuklearen Patts keinen direkten Krieg führen können, wurde die Ukraine zum Schlachtfeld jener Konfrontation, die im Kalten Krieg ausblieb. Der Konflikt ist damit weit mehr als ein russisches Kolonialprojekt – er ist Ausdruck der ungelösten Machtfrage nach 1991. Putins Entscheidung, die Ukraine anzugreifen, folgt einer Denktradition, die bereits die Bolschewiki vertraten: Ordnungen, die mit Gewalt erkämpft werden, gelten als stabiler als jene, die auf politischen Kompromissen beruhen.
Moskaus Intervention in Syrien, die Missachtung des Budapester Memorandums und der Minsker Vereinbarungen bestätigen diese Logik: Russland setzt nicht auf Diplomatie, sondern auf Stärke, um seine Interessen durchzusetzen.
Die USA verweigerten Putins Forderung, eine vom Kreml diktierte neue Ordnung anzuerkennen. Statt auf militärische Gewalt setzten sie auf Sanktionen und Isolation. Der US-Ökonom und Yale-Professor Jeffrey Sonnenfeld erkennt darin einen grandiosen geopolitischen Sieg:
„Eine der drei stärksten Militärmächte der Welt wurde signifikant geschwächt und gedemütigt – ohne einen einzigen amerikanischen Gefallenen.“
Auch Chris Hann, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung, sieht in Washingtons Osteuropapolitik nach 1991 vor allem einen wirtschaftlichen Vorteil für die USA. In seinem Aufsatz The Proxy War in Ukraine (2024) schreibt er: „Große Sektoren der ukrainischen Wirtschaft öffneten sich bereits Jahre vor der Invasion 2022 ausländischem Kapital.“ – ein Befund, der mit dem nahenden Rohstoffdeal zwischen der Ukraine und den USA an Brisanz gewinnt.
Die Vorstellung eines Stellvertreterkriegs bleibt ein zentraler Bestandteil der russischen Propaganda. Doch sie verliert an Bedeutung, wenn man den Konflikt als Ausdruck ungelöster Machtverhältnisse nach 1991 betrachtet – insbesondere der Frage, ob Russlands Interessen als Erbe der UdSSR in Osteuropa gewahrt wurden.
Der Ukraine-Krieg ist weder bloß der Angriff eines Despoten auf die Freiheit Europas noch die Eskalation eines ideologischen Konflikts zwischen Demokratie und Diktatur. Er ist das geopolitische Nachspiel eines Kräftemessens zweier Großmächte, das das friedliche Ende des Kalten Krieges nur aufgeschoben, aber nie verhindert hat.
Die durch den Krieg geschaffene Ordnung dürfte stabiler sein als die auf gutem Willen basierenden Verträge nach 1991, denn sie beruht nicht auf dem Trauma russischer Schwäche, sondern auf dem demonstrativen Anspruch militärischer Stärke. Daraus leitet Putin seine Rechtfertigung ab. In dieser Optik erscheint sein Ziel weniger in der bloßen Unterwerfung von Nationen zu bestehen, sondern in dem Versuch, die Akzeptanz Russlands als Hegemon in Osteuropa zu erzwingen.
Wie schon im März 2022, als russische Truppen vor Kiew standen, sieht der Kreml seine politischen Ziele nun erneut durch die militärische Lage gestützt. Ein Frieden hätte jedoch nur Bestand, wenn er auf einem Kräftegleichgewicht basiert, das militärischer Logik standhält. Andernfalls bliebe er eine bloße Atempause, die unweigerlich in eine neue Eskalation münden würde.
Trotz allem Leid, das der Krieg über die Ukraine gebracht hat, könnte er eine neue Ordnung schaffen, die Bestand hat – ein Gedanke, der im Westen verstört und doch aus der Geschichte spricht.
Dr. Christian Osthold ist Historiker mit dem Schwerpunkt auf der Geschichte Russlands. Seine Monographie über den russisch-tschetschenischen Konflikt ist in der Cambridge University Press rezensiert worden. Seit 2015 ist Osthold vielfach in den Medien aufgetreten.
Die Vorstellung eines Stellvertreterkrieges zwischen den USA (inkl. NATO-Appendix) und Russland auf Hauptkosten der Ukraine („bis zum letzten Ukrainer“) ist keine „russische Propaganda“, sondern die banale Wahrheit, die von diversen westlichen Politikern (nicht nur in den USA) ganz unverblümt auch so benannt wird . Ihre Artikel changieren irritierend zwischen nüchterner Analyse und holzschnittartigen Verzerrungen. Und heute widersprechen Sie sich auch noch selber mehrfach, als schlägen zwei Herzen in Ihrer Brust. PS: die Budapester Vereinbarungen wurden 1994 getroffen und somit 20 Jahre, bevor die legitime Regierung der Ukraine mit tatkräftiger Unterstützung westlicher Geheimdienste und NGO´s (= Regierungen) gestürzt wurde. Damit wurden geopolitisch neue Fakten geschaffen. Außerdem war das Memorandum rechtsunverbindlich. Die Umsetzung der Minsker Abkommen wurde von Anfang an sowohl von der Ukraine, Russland und der NATO mehr oder weniger offen hintertrieben, (Frau Merkel erklärte uns hinterher dankenswerter Weise frank und frei die Motive der NATO). Bei der sukzessiven NATO-Osterweiterung (deren finale Hinnahme für Russland als Staat absehbarer Weise inakzeptabel war) ging es weniger um „opportunistische geopolitische Füllung eines Machtvakuums“ sondern um das Verhindern einer intensiven wirtschaftlichen (und politischen) Kooperation zwischen Russland und Westeuropa (Nordstream et al, Sie wissen…), dem Versuch, Russland durch Druck von außen innenpolitisch zu destabilisieren und darum, sich neue wirtschaftliche Spielwiesen zu sichern. Ich unterstelle Russland keinerlei philanthrope Motive. Den NATO Staaten aber genauso wenig. Und die ukrainischen Menschen tun mir von Herzen leid. Denn deren Patriotismus und Stolz wurde schamlos manipuliert, um sich für die Interessen Dritter und Vierter selbst zu zerlegen. Völkerrecht.
Es gibt weltweit so viele, ganze Staaten, reiche Strippenziehewr, Aktionäre, Schmuggler, Schleuser, Sozialschmarotzer..
,die vom derzeitigen Zustand profitieren, dass der Krieg in ihrem sinn noch lange anhalten soll.
Wie lange dauerte Vietnam? Wie viel Steuergeld und Menschenleben hat die USA vergeudet, bis sie abzogen?
Putin hält noch lange durch,so lange sein Regime nicht wackelt, geht es immer weiter. Und wir dürfen das mitfinanzieren.
Tja, Herr Osthold, man darf Ihnen da widersprechen. Es ist nicht Putins Krieg, sondern der Selenskyjs/Poroschenkos gegen das eigene Volk mit Nulands Putsch seit 2014, von der UN angeprangert. Putin hatte spätestens seine Roten Linien in 2007 definiert. Wie Sie korrekt schreiben, hatte es keine Sau interessiert. Dafür gibt es eben irgendwann eins auf die Fresse. Wenn die Russen Sheinbaum in Mexiko wegputschen & eine Vasallenregierung implementieren, schauen die Amis auch nicht zu. Da gibt es ebenso auf die Fresse. Das ist aber im Westen nichts Neues. Das sogenannte Völkerrecht, Ihre Nachkriegsordnung wurde von den Clintons in 1999 im Kosovo torpediert. Der Westen hatte die Büchse der Pandora geöffnet, nicht Putin. Angenommen in San Diego leben mehr Latinos als sonstige Minderheiten & die wollen lieber wieder zu Mexiko gehören, glauben Sie dann ernsthaft, DC würde dem zustimmen? Im Leben nicht. Die Scheißhaus-Nummer des Westens ging auch weiter. Der 4*General Wesley Clark hatte es veröffentlicht. Weil in 2011 Sarkozy pleite war, & den Franzosen schon immer egal war, wo die Kohle für ihr savoir vivre herkommt, bombte man Gaddafis Libyen in Asche, vernichtete einen Staat, dem es gut ging. Was wollen Sie da noch mit Putin? Die Amateure in Paris & London hatten nach 2 Tagen keine Bomben mehr & Westerwelle mußte aus BunteWehr-Depots aushelfen. Es ist immer geil, wie Sie den größten & eminenten Teil der Geschichte weglassen & glauben, der Leser merkt es nicht. Der Amateur-Status bleibt ja auch, weil der Europäische Wähler Versager & Amateure mag. Europa unterstützt die Ukraine in dem Glauben, das hätte keine Konsequenzen, im Notfall hauen die Amis uns raus. Wer das ernsthaft glaubt, sollte einen Neurologen aufsuchen. Rußland wird die Herausgabe der eingefrorenen 300 Milliarden + Zinsen & ein vielfaches an Reparationen bei den Europäern eintreiben. Die Ungläubigen werden es dann merken, wenn die NATO 3 Staaten weniger hat & 4k Bundeswehrsoldaten als Kriegsgefangene nach
@achgut: „Denktradition, die bereits die Bolschewiki vertraten: Ordnungen, die mit Gewalt erkämpft werden, gelten als stabiler als jene, die auf politischen Kompromissen beruhen.“ Erinnert mich irgendwie an krakeelende LinksGrüne, die schon jeglichen Diskurs gegen deren Meinung als „rechts“ diffamieren und somit eine Art von Gewalt gegen Nicht-LinksGrün-Denkende einsetzen …
Frage: wie stark wäre Europa mit Rußland? Das Angebot bestand, Dank Gorbatschow, Kohl, Putins Rede im Bundestag….Handel, Kooperation ist eine Alternative zum Schlachtfeld. Junge Ukrainer, Russen wollen leben— zum Teufel mit den Poltikern, Waffenhändlern, Kriegstreibern!
(2) nach Sibirien reisen. Was wollten die Europäer dagegen tun? Mit den momentanen Gurken in Brüssel, Berlin, Paris, Madrid & London holen wir die Russen in der Aufrüstung nicht mehr ein. Da brauchen Sie nur den aktuellen Artikel der Altlinken von Telepolis lesen. Ihr neue Ordnung wird die Auflösung der NATO in Europa bedeuten. Und nur, weil unsere Vollspakken der Meinung sind, daß wir Großmacht ohne große Macht spielen müssen. Das ging schon immer schief.
Jetzt kommen gleich wieder die Stimmen, die jede Verbindung zwischen der Sowjetunion und der Russischen Föderation in Abrede stellen.
Kunst wird im heutigen Russland verboten, wenn sie sich kritisch mit dem Stalinismus auseinandersetzt.
Neunzig Prozent der Stalindenkmäler sind in Putins Regierungszeit geschaffen worden.
Gedanken dazu kann sich jeder selbst machen.