Gastautor / 19.08.2020 / 14:00 / Foto: W.Weis / 3 / Seite ausdrucken

„Spielplanänderung!“ Ein Chaos der Gefühle. Aber ein Gutes!

Von Deborah Ryszka.

Wer sich für die Anthologie „Spielplanänderung!“ entscheidet, kann nichts falsch machen. Genau die richtigen Leute plädieren für genau die richtigen Stücke, die auf Deutschlands Theaterbühnen gehören.

Vorhang auf! Für eine Anthologie von Theaterstücken, die von vorne bis hinten einfach nur Freude bereitet. Für eine Anthologie, die schonungslos die Einfallslosigkeit der hiesigen Theaterszene offenlegt. Für eine Anthologie, die Platz im heimischen Bücherregal jedes Theaterfreundes finden sollte. Warum?

Weil Simon Strauß genau die richtigen Leute – mit genau den richtigen Stücken – für das Buch „Spielplanänderung! – 30 Stücke, die das Theater heute braucht“ zusammengetrommelt hat. Wer meint, dies sei ein Kinderspiel, dem sei gesagt: Dreißig Bühnenstücke, die keinen Platz auf Deutschlands zeitgenössischen Bühnen finden, auf gerade einmal 259 Seiten dem Leser vorzustellen, und noch in dieser spritzig-schnellen Inszenierung, das ist schon eine Leistung.

Und dass diese Anthologie selbst das Potenzial besitzt, auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“, zu brillieren, verdeutlicht nicht nur die Form des Buches. Diese erinnert nämlich an das Brecht‘sche Theater: Mehrere voneinander unabhängige Stücke, die mal am Anfang, mal eher mittig und mal zum Ende hin leidenschaftliche Funken der emotionalen und intellektuellen Erregung schlagen. Das muss man erst einmal hinkriegen.

Und auch die inhaltliche Umsetzung muss sich hier nicht verstecken. Die darstellerische Komponente der einzelnen Autoren zeugt von ihrem Potenzial als Schauspieler, die Autorenauslese des Herausgebers von jener als Dramaturg und die Anthologie als Ganzes von derjeniegen als Theaterstück. Die Autoren sind gut. Der Dramaturg noch besser. Das Theaterstück ein Meisterwerk. Daher hätten die kurzen Auszüge jedes einzelnen Stückes vor seiner jeweiligen Kommentierung entfallen können. Sie sind zwar nett, aber geben dem Leser keinen richtigen Einblick in die Materie.

Nun heißt es aber „Bühne frei!“. Für eine kurze Entführung in die Niederungen von Mord und Totschlag, Intrigen und Verwechslungen, aber auch von Wortwitzen und Heiterkeiten aller Art der vorgestellten Stücke in „Spielplanänderung!“. Denn diese eint ein einziges Ziel: mehr Mut zu Qualität und Vielfalt auf Deutschlands Theaterbühnen.

Und das braucht es – um etwa Theaterstücke des Barocktheaters zu inszenieren, wie jene des Spaniers Lope de Vega oder der englischen Schriftstellerin Aphra Behns. Oder Stücke bekannterer Autoren wie George Sand oder Bernhard Shaw, aber auch weniger bekannter Namen, wie den russischen Dramatiker Alexander Ostrowski oder die englische Schriftstellerin Leonora Carrington. Um nur einige zu nennen.

Egal, ob mehr oder weniger bekannt, Drama oder Komödie. Jeder Beitrag macht einfach nur Lust auf mehr. Hat man sich entschieden, das EINE Stück gleich nach Lektüre von „Spielplanänderung“ zu ergattern, erkunden und zu erleben, so schreit das NÄCHSTE Stück einen an, noch bitte vor dem EINEN Stück gelesen zu werden. Wie ein Pendel schlägt die Leselust zwischen dem einen und dem anderen Theaterstück, bis das Pendel wirr und chaotisch um sich schlägt – und man sich selbst als Leser nur erschöpft in den Sessel zurücklehnen kann. Alleine hierfür lohnt es sich, „Spielplanänderung!“ zu lesen.

Womöglich ist der Theaterliebhaber, nach dieser emotionalen Achterbahnfahrt, hinterher mehr verwirrt, denn orientiert. Aber das macht nichts. Schließlich konnte er sein Theaterwissen erweitern oder zumindest auffrischen. Geschweige denn vom emotionalen Genuss.

Wer nicht sicher ist, wo er anfangen soll: nur keine Panik. Denn wer sich blind ein Stück heraussucht, macht absolut nichts falsch.

Das ist nicht nur leserfreundlich und entgegenkommend, sondern auch emotional entlastend. Das ist Kunst. Das ist feinstes Theater par excellence. Vorhang zu!

 

Simon Strauß (Hg.) „Spielplanänderung! – 30 Stücke, die das Theater heute braucht“. Stuttgart: Tropen

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Leserpost

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sybille eden / 19.08.2020

Harald Unger, dem ist nichts mehr hin zu zufügen. Das Neo-marxistische Propaganda Theater besuche ich seit 30 Jahren nicht mehr.

Harald Unger / 19.08.2020

Lange Jahre war ich Dauergast im Schauspielhaus. Das sog. ‘Regietheater’ war mir köstlicher Ausdruck der zeitlos gültigen Materie des Stoffs. Daß man in Schauspielerkreisen links zu sein hat, kein Problem für mich. - - - Jetzt ist es wie mit dem Fußball im TV. Es geht nicht mehr. Die gnadenlose Politisierung und Nutzbarmachung für das furchtbare Merkel-Regime, ist nicht mehr zu ertragen. Als es losging mit der neu-feudalen Zurichtung ab den 90er Jahren, sollten mehr als drei Dekaden des nie-endenden, polit-medialen Dauerfeuers über das Land prasseln, wonach es gelte, “den Gürtel enger zu schnallen” angesichts “leerer Kassen”. Vor allem in der Kultur wurde gestrichen, was ging und Hungerlöhne gezahlt. Und dann, von einem Tag auf den anderen, ab 9/15, wird mit den Milliarden im Dutzend um sich geworfen. Und die Schauspieler stehen an vorderster Front, die Milliarden oder schon Billionen verschlingende Invasion des Kultur feindlichsten Bodensatzes dieser Welt, zu bejubeln und zu fordern. - - - Sorry, Deborah Ryszka, wenn ich lese, dieses Buch ist “in Kooperation mit der FAZ” entstanden, einem der übelst gleichgeschalteten, Regime hörigen Blätter, weiß ich, was ich nicht lesen werde.

Andreas Rochow / 19.08.2020

Es ist geschafft! Der öffentliche Raum, ohne den die Demokratie nicht existiert und zu dem das Theater gehört, ist “wegen Corona” bis auf Weiteres geschlossen oder wie der brave Globalist sagt: “gedownlockes”. Für das Theater nur auf den ersten Blick “dramatisch”, hatte es sich doch ohne Not schon lange vorher von den Aktivisten linker Staatspropaganda kapern lassen. Die “Spielplanänderung” kann nicht stattfinden. Sie kann das Theater nicht mehr retten. Dazu müsste es sich von staatlicher Förderung und Vereinnahmung befreien und von dem Missverständnis, das geschätzte Publikum erwarte linke Lehrstück-Diät und “Regietheater”. Aber es ist müßig, darüber zu streiten. Wir wissen alle, weshalb die 30 Stücke nicht inszeniert werden. Das hat, wenn man Corona als Symbol für den entfesselten Globalismus nimmt, unmittelbar etwas damit zu tun. Und die Frage, ob es im neuen Normal eine Spielplanänderung geben wird, muss noch offen bleiben.

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