SPD-Leitkultur? Industrie- und Arbeitsethos, Herr Gabriel!

Von Anna Veronika Wendland.

Die beiden osteuropäischen Länder, die meinem Herzen am nächsten liegen, nämlich die Ukraine und Russland, haben mir in den letzten Jahren eine bittere Lehre verpasst: Eine patriotische Stimmung zu erzeugen ist weit leichter, als ein Gesundheitssystem aufzubauen. Letzteres ist teuer, langwierig und erfordert eine kooperative Anstrengung vieler Fachleute. Ersteres ist billig zu haben und kann von jedermann aus einem Instantprodukt zur jeweils persönlichen Patriotensuppe aufgekocht werden.

Was den Osteuropäern recht ist, soll den Deutschen billig sein, und erst recht (und billig) der SPD, die sich zeit ihrer Geschichte erfolgreich gegen den Ruf gewehrt hat, eine vaterlandslose Gesellin zu sein.

Das ist zumindest der Eindruck seit der letzten Wahl. Statt sich mit Schulen, Straßen, Flughäfen, Eisenbahnen, Pflege- und Krankenversicherung abzugeben, ist unser Land, von der AfD munter „zurückgeholt" beziehungsweise vor sich her getrieben, auf der Suche nach seiner nationalen Leitkultur. Statt Kraftwerke und Stromnetze zu bauen, die funktionieren, baut man lieber welche, die nicht funktionieren, aber beruft sich dafür ersatzweise auf den Willen der (natürlich deutschen) Bienen, Blumen und Vögel und, falls das nicht reicht, die deutsche Mission zur Rettung der Welt.

Konservativer, partiell angebräunter Heimatschutz

Doch alle wollen sie mitmischen bei dem bisschen Heimat und Vaterland, das der jüdische Emigrant einst, federleicht geworden, „an seinen Sohlen, in seinem Sacktuch mit sich fort" trug, wie Walter Mehring dichtete. Groß und fett soll es wieder werden. Während die Grünen sich täglich näher an dem konservativen, partiell angebräunten Heimatschutz positionieren, aus dem sie und ihre Eltern einst kamen, will sich auch der weiland Pop-Beauftragte der SPD eine fette Scheibe von diesem Kulturprodukt abschneiden. Und gibt ein Interview.

Da kommt tatsächlich eine leise Kritik an der sozialdemokratischen Klima- und Industriepolitik seit der Ära Schröder/Fischer zum Tragen, die unsereins seit Jahren übt und erwartet, die aber, kaum aufgeblitzt, gleich wieder hinter der Hauptschlagzeile verschwindet: dem Ruf nach Heimatbewusstsein und Leitkultur.

Kaum keimt die Erkenntnis auf, dass eine Arbeiterpartei auch Industrie- und Sozialpolitik für die einfachen Leute machen sollte, statt den Erfüllungsgehilfen für eine illusionäre und teure green growth-Politik zu geben, da wird sie auch schon wieder weg geschoben zugunsten einer genauso illusionären Leitkulturpolitik, mit der man der AfD hinterherrennt, welche funktionell die früher von den Grünen eingenommene Stelle in unserem politischen System ausfüllt: die der vorgeblichen Alternative zum Establishment.

Ich gehöre ja zu den wenigen Geisteswissenschaftlern, die sich ab und zu in der Produktion umsehen. Was zu DDR-Zeiten als Maßnahme zur Disziplinierung und Konformisierung von lästigen Individualisten galt, könnte heute womöglich einigen sozialdemokratischen Konformisten wieder zum selbstständigen Denken verhelfen.

Neulich begleitete ich in einem deutschen Kernkraftwerk die Vorarbeiten zu einer Begutachtung durch eine internationale Organisation. Unter anderem führten die Reviewer auch Gespräche mit den Handwerkern und Schichtarbeitern auf der Anlage. Alle bekamen die klassische Evaluierungsfrage: „Was würdest du dir wünschen, wenn du drei Wünsche frei hättest?"

„Ich will, dass unsere Anlage weiterläuft!"

Die Antwort Nummer eins hieß weder „Leitkultur" noch „Heimat", sondern sie lautete: „Ich will, dass unsere Anlage weiterläuft! Ich leiste gute Arbeit – warum wird das willentlich kaputtgemacht?"

Und das ist die Frage, der sich die SPD endlich stellen sollte. Falls sie glauben sollte, die Nukleararbeiter seien ohnehin bereits abgeschrieben und ihnen sollten die Kohlearbeiter, die Siemens-Angestellten und Autoindustrie-Beschäftigten möglichst geräuscharm folgen, dann sei ihr folgendes gesagt:

Das ist deine Heimat und deine Leitkultur, liebe SPD. Das ist, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Das ist, was ein Sozialdemokrat mit Zähnen und Klauen, mit Herz und Hand hätte verteidigen sollen, ob gegen grüne oder neoliberale Abwickler.  

Und von unserer wirklichen Heimat, die „jedem in die Kindheit scheint und worin noch niemand war" (Bloch) – von der lasst allesamt die Finger. Sie ist viel zu intim, viel zu komplex, viel zu individuell, viel zu sehr Erinnerung, viel zu sehr Trauer, um sie durch eure politischen Mühlen zu drehen, um euren Einheitsbrei draus zu kochen, aus dem ihr dann euer Instantpulver zum patriotischen Aufkochen gefriertrocknet.

Doch Heimat, liebe SPD, das ist für den einen oder anderen, für gar nicht so wenige deiner ehemaligen Wähler das abgeschrubbte Werkstor, durch das er oder sie jeden Tag geht. Es sollten mal wieder Sozialdemokraten durch diese Tore gehen und vor Ort nachforschen, warum die Leute sie nicht mehr wählen, und mit der Faust in der Tasche nach der Protestpartei schielen.

Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa-Historikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Ihr Habilitationsprojekt „Atomgrad. Kerntechnische Moderne im östlichen Europa“ ist dem Sonderforschungsbereich SFB/TR 138 „Dynamiken der Sicherheit“ assoziiert. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig.

Foto: Pixabay

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Leserpost (18)
Ivar Malmström / 24.12.2017

Es wären enorme Kohleeinsparungen möglich, wenn wir nur nicht den Krieg gegen die Kohle hätten: Wirkungsgrade: alte Braunkohlekraftwerke 30 % moderne Kohlekraftwerke 45 % mit Kraft-Wärme-Koppelung bis zu 90 % (nur, wenn die Wärme gebraucht wird, ggf. im Sommer niedriger) kombinierte Gas- und Dampfturbinenkraftwerke 60 % (aber einen Krieg gegen das russische Gas haben wir auch) Das sind Richtwerte. In der Realität wären aber wohl Einsparungen von 30 % bis 50 % möglich. Solarstrom ist ein schlechter Witz. Windturbinen liefern bei Flaute französischen Atomstrom. Mehr Windkraft können die Stromnetze gar nicht aufnehmen; mal gibt es zuviel, mal zuwenig. Merkels Klimawunder hat Deutschland zum Importeur von teils recht “schmutzigem” Strom gemacht, und auch “schmutzige” Industrien wurden ausgelagert. Als ob es hier einen Himmel nur für Deutsche gäbe. Die “Energiewende” ist ein intellektueller und ökonomischer Bankrott.

Klaus Sauer / 24.12.2017

Sehr geehrte Frau Wendland. Ein sehr guter Artikel von Ihnen, trotz AFD-Kritik. Zu dieser Kritik folgendes:  Den Euro und die Eurorettung, die “Energiewende” und die Migrationspolitik werden in erster Linie die (ehemaligen) SPD -Wählern bezahlen bzw. ausbaden. Und genau diese Themen sind die Kernthemen, wenn nicht sogar die Ursache, für das Entstehen der AFD. Zum Thema Patriotismus fällt mir ein Spruch von Alain Finkielkraut ein: Wenn die Memorialkultur überwiegend Verbrechen erinnert, dann wird der Bezug auf die kollektive Vergangenheit negativ und es entschwindet die Dankbarkeit gegenüber jeglicher vorangegangener Generation und verkehrt sich in Ablehnung. Geschieht das, dann kommt der Gegenwart die Orientierung abhanden und sie findet nur noch Halt im Hypermoralismus, der selbst keine Maßstäbe mehr hat. Frohe Weihnachten

Dr. Günter Crecelius / 24.12.2017

Vielleicht sollte sich ‘die SPD’ auch mal überlegen, ob es wirklich eine gute Idee ist bzw. in den letzten Jahren war, treue Genossen, die in den Ländern nicht oder abgewählt wurden, in der Bundesregierung dem Wähler erneut zu präsentieren, ob als Minister oder Staatssekretär oder Kanzlerkandidat, gerne auch als Parteivorsitzender.

Gerhard Bleckmann / 24.12.2017

Ja, so ist es, fragen Sie die Leute in den Kernkraftwerken. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Welcher Politiker war schon einmal in einem Kernkraftwert? Jeder sollte die Gelegenheit haben, das Innere eines solchen Anlage zu besichtigen. Viele fürchten diese Technik, weil sie ihnen unheimlich, fremd ist. Anderen ist sie hinderlich, weil sie den Weg zum Agrarstaat behindert. Für mich ist die sauberste und billigste Art der Energieerzeugung. Das IPPC (Weltklimarat) empfiehlt sie und hält, wem wundert es, die “Erneuerbaren”, alt zu ineffektiv und zu teuer.

Philipp Richardt / 24.12.2017

Die SPD bezeichnet ihre Wähler als Pack.

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