Henryk M. Broder / 08.04.2012 / 13:33 / 0 / Seite ausdrucken

Spass mit Grass!

Noch nie war Lyrik so gefragt wie in diesen Oster-Tagen. Günter Grass hat ein Fass aufgemacht, auf das kein Deckel mehr drauf passt. Haben Steffi Graf und Boris Becker einst die Nischensportart Tennis populär gemacht, so sorgt GG heute dafür, dass immer mehr Menschen zur Feder greifen, denn so gut wie der Nobelpreisträger können sie es allemal, einige sogar noch besser. Hier eine kleine Auswahl von Gedichten, die uns seit dem letzten Mittwoch erreicht haben:

Für Günter
Mit letzter Tinte ächzt der Alte
in ungereimter Poesie:
Dass die sich nicht mehr schlachten lassen,
verzeihe ich den Juden nie.

Der Jude will Atomraketen.
Der Jude will den Weltenkrieg.
Der Jude will uns alle meucheln.
Am Ende droht des Juden Sieg!

Da muss man doch was machen können,
und wenn nicht wir, dann der Iran.
Mahmud, mein alter Mullahkumpel!
I shout it out loud: Yes, you kann!

Der Günter fühlt sich ganz verwegen,
der Greis ist wieder jung, vital.
Die Lösung einst ging zwar daneben,
versuchen wir’s halt noch einmal!

So denkt’s im deutschen Dichterdenker.
Er rülpst und rotzt es aufs Papier.
Sein Wahn kennt keine Einsamkeit.
In Deutschland gilt: Vom Ich zum Wir.
Boris Yellnikoff

Was keiner sagen muss
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
dass ich wahnsinnig belanglos bin und jeder
der sich mit Gedichten, vor allem aber mit
Literatur auskennt weiß, dass
ich heute allenfalls eine Fußnote bin.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschiss
den ich seit langem nicht habe habe, ja!

Es ist raus, ich schreibe nicht nur schlecht
ich scheiße auch noch schlecht.

Doch warum untersage ich mir,
mein Leid beim Namen zu nennen
in dem seit Jahren - wenn auch geheim -
über ein wachsendes Verstopfungspotential verfüge
aber außer Kontrolle, weil ich flüssig kacke

Es ist ein allgemeines Verschweigen, ein Tabu
flüssig zu kacken obwohl man Verstopfung hat
ein allgemeines Verschweigen dieses Tatbestandes,
infam und macht mich traurig wie wütend.

Ich empfinde es als belastende Lüge
nicht nur meine SS Vergangenheit, Nein!

Dass man mich, wenn ich übers kacken rede
als sogenannter „Kackautor“ abgestempelt wird.

In diesem meinem Land mit den ureigenen Verbrechen
die ohne Vergleich sind
stehe ich da, und schreibe voll Inbrunst übers Brunsen und Kacken

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Schiss behaftet ist
ist diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit,
weil ich wahnsinnig intelligent bin
und meine Analysen nicht umsonst seit fast 50 Jahren
gefürchtet sind -
nicht zu vergleichen mit dem Leid,
das mir ständig widerfährt, da ich
aufgrund meine Logorroe und Diarroe vergesse
was ich am Anfang eines Satztes geschrieben habe

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei meines Internisten
längst überrüssig bin
verschreibt er mir doch Kohletabletten der Hund!
Er ist Verursacher einer erkennbaren Gefahr
und ich werde nicht warten um zum oben genannten
Gegenschiss anzusetzen.
Julian Plutz

Radikalpoet!
Lass deine Dichtung tönen wie die Hörner eines Schiffes
aus dem Nebel. So ist der Leser früh genug gewarnt.
Sei Klingel, Hupe, dröhnende Posaune, vertreibe
kesselpaukend jeden Zweifel an der Absicht, zu belehren.
Auch wenn es noch so aussichtslos erscheint,
so müssen deine Worte doch erschüttern. Dem Fundament
aus Ungerechtigkeit und Ignoranz sei Abrissbirne,
Preßlufthammer, sei Kehrblech und Feger, auf dass zum Schluss
auch nicht ein Krümel übrig bleibe vom System.
Rolf Menrath

Aus der Tiefe
Was bewegt einen Schriftsteller wie Günter Grass
ein Gedicht zu schreiben, das keines ist?
Warum knöpft er sich gerade Israel vor
und nicht den Iran oder den islamischen Terrorismus?
Was bewegt ihn, die „Atommacht Israel“ als friedensbedrohend zu empfinden
und nicht die Atommacht Nordkorea?
Ist sein Alter ein Entschuldigungsgrund
oder fällt es eher strafverschärfend ins Gewicht?

Handelt er aus einer, wenn auch falsch verstandenen, Verantwortung,
oder ist sein Gedicht Ausfluss einer intellektuellen Inkontinenz?
Meint hier einer, der 60 Jahre über seine SS-Zugehörigkeit geschwiegen hat,
jetzt nicht länger zu etwas schweigen zu können, „was offensichtlich ist“?
Drängt hier etwas aus der Tiefe des Unterbewussten an die Oberfläche,
so dass der „Dichter“ in Wirklichkeit gar nicht Täter, sondern Opfer ist?
Opfer seiner eigenen Vergangenheit?

Glaubt er, mit dem Literaturnobelpreis sei auch seine moralische Kompetenz
gewachsen, oder hält er sich seit eh und je für das Gewissen der Nation?
Wir wissen seit Einstein, Gandhi und anderen, dass auch Große Schwächen haben,
warum dann nicht auch Grass, der nicht einmal ein Großer ist?
Wenn Jesus lehrt, dass wir unsere Feinde lieben sollen,
warum dann nicht auch Günter Grass?

Wenigstens unser Mitleid sollte ihm sicher sein.
Schließlich hat Grass in einem Gedicht selbst gesagt:
„Einsam stand der Dichter im Tor,
doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.“
Rainer Grell

Alles Gute!
erstaunt
vom größenwahn
eines alten nicht weisen dichters
wünsche ich
dem frieden vernunft
dem jüdischen volk shalom
dem iranischen diktator tod
und allen friedfertigen
ewiges leben
C. M. Verch

Der Zwiebel Kern
Da liegt sie nun, die Zwiebel, die gehäutete,
und verbreitet einen strengen Geruch.
Der Betrachter wendet sich ab mit Grausen
und hält sich die Nase zu.

Doch nicht die Schalen sind es,
die altersvergilbten, brüchig gewordenen,
die auseinanderfallend den Kern nicht mehr zu verbergen in der Lage sind.

Nein, der Kern, das Innere der Zwiebel ist es,
was den fauligen Geruch verströmt.

Einst gut verschlossen unter dicken Schalen
von blütenreinem, weißem Gewebe,
am Schluss noch umgeben von einer roten Haut,
gärte es vor sich hin.

Der Kern der Zwiebel, einst eingepflanzt in den jungen Keim,
aus saftiger brauner Erde,
er hat überstanden die Zeit der mühsamen Verkapselung
und dringt nun nach außen,
um sich zu entfalten, um endlich frei zu sein
und um wachsen zu können.

Gourmets besondererArt sind es,
die diesen Kern begeistert begrüßen,
vermisst wurde er bisher zu oft auf ihrer Speisekarte,
sein besonderer Geruch wurde für sie
von Böswilligen stets gering geschätzt.

Kleingeschnipselt und untergemischt in ihre Speise
preisen sie seine angebliche Delikatesse.

Die ganze Küche ist erfüllt nun vom durchdringenden Geruch,
hinauswehend auf die Straße und nicht ist es klar noch,
ob Vorbeigehende eher die Flucht ergreifen vor dem Gestank
oder sich angezogen fühlen vom Reiz
des nicht ganz unbekannten,
fäkalartigen Duftes.

Erster Dichtungsversuch eines Laien,
angeregt durch das Gedicht eines Nobelpreisträgers.
Rudolf Steger

Jenes andere Land
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden bedrohte
und mit regelmäßigen Bombenalarmen lebende
israelische Volk auslöschen könnte,
weil dessen Machtbereich als Geschwür
und vernichtenswert vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt “Imperialismus” ist geläufig.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Iran gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zuschauer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei der Friedensaktivisten
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des iranischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Phillip Neumann

Der arme Mann
Günter hat Meinung wie andere Fieber,
mit letzter Feder spritzt er Tinte zum Poem.
Es nagt in seinem Innersten, wie am Baume der Biber,
die Wahrheit und die ist niemandem bequem.

Oh Zion, hör auf Günter und höre auf zu existieren,
weil er nur dann in Ruhe trauern will und kann.
Ja, muss denn erst was schreckliches passieren?
Seht, wie er leidet. Der arme Mann

kennt sich mit Blut und Boden aus,
er hat schon mal daran gerochen.
Und frisch gestrichen strahlt das alte Lügenhaus
und fruchtbar ist der Runzelsack, aus dem sie krochen,

die ewigen Freunde. Wer solche hat,
der jage sich gleich selbst ins Meer.
Dann nimmt der Günter sich ein neues Blatt
und schreibt darauf noch mehr und mehr und mehr…
Rolf Menrath

Der Fairness halber wollen wir unsere Leser auch auf ein “Gedicht” aufmerksam machen, dass der Doyen der deutschen Friedensbewegung, Andreas Buro, erbrochen hat:

Wir aus Friedensbewegung und Friedensforschung
fordern zum großen Wettbewerb auf,
um eine friedliche Lösung,
um einen Nichtsangriffspakt zwischen den Kontrahenten
und die folgende Aufhebung aller Sanktionen,
um Kontrolle der nuklearen Bestrebungen durch die IAEA,
um die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in Mittel- und Nahost,
um die Eröffnung eines regionalen Dialogs für Sicherheit und Zusammenarbeit
zur Entfaltung von Vertrauen und zum Abbau der Konfrontation
zugunsten von Kooperation der Völker und Staaten.
Deutschland könnte dazu beitragen.
Günter Grass hat dazu beigetragen, diese Aufgabe wieder auf die Tagesordnung zu setzen.
Danke!

 

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