Wolfram Weimer / 08.11.2013 / 14:05 / 15 / Seite ausdrucken

Sparer-Zwangsabgabe ist Raub

Der Vorschlag des IWF für eine zehnprozentige Zwangsabgabe auf Privatvermögen zieht Kreise. Führende SPD-Politiker übernehmen die Idee. Dabei handelt es sich um glatten Diebstahl.

Zuerst kursierte die Idee bei kommunistischen DDR-Nostalgikern und cholerischen Kapitalismushassern. Dann spielten linke Umverteilungsökonomen mit dem Gedanken und schließlich brachte ausgerechnet der hochseriöse Weltfinanzorganisator IWF die zehnprozentige Zwangsabgabe für Privatvermögen ins globale Gespräch. Darauf dachten viele, das könne nur der Spaß eines nordkoreanischen Praktikanten beim Währungsfonds gewesen sein. Doch der IWF meinte es Ernst, obwohl er inzwischen zu einem halben Dementi gezwungen worden ist: Um die gewaltigen Staatsverschuldungen zu senken, solle man doch direkt in die Ersparnisse der Bürger greifen. Egal ob Spargelder, Wertpapiere oder Immobilien, zehn Prozent könne man enteignen. Die Verschuldung sei schließlich in den Eurostaaten auf 8600 Milliarden Euro gestiegen – deutlich über 90 Prozent des BIP. Eine 10-Prozent-Abgabe könnte die Schuldenstände wieder auf den Stand von 2007 drücken.
So weit, so einfach, wenn man kommunistische Enteignungen für normal hält. Die Aufregung unter Sparern hielt sich freilich in Grenzen, weil niemand ernsthaft glaubte, dass so etwas in Deutschland je passieren werde. Doch nun machen sich - zur Verblüffung des Publikums - wichtige SPD-Politiker genau für diese Idee stark.

Jens Bullerjahn und Norbert Walter-Borjans sprechen sich für eine “einmalige Vermögensabgabe” von zehn Prozent aus. Nun sind die beiden nicht in der Attacgang der sozialistischen Juso-Plattform Duisburg-Süd, sondern amtierende Finanzminister von Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. Damit bekommt die Enteignungsidee eine politische Brisanz für die Regierungsbildung der Großen Koalition.

Was offenbar übersehen wird: Eine schlagartige Zehnprozententeignung ist nichts weiter als blanker Diebstahl. Wenn Menschen aus ihrem bereits versteuerten Einkommen etwas sparen, also Verzicht üben und vorsorgen, dann aber plötzlich der überschuldete Staat dreist hineingreift und sich einen Teil packt, weil er selber zum Sparen nicht fähig ist, dann bringt er das Gefüge aus Vertrauen, Eigentum und Sicherheit ins Wanken. Die Integrität einer Gesellschaft würde schlichtweg verraten.

Wenn man ohne weiteres 10 Prozent der Ersparnisse stehlen kann, warum dann nicht auch Omas Schmuck oder Opas Briefmarkensammlung oder Vaters Lebensversicherung oder Mutters Goldzähne? Nichts wäre mehr sicher, wenn die Menschen nicht darauf vertrauen können, dass sie vertrauen können. In Ersparnissen stecken Entbehrungen und Lebensentscheidungen, Risikoabwägungen und Schicksale, vor allem aber Fleiß und Ethos – in sie hineingrabschen wie in eine offene Bonbonniere, entlarvt ein Gesellschaftsbild, in dem der Einzelne und sein Schutz nichts mehr gilt.

Das rechtspolitische Signal der Idee ist fatal: Eigentum wäre nicht mehr garantiert und geschützt. Die ordnungspolitische Botschaft wirkt verheerend: Derjenige, der vorsorgt und spart und verzichtet, würde bestraft und enteignet; derjenige aber, der sich übermäßig verschuldet, bekäme Belohnung. Solidität und Zukunftsvorsorge würden absurd, Verlässlichkeit wäre eine untergehende Kategorie.
Zudem riskieren die Politiker mit ihrer Enteignungsidee unnötig und fahrlässig, eine Rettungspanik auszulösen. Wenn die Debatte an Fahrt gewinnt, dann dürften Sparer schlagartig versuchen, ihr Geld von der Bank zu holen, sich in Bargeld zu retten, Kapital irgendwie umzuwidmen - Banken und Börsen drohte ein Crash. Es ist ein sozialistisches Spiel mit dem Feuer.
Schon jetzt werden Sparer über die Niedrigzinspolitik und die finanzielle Repression infolge realer Negativzinsen schleichend enteignet. Doch den staatlichen Akt eines offenen Raubzuges ernsthaft zu erwägen, ist ein Frontalangriff auf unsere Verfassung und ihre Eigentumsgarantie.

Offenbar ist die SPD zu solchen Abenteuern ermuntert durch den Verlauf der großkoalitionären Gespräche in Berlin. Denn die machen einen langsam glauben, die SPD habe die Wahl fulminant gewonnen und einige sich mit der CSU im Stile einer Zugewinngemeinschaft auf allerlei Wohltaten. Die CDU wirkt wie verschwunden, nicht personell, aber programmatisch. Es sind Dinge beschlossen, die die Väter der sozialen Marktwirtschaft im Grabe umdrehen lassen: vom politischen Mindestlohn über die Mietpreisbremse bis zur Finanztransaktionssteuer. Die doppelte Staatsbürgerschaft soll kommen, die Frauenquote auch, das Arbeitsrecht wird wieder vermauert, die Schröder-Müntefering-Rentenreform wird aufgeweicht. Überall geht diese Koalition mit den Spendierhosen durch die Soziallandschaft. Big Spending kommt, Big Government ist angesagt: Von Liberalisierung oder Privatisierung ist keine Rede weit und breit. Im Gegenteil: den erfolgreichen Agenda-2010-Reformen droht eine Revision.

Täglich dringen kleine Neo-Sozialismen und große Staatsausgaben aus den Verhandlungsrunden. Nur eines nicht: ein echtes Projekt, eine wichtige Reformtat, von einem marktwirtschaftlichen Aufbruch gar nicht zu reden. Davon scheint diese Koalition so weit entfernt wie ein Kombinat von der Wall Street.

Bislang legen sie in Berlin munter Programme nebeneinander, verschieben diese nach links, einigen sich auf teure Schnittmengen und kommen auf immer wildere, neo-sozialistische Ideen. Es wird Zeit, dass die Kanzlerin Einhalt gebietet und daran erinnert, dass die Partei der sozialen Marktwirtschaft die Wahl gewonnen hat – und nicht die Raubritter der Enteignung.

Erschienen auf Handelsblatt-Online

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Detlef Dechant / 08.11.2013

Es ist schon erstaunlich, wer jetzt alles das Wort erhebt und sich über den “Links”-Rutsch der CDU beschwert. Interessant ist auch, wer heute alles das Ausscheiden der FDP und des Liberalismus aus dem Parlament (wobei beides nicht unbedingt dasselbe sind) bedauert. Sind das doch in vielen Fällen Krokodilstränen, weil genau sie es waren, die FDP und den Liberalismus totgeschrieben haben. Lieber Herr Weimar, schauen Sie doch in Ihr altes Magazin! Ihnen müssten doch bei dem dort stattfindenden Linksrutsch die Tränen kommen. Da schreiben doch einige, dass das “bürgerliche “Lager mit CDU/CSU, FDP und AfD die Mehrheit hat vor den linksorientierten Parteien. Stimmt das so? Muss man nicht die CDU auch langsam zum linken Lager rechnen? Ich hätte nie gedacht, dass ich die Liberalen einmal rechts von der CDU einordnen muss! Und dann lese ich in ZEIT-online, dass die Grünen die die neuen Liberalen seien! Dieser Schreiberling soll mir einmal zeigen, wo die Grünen überhaupt liberal waren, geschweige denn sind!!!! Und wer von dieser sich bildenden Koalition einen großen Wurf erwartet, der hat keine Ahnung von Politik, ist ein Träumer oder meint den “großen Wurf” beim Murmelspiel!

Gernot Meyer / 08.11.2013

Ungeachtet dessen, wie man zu einer Vermögensabgabe steht, finde ich die Klassifizierung einer 10 prozentigen Abgabe als Raub und als kommunistisch zu kurz gedacht, Herr Weimer. Wir leben in demokratischen Systemen und die Schulden, die uns jetzt langsam über den Kopf wachsen sind letztlich immer mit Zustimmung des Wählers zustande gekommen. Bei den jeweiligen Wahlen hatte er nie was einzuwenden gegen den , das muß man ganz nüchtern sehen, parasitären Raubbau an der Zukunft, der Plünderung nachfolgender Generationen , zum eigenen Vorteil. So gesehen war (und ist) also der Wähler kommunistisch eingestellt. Auf’s Bezahlen wurde und wird weiterhin nicht geachtet. Also müssen wir uns alle an der eigenen Nase fassen. Der Vorwurf an IWF oder SPD ist viel zu kurz gegriffen. Viel grundsätzlicher müßte man sich mal Gedanken darüber machen, wie Demokratien überhaupt funktionieren können ohne die stete fröhliche Selbstbedienung bis zum bitteren Ende. Ich glaube, darauf gibt es bisher keine Antwort.  

Florian Euring / 08.11.2013

Da der Staat diese Abgabe in letzter Konsequenz mit seiner (bewaffeneten) Staatsgewalt eintreiben würde, kann man m.E. sogar von Raub sprechen. Und Raub ist schlimmer als Diebstahl.

Manfred Wetzel / 08.11.2013

Diese Zwangsabgabe ist nichts weiter als Diebstahl. Das System BRD und EU kann sich nur noch durch Diebstahl, Betrug und Enteignung über Wasser halten. Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen der Zwangsabgabe und einem bewaffneten Raubüberfall? Frei nach Brecht gibt es einen. Was ist schon das organisierte Verbrechen im Vergleich zur organisierten Politik?

Friedrich Herberg / 08.11.2013

Hallo Herr Weimer, Sie werden doch nicht ernsthaft glauben, dass der Merkel etwas an der Sozialen Marktwirtschaft liegt. Nachdem sie potentielle Konkurrenten, die wie Friedrich Merz, Roland Koch, Christian Wulf und andere das Prinzip der Marktwirtschaft mit der Muttermilch aufgesogen haben und im Zweifel mit Zähnen und Klauen verteidigen würden, konsequent verdrängt hat, ist sie jetzt nur noch mit Leuten wie Pofalla und Kauder oder Ursula von der Leyen und Julia Klöckner umgeben, die alles tun, um Mutti zu gefallen. Der Finanzministerdarsteller Schäuble vergisst in seinen europapolitischen Träumereien die Grundlagen der Staatstheorie und möchte in seiner Euro-Beflissenheit seinen ehemaligen Mentor Helmut Kohl noch übertreffen. Die CDU ist unter Merkel zu einer schlechten Kopie der SPD mutiert und von ihr ist nichts aber auch garnichts Gutes mehr zu erwarten.

Thomas Mayer / 08.11.2013

Hallo Herr Weimer, wieso schreien Sie nach der Kanzlerin, die nur aus Opportunismus in den Schröder-Jahren die soziale Marktwirtschaft hochgehalten hat, und inzwischen als Raubritter der Kernkraftwerks-Enteignung bekannt ist? Und warum darf der Staat Ihrer bescheidenen Meinung nach Horrorsteuern von 75% pro Monat oder Jahr aufs Einkommen erheben, aber eine einmalige Vermögensabgabe von 10% sei Diebstahl? Ist es für sie entscheidender wo der Räuberstaat abgreift, und nicht wieviel? Was ist eine Vermögensbildung wert, wenn der Räuberstaat willkürlich Vermögen abgreifen kann? Was ist eine Vermögensbildung wert, wenn der Räuberstaat willkürlich Einkommen wegversteuern kann, damit gar nicht erst Vermögen gebildet werden kann? Ehrlich gesagt, wären mir einmalig 10% Vermögensraub im Leben lieber, als ein Leben lang Steuerklasse XXL. Gruß

Helfried Richter / 08.11.2013

Hallo Herr Weimer, alle Ihre Ausführungen sind richtig; nur ein kleines Detail fehlt: Es ist “Diebstahl auf Bestellung” - schließlich haben 70% der Blockparteien-Wähler die Räuber selbst angefordert…

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