Sozialer Opportunismus hat offenbar Überlebenswert, sonst wäre der Mensch im Lauf der Evolution damit nicht so reichlich ausgestattet worden. Aktuell können wir das unter anderem bei den amerikanischen Tech-Giganten beobachten.
Bei der Betrachtung der nationalsozialistischen Machtergreifung im Winter und Frühling 1933 fand ich es stets besonders bestürzend und rätselhaft, wie wenig Gegenwehr es aus der deutschen Zivilgesellschaft gab. Schon im April 1933 begannen deutsche Sportvereine, ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen, und Anwaltskanzleien trennten sich von ihren jüdischen Kollegen. Die „neue Zeit“ fand eilfertige Unterstützer. Das ist heute nicht anders:
Bei Trumps Inauguration als Präsident erwiesen ihm diesmal die meisten Chefs der Tech-Giganten die Ehre ihrer Anwesenheit, und der Amazon-Gründer Jeff Bezos stutzte der Redaktion der ihm gehörenden Washington Post rechtzeitig zum Event die Flügel der journalistischen Unabhängigkeit. Da die neue Administration als entschiedener Gegner von gendergerechter Sprache und Diversity-Programmen bekannt ist, passten zahlreiche Unternehmen zügig ihre internen Richtlinien an. Anwaltskanzleien krochen zu Kreuze, um auch von der neuen Administration Aufträge zu erhalten, Universitäten änderten ihren Umgang mit propalästinensischen Demonstranten, um ihre Zuschüsse aus der Bundeskasse nicht in Gefahr zu bringen.
Im Mittelpunkt steht die Anpassung
Unabhängig davon, als wie brutal oder rechtlich grenzwertig man das Vorgehen von Trumps Administration einschätzt, wirkt das Verhalten vieler Akteure so, als ob nicht die Gültigkeit von Überzeugungen, sondern die Anpassung an veränderte politische Erwartungen im Mittelpunkt stünde. Sollte sich der Zeitgeist drehen und im November 2028 die Trump-Administration bei einem Erdrutschsieg eines linken demokratischen Präsidentschaftskandidaten untergehen, so ist wohl eine erneute eilfertige Anpassung, nur diesmal in die Gegenrichtung, zu erwarten.
Zum Kriegsende 1945 zählte die NSDAP in Deutschland 8,5 Millionen Mitglieder, aber schon wenige Wochen nach der Kapitulation am 8. Mai schien es in den Trümmerlandschaften der Städte nur noch Regimegegner und verhinderte Widerstandskämpfer zu geben.
Die sozialen Mechanismen, die in menschlichen Gesellschaften zur Anpassung an dominierende Zeitströmungen und wahrgenommene Erwartungen führen, sind in Psychologie und Soziologie vielfältig erforscht und sattsam bekannt. In der Wahlforschung spielt das Phänomen der „Schweigespirale“ eine wichtige Rolle: Menschen, die glauben, mit ihrer Meinung in der Minderheit zu sein, halten sich bei Äußerungen unter Bekannten, Freunden und in der Öffentlichkeit eher zurück. Menschen, die sich auf der Seite der Mehrheit wähnen, geben ihre Meinung dagegen eher lauthals kund. Wer zuverlässige Wahlprognosen abgeben will, berücksichtigt diesen statistisch relevanten Effekt.
Opportunismus erleichtert das Überleben
Die Urangst der Menschen vor sozialer Ausgrenzung und dem Verlust des Schutzes der Gemeinschaft ist für diesen Mechanismus verantwortlich. Sozialer Opportunismus hat offenbar Überlebenswert, sonst wäre der Mensch in Lauf der Evolution damit nicht so reichlich ausgestattet worden. Aus diesem Grund ist bei politischen und gesellschaftlichen Debatten auch das Argument „ad hominem“ so beliebt. Fehlt es einem zur Widerlegung einer missliebigen Analyse oder abgelehnten Meinung an sachlichen Argumenten, so bietet es sich an, die Ablehnung einer Meinung oder Analyse auf die Person zu übertragen, die diese vertritt.
So wurde über Martin Luther im April 1521 nach seinem Auftritt auf dem Reichstag zu Worms die Reichsacht verhängt, er war nun vogelfrei. Den weiteren Fortschritt der Reformation hielt das nicht auf, es verewigte vielmehr die Kirchenspaltung.
Mit Argumenten „ad hominem“ konnte auch ich seit 2010 reichlich Erfahrungen sammeln. Ich gehe damit eher locker um. Es offenbart die Schwäche meiner Gegner, wenn sie den sachlichen Austausch verweigern oder in persönliche Herabsetzung flüchten. Aber die Waffe der sozialen Ausgrenzung wirkt natürlich auch: Wer sich zur Ablehnung der Person moralisch ermächtigt sieht, ist der Notwendigkeit enthoben, deren Schriften zu lesen und Argumente anzuhören.
In meinen Erfahrungen als Autor ist es ein wiederkehrendes Muster, dass für meine Lesungen kommunale Vortragssäle gesperrt oder Vorträge abgesagt werden, weil verantwortliche Politiker, die dies so wollen, entsprechend Einfluss nehmen. Ob es ihnen hilft? Ich glaube eher nicht. Der historische Aufstieg der SPD vor dem Ersten Weltkrieg war begleitet von den vergeblichen Versuchen ihrer Behinderung durch Bismarcks Sozialistengesetze. Wer eine Meinung administrativ oder durch soziale Ausgrenzung verhindern will, anstatt auf das bessere Argument zu vertrauen, wird es im demokratischen Austausch auf die Dauer schwer haben, solange ihm nicht die Einrichtung einer Diktatur gelingt.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Züricher Weltwoche.
Dr. Thilo Sarrazin, geb.1945 in Gera, aufgewachsen in Recklinghausen. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Bonn. Er bekleidete zahlreiche politische Ämter und war unter anderem von 2002 bis 2009 Senator für Finanzen im Land Berlin. Sein im August 2010 erschienenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ löste eine anhaltende Diskussion aus und wurde zum meistverkauften deutschen Sachbuch seit 1945.

Zum Faschismus gehört die Verherrlichung von Gewalt, die Gewalt ist das Mittel der Politikführung. Hitler, Mussolini, Franco waren Imperialisten der alten Schule. Die überfielen einfach die Nachbarn, obwohl Hitler selber bekannt hat, daß die Unterwanderung des Staates erfolgreicher ist als der Angriff von Außen. Seine Ideen sind ja auch adaptiert worden, z.B. mit dem „Weg durch die Instanzen“. Mussolini hatte seine Faschistischen Kampfbünde, angelehnt an den antiken Machthaber, wo die Liktoren ein Rutenbündel als Zeichen der Herrschergewalt vor ihnen hertrugen. Heute wird bei der „Aufarbeitung“ der Weimarer Republik gerne die desolate Wirtschaftslage vergessen und die Aufmärsche der KPD. Da gingen 100 Tausende für die KPD und die USPD auf die Straße. Hitler organsisierte die SA, das waren 50.000 Mann und sein schlagkräftiger Kampfbund. Wobei ich gerne mal von einflußreicher Stelle gehört hätte, wie ein Fürsorgeempfänger sich eine so große Privatarmee leisten konnte? Ich weiß es, hätte das aber gerne mal von anderen gehört? Im Unterschied zu heute gab es zwar auch Suppenküchen, aber die „Armen“ sahen immer noch aus wie Menschen, nicht zum Knochengerüst verhungerte, verwahrloste, verdreckte und seelisch zerstört wie die Armen, welche die Sozialfaschisten, die Sozialdemokraten, Kirchen, Gewerkschaften, Antifaschisten, Feministen von der „Teilhabe“ ausgeschlossen haben und auf ihnen herumtrampelt. Diese verrottete Gesellschaft, die auf den Schwächsten herumtrampeln muß, damit sie sich für was besseres halten kann, diese Politikerbrut bringt mich wirklich – zum Kotzen!
Viele Unternehmen ergreifen einfach die Chance, Unsummen verschlingende, Ideologie getriebene und längst gescheiterte Wohlfühlprojekte einzustampfen. Das begann schon deutlich vor der Wahl Trumps. Als ob Unternehmen sich von Richtlinien verabschieden, die ihren Profit steigern. Wenn ein Eigentümer sieht, dass seine Zeitung nicht mehr gekauft wird, weil seine Angestellten Märchen schreiben, statt zumindest ansatzweise die Realität widerzuspieglen, muss er handeln, das hat nichts mit Beschneidung journalistischer Unabhängigkeit zu tun, sondern mit einem Arbeitgeber, der keinen Nonsens bis in den Untergang subventionieren will. Und dann natürlich Nazi Vergleiche,darunter geht es nicht. Schwach, ganz schwach. Was wird der Autor erst sagen, wenn demnächst auch der Klimawandel beerdigt wird, weil keiner mehr für den Hoax weiter zahlen will.
Frau Ilona Grimm, Frau Judith Siart, was haben sie gegen Evolution? Könnte es denn nicht sein, daß sogar Gott sich eine solche zu hilfe nimmt, ja vielleicht sogar muß. Es deutet doch sehr viel darauf hin, daß eine Entwicklung vom afrikanischen Ursprung über den asiatischen Schritt zurück in das europäische Heute stattfand. Selbstverständlich kann die Evolution alleine nicht alle Lebensformen erklären, dazu fehlt es vor allem an Zeit. Aber zu schließen, daß, wenn etwas nicht hinreicht, es nicht zutrifft, ist doch unnötig.
@Judith Siart Sie schreiben: „….. Beweisen Sie doch erst einmal “Ihre„ Evolution. ….“ und: „ …… Wenn das die Krönung “Ihrer„ Denkarbeit sein soll, dann gute Nacht. ….“ – Ich habe den Text von Sarrazin 2 mal gelesen und verstehe Ihren überheblichen Kommentar überhaupt nicht. Sarrazin spricht von Anpassung der Sichtweise und Meinung, Anpassung an Orte und Gepflogenheiten und an Geschehnisse verschiedenster Art. – Sowas „Evolution“ zu nennen, finde ich nicht verwerflich. Das schließt ein, eine körperliche Anpassung – und da reden wir doch von Millionen von Jahren. /// Wenn es jetzt an mir liegt und meinem „ungebildeten“ Zustand und Sie da mehr wissen, dann ändert das nichts daran, dass ich Ihre Sprache rüde und unangemessen finde. beste Grüße
Sozialer Opportunismus kam besonders zum Tragen, als der Mainstream-Mob während „Corona“ gegen „Ungeimpfte“ hetzte. Das ist fortan die Gruppenmoral-Blaupause für andere Themen…
Herr Sarrazin muss jetzt ebenfalls auf anti-Trump machen. Auch eine Form des Opportunismus. Offensichtlich lassen sich in Deutschland ohne USA und Israelkritik keine Bücher verkaufen. Werden sie einfach glücklich mit dem langen Fritz, Herr Sarrazin.
@Judith Siart: Danke für Ihren Treffer: „Beweisen Sie doch erst einmal Ihre Evolution.“ Das kann weder Herr Dr. Sarrazin sonst noch ein Gottleugner. Ich hatte auch überlegt, ob ich darauf eingehen sollte, habe dann aber Ihren Kommentar gelesen. Nochmals Danke! Ich habe schon oft auf „answersingenesis.org“ hingewiesen, bin damit aber meistens nicht durchgekommen. Vielleicht klappt es ja diesmal!