Rainer Bonhorst / 12.11.2017 / 15:12 / Foto: Mvkulkarni23 / 6 / Seite ausdrucken

Sorry, London ist Europas einzige Weltmetropole

Vorab eine Warnung an England-Verächter: Hier kommt ein ziemlich anglophiler Text. Ich beginne damit, den Brexit-Unterhändlern des Kontinents eine simple Medizin gegen ihre gelegentlichen Anfälle von Hochmut zu empfehlen: Einfach mal ein paar Tage London inhalieren. Nicht nur vom Hotel zum Konferenzort und zurück. Sondern richtig rein in die Stadt. Die Atmosphäre mit vollen Zügen genießen. In und mit der Stadt leben. Dann werden sie was merken.

Und zwar dies: Englands Regierung mag noch so absurd und wackelig sein, London, die Stadt, von der aus das Königreich regiert wird, ist von ganz anderem Kaliber.  Nirgendwo in Europa gibt es Vergleichbares an Dynamik, Kreativität und Welterfahrung. Nicht Paris, nicht Berlin und schon gar nicht die anderen auch sehr schönen Hauptstädte des Kontinents. London ist ein Powerhaus wie es ähnlich Eindrucksvolles nur noch außerhalb unseres Kontinents gibt. Wer im niedlichen Brüssel meint, den Giganten an der Themse am ausgestreckten Arm verhungern lassen zu können, der beweist damit nur seinen provinziell verengten Blick.

Ja, es ist eine Schande, dass die Briten mit lächerlich knapper Mehrheit, die nicht mal eine war, für den Brexit gestimmt haben. Es ist ebenso ärgerlich, dass die Brüsseler Provinz-Politiker dies mit einiger Klugheit, weniger kleinkarierter Einmischung ins englische Leben und mit etwas weltmännischer Flexibilität hätten verhindern können und es statt dessen einfach darauf ankommen ließen.

In der Weltstadt London kann man die Leute, die für einen Brexit gestimmt haben, sowieso an ein paar Händen abzählen. Die meisten sitzen als verstockte Nationalisten und Weltreich-Nostalgiker im Parlament von Westminster. Der Brexit gehört sonst fast exklusiv dem Hinterland. Aber es ist geschehen und der gesunde Menschenverstand auf beiden Seiten sollte eigentlich sagen: Machen wir halt das Beste draus. Oder genauer: Versuchen wir das Schlimmste zu verhindern.

Mischung aus Selbstüberschätzung und beleidigter Leberwurst

Aber leider ist diesseits und jenseits des Kanals von gesundem Menschenverstand nicht viel zu spüren. In Brüssel und den kontinentalen Hauptstädten dominiert eine Mischung aus Selbstüberschätzung und beleidigter Leberwurst: Diesen Briten werden wir es zeigen. Und im politischen London übt sich eine angeschlagene, fast taumelnde Regierung in verzweifelter Kraftmeierei. Die jüngste Demonstration einer solchen Kraftpose aus Schwäche: Theresa Mays Ankündigung, dass am 29. März 2019 um elf Uhr abends britischer Greenwich-Zeit beziehungsweise um Mitternacht mitteleuropäischer Zeit auf jeden Fall Schluss ist mit der EU-Mitgliedschaft – egal was bis dahin erreicht oder nicht erreicht worden ist.

Was soll man dazu sagen. Es gehört leider zu den einfachen Wahrheiten, dass Volkswirtschaften meist nicht dank der Politik sondern eher trotz der Politik florieren. Politische Ideologen, „Gestalter“ und Sozialingenieure schaffen oft mehr Probleme als sie lösen. Deswegen bringen sich jetzt Arbeitgeber- und Unternehmensverbände diesseits und jenseits des Kanals ins Spiel. Sie wirken gemeinsam auf die Politiker des Kontinents und der Insel ein, um sie zur Vernunft oder wenigstens zu konstruktiver Arbeit zu animieren. Ihre Erfolgsaussichten sind eher mager. Politische Sturheit ist die vorherrschende Stimmung.

Bleibt das so, dann werden sich beide Seiten blutige Nasen holen. Wieviel teurer die EU nach einem Brexit allein für Deutschland wird, hat sich inzwischen herumgesprochen. Andererseits ist die Vorstellung, dass London nach dem Brexit als lästige Konkurrenz den Bach beziehungsweise die Themse herunter gehen wird, eine kontinentale Illusion. Der eine oder andere Bänker mag nach Paris, in die Stadt der Liebe, nach Frankfurt, in die Stadt des Äppelwoi, oder nach Dublin, in die Stadt der Song-and-Guiness-Pubs abwandern.

Aber London, die einzig wahre europäische Weltmetropole, die Stadt der Weltsprache Englisch, wird daran nicht zu Grunde gehen. Die City, dieses finanzpolitische Kraftwerk, war sowieso nie Teil der Euro-Zone und hat damit prächtig gelebt. Sicher, der Verlust der EU wird ein herber Rückschlag für London sein. Aber das weltgewandte London mit seinem Standing in Amerika und anderswo wird ein mindestens ebenso großer Verlust für die Europäische Union sein. Was uns dann bleibt, ist Brüssel. O Mann o Mann.

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Leserpost (6)
Rolf Oetinger / 13.11.2017

Warum sollte die Brexit-Abstimmung eine “Schande” sein? Es ist ein Zeichen, dass da noch irgend jemand lebt. Sie holen sich ihr Land, die Autonomie zurück!!

Stefan Lanz / 12.11.2017

London oder Brüssel - beide Städte Hort der momentan grösstmöglichen Multikulti-Gesellschaft. Mit muslimischen Stadtteilen, sich die vom Begriff der Ordnung, egal in welchem (Lebens-)Bereich, immer weiter entfernen. Ja, wirtschaftlich stark. Aber die davon profitieren können, schotten sich ab, der Rest kann sich täglich mit den Folgen herumschlagen. Brexit oder nicht: Es ist nicht die Frage, London oder Brüssel, sondern London und Brüssel bilden das ab, was schief läuft in Europa…

Karla Kuhn / 12.11.2017

Brüssel, sitzen da nicht Junker und Genossen ? Sind doch ein wahrhaft “guter Ersatz.”

Hermann Neuburg / 12.11.2017

Aber wenn denn das Hinterland, natürlich nicht das tolle London, für den Brexit gestimmt hat, und London so toll auch ohne die EU auskommt, dann ist das Hinterland in Wahrheit weiser als der etwas bornierte Autor des Artikels! Ansonsten stimme ich zu, London braucht die EU nicht, und das englische Hinterland will sie nicht, warum regt sich der Autor so auf, läuft doch bestens für England mit seiner Hauptstadt. Daher ist nur ein harter Brexit die richtige Entscheidung, dann wird das Hinterland, nicht London, schon mittelfristig Recht behalten, und auch die große arrogante besserwisserische Mehrheit der Deutschen behält Unrecht. Alles wird gut!

mike loewe / 12.11.2017

Sie haben Recht, mit London verliert die EU eine der beiden Alpha++-Städte der Welt (die andere ist New York) nach dem allgemein akzeptierten Ranking des GaWC (Globalization and World Cities Research Network). Einzige der sieben Städte mit dem nächst tieferen Rang Alpha+ in der EU ist Paris. Sechs noch tiefere Alpha-Städte hat die EU, einzige deutsche ist Frankfurt. London ist zwar optisch gesehen arabisch, Burkas und Kopftücher sind allgegenwärtig, aber immer noch Hauptstadt eines zumindest virtuell noch existierenden Weltreiches, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass in über 50 Ländern der Welt Englisch Amtssprache ist. Es war unglaublich naiv von den Konstrukteuren der EU, nur Einstiegsszenarien für weitere Länder vorzusehen, nicht jedoch Szenarien für einen Ausstieg. Nun muss das für diese Dilettanten völlig Überraschende mit viel Improvisation bewältigt werden.

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