Bitte, nehmen Sie nicht an, dass wir nachtragend oder rachsüchtig sind, nur weil wir jetzt mit einer Serie über die Telekom anfangen - 10 Tage nachdem die Telekom unser NOKIA N 95 entsorgt hat. (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/telekom/) Wir sind einfach der Meinung, dass die Ereignisse von 1945 und 1989 nicht genug waren, um Deutschland aus den Klauen totalitärer Systeme zu befreien. Die Telekom ist ein Staat im Staate, unberechenbar, unkontrollierbar und vermutlich auch unregierbar. Falls Sie Erfahrungen mit der Telekom gemacht haben, die Sie mit anderen Telekom-Opfern teilen möchten, schreiben Sie sich den Ärger von der Seele und schicken Sie uns uns die Niederschrift.
Und hier, zum Auftakt unserer Reihe, ein Erfahrungsbericht der Berliner Schriftstellerin (“Das bleiche Herz der Revolution”) Sophie Dannenberg:
VIELE LEUTE halten mich für altmodisch, weil ich keinen Internetanschluß habe, wenn nicht gar für dubios. Sie denken, ich würde, anstatt zu bloggen wie jeder normale moderne Intellektuelle, den ganzen Tag Sloterdijks „Blasen“ lesen. In Wahrheit sitze ich von morgens bis abends im Internetcafé. Das hat seine Gründe. Dabei muß ich jedesmal an das Stundenhotel in Chicago denken, in das ich mich als Rucksacktouristin einmal verirrt hatte. Es gibt dort dunkle, verwirrende Gänge, muffige Teppiche und Hinterzimmer, in denen die Leute verstummen, sobald man eintritt. Der Internetcafébetreiber sitzt am Tresen wie damals der Hotelier, im Gesicht jenen Ausdruck aus Langeweile, Mißtrauen und Verschlagenheit, der besagt, daß er alles Menschliche zwar kennt, aber verachtet, weil er nie genug daran verdient. Er weiß, daß Internetcafébesucher entweder anonym auf besonders perversen Sexseiten surfen, terroristische Verabredungen treffen oder zu den Leuten zählen, die sich in der labyrinthischen Hölle der Telekom verirrten und seither Outlaws ohne Anschluß sind. Zu diesen Leuten (letzteren, will ich sagen), zähle auch ich. „Laßt, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ sollte über der Tür eines jeden T-Punktes stehen. Tut es aber nicht, und auch bei mir fing alles ganz harmlos an.
Eines Tages vergaß ich, meine Telefonrechnung zu bezahlen. Ich bekam zwei oder drei Mahnungen und schließlich die Androhung einer Kündigung. Ich rief bei der Kundenberatung der Telekom an.
„Zahlen Sie einfach schnell die Rechnung“, schlug die Kundenberaterin vor, „und legen Sie die Quittung im T-Punkt vor. Die Kündigung wird dann sofort zurückgenommen.“
Ich beglich die Rechnung am selben Vormittag per Bareinzahlung und ging mit der Quittung in den T-Punkt. Dort wartete ich etwa eine Stunde lang in einer langen Schlange und dachte darüber nach, wie kapitalistische Großunternehmen es schaffen, DDR-ähnliche Zustände zu generieren, und ob die Unterschiede zwischen den Systemen, phänomenologisch betrachtet, vielleicht doch nicht so groß sind. Dabei hätte mir etwas ganz anderes auffallen sollen. Einige der Wartenden vor mir ließen sich Handys und Faxgeräte vorführen, aber andere hielten Zettel in die Luft und stachen mit fuchtelnden Zeigefingern darauf ein, wobei Worte fielen wie „seit drei Wochen“, „Unverschämtheit“ und „schon zum vierten Mal hier“. Aber ich achtete nicht darauf. Leider.
Mein Berater, Herr B., war jung und blond. Er redete sehr hastig und freundlich auf mich ein, rief dann bei der entsprechenden Dienststelle der Telekom an, um mitzuteilen, daß die Rechnung bezahlt sei. Die verantwortliche Mitarbeiterin nahm daraufhin die bevorstehende Kündigung des Anschlusses zurück.
Tags darauf war mein Anschluß beidseitig gesperrt. Ich ging wieder in den T-Punkt, wartete eine gute Stunde in einer langen Schlange zwischen fuchtelnden Zeigefingern und legte Herrn B. abermals die Quittung der Bareinzahlung vor. Er rief ein zweites Mal bei der zuständigen Dienststelle an.
„Die Kündigung ist annulliert“, erläuterte er dann. „Aber die haben vergessen, das der Technik mitzuteilen. Und die hat den Anschluß gesperrt. Tut mir leid. Sie müssen den Anschluß neu beantragen.“
Das tat ich also. Dann hörte ich eine Woche lang nichts. Ich ging zum dritten Mal in den T-Punkt, wartete eine Stunde lang in einer sehr langen Schlange und fragte Herrn B., warum mein Anschluß nicht freigeschaltet werde. Möglicherweise, sagte Herr B., müsse ich erst eine Sicherheitsleistung hinterlegen.
„Wieso“, fragte ich, „muß ich eine Sicherheitsleistung hinterlegen, wenn die Telekom einen Fehler gemacht hat?“
„Stimmt auch wieder“, sagte Herr B. und versuchte, den zuständigen Bearbeiter bei der Telekom zu erreichen. Der war aber nicht da.
Wieder wartete ich einige Tage, erhielt aber von der Telekom statt einer Mitteilung über meinen neuen Anschluß eine Mahnung über einen Teilbetrag der bereits per Bareinzahlung beglichenen Rechnung. Daraufhin rief ich die Kundenberatung der Telekom an und sprach mit Frau R. Sie konnte mir mitteilen, daß meine Zahlung von der Telekom versehentlich auf das falsche Konto gebucht worden war, nun sei das Geld aber umgebucht worden, das Konto also ausgeglichen.
„Der Neuanschluß“, sagte sie, „ist in Bearbeitung.“
Zwei Wochen später erhielt ich einen unfreundlichen Brief der Telekom. Die Bearbeitung und Bereitstellung meines Telefonanschlusses müsse von der Zahlung einer Sicherheitsleistung abhängig gemacht werden, hieß es darin. Weiterhin wurde ich gewarnt, daß „wiederholte Anrufe oder Besuche in den T-Punkten nicht die Bearbeitung beschleunigen“ würden. Kurzum, der von der Telekom angebotene Service durfte von mir just dann nicht in Anspruch genommen werden, als er seinen Zweck erfüllen sollte.
Ich schrieb der Telekom eine Beschwerde und kündigte eine Veröffentlichung des Vorgangs an. Mein Anschluß wurde augenblicklich freigeschaltet.
Dann ging eine Zeitlang alles gut. Ich surfte im Internet wie jeder moderne Mensch, wunderte mich allerdings über die Rechnungen der Telekom. Immer wieder wurden mir darauf Gutschriften in nicht unbeträchtlicher Höhe zugesprochen, aber nicht auf mein Konto überwiesen.
Irgendwann schrieb mir plötzlich eine Anwaltskanzlei, Seiler & Kollegen aus Heidelberg, und drohte mit Gerichtsprozessen, Mahnverfahren etc., wenn ich nicht eine bestimmte Telekom-Rechnung bezahlen würde. Da ich mir keiner Schuld bewußt war, ließ ich das Schreiben in einer großen Schublade verschwinden. Bald schon bekam ich regelmäßig Post der Heidelberger Anwälte. Sie forderten nicht nur irgendwelche Beträge für die Telekom, sondern auch hohe Gebühren für sich selbst. Unterdessen schickte mir die Telekom, neben den Rechnungen, die ich bezahlte, weiterhin hohe Gutschriften.
Eines Tages öffnete ich die große Schublade, ordnete meine Kontoauszüge und die Telekom-Rechnungen und alles andere auch, schrieb lange Listen, tippte stundenlang im Taschenrechner herum und fand schließlich heraus, daß alle Rechnungen bezahlt waren. Es waren nur Mahngebühren in Höhe von 2,69 Euro offen. Ich überwies die Summe und kündigte meinen Anschluß.
Aber eigentlich kann ich mich nicht beschweren. Dank der Telekom bin ich ein ordentlicher Mensch geworden, ein neuer Mensch. Ich besitze jetzt ein großes Aktenregal voller Leitzordner, in denen alles sortiert ist: Versicherungen, Kontoauszüge, Steuererklärungen. Und Telekom-Rechnungen. Mein ganzes Leben halt.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich zwei Jahre später wieder einen Ausflug in den T-Punkt unternahm. Inzwischen gab es einen neuen Flatrate-Tarif, und den wollte ich haben. Ich wartete also etwa eine Stunde lang in einer langen Schlange. Der Berater, an den ich geriet, war blond und redete sehr schnell – es war mein alter Bekannter, Herr B. Er stellte mir einen Flatrate-Vertrag mit WLAN-Anschluß zusammen, konnte aber meine alten, offenbar immer noch gespeicherten Kundendaten nicht abrufen, weil der Computer nicht funktionierte. Er versprach, mir den neuen Vertrag zuzuschicken, sobald der Computer wieder laufe. Das WLAN-Modem, ein Speedport W 502V, gab er mir schon einmal mit. Fröhlich schlenderte ich nach Hause. Die Telekom, dachte ich, ist doch besser als ihr Ruf. Unkompliziert und hilfsbereit. Netter Junge, dieser Herr B.
Kaum war ich zu Hause, klingelte mein Handy. Es war Herr B.
„Sie müssen zurückkommen!“, schrie er in den Hörer. „Sofort! Sie müssen das Modem wieder abgeben!“
„Wieso?“ fragte ich. Ich dachte an einen Materialfehler, an Explosionen, ausströmende Gifte und gefährliche elektromagnetische Wellen, die aus der Antenne des Modems drangen und jedem im Umkreis von drei Metern das Gehirn kochten.
„Ich habe Ihre Kundendaten jetzt vorliegen“, sagte Herr B. mit bebender Stimme. „Und Sie sind gesperrt!“
„Aha“, sagte ich. Ich fühlte eine dumpfe Leere im Kopf. Gab es etwa, dachte ich, einen dunklen Punkt in meiner Vergangenheit, von dem ich selbst nichts wußte, wohl aber die Telekom? Gab es so eine Art Schuldgefühl-Schufa, die alle Verfehlungen speichert und an die Telekom weitergibt? Zum Beispiel die vielen vergessenen Geburtstagsanrufe bei meiner Oma?
„Ich darf den Vertrag mit Ihnen nicht abschließen“, drohte Herr B., „Sie müssen das Modem wieder abgeben! Sofort!“
„Ja, äh, morgen vielleicht“, murmelte ich, um Zeit zu gewinnen.
„Nein!“, schrie Herr B., „Sofort!“
„Wieso bin ich denn gesperrt?“, fragte ich. Ich beschloß, sofort meine Oma anzurufen.
„Das müssen Sie den Kundenservice fragen!“
„Aber Sie sind doch der Kundenservice“, sagte ich.
„Sie müssen das Modem sofort zurückbringen!“, antwortete Herr B.
Ich rief beim Kundenservice an, landete für einige Zeit in der Warteschleife und erfuhr schließlich, daß ich irgendwann, vor langer Zeit, eine Rechnung in Höhe von 6,96 Euro nicht beglichen haben soll. Ich wollte mich nicht streiten und machte den Vorschlag, die Summe doch einfach von meinem Konto abzubuchen, denn mit dem neuen Vertrag hatte ich eine Einzugsermächtigung erteilt.
„Das geht nicht“, sagte der Kundenberater. „Der Vertrag und damit die Einzugsermächtigung kann nicht in Kraft treten, bevor Sie die 6,96 Euro überwiesen haben.“
Kaum hatte ich aufgelegt, rief mich Herr B. an.
„Sie müssen das Modem sofort zurückbringen!“, schrie er.
Ich beruhigte ihm und erklärte, daß ich bereit sei, die 6,96 Euro zu überweisen. In der Zwischenzeit könne er ja den Vertrag endlich ausdrucken und abschicken. Herr B. war den Tränen nahe. Ich müsse das Modem sofort zurückbringen, wiederholte er immer wieder. Wenn ich dann die 6,96 Euro überwiesen hätte, dürfe ich es auch gleich wieder abholen, noch am selben Tag.
Ich brauchte jetzt erst einmal eine Pause und traf mich mit meinem Freund Sascha im Stehcafé. Sascha liebt Stehcafés, aber weil ich lieber sitze, treffen wir uns immer in einem Stehcafé mit Sitzen und sehen den anderen Leuten beim Stehen zu. Kaum hatte ich Platz genommen und angefangen zu reden, explodierte Sascha.
„Telekom?!“, rief er, „sagtest du Telekom?“ Seine Fingerknöchel wurden weiß, als er die Kaffeetasse packte. Er kippte den Cappucchino herunter wie Schnaps. Dann erzählte er mir seine Geschichte.
Er hatte für seine Zweitwohnung einen Flatrate-Vertrag mit WLAN-Anschluß bei der Telekom beantragt, aber statt den Anschluß für die Zweitwohnung freizuschalten, hatte ihm die Telekom nur das Modem zugeschickt und dann neue Zugangsdaten für die Erstwohnung erstellt. Jetzt kam er nicht mehr ins Internet, und nicht nur das, seine ganze Telefonanlage funktionierte nicht mehr. Den Grund erfuhr er aber erst, nachdem er einige Tage lang von seinem Handy aus versucht hatte, die Service-Warteschleife, die sich als unüberwindbarer erwies als die Berliner Mauer, zu durchbrechen.
Der Auftrag, sagte man ihm, sei „wohl irgendwie im Computer hängengeblieben.“ Das mit den neuen Zugangsdaten hingegen konnte ihm keiner erklären. Er mußte daraufhin auf eigene Kosten einen Computerexperten beauftragen , der ihm das Netzwerk neu konfigurierte. Den Telekom-Auftrag für die Zweitwohnung zog er daraufhin zurück, hatte jetzt aber ein nigelnagelneues Modem, ein Speedport W 502V, das gleiche wie ich, und wußte nichts damit anzufangen. Eine Weile überlegten wir, ob wir dem armen Herrn B. nicht einfach beide Modems zurückbringen sollten, aber irgendwie hatte ich keine Lust dazu.
Statt dessen schrieb ich der Telekom einen Brief und machte den Vorschlag, die 6,96 Euro doch einfach mit den vielen Gutschriften zu verrechnen, die noch immer uneingelöst in einem meiner vielen neuen Leitzordner warteten. Ich nannte meine Kontonummer und bat um die Überweisung von 916,27 Euro, abzüglich meiner angeblichen Schulden von 6,96 Euro.
Ich hörte dann nie wieder von der Telekom, und auch nie wieder von Herrn B.
Kürzlich schloß ich einen neuen Vertrag ab, einen Flatrate-Vertrag mit WLAN-Anschluß, aber nicht bei der Telekom, sondern bei O2. Alles ging sehr schnell. Der Techniker kündigte sich an, er wollte am Freitag kommen, zwischen acht und vierzehn Uhr. Ich wartete sechs Stunden lang, aber der Techniker kam nicht. Später fand ich einen Zettel im Briefkasten, er sei um 14:45 dagewesen, ich solle einen neuen Termin machen.
Ich rief daraufhin bei O2 an und bekam, nach einigen Minuten Warteschleife, einen freundlichen Mitarbeiter an den Apparat. Es stellte sich heraus, daß der Techniker, weil er sich verspätet hatte, den Anschluß einfach von außen freigeschaltet hatte. Leider den falschen.
„Das tut mir jetzt leid“, sagte der freundliche O2-Mitarbeiter“, „da muß der Techniker wohl noch mal kommen. Aber diesmal müssen Sie ihn bezahlen.“
Er nannte einen Preis von knapp 90 Euro.
„Warum soll ich den Techniker bezahlen?“, fragte ich. „Das alles war doch nicht meine Schuld. Geben Sie doch bitte die Freischaltung einfach noch einmal in Auftrag. Schreiben Sie, es habe einen Fehler gegeben.“
„Ich habe leider keinen Einfluß darauf“, sagte der freundliche O2-Mitarbeiter. „Die Freischaltung haben wir ausgelagert, das macht eine andere Firma. Und die verlangt Barzahlung vom Kunden. Ich kann das hier im Computer nicht anders eingeben.“
„Um welche Firma handelt es sich denn?“, fragte ich. Ich spürte etwas, eine Art Summen, es klang wie die Exekutionsmaschine aus Kafkas Strafkolonie und schien langsam näher zu kommen.
Der Mitarbeiter räusperte sich.
„Es handelt sich um die Telekom“, sagte er.