Vera Lengsfeld / 23.08.2020 / 07:47 / Foto: Pixabay / 6 / Seite ausdrucken

Sonntagslektüre: Die Ruhe vor dem großen Sturm

Das Leben des 1932 in der rumänischen Bukowina geborenen israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld ist selbst ein Roman. Er verbrachte seine glückliche frühe Kindheit in einem gutbürgerlichen Haushalt in Czernowitz, bevor seine Mutter, als er acht Jahre alt war, von rumänischen Antisemiten ermordet wurde und er mit seinem Vater aus dem Ghetto in ein Zwangsarbeitslager gebracht und von ihm getrennt wurde.

Aharon, der fließend Deutsch, Jiddisch und Ukrainisch sprach, gelang die Flucht. Er versteckte sich in den Wäldern und verdiente seinen Lebensunterhalt als Gelegenheitsarbeiter auf rumänischen Bauernhöfen. Da er blond und blauäugig war, gelang es ihm dank seiner Sprachkenntnisse, sich als Ukrainer auszugeben. Als die Rote Armee vorrückte, schloss er sich ihr als Küchenjunge an. Er blieb bis zum Kriegsende bei der Armee. Ein Jahr danach ging er mit einer Aussiedlergruppe nach Palästina. Erst in den 50er Jahren erfuhr er, dass auch sein Vater den Krieg überlebt hatte. Die beiden trafen sich wieder, als es dem Vater gelang, aus der Sowjetunion nach Israel auszureisen.

Appelfelds Werken ist anzumerken, wie sehr ihn seine kurze und glückliche Kindheit für das ganze Leben gestärkt hat. Sie hat auch sein Schreiben beeinflusst.

„Im Lauf meines Lebens kehrte ich immer wieder in das Haus meiner Eltern in der Stadt und das Haus meiner Großeltern in den Karpaten zurück… aber das ist nicht ganz richtig. Denn die Häuser meiner Eltern und Großeltern sind fast immer um mich, obwohl es sie schon lange nicht mehr gibt.“

Szenen des letzten Sommerurlaubs

In seinem Buch „Meine Eltern“ beschreibt Appelfeld die untergegangene jüdische Welt seiner Kindheit in meisterhaften Szenen anhand des letzten Sommerurlaubs mit seinen Eltern am Ufer der Pruth, wo sich seit Jahren überwiegend säkularisierte Juden während der Sommerferien versammelten.

Seine Schilderungen sind so lebendig, dass die Menschen vor den Augen auferstehen: Die schlanken jüdischen Mädchen, die mit der Strömung des Flusses spielen und mit silbrigen Wassertropfen bedeckt aus seinen Fluten steigen, P., die hingebungsvoll ihre schönen Beine pflegt, aber todunglücklich ist, weil ihr Liebhaber sie verlassen hat, der Einbeinige mit der Militärmütze, der immer etwas abseits sitzt und außer mit P. mit fast niemandem spricht, der Schriftsteller Körner, der tagsüber in seiner Klause sitzt und mit dem nächsten Kapitel kämpft und nur abends erscheint, Gusta, die von einem Prinzen geliebt wurde, der sich schließlich umbrachte, weil sie ihn nicht wieder liebte, die Opernsängerin, die am Pruth nach gelungener Krebsoperation ihre Stimme wiederfindet, der Sanitäter Slobo, der den großen Krieg mitgemacht hat und den nichts mehr schreckt, die Wahrsagerin Rosa, die ihr Handwerk von Zigeunerinnen gelernt hat und mit ihren Prophezeiungen meist richtig liegt und schließlich der Arzt Dr. Zajger, der seine Patienten mehr liebt als das Geld. Eine besondere Rolle spielt Tante Julia, die nach einer gescheiterten Liebe in einem einsam gelegenen Haus weiter unten am Fluss lebt, vormittags ihren Garten bearbeitet und nachmittags Marcel Proust oder Thomas Mann liest und Bach hört.

Sie alle genießen den Sommer, der prächtig ist, obwohl sich die Schatten kommenden Unheils schon bemerkbar machen. Die Sommerfrischler haben ihre Hütten von ukrainischen Bauern gemietet, von denen sie auch versorgt werden. Aber die Vermieter verbergen ihre Verachtung gegenüber ihren Mietern nur selten. Es kommt wegen des ausbleibenden Regens während einer Bittprozession sogar zu einem kleinen Pogrom, bei dem P. und eine andere Frau verletzt werden.

Auch Gerüchte vom bevorstehenden Krieg machen die Runde und werden eifrig diskutiert. Alle spüren irgendwie, dass ihre Zeit zu Ende geht. Manche sind so besorgt, dass sie früher abreisen, andere sind der Meinung, dass die Juden immer viel zu ängstlich seien und überall Unheil wittern.

Die Mutter neigt dazu, den Unheils-Gerüchten zu glauben

Die Eltern des zehnjährigen Erwin, aus dessen Perspektive das Sommerstück geschildert wird, sind gespaltener Meinung. Die Mutter neigt dazu, den Unheils-Gerüchten zu glauben, der Vater lehnt sie ab. Auch das zweitwichtigste Diskussionsthema, was dem Menschen bleibt, wenn er nicht mehr an Gott glaubt, wird von den Eltern unterschiedlich beantwortet. Die Mutter ist gläubig und betet jeden Tag, der Vater hat Gott schon vor Jahren verloren, hadert aber mit sich, weil er nicht weiß, wie er die entstandene Leere füllen soll.

Schließlich reisen auch die Eltern vorzeitig ab. In unsicheren Zeiten will die Mutter lieber in ihrem gemütlichen Haus sein, mit dem schönen Salon, in den man sich wie in ein Schneckenhaus zurückzieht und in dem einem kein Ungemach widerfahren kann.

Erwin muss wieder in die Schule, wo der Raufbold Pjotr schon auf ihn wartet, um den Scheiß-Juden zu verprügeln. Aber diesmal wehrt sich Erwin. Sein Vater hat den Sommer lang mit ihm trainiert, besonders Boxen. Erwin kommt angeschlagen, aber als Sieger nach Hause. Man ahnt an dieser Stelle, was Appelfeld befähigt hat, das kommende Unheil zu überleben.

Zu den kommenden großen Veränderungen, die sich ankündigen, gehört der Konkurs der väterlichen Fabrik. Bei der Beerdigung des Einbeinigen sehen sich die Sommerfrischler noch einmal wieder. Keiner hatte gewusst, wie reich der Mann, den niemand so recht gemocht hatte, wirklich war. Schon am Ufer der Pruth hatte er Bedürftigen immer mal mit Geld ausgeholfen. Nun wird bekannt, dass er in seinem Testament verfügt hat, seinen Besitz zu verkaufen und das Geld unter die Armen der Stadt, die er sorgfältig aufgelistet hat, zu verteilen. Der Fonds würde noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte ausreichen, um die Not der Besitzlosen zu lindern. Keiner der Trauergäste ahnte, dass es nur noch ein Jahr dauern würde, bis der Krieg begann, der sie und ihre Welt unwiederbringlich zerstören würde.

Aharon Applefeld: Meine Eltern. Erschienen bei Rowohlt. Dieser Beitrag erscheint auch auf Vera Lengsfeld.de

Foto: Pixabay

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B. Oelsnitz / 23.08.2020

Die Ruhe vor dem großen Sturm, welch eine feinsinnig gewählte Überschrift für die Sonntagslektüre. Man erfährt eine Geschichte, die sich vor Jahrzehnten ereignete, und dem aufmerksamen Leser kommen automatisch gewisse Gleichnisse in den Sinn, ohne daß der unmittelbare Vergleich zulässig sein mag. Was mag sich die Erzählerin wohl gedacht haben?

Harald Unger / 23.08.2020

@ Andreas Hofer, Ihre Antwort, die gewiss für die überwältigend große Mehrheit der Deutschen/Engländer/Franzosen steht, belegt stellvertretend, das alles wird solange weitergehen, bis der erste West-EU Staat unter der Last von Invasion und Kriminalität zusammenbricht und den Domino-Effekt auslöst. Es sei denn, es kommt zuvor zum Kaskaden-Blackout in D., dann geht’s noch schneller. - - - Sie brauchen sich allerdings nicht weiter darum kümmern, denn im Falle der sodann einsetzenden Ausschreitungen und Exzesse von vielen Millionen beutegieriger Schutzsuchender, wählen Sie einfach die 110. Dann kommt die Polizei zu Ihnen und kümmert sich, ist doch klar.

Andreas Hofer / 23.08.2020

@Herrn Unger. Ich finde, Sie übertreiben. Die Einwanderung ist m.E. auch nur Mittel zum Zweck einer Entstaatlichung der Bundesrepublik bzw. aller Nationen, die dich das gefallen lassen. Diese Entstaatlichung ist aber eher Ziel von Mega-Konzernen. Der Erfolg der Merkel-Politik hängt ja damit zusammen, dass man diese Entstaatlichung als Anti-Rassismus oder Anti-Nationalismus den sogenannten Linken verkaufen kann. Die greifen bereitwillig den Köder, bekommen ihre paar Brotkrumen ab - wenn sie richtig klever sind, werden sie sogar Beamte, ein Millionengewinn! - werden dann aber genau wie alle anderen im eiskalten Wind des totalglobalisierten Kapitalismus stehen und realisieren, dass unser Sozialsystem dort nicht mehr zu halten ist. Und alle, die aufschrecken, wenn man mal sagt: “Ich bin der Meinung, dass die Menschen in erster Linie für sich selbst sorgen müssen!”. Also alle, die dann fragen: “Willst Du etwa amerikanische Verhältnisse?”, ja, die bekommen dann genau das. Amerikanische Verhältnisse mit deutschen Steuern.

Marie-Luise Brehm / 23.08.2020

Herr Appelfeld war mir bislang nicht bekannt, doch hat auch mich Ihre Literaturempfehlung neugierig gemacht. Danke, Frau Lengsfeld.

Werner Arning / 23.08.2020

Wie spannend und einfühlsam geschildert, Frau Lengsfeld. Morgen kaufe ich das Buch. Und Sie haben recht. Ein starkes Fundament, bestehend aus gegenseitiger Liebe und Respekt, stärkt einen Menschen derart, dass es ihn imstande setzt, selbst schwierigste Lebensumstände zu meistern und nicht daran zu verzweifeln.

Harald Unger / 23.08.2020

Vielen Dank, Vera Lengsfeld, für die Literaturempfehlung. - - - “Keiner der Trauergäste ahnte, dass es nur noch ein Jahr dauern würde, bis der Krieg begann, der sie und ihre Welt unwiederbringlich zerstören würde.” - - - Im Jahr 5 nach der Preisgabe Deutschlands an die islamische/afrikanische Invasion, sind wir in der zeitgeschichtlichen Entsprechung des Jahres 1938 angekommen. In seiner diametralen Umkehrung. Die große Mehrheit, mittels Gender-Klima-Rassismus-Virus an der infantilisierten Kandare gehalten, macht sich überhaupt keine Vorstellung von der höchsten Gefahr auf Messers Schneide, unter der sie stehen. Weder bemerken noch begreifen sie die millionenfache, zahlenmäßige Übermacht, der unserer Kultur ausgesprochen feindlich gesonnenen Invasoren, zu allen Polizeien und den Restbeständen dessen, was einmal eine Armee war. - - - Noch gelingt es dem Merkel-Regime und seinen Medien, die überall aufflammende Gewalt gegen die Schwächsten aus unserer Mitte, z.B. das systematische Kriegsverbrechen der Massenvergewaltigung, in der bestens funktionierenden Schweigespirale zu versenken. Während die islamischen Terrorgruppen, ungehindert und mit allem Geld der Welt, ihre Kriegslogistik in D. in Stellung bringen. Auf den Tag X wartend, wenn sie die Führung der allumfassend vernetzten Invasoren übernehmen. Die sich einen Straßenzug nach dem anderen vornehmen werden. Haben sie doch in ihren Moscheen seit Jahren gelernt, daß das alles ihnen gehört.

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