Vera Lengsfeld / 27.09.2020 / 10:00 / 7 / Seite ausdrucken

Sonntagslektüre: Der Angstfresser

An einem der letzten schönen Sommertage diesen Jahres fand im Schloss Schönhausen in Pankow eine für dieses Ambiente eher ungewöhnliche Lesung statt. Veranstalter waren die Buchhandlung Buchsegler in der Pankower Ossietzkystraße, die regelmäßig Lesungen im Schloss organisiert, und die Robert-Havemann-Gesellschaft, eine der wenigen kleinen Gruppen, die sich noch um die Verfolgten des SED-Regimes kümmern.

Grit Poppe las aus ihrem neuen Roman „Angstfresser“, in dem sie die Folgen der schrecklichen Zustände in den DDR-Jugendwerkhöfen oder Jugendgefängnissen – ja, die gab es auch, sogar für Kinder – schildert. Im prächtigen Ballsaal waren leider nicht alle der im großen Abstand aufgestellten Stühle belegt. Hauptsächlich waren Zuhörer gekommen, die sich ohnehin mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur beschäftigen. Dabei wäre Poppes Buch gerade für die wichtig, die den Sozialismus immer noch für eine gute Idee halten, die nur noch nie richtig ausgeführt wurde.

Poppe hat sich schon in ihren früheren Büchern mit dem Thema Jugendwerkhöfe befasst. Ihr kommt das große Verdienst zu, erreicht zu haben, dass eines der düstersten Kapitel der DDR-Realität nicht unter den Teppich gekehrt wurde. Wie leicht das hätte der Fall sein können zeigt die traurige Tatsache, dass einer der übelsten „Sonderpädagogen“, Eberhard Mannschatz, verantwortlich für die menschenverachtenden Zustände in den Jugendwerkhöfen, nach der Wiedervereinigung gebeten wurde, für ein Fachbuch der evangelischen Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg ein Kapitel zu liefern. Erst nach heftigen, öffentlichkeitswirksamen Protesten war die Hochschule bereit, ihren Fehler einzuräumen.

Am eigenen Leib erfahren

Poppes Hauptfigur Mira hat die Segnungen der Jugenwerkhof-Pädagogik drei Jahre lang am eigenen Leib erfahren, aber sie kann sich nicht mehr daran erinnern. Sie erinnert sich überhaupt kaum an ihr früheres Leben. Jetzt ist sie eine dreißigjährige Frau, nennt sich Kyra und ist von diffusen Angstattacken geplagt, die sie körperlich stark mitnehmen. Die Ärztin ist hilflos und verordnet Medikamente, die beruhigend wirken sollen, aber vor allem zwischen Kyra und die Welt eine Art Sperrmauer bilden. Poppe schildert die Angstzustände so meisterhaft, dass man als Leser unwillkürlich an Gustave Flaubert denken muss. Der hatte bei der Schilderung von Emma Bovarys Arsen-Vergiftungssymptomen selbst unter solchen gelitten. Hoffentlich ging es Poppe nicht ähnlich.

Kyra findet in ihrem Briefkasten immer wieder Flyer einer chinesischen Heilerin. Als sie der Frau zufällig auf einem Markt begegnet, stimmt sie zu, sich von ihr helfen zu lassen. Die Heilerin behauptet, ein spezielles Mittel für Kyra zu haben. Es handelt sich um einen Parasiten, einen Hirudo Timor, gezüchtet von Li Lings Vater in China, der einem Menschen, dessen Blut er saugt und mit seinen Sekreten versorgt, die Angst nimmt. Lings Vater hat damit erfolgreich Menschen von ihren Traumata geheilt, die sie in chinesischen Umerziehungslagern erlitten haben. Deshalb wird er in China verfolgt und schließlich ermordet. Von Ling erfährt Kyra Bruchstücke über den Umgang des chinesischen Regimes mit seinen Dissidenten. Die werden wegen Nichtigkeiten zum Tode verurteilt, anschließend ausgeschlachtet und ihre Organe verkauft. Das haben Sie noch nie gehört? Eben. Der Organhandel ist ein zu lukratives Geschäft, als dass unbequeme Fragen gestellt würden. Von chinesischen Organen profitieren auch europäische Kranke. Da hatten wir in der DDR noch Glück, dass die ihre politischen Gefangenen lebend und intakt für Devisen verkaufte.

Kyra beginnt mit dem seltsamen Tier zu leben, die Angstzustände werden weniger, der Blutdruck sinkt, aber sie bekommt Halluzinationen. Erst als sie Leonhard begegnet, nähert sie sich ihrem früheren Leben.

Erinnerungen an ihre zerstörte Jugend

Leonhard ist eigentlich Hans, der die 15-jährige Mira 1986 überredete, die Leiter ihrer Eltern zu besorgen, die ihm als Fluchthelfer über die Berliner Mauer dienen sollte. Er, der viel Ältere, ignoriert die Gefühle des verliebten Mädchens und lässt sie, ohne sich umzudrehen, einfach zurück. Ihm gelingt die Flucht, es fällt ein einziger Schuss, der gilt aber nicht ihm. Hans denkt nicht nach, was der Schuss zu bedeuten hatte, er verdrängt alle Gedanken an Mira, bis er nach dem Mauerfall von Miras Vater, der sein Freund gewesen ist, erfährt, dass Mira verhaftet worden war und im Jugendwerkhof gelandet ist. Es dauert aber noch Jahre, bis er sich auf die Suche nach Mira macht und sie durch einen Zufall auch findet. Mit seiner Hilfe gelingt es Mira, die Erinnerungen an ihre zerstörte Jugend zurückzuholen und damit zu überwinden. Was die Leser en passant über die Zustände in den Jugendwerkhöfen erfahren, ist so haarsträubend, wie es die Wirklichkeit war.

Gibt es ein Happy-End? Es spricht für Poppes Meisterschaft, dass sie darauf verzichtet hat. Sie lässt Mira und Hans am Schluss noch einmal die Strecke gehen, die sie am Abend von Hans’ Flucht zurückgelegt haben. Auf dem Friedhof, wo Hans sie damals zurückgelassen hat, zieht Mira plötzlich eine Pistole und fordert ihn auf, zu fliehen. Poppe überlässt es der Phantasie der Leser, was dann geschieht.

Mir bleibt nur zu wünschen, dass Grit Poppe ihr beachtliches Schreibtalent in Zukunft auch für andere Themen benutzt. Ihr wäre ein größeres Publikum zu wünschen.

Grit Poppe: Der Angstfresser. Mitteldeutscher Verlag.

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Leserpost

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herbert binder / 28.09.2020

@ Klausgerd…Hallo, lieber Herr Trebnitz. Zur Zeit lese ich mit großem Vergnügen “Artur Lanz” von Monika Maron, ebenfalls - wie Sie bestimmt wissen - von Frau Lengsfeld sehr positiv besprochen. In einem kleinen Kommentar schrieb ich, allerdings zu dem hier auf der Achse über dieses Buch erschienen Artikel von Erik Lommatzsch: “Ein Lanz, auf den ich mich freue…daß mir sowas nochmal passiert”. Nebenbei. Den Maulkorb so weit wie möglich zu vermeiden, das ist auch bei mir ein hohes Ziel. Den Kauf bestimmter Güter (z.B. Klamotten, um nicht zu sehr “abgerissen” zu sein und zu wirken) schiebe ich einfach hinaus, in der Hoffnung, daß es doch mal wieder bessere Zeiten gibt - obwohl ich die Aussichten darauf für eher finster halte.  

Gert Köppe / 27.09.2020

Da ich selbst in der DDR geboren und aufgewachsen bin kenne ich die “Sozialistischen Verwahrungsanstalten”, nicht weil ich dort “eingesessen” habe, aber Umgang mit Menschen hatte, die betroffen waren und das durchmachen mussten. Die Schlimmsten waren die Stasi-Gefängnisse, die Jugend-Werkhöfe und der Militär-Knast in Schwedt. In diesen “Einrichtungen” durften die Insassen die ganze Heuchelei über “Humanität” und “Menschenfreundlichkeit” des sozialistischen Systems leibhaftig erfahren. Dort sollten Menschen systematisch “gebrochen” werden. Jeder der den Sozialismus wieder haben möchte ist, in meinen Augen, entweder ein Profiteur, ein Mittäter, oder hat einfach tierisch einen an der Waffel. Jeder von diesen Sozialismus-Träumern sollte sich im Klaren sein das es sich um eine totalitäre Diktatur handelt, in der Kollektivismus verordnet ist und der Einzelne einen Dreck Wert, er zählt nicht. Erst recht nicht wenn er nicht “Systemkonform” ist und sich bedingungslos unterordnet. @ Klausgerd Trebnitz: Geht mir genauso, nur auf Arbeit, so wenig wie möglich und zum Einkaufen, aber nur was unbedingt nötig ist, wie Lebensmittel. Alles Andere lasse ich mir schicken, oder verzichte einstweilig. Mit dem Verzicht habe ich, als ehemaliger DDR-Bürger keine Schwierigkeiten. Das musste ich früher auf so Vieles. Wichtiger ist mir das der Scholz auch auf die Umsatzsteuer meiner Nichtkäufe verzichten muss. So lange die “Gesichtswindel” bleibt, so lange bleibe ich ebenfalls stur. @ Jörg Themlitz: Sehr schön geschrieben. Ich stimme Ihnen hier vollkommen zu. Der Sozialismus IST der Fehler.

Peter Wachter / 27.09.2020

Im ÖR sah ich mal vor Jahren eine Doku über die Insassen der Zuchthäuser in der DDR, dort MUSSTE man für die Versandhäuser von Westdeutschland arbeiten ! (diesmal keine Quelle, bin zu faul zum suchen und interessiert eh niemand)

Julius Schulz-Heggenbrecht / 27.09.2020

Es ist unglaublich dumm, zu behaupten, der Sozialismus sei ein “an sich gutes, menschliches System, das nur noch nie richtig ausgeführt wurde”. Sozialismus ist immer unmenschlich, ganz egal, ob er sich “national” nennt oder “international”. Seit einhundert Jahren wurde nun fast überall auf der Welt mit dieser irrsinnnigen “sozialistischen Gesellschaftsordnung” experimentiert, und alle diese Experimente endeten im Grauen und im Verfall. Ein Beispiel für die Unmenschlichkeit dieses Systems waren die Jugendgefängnisse in der DDR. Kinderheime, “Spezialkinderheime” (der “Komplex Spezialheime” unterstand direkt Margot Honecker), Jugendwerkhöfe, Jugendstrafvollzugsanstalten ... Schon Kinder wurden eingesperrt und “umerzogen” - meist durch sogenannte “Arbeitserziehung”, was im Klartext unbezahlte Schwerstarbeit bedeutete. Ich kenne das Kinderheim-System der DDR aus eigenem Erleben. Ich wünsche all den Dummköpfen, die den Sozialismus für eine “gute Idee” halten, dass sie per Zeitmaschine zurückversetzt und für den Zeitraum von einem Jahr in ein Kinderheim in der damaligen DDR eingesperrt würden ... Danach wären sie für alle Zeiten von Sozialismus-Träumen kuriert.

Uta Buhr / 27.09.2020

Ich habe auch aus erster Hand - oder besser erstem Munde - von diesen Höfen erfahren, in die Menschenverachtung des real existierenden Sozialismus seinen Zenit erreichte. Hoffentlich lesen jene das Buch, die sich die wunderbaren DDR-Verhältnisse so sehnlich herbeiwünschen. Übrigens, liebe Frau Lengsfeld, es heißt “dieses” und nicht diesen Jahres. Auch wenn dieser Fehler sich gerade in diesem immer dümmer werdenden Land einnistet, ist er doch ein sehr grober grammatikalischer Fehler. Dass nun gerade Ihnen, einer so exzellenten Schreiberin, dieser faux pas unterläuft, ist mehr als verwunderlich…

Klausgerd Trebnitz / 27.09.2020

Interessant zu lesen, Frau Lengsfeld, und danke für den Lesetipp. Was die Besucherzahlen angeht: Ich gehe nur noch zur Arbeit und zum Einkaufen - alles Andere spare ich mir, da ich den Maulkorb vermeide, soweit es möglich ist, und auch nicht in absurd gestaltetem, tristem Ambiente sitzen möchte. Vielleicht halten es andere auch so.

Jörg Themlitz / 27.09.2020

Der Kapitalismus hat viele Fehler. Über die man diskutieren kann. Manche Fehler kann man korrigieren, manche Fehler kann man nicht korrigieren. Der Sozialismus hat einen Fehler. Der Sozialismus.

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