Es gibt Momente, in denen die Wirklichkeit den politischen Betrieb nicht nur einholt, sondern mit eingeschaltetem Blaulicht überholt, dann an der nächsten E-Auto-Ladesäule stehenbleibt und fragt, ob jemand ein Typ-2-Kabel dabei hat. Ein solcher Moment ereignete sich regelmäßig auf der traditionsreichen europäischen Leidensstrecke Brüssel-Straßburg. Es ist eine 440 Kilometer lange Wallfahrt der Verantwortung und Ich-bin-Wichtigkeit, bei der EU-Kommissare, Kabinettsmitarbeiter und sonstige Erleuchtete regelmäßig prüfen, ob der Binnenmarkt noch da ist, wo man ihn neulich vergessen hat.
Die monatlichen Plenarsitzungen finden in Straßburg statt, Ausschüsse und Fraktionsarbeit laufen überwiegend in Brüssel, das Generalsekretariat sitzt in Luxemburg. Im Rahmen des EU-Verkehrs-Beschaffungsprogramms müssen jeden Monat tausende Verantwortungsträger inklusive Akten, Fahrer, Dolmetscher und nun auch elektrische Dienstwagen mehrere Grenzen überwinden, darüber unter anderem auch die der Physik.
Die Dienstwagen der höheren EU-Chargen sind Teil des Versuchs der Kommission, den eigenen Betrieb nachhaltigkeitsgesalbt zu machen und der Mobilitätswende entschlossen elektrisch vorauszufahren, auf dass die Welt ihrem heroischen Vorbild folgen möge. Die Initiative „Emissionsfrei bis 2027“ wurde 2022 von Ursula von der Leyen in ihrer ersten Amtszeit gestartet und im vergangenen Dezember bekräftigt: Die 128 Fahrzeuge umfassende Autoflotte für die Brüsseler Nomenklatura soll bis 2027 vollständig emissionsfrei sein. Nach Angaben eines Kommissionssprechers sind mittlerweile rund 80 Prozent der Fahrzeuge elektrifiziert.
Bis zu sieben Stunden für 440 Kilometer
Frau von der Leyen beschafft gerne auch Dinge, von denen kein Mensch wusste, dass er sie braucht. Als deutsche Verteidigungsministerin ließ sie Umstandskleidung für Soldatinnen testen, als EU-Kommissionspräsidentin lässt sie die Nerven der Kommissare mit Elektro-Dienstwagen testen. Die Umstandskleidung wurde in einem „Trageversuch“ von 60 Soldatinnen geprüft, der Fahrversuch für die Elektroautos verteilt sich auf fünf Exekutiv-Vizepräsidenten, eine Hohe Vertreterin/Vizepräsidentin und 20 weitere Kommissare nebst ihrer Entourage. Und so zischen sie zwischen Brüssel, Luxemburg und Straßburg hin und her wie die elektrischen Filtzer meiner ersten Carrera-Bahn zwischen den Stühlen in der Küche. Theoretisch.
Die frohe Botschaft lautet: Die EU fährt elektrisch. Die weniger frohe: Sie kommt nicht an. Die Brüsseler Mobilitätswende wird täglich neu ausgehandelt und befindet sich in einem dynamischen Gestaltungsprozess mit temporär erhöhten Raststättenaufenthalten. Darüber berichtete vergangene Woche Welt.de: „Fahrt zieht sich bis zu sieben Stunden“, heißt es in dem Bericht, „EU-Kommissare klagen über Ladepause für E-Autos“. Die CO2-ablasszertifizierten Vorzeigemobile, die Kommissionspräsidentin von der Leyen und ihre Kommissare zu offiziellen Terminen bringen, müssten unterwegs für rund 20 bis 30 Minuten an die Ladesäule. Aus der ohnehin langen, etwa fünfstündigen Fahrt würde so ein noch zäherer Trip, hätten genervte Mitarbeiter aus insgesamt acht Kabinetten berichtet. Dies aber nur im Flüsterton, nachdem Sie sich vorher in der Kantine umgeschaut haben, ob jemand zuhört. Ketzer werden ähnlich behandelt wie jemand, der im Mittelalter die Jungfrauengeburt in Zweifel zog: Du wirst nicht sofort verbrannt, die Chefetage schaut aber schon nach trockenem Holz.
Die Bürger draußen im Lande sollen bekanntlich lernen, dass Reichweite ein fossiles Vorurteil aus des Epoche des frühen Benzäns ist. Im ausgehenden Petrolithikum wollte man von A nach B. Im aufscheinenden Akkuzän will man von A nach Ladesäule, dann nach McCafé, dann nach Toilettengutschein, dann nach B, sofern das Navi nicht inzwischen C empfiehlt, weil die Ladeanzeige gerade von „ausreichend“ auf „vielleicht“ gewechselt hat. Der Pendler aus der Provinz soll das als Fortschritt begreifen. Der Handwerker soll seine Bohrmaschine, drei Säcke Estrich und den Azubi in ein batterieelektrisches Lastenwunder laden und anschließend dankbar sein, wenn der Berliner bei Frost wenigstens bis zum Ortsschild von Potsdam kommt.
Die EU-Kommissare sind geladen, nicht aber die Batterie
Die Familie auf Urlaubsfahrt soll erkennen, dass die wahre Erholung nicht am Strand von Rimini beginnt, sondern auf dem Parkplatz „Aire de Berchem“ zwischen Luxemburg Stadt und Metz, enerviert von einem defekten Schnelllader und einem niederländischen Tesla-Fahrer, der seit 40 Minuten behauptet, er sei gleich fertig. In der Regel sind nach solchen abwechslungsreichen Kontakten mit der Bevölkerung die EU-Kommissare geladen, aber nicht die Batterie. Von denen wird die Ladepause nicht als meditative Breicherung verstanden, sondern als Zumutung. Da muss etwas durcheinander geraten sein, denn sieben Stunden von Brüssel nach Straßburg entspricht ganz offensichtlich der EU-Verordnung 1677/88 Amtsblatt Nr. L 150 vom 16.06.1988, S. 21–25 „Qualitätsnormen für Gurken“.
Die Durststrecke zwischen Brüssel und Straßburg ist prinzipiell ein schöner Ausflug in die Wirklichkeit, nicht in die ganze selbstverständliche, nur den Teil mit der Ladesäule. Nicht inbegriffen ist der Kontakt mit dem ruinösen Werteverlust der Rennsteckdosen, der Mietwohnung ohne Wallbox, der maroden Infrastruktur und dem Gefühl, dass eine politische Idee immer dann besonders gut funktioniert, wenn andere sie ausprobieren müssen.
Die EU könnte daraus ein neues Grundsatz-Programm machen: „Fit for 55 Kilometer Restreichweite“. Natürlich muss man für die Kommissare Sonderlösungen finden. So wie Royal Highness Ursula herself, denn die wird aus Sicherheitsgründen unter anderem in einem gepanzerten Audi A8 mit zwölf Zylindern verschickt, der es schon als Verbrenner auf rund 3,5 Tonnen bringt. Eine gepanzerte Rekuperations-Rikscha würde bei vier bis fünf Tonnen landen, sowas will nun doch keiner bauen, und Ursula (55 Kilo) müsste sich einen neuen Fahrer suchen, der einen LKW-Führerschein besitzt.
Die Kommissionspräsidentin als Sperrgut deklarieren
Ganz so, wie es leichtsinnigen Käufern eines nagelneuen Mercedes-Benz VLE, geht der mit 3,7 Tonnen ebenfalls die Grenze für Führerscheinklasse B überschreitet. Es gibt allerdings eine Ausnahmemöglichkeit für gewerblichen Güterverkehr, es wäre also zu prüfen, ob man die EU-Kommissionspräsidentin als Sperrgut deklarieren könnte, damit auch sie endlich im Transformations-Holozän ankommt.
Der nahel iegendere Vorschlag wäre daher das viel gepriesene elektrische Lufttaxi, ein scheibenförmiges Flugobjekt, das vor allem in Bayern gesichtet wurde. Vor wenigen Jahren sollte es ja schon bald überall summen: senkrecht starten, leise schweben, klimaneutral landen, wahrscheinlich direkt auf dem Dach des Plenarsaals. Leider hat sich herausgestellt, dass Flugtaxis vor allem in PowerPoint-Präsentationen starten, um dann beim Insolvenzverwalter zu landen.
Man könnte die Strecke Brüssel – Straßburg aber mit mehreren Flugtaxi-Relaisstationen lösen. Der Kommissar steigt in Brüssel in ein imaginäres Lufttaxi, fliegt bis zur ersten Finanzierungsrunde, wird dort von einem Restrukturierungsberater übernommen, gleitet weiter bis zur zweiten Insolvenz und landet schließlich klimaneutral in einem Pressebriefing von Markus Söder im Münchner Hofgarten. Die CO2-Bilanz ist hervorragend, denn was nicht fliegt, emittiert auch nichts.
Kein Stau, keine Ladesäule, keine Diskussion über reservierte Parkplätze
Eine andere Möglichkeit wäre der Rückgriff auf robuste Militärtechnik. Moderne elektrische Dienstwagen bringen ja ein Gewicht auf die Waage, bei denen frühere Ingenieure sofort gefragt hätten, ob vorne noch eine 12,7-Millimeter-Kanone eingebaut werden soll. Das würde auch das Überholprestige fördern. Der Schützenpanzer Marder wiegt je nach Version grob 33 Tonnen und kann neun Personen transportieren, das Leistungsgewicht liegt also bei 3,7 Tonnen pro Person und somit ziemlich exakt bei dem eines elektrischen Dienstwagens für Iron-Dome-Uschi, die bekanntlich grundsätzlich Stahlhelm trägt. Vielleicht sollte man den EU-Fuhrpark konsequent „Marder E“ nennen. Als Lieferant für die Beschaffung empfehle ich das Osnabrücker Werk von Volkswagen und demnächst dem Raketenhersteller Rafael. Das Projekt „Marder E“ weist weit in die Zukunft: kein Stau, keine Ladesäule, keine Diskussion über reservierte Parkplätze.
Noch eleganter wäre die Einführung des „European Sustainable Convoy“. Hinter jedem E-Dienstwagen fährt ein Dieselgenerator. Dahinter folgt ein Begleitfahrzeug mit einem Pressesprecher, der erklärt, das sei keine Rückkehr zum Verbrenner, sondern eine resiliente Übergangstechnologie. Das passt hervorragend zum „Vehicle Platooning“ in der EU-Verordnung 2019/21244. Mehrere Fahrzeuge werden mit automatisierten Fahrerassistenzsystemen zu einem Konvoi verbunden, so dass sie automatisch ganz dicht dem Führungsfahrzeug folgen.
Als EU-Parlamentarier kennt man sich damit ja bestens aus. Es sei denn, man kommt aus Ungarn, die sind da nämlich zu allem fähig. Der ungarische EU-Kommissar Olivér Várhelyi, zuständig für Gesundheit und Tierwohl, charterte für sich und sein Mitarbeiter-Rudel kurzerhand einen Kleinbus mit Dieselmotor. Der fährt ohne Tankstopp locker von Brüssel nach Straßburg und zurück, oder, wenn es sein muss, auch weiter bis nach Budapest.
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Die Wahrheit fährt uns hinterher, aber wir sind schneller. Könnte das Motto der EU sein.
Ist die Technik immer noch nicht so weit, daß man Frau von der Leyen und die ihren einfach beamen kann? Auf dem Raumschiff Enterprise hat das doch auch immer geklappt. Vielleicht sollte man eine solche Entwicklung mit einem Forschungsauftrag auf den Weg bringen. Dringend.
@Maxeiner / Warum erwähnen Sie den E-Leopard 2 vegan nicht?
Hahaha, wunderbar. Der Artikel verströmt mit Lust und Laune die bösartige Galle von Schadenfreude und Häme. Man könnte ein berühmtes Zitat von Georg Schramm umschreiben: „Die EU-Chargen müssen ihre “Umweltnotdurft an der Pissrinne der Realität einer nicht vorhandenen Ladesäule und ihrer Ungeduld verrichten.„ Applaus, Applaus. Diese ganzen Möchtegern-Wichtigtuer sind schon lange von uns durchschaut. Damals haben sie beispielsweise gemerkt, daß die Ladekabel für Handys in jedem Land anders waren und zack: “Abrakadabra„ haben sie das per EU-Vorschrift geändert, damit sie selber das bequem hatten. Ach, und nebenbei bemerkt: Die Energie, die man braucht um ein schweres E-Fahrzeug zu bewegen, ist höher als bei einem leichteren Verbrenner. Physik halt. Es ist vielleicht charakterlich fragwürdig, aber das Rachegefühl, das der Artikel erzeugt, ist eine Wonne. So, und jetzt lese ich ihn nochmal.
Habe bis heute den Sinn der EU nicht verstanden.
Ist die Gewichtsangabe von UvdL mir oder ohne Perücke?
Ich bin kein Freund von E-Autos, solange man stundenlang auf der Batterie sitzen muss. Sollte die Batterie in einem mitzuführenden Anhänger verbaut werden, wäre das vielleicht eine Überlegung wert. Ich traue den Verharnlosern der Schädlichkeit von elektromagnetischen Feldern nicht. Angeblich seien sie in Verbrennern ähnlich hoch. Um jetzt aber langfristig die Schadwirkung in einem E-Auto festzustellen, braucht es noch viele Jahre und jede Menge Versuchskaninchen – man kennt das ja aus anderen Fällen. Aber einen Ferrari mit Batterieanhänger wird wohl keiner kaufen, eher lässt Er seine Eier und Sie ihre Eierstöcke im Schalensitz braten und schirmt das Smartphone ab – es gibt ja weiß Gott Schädlicheres in der Welt. Es ist aber jungen Familien trotz Anreizprämie abzuraten, autoverrückte Greisenpaare dagegen haben keine Verantwortung für Vermehrung mehr, gleich welcher Art. Als Ausnahme mein letzter Wunsch für Ü60: Go Stromer Go! Das Ladestationproblem kann man wie 1850, dem goldenen Zeitalter der amerikanischen Postkutschen, genauso genial lösen. Damals gab es alle 15 bis 20 Kilometer Poststationen mit frischen Pferden – hängt man eine 0 an und ersetzt frische Pferde mit frischen Autos, ist man ins Hier und Jetzt transformiert. Aber die Endlösung wird man wohl erst mit dem raumzeitlichen 15-Minuten-Komplex und ohne Autos herbeiführen.