Mit dem Umweltbundesamt verbindet mich eine innige gegenseitige Zuneigung, die 2013 ihren Höhepunkt in einer Festschrift fand. Sie hieß „Sie erwärmt sich doch, was steckt hinter der Debatte um den Klimawandel?“ Darin wurde ich als „bekannt für Beiträge“ geehrt, „die nicht mit dem Kenntnisstand der Klimawissenschaft übereinstimmen“. Weil ich die staatliche Neutralität verletzt sah, rief ich das Verwaltungsgericht in Halle an, wurde aber nicht rehabilitiert, sondern von diesem zum approbierten Klimaskeptiker befördert (Aktenzeichen 1A 304/13 HAL). Ich war darüber ein bisschen sauer, konnte ja nicht ahnen, dass sowas 13 Jahre später dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband gleichkommt. Denn der Kenntnisstand der Klimawissenschaft nähert sich langsam dem an, was ich damals so schrieb. Aus alter Verbundenheit schaue ich deshalb immer mal wieder auf der Website des Amtes vorbei und freue mich über den dort versammelten Sachverstand.
Weil die Fakten so vergänglich sind, setzt man in Dessau verstärkt auf irgendwas mit Volkserziehung, denn „Kunst und Kultur haben bei den Zukunftsthemen des Umweltbundesamtes (UBA) schon immer eine wichtige Rolle gespielt“. Da wäre zum Beispiel das Projekt „This This“. „Dabei handelt es sich um ein konzeptuelles Werk, bei dem prozesshafte Situationen zwischen Menschen im Vordergrund stehen. Die persönlichen Begegnungen der Erwachsenen mit Schülerinnen und Schülern im Alter von elf und zwölf Jahren finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und werden nach dem Willen des Künstlers bewusst nicht dokumentiert.“ Meine prozesshaften Begegnung mit dem Umweltbundesamt ist hingegen ausgezeichnet dokumentiert, woraus die Herrschaften offensichtlich gelernt haben. Anstatt sich mit falsch abgebogenen Brummbrumm-Fahrern rumzuärgern, haben sie jetzt offenbar beschlossen, künftige Medienschaffende und andere Multiplikatoren persönlich zu züchten.
Fotini Mavromatri, die Kulturbeauftragte des UBA, hat Theaterwissenschaften studiert, und bringt so passgenaue Fähigkeiten in die Arbeit der Behörde ein. „Mit Kunst den Wertewandel gestalten“ ist ein Beitrag von ihr überschrieben, „Kunst und Kultur sollten in der Debatte über gesellschaftliche Veränderungen eine größere Rolle spielen“. Beispielsweise so: „Während der Klimakonferenz in Paris stellte [der isländische Künstler] Ólafur Elíasson auf einem Platz im Zentrum der Stadt zwölf große Eisblöcke in Form eines Ziffernblatts auf. Für die Installation Ice Watch hatte der Künstler Gletschereis aus Grönland bringen lassen. Während in den Konferenzräumen Vertreter aus 195 Staaten um ein neues Klimaabkommen rangen, konnten die Besucher der Kunstaktion an den Eisblöcken lauschen. Sie vernahmen dabei ein leises Knacken, das die Luftblasen, tausende Jahre alt, erzeugten, als sie aus dem schmelzenden Eis entwichen. So klingt der Klimawandel, schien uns der Künstler sagen zu wollen“. Ja, es war ein starkes Zeichen. Nicht unbedingt gegen die Erderwärmung, aber doch für die belastbare These, dass kein Gletscher so alt sein kann, dass man ihn nicht noch für eine gelungene Kulturveranstaltung auftauen könnte.
Ein Milieu, das niemals „Natur“ sagt, ohne es vorher mit Anführungszeichen zu versehen
Ganz besonders beeindruckt hat mich auch eine Pressemitteilung des UBA aus der vergangenen Woche. „Der Deutsche Preis für Nature Writing ehrt Autor*innen, die sich in ihrem Werk auf ‚Natur‘ beziehen“ wird dort vermeldet. Ein junger Mann namens Alexander Schickmann erhält die mit 10.000 Euro dotierte Ehrung sowie einem sechswöchigen Schreibaufenthalt in den Räumlichkeiten der Stiftung Kunst und Natur „inmitten ihres weitläufigen Natur- und Veranstaltungsgeländes im bayerischen Voralpenland“. Man ist gut ausgestattet im Kreise der Klimaretter. Gründerin ist Susanne Klatten, geborene Quandt und darob BMW-Miteigentümerin. In diesem Lebensraum möchte ich auch mal sechs Wochen den Sonntagsfahrer schreiben, vielleicht ist es ja in weiteren 13 Jahren so weit. Alternativ nehme ich einen BMW M4 CSL mit dem man in 7,17 08 Minuten auf dem weitläufigen Natur- und Veranstaltungsgelände Nürburgring eine Runde drehen kann.
Aber zurück zum „Nature writing“, um das sich auch der Berliner Verlag Matthes & Seitz verdient macht. Es gibt Preise, bei denen man schon beim Namen ahnt, dass hier niemand einfach über was schreibt, sondern sich literarisch eine Stufe darüber „auf Natur bezieht“. Der Deutsche Preis für Nature Writing wird nicht für schnöde Naturbeobachtung vergeben, sondern dreht sich diesmal um die Assel, und die für die Fähigkeit, aus einem feuchten Kellerfund eine kulturtheoretische Großwetterlage zu destillieren.
Schon nach dem ersten Absatz der Pressemitteilung weiß der Leser: Hier wird nicht einfach ein Literaturpreis verliehen. Hier feiert ein grünes Feuchtbiotop sich selbst. Ein Milieu, das niemals „Natur“ sagt, ohne es vorher mit Anführungszeichen zu versehen, als handle es sich um eine staatsdelegitimierende Vokabel aus dem kolonialen 19. Jahrhundert oder dem Wortschatz des Reichsbürgers. Ein Milieu, das offenbar panische Angst hat, jemand könnte sich beim Lesen freuen, es gehe nur um Tiere, Pflanzen, Landschaften oder – Gott bewahre – Schönheit.
Der Text des Gewinners Alexander Schnickmann heißt „Fuck Nature Start Writing“ und handelt – laut Jury – von einem Mann, der ein Tierporträt über Asseln schreiben soll und dabei ein Unbehagen am deutschsprachigen Nature Writing entwickelt. Grundsätzlich ist die Assel keine schlechte Wahl. Sie hat 14 Beine und mindestens 100 Millionen Jahre Erfahrung darin, sich dem hegemonialen Blick unter Steinen zu entziehen und dort die Weltuntergangsszenarien des UBA zu ignorieren. Eine Assel – und da wird es opferkompatibel und somit preisverdächtig – ist ein unterschätztes Wesen mit einer vermutlich schlechten Kindheit. Sie lebt verborgen, bevorzugt feuchte Zonen und hat wahrscheinlich die gleiche Distanz zur Gegenwartsliteratur wie Mutter Wollny, wobei die Fussballfans der Großfamilie 14 Beine bestimmt gut finden.
Die Jury hat jedenfalls beschlossen, die Assel nicht als Assel zu sehen. Die Assel muss mehr leisten. Sie muss nicht nur krabbeln, sie muss bedeuten. Sie ist nicht einfach ein kleines graues Krebstier, das unter morschem Holz sitzt. Nein, sie wird zum Erkenntnisinstrument, und zur kleinen gepanzerten Fußnote im Zeitalter des Anthropozäns. Oder, wie es in der Preisprosa heißt: Die Assel hält uns „den Spiegel vor“, was unser „Verhalten gegenüber dem Fremden“ betrifft. Zitat: „Mit großer Spielfreude und Widerständigkeit gegenüber den weithin beliebten Tierarten des naturkundigen Genres, die eine idyllische, heroische oder auch possierliche Identifikation ermöglichen, verknüpft Schnickmann in seiner Found-Footage-Fiktion den Cthulhu-Mythos von H.P. Lovecraft mit einer Reflexion über die Fallstricke und Sackgassen des zeitgenössischen Nature Writing“. Ach so.
Nicht die Assel ist das fremde Wesen. Die Pressemitteilung des UBA ist es.
Um in dieser Sprache zu bleiben: Die Fremdartigkeit der Assel problematisiert unsere affektiven Reaktionsmuster gegenüber nicht-charismatischen Lebensformen. Sie lebt im Dunkeln und entzieht sich so den hegemonialen Sichtbarkeitsregimen des Naturblicks. Ich ekele mich ein bisschen, und mein Subjekt begegnet somit der Zumutung des Anderen im Modus körperlicher Abwehr.
Merke: Man muss einen banalen Gedanken beherzt durch die kulturwissenschaftliche Rohrpost jagen, ganz so wie in einem Antrag auf Drittmittel aus dem Hause des Kultur-Staatssekretärs. Das bewerkstelligen in diesem Fall Leute aus Feuilleton, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Buchhandel und Sachbuchproduktion, also eine Jury aus dem ausgeleuchteten Terrarium der Gegenwartskultur. Man nehme eine Brise H. P. Lovecraft, Donna Haraway, „ökologische Weird Fiction“, Anthropozentrismuskritik und das Cthulhuzän, um eine Kellerassel literaturfähig zu machen: „Mit großer Spielfreude und Widerständigkeit gegenüber den weithin beliebten Tierarten des naturkundigen Genres verknüpft der Autor den Cthulhu-Mythos mit einer Reflexion über die Fallstricke des zeitgenössischen Nature Writing.“ Merke: Nicht die Assel ist das fremde Wesen. Die Pressemitteilung des UBA ist es.
Sie krabbelt durch die Ritzen des Satzbaus, häutet sich in jedem Nebensatz und hinterlässt kleine Häufchen aus Bedeutung. Man hebt einen Stein hoch und darunter liegt kein Tier, sondern eine Dialektik von äußerer und innerer Natur. Man schaut in den Kompost und findet nicht Zersetzung, sondern „die Auflösung der Grenzen von Kultur und Natur“. Man öffnet eine Schublade und entdeckt nicht alte E-Mails, sondern „Found-Footage-Fiktion“. Auf deutsch: Da liegen ausgedruckte E-Mails herum. Das klingt natürlich nicht nach 10.000 Euro und Schreibaufenthalt im bayerischen Voralpenland. „Found-Footage-Fiktion“ hört sich an wie Kuratorium, Festivalbühne und Gespräch mit anschließenden Publikumsfragen: „Wie politisch ist die Feuchtigkeit?“
Man sieht förmlich die Assel im Interview: „Frau Assel, Sie führen seit Millionen Jahren eine resistente Existenz im Verborgenen. Was sagt uns das über die Krise des Anthropozentrismus?“ „Ich wollte eigentlich nur unter das Brett.“ „Sie meinen: Sie verweigern sich der extraktivistischen Blickordnung?“ „Nein, es ist trocken hier.“ Die Mitteilung des UBA legt Bedeutungsschichten an wie Kompost. Früher bestand jeder Satz zur Hälfte aus CO2, heute besteht er zur Hälfte aus Weihrauch (ein natürliches Öl-Gummi-Harz-Gemisch).
„Gehen Sie bitte nicht nach Hause, ohne sich angemessen schlecht zu fühlen.“
Wo Menschen tatsächlich noch gerne Bäume, Vögel, Wiesen oder Flüsse beschreiben, da herrschen die Reaktionäre. Natur darf heute nicht mehr schön sein. Schönheit ist verdächtig. Ein Sonnenuntergang ist womöglich eskapistisch. Klingt nach Mallorca-Trip. Und der deutsche Wald ist sogar höchst verdächtig. Da hausen höchstens sächsische Separatisten. Ein Reh ist zu charismatisch. Ein Buchenwald riecht nach Romantik. Oder erinnert an Heino. „Schwarzbraun ist die Haselnuss“. Schlimm auch Rudi Carrell: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“. Oder gar Dalida: „Am Tag als der Regen kam, jajajajajaaa“.
Heute muss die Assel her. Man kann sich an ihr nicht erfreuen. Eine Grundregel der zeitgenössischen Kulturförderung lautet: Was Freude macht, ist verdächtig; was Unbehagen auslöst, ist relevant. Und wenn es ganz ernst werden soll, kommt Donna Haraway. „Staying with the trouble“, heißt es am Ende der Jurybegründung. Auf Deutsch: „Gehen Sie bitte nicht nach Hause, ohne sich angemessen schlecht zu fühlen.“
Früher ging jemand hinaus, sah eine Landschaft und schrieb: „Der Bach glitzert.“ Heute schreibt er: „Die vermeintlich heilende Wohlfühlwelt eigener Emotionen wird als Kulisse entlarvt, hinter der zahllose Krisen, Notlagen und Gefahren lauern — schmatzend und knirschend wie die Tentakel eines Lovecraft’schen Monsters.“ Es ist alles schlimm, sogar der Bach, den es runter geht.
Ich habe beschlossen, mich künftig auch um den Preis zu bewerben und bereits eine Idee. Ein Prosazyklus über Silberfischchen als „postdomestische Akteurinnen im Badezimmerdispositiv“ kontrastiert mit einem Langessay über Schimmelpilz als „nicht-binäre Grenzfigur zwischen Architekturkritik und feuchter Ontologie“. Und um sicher zu gehen schreibe ich unter Pseudonym noch einen zweiten Beitrag über Motten, die „das textile Gedächtnis bürgerlicher Besitzverhältnisse perforieren“. Vielleicht werde ich aber auch für „Staub“ ausgezeichnet. Mein Lebenswerk (dafür sind Preise steuerfrei). Sagt Sabine, wenn sie heimlich im Büro geputzt hat.
Und irgendwo in einer Ecke sitzt eine Assel und denkt sich: Bitte lasst mich einfach Assel sein.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Hilfe, mein Hund überholt mich rechts! – Geständnisse eines Sonntagsfahrers“ von Dirk Maxeiner, Achgut Edition 2018, hier bestellbar.


Große Klasse, große Kunst. Gratulation!
„…..Langessay über Schimmelpilz als “nicht-binäre Grenzfigur zwischen Architekturkritik und feuchter Ontologie„.
Einfach wunderbar, und das bitte als Buchreihe – Sie haben ja schon zahlreiche mögliche Überschriften und Inhalte entworfen!
Perfekt. Und es wird schlimmer. Gerne hätte ich (weiter)gelacht. Allein, ob dieses realen Irrsinns, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Großartig geschrieben. Die FAS ist auch so ein Fall von Schwachsinn. Parallel lesen, dann wirds deutlich.
Warum nicht mal was über Sackratten schreiben? In puncto Charisma können da weder Assel noch Silberfischchen gegen anstinken.
Ganz schön asselig, das UBA.
Köstlich unappetitlich. Und das asich-asselige Kriechgetier wird so doch noch zum Erkenntnisinstrument, indem es aus seinem Dunkel etwas Licht in die Nahrungskette vom Kulturstaat zur Staatskultur bringt, von der linientreu steuerfressenden Kulturstaatsfunktionärin bis zum sittsam Literaturpreischen nagenden Staatskultur(an)schaffenden, der für läppische Euro 10k, im deutschen Armenhaus freilich ´großes Geld´, die politischen Vorgaben in tot- und bodensubstanztümelnde Gesinnungspornographie verwandelt. Durchaus bezeichnend für ein Regime und eine Population in dem seit Jahrzehnten alles in den braunen Morast ganz links unten zu driften scheint. Und natürlich darf auch das Kennwort von Linksunten, F-U-C-K, nicht fehlen, sonst wärs ja nicht richtig ´abgefuckt´, worauf linksunten schließlich alles ankommt und hinausläuft.
Und nächstes Wochenende bitte ein Artikel über ein anderes lästiges Ungeziefer:
Die Stinkwanze!
Als Stinkwanzen werden verschiedene Arten von Baumwanzen bezeichnet:
Grüne Stinkwanze (Palomena prasina)
Grüne Reiswanze (Nezara viridula), auch als Südliche Stinkwanze bekannt
Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys), auch als Asiatische Stinkwanze bekannt
Man sieht bereits, daß sich auch zu diesem Tier sicher treffliche Analogien zum täglichen Leben, und seinem politischen Personal im BDaZ herstellen lassen.