Ab und zu schmökere ich in den eigenen alten Kolumnen. Im Angesicht des neuesten Spiegel-Titelbildes lebe ich nach dem Motto: Das bisschen, was ich noch lese, schreibe ich mir besser selbst. Und so stieß ich auf einen vier Jahre alten Text, in dem ich vom Bundes-Umweltministerium gefördertes Projekt namens „Geht doch“ berichtete. Vor vier Jahren wurde das noch als doppeldeutige Aufforderung verstanden, zu Fuß zu gehen. Inzwischen sind wir ein paar Schritte weiter: Der Bürger versteht es als Aufforderung, auszuwandern.
Das ist auch kein Wunder, denn wir befinden uns auf dem beherzten Wege in die Zukunftsvisionen von damals. Es wurden „Modellvorhaben nachhaltiger Stadtmobilität“ diskutiert. Im ersten Schritt sollten „für den ruhenden motorisierten Individualverkehr am Straßenrand und auf Wohngrundstücken maximal 3 Quadratmeter pro Einwohner (EW)“ bleiben. „Nach dem Rückbau der autogerechten Stadt wird dieser Wert auf 1,5 Quadratmeter pro EW reduziert." Meine damalige Einschätzung: „Dies ist gleichzusetzen mit der Einführung des Bobby-Cars, dem einzig wegweisenden Automobil, das auf dieser Grundfläche erfolgreich abgestellt werden kann“. Inzwischen dürften die autobesitzenden Bewohner einschlägiger Viertel das einhellig teilen.
Aber das Leben geht ja weiter und man muss sich an den kleinen Höhepunkten des Alltags erfreuen. Beispielweise dieser Meldung: Am 28. Juli erreichte der 34-jährige Marcel Paul aus Gedern (Wetterau) mit einem Bobbycar auf der abgesperrten Sellraintalstraße in Österreich 149,875 Stundenkilometer, Weltrekord. Das ist immerhin fünfmal so schnell, wie auf dem Münchner Ring erlaubt ist. Vermutlich ohne es zu wissen und zu wollen, hat der junge Mann aus Hessen damit ein Zeichen für automobilen Widerstand gesetzt. Und darf sich dabei sogar auf Nietzsche berufen. In § 283 der Fröhlichen Wissenschaft schreibt der sinngemäß, das Geheimnis eines erfüllten Daseins heiße „gefährlich leben!“ Noch schlimmer für die edlen Seelen des betreuten Lebens ist aber: Es hat Spaß gemacht. Wie früher mit dem Rodel auf den Schlittenberg marschiert der künftige Autobesitzer auf den nächsten Hügel und lässt es mal richtig bergab krachen.
Ein biomechanisches Dual-Pedal-System
Die künftige Mobilität der deutschen Autofahrer ist somit beschrieben. Die Lösung steht seit über 50 Jahren in deutschen Kinderzimmern und ist meistens rot: das Bobby-Car. Während der VW-Konzern Milliarden in neue Fahrzeugarchitekturen, Softwareplattformen und Abfindungen visionärer Vorstandsvorsitzender steckte, hat die fränkische BIG-Spielwarenfabrik die Mobilitätswende bereits vorweg genommen. Das Bobby-Car wird seit 1972 produziert, heute im mittelfränkischen Burghaslach. BIG gehört zur Simba Dickie Group, einem inhabergeführten Familienkonzern mit Sitz in Fürth. Die Simba Dickie Group meldete zuletzt rund 2.600 Mitarbeiter und einen Umsatz von über 700 Millionen Euro. Mehr als 20 Millionen Bobby-Cars wurden bereits verkauft, rund 2.000 Bobby-Cars liefen zumindest zuletzt täglich vom Band. Die dritte Generation der Gründerfamilie führt inzwischen das Unternehmen.
Im Mittelpunkt steht die neue BC-Plattform, eine hoch skalierbare, softwareunabhängige Mobilitätsarchitektur für urbane und suburbane Räume. Der technische Aufbau dieser Plattform ist bemerkenswert. Er ähnelt stark dem guten alten Land Rover. Vier Räder, ein Lenkrad, eine Karosserie, fertig. Allerdings hat der Bobby keinen Motor, weder elektrisch noch sonstwie. Die Zahl der Steuergeräte liegt bei null. Ebenso die Zahl der erforderlichen Halbleiter, Batteriemanagementsysteme und „Over-the-Air-Updates“.
Damit verfolgt BIG konsequent eine Complexity-Reduction-Strategy. Der klassische Bobby-Car-Antrieb arbeitet mit einem biomechanischen Dual-Pedal-System, also zwei Beinen. In bergigem Gelände kann der Fahrer außerdem auf den serienmäßigen Gravity Drive zurückgreifen. Diese Technologie besitzt enorme Vorteile, denn die Energiequelle ist rund um die Uhr verfügbar und bislang weder von Russland noch von Katar oder China abhängig. Und Donald Trump kann keine Zollschranke gegen sie errichten. Diese Form der Mobilitätswende ist die logische Fortsetzung der erfolgreichen Energiewende. Am Deutschen Elektronen Synchchroton (DESY) wird im Rahmen eines europäischen Großforschungsprojektes derzeit der Frage nachgegangen, ob die Schwerkraft so beeinflusst werden könnte, dass Teilchen nicht nur bergab sondern auch bergauf beschleunigt werden könnten.
Bobby wird zu Rezyklat und das wieder zu Bobby
Die Erdanziehungskraft muss nicht importiert werden, es gibt keine Lieferkettenprobleme, keine Flüssiggasterminals, keine Stromtrassen (die gibt es allerdings auch so nicht), sie braucht keine kritischen Rohstoffe und funktioniert auch bei Sonnenfinsternis und Flaute. Und sie schickt keine Rechnung, behauptet zumindest Claudia Kemfert. Da müssen jetzt nur noch ein paar VW-Werbetexter drangelassen werden: „Welcome in Wolfsburg, hometown of Big Gravity Performance!“ Der Slogan „Die Zukunft fährt elektrisch“ wird ersetzt durch „Die Zukunft fährt bergab“. Technische Daten: Antrieb regenerativ, Leistung gefälleabhängig, Reichweite bis Talende, Ladezeit null. CO2-Ausstoß im Fahrbetrieb ebenfalls null. Und ein ganz heißer Hinweis an unsere Autoindustrie für die Übergangszeit: Reduzieren Sie Ihren Flottenverbrauch, indem Sie mit jedem Verbrenner zehn Bobbycars verschenken!
Besonders überzeugend ist auch der „Life Cycle Approach“ nach dem Prinzip „Cradle to Grave“ (Von der Wiege bis zur Bahre). Die EU und große Industriekonzerne propagieren seit Jahren diese Form von Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Der mündige EU-Bürger erhält sein erstes Auto ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem er erstmals sitzen kann. Danach begleitet es ihn durch wesentliche Phasen seiner körperlichen und geistigen Entwicklung. Später landet es im Keller, auf dem Dachboden oder in der Garage. Dort beginnt die zweite Nutzungsphase. Das Bobby-Car wird an Geschwister, Cousins, Nachbarskinder oder Enkel weitergegeben. Nach zwanzig Jahren entdeckt es möglicherweise ein inzwischen erwachsener Ingenieur wieder, montiert Kugellager, Rennreifen und eine aerodynamisch optimierte Sitzposition und fährt damit einen Alpenpass mit 150 km/h hinunter. Das ist „Product-Life-Extension“ in ihrer reinsten Form. Bislang wechselte das Bobby-Car innerhalb der Generationen den Besitzer, künftig bekommt der es im Alter von drei Jahren zugeteilt und fährt es lebenslänglich. Wie sagte der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu 1968 bei der Präsentation des ersten staatlich hergestellten Dacia (Serienmäßig ohne Rückspiegel): „Gut genug für die Idioten“.
Und irgendwann kommt „Cradle to Cradle“ (von der Wiege zur Wiege), ein gewissermaßen religiöses Prinzip, das von der Synode der EKD ersonnen sein könnte. Bobby wird zu Rezyklat und das wieder zu Bobby, das ewige Leben findet in Burghaslach statt. Ich beantrage hiermit allerdings, die Sache um das buddhistische Konzept des Samsara zu erweitern, denn da erfolgt das Rad des Leidens und der unzähligen Wiedergeburten in verschiedenen Daseinsformen. Aus einem Bobby-Car kann also theoretisch ein Ferrari werden.
Lenken, Rollen, Hupen
Die direkten ökologischen Vorteile der Bobby-Technologie liegen ansonsten auf der Hand: keine direkten Emissionen, geringer Materialeinsatz, regenerative Gravitationsenergie. Auch der sozialen Verantwortung wird in jeder Beziehung Rechnung getragen: Die Einstiegshürde ist extrem niedrig und die Bedienung intuitiv. Es besteht somit ein barrierearmer Zugang für Menschen nahezu aller Bildungsabschlüsse und Facharbeiter aus der weiten Welt. Der Plan, das Land bis 2035 komplett auf Bobby-Cars umzustellen, nimmt Gestalt an.
Auch die Unternehmensstruktur selbst scheint mir überaus zukunftsfähig: Es handelt sich um ein Inhabergeführtes Unternehmen mit kurzen Entscheidungswegen und bislang ohne erkennbare Gefahr, dass ein Ministerpräsident im Aufsichtsrat über die Modellstrategie abstimmen könnte.
Bemerkenswert ist auch die geringe Obsoleszenz. Ein drei Jahre altes Elektroauto kann bereits bei Reichweite, Ladegeschwindigkeit und Software als technisch überholt gelten. Ein 30 Jahre altes Bobby-Car verfügt dagegen im Wesentlichen über denselben Funktionsumfang wie das aktuelle Modell: Lenken, Rollen, Hupen. Mehr braucht der Mann nicht zum Glücklichsein.
Hhmm. Natürlich besitzt die Plattform noch einen Schwachpunkt: Bergauf. Hier wäre jetzt die Politik gefordert. Denkbar wäre ein staatliches Förderprogramm im Rahmen des EU Green-Deals: „Gravity Mobility 2035“. Glaube versetzt Berge, nieder mit der Physik! Kommunen könnten verpflichtet werden, mindestens 30 Prozent ihrer Verkehrswege mit einem Gefälle von sechs Prozent anzulegen. Für strukturschwache Flachlandregionen könnte der Bund Gefälleprämien bereitstellen. Zusätzlich ließen sich Bobby-Car-Seilbahnen, kommunale Rückholsysteme und staatlich geförderte Bergauf-Shuttles installieren.
Beitragsbild: Berndt Meyer - Bild selbst erstellt und bearbeitet, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

DIE ENDLÖSUNG: SEILBAHNEN & BERGORGASMEN!
Wenn wir Deutschen*Innen wieder auf die Füße gestellt wurden, dann sollten wir den gesamten Verkehr mittels Nah-und Fernseilbahnen abwickeln!
Wir bräuchten fast keine Straßen mehr!
Die Berge können doppelt genutzt werden!
Auf der einen Seite runter und gleichzeitig geht es auf der anderen Seite hoch!
Das überall auf der Welt und wir brauchen keine Atomkraft usw. die Khmer vert werden sowas von befriedigt sein!
Filmtipp!
Apropos „Simba“:
„Simba ist ein britisches Abenteuer- und Dramadrama aus dem Jahr 1955 unter der Regie von Brian Desmond Hurst. Der Film spielt in Kenia während der Mau-Mau-Rebellion und handelt von einem jungen Engländer, der nach seiner Ankunft feststellen muss, dass sein Bruder von aufständischen Rebellen getötet wurde.Handlung und Hintergrund. Der Hauptdarsteller Alan Howard (gespielt von Dirk Bogarde) reist nach Ostafrika.Er findet seinen Bruder ermordet auf. Der Film zeigt den Konflikt zwischen den weißen Kolonialherren und der einheimischen Bevölkerung.Alan versucht, Hass und Rache in sich zu überwinden. Stab und BesetzungRegie: Brian Desmond HurstHauptdarsteller: Dirk Bogarde, Donald Sinden, Virginia McKenna und Basil SydneyLänge: ca. 99 bis 100 MinutenOriginaltitel: Simba“
Man muss das positiv denken. Deutschland lässt Konkurrenten eine Chance und bekommt moralisch einen solidarischen Orgasmus.
@B Jacobs, ich dachte bisher, die „Taiga Trommel“ sei eine praktisch „unkaputtbare“ Lokomotive gewesen.
@ Szabo Ein schöner Text. Literarisch eine große Zeit. Eine Ergänzung: Die bürgerliche Zeit ist untergegangen, weil niemand für sie gekämpft hat. Man hat sie damit der nationalen und internationalen Linken zum Frass vorgeworfen. Die „demokratische“ Politik in Weimar war eine Katastrophe für das Land. Auch sonst mehr Ähnlichkeiten als einem lieb sein kann. Es gab in Berlin Kinderbordelle. Bei dem Wort wird einem doch schon schlecht. Stresemann sicher der Auffälligste war übrigens Freimaurer. Eines ihrer Symbole: Die Raute. Kennen Sie „Der Kirschgarten“ von Tschechow. Ich habe auch eine schönen Garten mit vielen Tieren. Als ich das Stück 1984 in Wien gesehen habe, hätte ich nicht mal geahnt, das ich mal in diesem Stück lebe, das während der russischen Revolution spielt mit dem Kirschgarten als letztes Refugium. Der letzte Satz: „Der Kirschgarten wurde abgeholzt.“ Damals für die Wohnungen der Arbeiter, demnächst für die Wohnungen der mutmaßlich Geflüchteten. Schönen Sonntag noch.
Nach dem Artikel habe ich mich erstmal weggeworfen. Als ich mich dann wiederfand, habe ich mir Gedanken zu dem ganzen Problemkreis Bobbycar gemacht: Bergabfahren, Fahren in der Ebene, Bergauffahren, Kurvenfahren, Beschleunigen und Bremsen.
Bergabfahren: ist selbsterklärend, versteht jeder.
Fahren in der Ebene: sehr einfach bei starkem Rückenwind. Ansonsten sollte man die Hinterräder des BC deutlich größer als die Vorderräder machen, das ist dann dem Bergabfahren sehr ähnlich.
Bergauffahren: muss man im Zuhammenhang mit dem Bremsen sehen. Statt die teueren Schuhe durch Reibung zu verschleißen, wird die kinetische Energie beim Bremsen in ein Schwungrad geladen (rein mechanisch, nix elektrisch) und damit geht’s dann auch locker wieder bergauf. (konstruktive Details erspare ich mir hier; is‚ aber simpel.)
Kurvenfahren: Neigetechnik wie bei den berühmten Zügen der DB. Der BC-Pilot neigt sich einfach weit nach rechts oder links je nach Kurve und braucht dann auch nicht zu bremsen. Steilwandkurven machen es noch einfacher.
Beschleunigen: kann zum Problem werden. Hier hilft die Ernährungswissenschaft. Bohnen und rohe Zwiebeln erzeugen fröhliche Fürze und damit klappt’s auch bei der Beschleunigung.
Ein wenig Beckmesserei muß jetzt aber doch sein: der abgebildete Wagen mit dem „Großen Conducator“ ist ein Lizenzbau des Renault 8; Motor hinten, Heckantrieb, wie damals weit verbreitet in dieser Größenklasse (BMW, NSU, VW, und genauso kantig: Simca 1000, Skoda 100…). Erst etwa ein Jahr später gab es den Lizenzbau des Renault 12 mit Frontantrieb, von dem immerhin fast 2 Mio Stück produziert wurden.
Später gab es noch eine Kooperation mit Citroën (Markenname Oltcit) für einen Kompaktwagen mit Frontantrieb, der im Westen als „Axel“ verkauft wurde (dem Citroën Visa ähnlich, aber mit nur zwei Türen). Und als „Schmankerl“ gab es noch die Eigenentwicklung Dacia 500, einen billigen Kleinstwagen. Der war aber aus Kostengründen so gruselig geraten, daß die Leute lieber weiter sparten, um sich ein fahrtaugliches Auto kaufen zu können.
Wozu Schwerkraft? Im Zeitalter, in dem es Energie von Wind und Sonne umsonst gibt (warten muß man können) gilt das natürlich auch für die Fortbewegung auf Rädern. Da sich die Erde bekanntlicher weise dreht befindet man sich immer zu 50 % mehr oder weniger oben. Würde man per App informiert, wenn der entsprechende Zeitpunkt erreicht ist, bräuchte man kein Bobbycar – auch ein Porsche im Leerlauf würde es tun. Man könnte bergab fahren – selbst wenn es bergauf geht. Die heute schon mehrfach bemühte Expertin C. Kemfert könnte das von mir nur laienhaft dargestellte Prinzip vermutlich mit wissenschaftlicher Expertise untermauern.