Ich muss im Moment ganz schön Gas geben, um dem Paradigmenwechsel auf den Fersen zu bleiben. Das herrschende Paradigma wechselt gerade so rasant die Spur wie Max Verstappen, der aus dem Windschatten heraus einen Ferrari überholt. Laut Lexikon ist ein Paradigma „ein grundlegendes Denkmuster, Weltbild oder Vorbild, das als verbindlicher Rahmen für das Denken, Handeln oder die wissenschaftliche Arbeit in einer bestimmten Zeit dient“. Und wenn dieses wechselt, sollte man nicht zu spät kommen. Ein einfaches Beispiel: Der Übergang vom geozentrischen Weltbild („die Sonne kreist um die Erde“) zum heliozentrischen Weltbild („die Erde kreist um die Sonne“) war ein solcher Paradigmenwechsel. Und die katholische Kirche hat‘s vermasselt. Eine ewige Warnung an die Glaubensfesten jeglicher Couleur.
Die Anhänger des CO2-zentrierten Weltbildes haben daraus gelernt und sind derzeit so wachsam wie eine Löwenmutter, die spürt, wie die Hyänen um sie herumkreisen. Denn was gestern noch mit der Rettung des Weltklimas begründet wurde, wird heute mit der Kriegstüchtigkeit gerechtfertigt. Ein echter Paradigmenwechsel, bei dem lediglich das Förderziel das gleiche bleibt. Und so flatterte aus dem fernen Cottbus an der Lausitz ein sogenanntes „Lab Paper“ auf meinen Schreibtisch, das den schönen Titel trägt: „Vom fossilen Risiko zur synthetischen Resilienz – PtX-Kraftstoffe im Militär“. Und gleich im ersten Satz heißt es:
„Der Klimawandel und seine Folgen sind eine zentrale Herausforderung für heutige Streitkräfte. Während als Antwort auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine Neuausrichtung der NATO-Streitkräfte auf die Landes- und Bündnisverteidigung stattfindet, darf die Anpassung an den Klimawandel nicht vernachlässigt werden. Nur wenn das Militär zugleich nachhaltiger und klimaresilienter wird, kann es auch künftig seine Einsatz- und Verteidigungsfähigkeit sichern“.
Das Wort „Lab Paper“ steht dabei nicht für – wie der Unbedarfte jetzt meinen könnte – „Laberpapier“, sondern entstammt dem in gebildeten Kreisen gebräuchlichen Neudeutschen. Es ist demnach „ein strukturiertes wissenschaftliches Dokument, das den Ablauf, die Ergebnisse und die Schlussfolgerung eines praktischen Experiments oder einer Untersuchung beschreibt“. Kurzum: Ein Lab Paper ist stets schwer intelligent. Das vorliegende ist, wie ich aus dem vorangegangenen Zitat messerscharf folgere, sogar zweifach intelligent, ein sogenannter „Doppelwumms“, um die einzige Formulierung zu gebrauchen, die von Olaf Scholz in Erinnerung bleiben wird.
Den Kommissköpfen die Weltrettung plausibel machen
Das PtX Lab Lausitz gehört zur bundeseigenen, gemeinnützigen „Zukunft – Umwelt – Gesellschaft (ZUG gGmbH)“ und arbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Zu seinen Aufgaben gehört der sogenannte „Markthochlauf von PtX-Produkten“. Power-to-X, kurz PtX, ist einerseits Chemie, die in der Praxis allerdings an der Physik und der Ökonomie scheitert, weshalb die Branche bittere Tränen weint und dringend nach einer Erzählung sucht, die ihre Geschäftsidee stabilisieren könnte. Die Idee: Man nehme elektrischen Strom, stelle mit dessen Hilfe aus Wasser oder auch Erdgas Wasserstoff her und synthetisiere daraus anschließend einen transportablen (Kohlenwasserstoff-) Sprit. Das Problem: Jede dieser Umwandlungen verursacht Verluste, hinzu kommen Anlagen-, CO2-Bereitstellungs- und Transportkosten. Das stellt das Lab Paper auch gar nicht in Abrede: „Es entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf aus geringer Nachfrage, begrenztem Angebot und hohen Preisen, der zu niedrigen Marktvolumina führt und den weiteren Markthochlauf mittelfristig hemmt“. Und – was nicht da steht: langfristig in die Pleite führt.
Aber, um mit Dieter Bohlen zu sprechen: „Erklär mal einem Bekloppten, dass der bekloppt ist“. Also warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Das Verfahren ist ungefähr so, als würde die Feldküche der Gebirgsschützen in Garmisch die Kartoffeln nicht mehr einfach beim Lidl kaufen, sondern zunächst in Stärke, Wasser und Mineralstoffe zerlegen, um daraus anschließend wieder Kartoffeln zusammenzubauen. Der entscheidende Unterschied: Bei Kartoffeln würde vermutlich jemand fragen, was der Unsinn kostet. E-Fuels sind bis zu zehnmal teurer als herkömmliche Kraftstoffe, die ja auch kein Sonderangebot sind. Sagt sogar die Bundeswehr.
Um den Kommissköpfen die Weltrettung dennoch plausibel zu machen, muss man schon zu den für die Broschüre zuständigen „Mitarbeitenden“ des PTX Lab Lausitz gehören und Völkerrecht oder Public Policy and Human Development studiert haben. Dann aber klappt es prima.
Und damit komme ich zum entscheidenden Satz des gesamten Lab-Papers: Militärische Abnehmer, heißt es dort, wiesen eine „geringere Preissensitivität“ auf, weil „Wirtschaftlichkeit kein hervorgehobener Entscheidungsparameter ist“. Deshalb könnten die Streitkräfte auch bei höheren Marktpreisen langfristige Abnahmemengen garantieren. Endlich ein Kunde, der nicht so genau auf den Preis schaut! Das Sondervermögen bei der Arbeit.
Man trifft zwei Fliegen mit einer Kanone
Das Bestechende dabei ist nämlich: Man trifft zwei Fliegen mit einer Kanone. Die Verfasser haben ein Problem erkannt, das Panzerkommandanten an der ukrainischen Front oder F35-Piloten am Golf bislang irgendwie entgangen ist: Der Krieg muss nicht nur gewonnen, sondern auch „defossilisiert“ werden. Die laufende Modernisierung der NATO berge die Gefahr eines „fossilen Lock-in“. Nur wenn das Militär zugleich „nachhaltiger und klimaresilienter“ werde, könne es auch künftig seine Einsatz- und Verteidigungsfähigkeit sichern – und die Zuschüsse für den Hochlauf von PtX.
Früher musste PtX das Klima retten. Jetzt schützt PtX auch noch vor dem Russ, dem Ami und demnächst wohl auch dem Franzos, wenn Le Pens Rassemblement National im Frühjahr die Wahl gewinnt. PtX ist deshalb nicht mehr teuer, sondern resilient. Und es schlägt die Stunde der Lyriker: Staatliche Nachfrage bedeutet nicht Subvention, sondern strategische Autonomie.
Während man bislang glaubte, ein Soldat im Schützenpanzer müsse sich hauptsächlich vor Artillerie, Minen, Panzerfäusten und Drohnen fürchten, entdeckt PtX Lab weitere furchtbare Feinde: Der steigende Meeresspiegel verursacht bei der Einsatzflotille 2 in Wilhelmshaven nasse Socken (sofern es gerade welche gibt); Desertifikation wirbelt den Sand auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr auf und vernebelt dem Hubschrauber die Sicht; höhere Temperaturen machen die Luft dünner und der Eurofighter kriegt am Fliegerhorst Landsberg den Hintern nicht mehr hoch. „Darüber hinaus sind auch die Soldatinnen und Soldaten selbst gesteigerten Risiken ausgesetzt“, schreiben die um das Wohl der Truppe Besorgten:
„Hitzeschäden treten während Einsätzen und Übungen häufiger auf, während Extremwetterereignisse eine zusätzliche Umweltbedrohung darstellen. Die doktringemäße Nutzung von Fahrzeugen und Ausrüstung – also deren Einsatz entsprechend den in Vorschriften und Plänen zugrunde gelegten Annahmen – ist in Teilen nicht mehr umsetzbar. Bereits bei Außentemperaturen um 35 °C können in gepanzerten Fahrzeugen extreme Innenraumtemperaturen entstehen. Häufig ist die Klimatisierung solcher Systeme nur unzureichend auf Hitze ausgelegt, gerade bei älteren Fahrzeugen“.
Der deutsche Frontsoldat ist mithin Risiken ausgesetzt, die normalerweise nur dem Bahnkunden drohen, der mit dem ICE 512 bei ausgefallener Klimaanlage Richtung Berlin unterwegs ist, um Tante Käthe zu besuchen.
„Verteidige Freiheit, Demokratie und die Beimischungsquote für Sustainable Aviation Fuel“
Es muss also dringend etwas geschehen. Zumal auch der Ruf der Truppe ohne PtX gefährdet ist. „Die Defossilisierung des Militärs erhöht zudem dessen Legitimation“, schreiben die Autoren. Hohe Emissionen könnten das Vertrauen in der Bevölkerung beschädigen und womöglich sogar die Personalgewinnung erschweren. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für die Nachwuchswerbung: „Mach, was wirklich zählt. Verteidige Freiheit, Demokratie und die Beimischungsquote für Sustainable Aviation Fuel.“ Es hilft also alles nix: „Die Streitkräfte müssen – wie jeder andere Sektor auch – ihren Beitrag zur Erreichung von Klimaneutralität leisten“.
Und dann kommt das schwere Geschütz Kaliber 155:
„Gleichzeitig bietet die Verfehlung dieses Ziels einen Anknüpfungspunkt für Desinformationskampagnen als Teil hybrider Kriegsführung sowie für die Instrumentalisierung durch extremistische Akteure.“
Gefahr ist im Verzug:
„Argumentationsmuster, die staatliche Klimapolitik als unzureichend darstellen und daraus eine Legitimation für Widerstand gegen staatliche Ordnung ableiten, finden sich in Teilen linksextremistischer und islamistischer Ideologien“.
Ja, und in den Parteiprogrammen von CDU, SPD, Linken, Grünen und in einem Urteil des Bundes-Verfassungsgerichtes.
Die Lage ist wirklich ernst. Wie hieß es bei der Bundeswehr zum Einsatz in Mali: „Licht aus. Energie und Wasser sparen kann jeder, auch im Einsatz.“ Die Truppenküche biete täglich vegetarische Gerichte an, auch vegane Mahlzeiten lassen sich aus den Komponenten zusammenstellen, und der Anteil der Bio-Lebensmittel werde „stetig steigend“ berücksichtigt. Selbst die Einpersonenpackung ist inzwischen mit Chili sin carne vorbereitet. Das neue Ideal deutscher Kriegstüchtigkeit lässt sich somit auf die Formel bringen: „Zäh wie Mehrwegplastik, hart wie grüner Stahl und flink wie Öko-Opportunisten“.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Hilfe, mein Hund überholt mich rechts! – Geständnisse eines Sonntagsfahrers“ von Dirk Maxeiner, Achgut Edition 2018, hier bestellbar.


@ Dr. Joachim Lucas – „Jetzt halt Klimapanzer. Wobei die ja schon immer nur Bullshit produziert haben.“ Läßt sich sicher auf dem Konzept der „Flintenuschi“, hier ihres „schwangerengerechten“ Panzers aufbauen.
@ Grald Döring – „obwohl es noch kein AdBlue System gab.Und zwar unterteilt zwischen Pissern, Zwischenpissen und Entlassungskandidaten.“ – Da halte ich es bei den bekannten und sicher zukünftig nicht besser werdenden Verhältnissen mit dem nicht genannten „Verpisser“.
„E-Fuels sind bis zu zehnmal teurer als herkömmliche Kraftstoffe, die ja auch kein Sonderangebot sind. Sagt sogar die Bundeswehr.“ – Das ist schon mal äußerst beruhigend, denn damit ist eine Beteiligung der „Buntenwehr“ an einer militärischen Auseinander-setzung mangels Verfügbarkeit der benötigten Knete = Finanzmittel kaum möglich, ansonsten sehr schnell am Ende. Und wenn dann noch die erforderlicherweise umweltfreundliche Munition dazu kommt, also verbrennungsrückstandsfrei zu detonieren, ist das Problem doch aus der Welt, bevor es angefangen hat.
Militaris sin mens. Mars und Clausewitz würden gemeinsam im Grab rotieren.
Was ist eigentlich mit der Drohnenresilienz dieser Mega-Windräder? Leichter treffbare und schlechter schützbare Zielscheiben gibt’s kaum. Aber nicht den Russen sagen!
Das wird doch nüscht. Die Nazis habens damals auch mit synthetischen Treibstoffen versucht und den Krieg verloren. Das erkennt sogar der Wessi hier, der die Lausitz für ein Gewässer hält.
Maxeiner hinterfragt nicht, weshalb E-Fuels angeblich zu teuer sind. Schade, denn damit geht er der Klimaschutzlobby auf den Leim. E-Fuels wären nämlich tatsächlich ein echter Einstieg in die Nachhaltigkeit und eine Kreislaufwirtschaft. Man müßte es nur wirklich wollen und richtig anpacken.