Am Anfang steht immer der Tierversuch. Mit 558 Ja-Stimmen, 35 Nein-Stimmen und 52 Enthaltungen gaben die Abgeordneten des Europäischen Parlaments vor zwei Wochen grünes Licht für die ersten EU-weit geltenden Standards für die „Zucht, Haltung, Rückverfolgbarkeit, Einfuhr und den Umgang mit Katzen und Hunden“.
Laut der neuen Verordnung, auf die sich Rat und Parlament geeinigt hatten, müssen alle in der EU gehaltenen Hunde und Katzen, auch die Tiere, die sich in Privatbesitz befinden, mit einem Mikrochip gekennzeichnet und in einer nationalen Datenbank registriert werden. „Verkäufer, Züchter und Tierheime haben vier Jahre Zeit, sich darauf vorzubereiten. Es ist ja nur ein Pieks: der Mikrochip ist ungefähr so groß ist wie ein Reiskorn und wird mit einer Spritze unter die Haut gesetzt. Der speichert eine eindeutige Nummer und kann ausgelesen werden. Für Tierhalter werden die Maßnahmen, nach zehn Jahren für Hunde und nach 15 Jahren für Katzen verbindlich“, heißt es in einer Pressemitteilung der EU.
Die sogenannte „Cats and Dogs-Verordnung“ dient selbstverständlich nur zum Wohle der Tiere, nicht etwa zur Kontrolle säumiger Hundesteuer-Zahler. Auch ein obligatorischer Katzen- beziehungsweise Hundeführerschein scheint mir als nächster Schritt nur folgerichtig, denn ein „Haustier ist ein Familienmitglied, kein Objekt oder Spielzeug“, wie der oberste Tiersowjet in Brüssel wissen lässt.
Wobei sich natürlich die Frage erhebt, wann die restlichen Familienmitglieder ebenfalls gechipt und in der Datenbank registriert werden müssen. Seit 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im deutschen Grundgesetzt verankert. In Artikel 20a GG heißt es: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere...“. Es läge daher nahe, in einem ersten Schritt auch die Kinderhaltung mit einer Chip- und Registrierungspflicht zu verknüpfen, sofern dies nicht bereits freiwillig durch die Halter geschieht, etwa in Form der Ausstattung von Dreijährigen mit einem Mobiltelefon.
Ausnahmen für Diensthunde und Katzen auf dem Bauernhof
Die Berichterstatterin und Vorsitzende des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Veronika Vrecionová, begrüßte die strengeren Regeln für die Zucht und Rückverfolgbarkeit, „die uns helfen werden, gegen diejenigen vorzugehen, die Tiere als Mittel zur Erzielung eines schnellen Profits sehen“, sprich der „Welpenmafia“ die Geschäfte schwerzumachen. Sie sagt das warmherzig, fürsorglich und mit genau jener sanften Autorität, mit der man früher Kinder zum Zähneputzen erzog. Schon alleine deshalb sollten strengere Regeln auch zum Schutz von Kindern angewendet werden, die mitunter ja ebenfalls zur Erzielung von schnellem Profit etwa durch kriminell erlangtes Kindergeld missbraucht werden.
Nicht in Ordnung finde ich auch die unterschiedliche Behandlung von Hunden und Katzen, respektive ihren Besitzern. Warum sollen die Wauwaus schon in zehn Jahren an die digitale Leine genommen werden, Miaus aber erst nach 15 Jahren? Das neue Gesetz, laut dem Deutschen Tierschutzbund ein „Meilenstein für den Tierschutz in Europa“, muss lediglich noch vom Rat der EU abgesegnet werden. Die Tierschützer kritisieren allerdings, dass Ausnahmen für Diensthunde möglich sind und Katzen auf landwirtschaftlichen Betrieben nicht unter die Verordnung fallen.
Die neuen EU-Verordnungen tragen somit den Keim schwerer Diskriminierung in sich. Landwirte, die Hunde und Katzen ausschließlich zur Bewachung oder als Haustiere halten und nicht züchten oder verkaufen, sind von den neuen Vorschriften nicht betroffen. Wie war das noch auf Orwells Animal-Farm: “All animals are equal, but some animals are more equal than others.” Alle Tiere sind gleich, aber manche gleicher. Als Ausweg bietet sich an, in seinem Garten in Prenzlauer Berg eine Nebenerwerbs-Landwirtschaft zu eröffnen.
Auf jeden Fall sehe ich aus eigener praktischer Erfahrung eine erhebliche Gerechtigkeitslücke für private Hundehalter. Mein erster Hund, ein illegal zugelaufener Rauhaar-Dackel namens Lumpi, würde unter die neue Verordnung fallen, obwohl er als Hund vom Dienst eindeutig der Sicherung unserer Kleinstadt-Latifundie diente. Er ging jedem an den Kragen respektive die Waden, der sich unserer Haustür weniger als fünf Meter näherte, egal ob Postbote oder Schäferhund.
Einmal erwischte er sogar eine unvorsichtige Freundin meiner Mutter am Saum ihres Nerzmantels (sowas trug man damals noch in besseren Kreisen). Da Lumpi weder ein Halsband noch eine Haftpflicht-Versicherung besaß, mussten wir vom eher bescheidenen Haushaltseinkommen Schadenersatz leisten, der Dackel kam dadurch im Unterhalt so teuer wie der Opel Admiral, mit dem die Dame angereist war.
Die Rückkehr des Ungechipten
Lumpi versuchte es wiedergutzumachen, indem er jeweils am Freitag ein persönlich gemeucheltes Suppenhuhn aus der Nachbarschaft auf der Matte unserer Haustür ablegte. Um im Training zu bleiben, erlegte er auch Mäuse und Ratten und ab und zu ein Meerschweinchen von Nachbars Kindern, die er ebenfalls brav zuhause ablegte. Auch beteiligte er sich an illegalen Zucht-Aktivitäten, berichteten zumindest die Fahrer des Taxiunternehmens, das gleich gegenüber unseres Hauses residierte. Sie hatten einen ganz guten Überblick über den jeweiligen Aufenthaltsort von Lumpi, denn er machte sich morgens auf den Weg in die Kleinstadt, um erst abends ermattet zurückzukehren. Manchmal kam er auch mit dem Taxi, wenn der Fahrer gute Laune hatte, brauchte er nur die Autotür zu öffnen, und Lumpi sprang hinein. Allerdings nicht, wenn er einer Dame des Herzens – er war kein Rassist, sie musste also kein Dackel sein – den Hof machte. Dann blieb der Unhold oft tagelang weg, und wir warteten geduldig auf die Rückkehr des Ungechipten.
Ich erzähle dies ein wenig wehmütig, denn spätestens wenn sich die EU-Kommission sich ihrer annimmt, sagen Hund und Katz der Freiheit Gute Nacht. Vermutlich werden dann bald Bewegungsprofile von Nachbars Lumpi erstellt, um herauszufinden, ob er von seinem Besitzer genügend Gassi geführt wird, ob dabei eine vorgeschriebene Hunde-Route begangen wird und ob er womöglich illegal an eine bedrohte Rosskastanie gepinkelt hat.
Das Ordnungsamt wird ferner mit Lesegeräten ausgestattet, um an Ort und Stelle per Direktkasse säumige Hunde- und Katzensteuer einzutreiben. Ferner werden die Chips mit einem Sensor ausgestattet, der das LED-Halsband von Hund und Katz bei Dunkelheit automatisch einschaltet, wodurch der Stadtpark auch im Sommer aussieht wie ein Weihnachtsmarkt auf Ecstasy.
Katzen führen Doppelleben
Zuerst kommen also die Hunde dran. Das ist vernünftig, sagten alle Vernünftigen. Hunde sind treu, aber nicht immer auskunftsfreudig. Wenn ein Labrador nachts allein durch Brüssel trabt, muss Europa wissen: Gehört er nach Hause, in die Hundeschule oder in einen Untersuchungsausschuss? Also wird er registriert, zentral, sicher, transparent, mit Zugriff nur für befugte Stellen.
Dann sind die Katzen an der Reihe. Katzen verschwinden schließlich. Sie springen über Zäune, schließen sich fremden Haushalten an, führen Doppelleben, beziehen unter drei Namen Futterleistungen und verweigern jede Form der Meldepflicht. Ein Chip ist das Mindeste. Nicht zur Kontrolle, selbstverständlich, sondern zum Schutz.
Irgendwann wird die absehbare EU-Kommissarin für Herkunft, Haltung und Harmonie dann auf die absehbare, und – oben bereits angesprochene – Idee kommen: „Kinder sind auch schutzbedürftige Familienmitglieder“. Und zwar die teuersten. Außerdem laufen auch sie gelegentlich weg, besonders in Supermärkten, Freizeitparks und im überfüllten Freibad. Sie wechseln Jacken, verlieren Mützen, behaupten, sie hießen „Spiderman“ und verweigern an der Eisdiele jede belastbare Auskunft über ihre Herkunft.
Deshalb muss der Kinderchip her. Natürlich nicht verpflichtend. Nur empfohlen. Dann dringend empfohlen. Dann Voraussetzung für den Kindergartenplatz, aber nur aus organisatorischen Gründen. Schließlich verpflichtend, jedoch ausdrücklich nicht verpflichtend im alten, unangenehmen Sinne, sondern im neuen, solidarischen Sinne. Der Kinderchip dient ausschließlich dem Wohl des Kindes. Er speichert keine Gedanken, nur Bewegungsmuster, Impfstatus, Schulnoten, Konsumimpulse und die Häufigkeit verdächtiger Sätze wie „Ich will nicht“. Außerdem kann man bei Bedarf feststellen, ob das Kind aus artgerechter Haltung stammt.
Der Erwachsenenchip heißt „European Guardian Angel“
Von Überwachung kann keine Rede sein. Man nennt das liebevoll Auffindbarkeit. Niemand wird kontrolliert. Man wird lediglich im Falle einer Auffälligkeit automatisch lokalisiert, klassifiziert, benachrichtigt und gegebenenfalls fürsorglich zurückgeführt.
Dies empfiehlt sich selbstverständlich auch für Erwachsene, erst für die Rentner, besonders wenn sie öfter mal ihre Adresse vergessen, dann für alle. Erwachsene sind problematischer als Katzen. Katzen tun wenigstens so, als hätten sie einen Plan. Erwachsene hingegen ziehen um, wechseln Berufe, fahren zu schnell, trinken zu viel, demonstrieren und kaufen Autos, Motorboote und Heizpilze ohne vorherige Klima-Folgenabschätzung. Der Bürgerchip wird dem Volke als „European Guardian Angel“ (Europäischer Schutzengel) nahegebracht. Er ist freiwillig, solange man nicht reisen, arbeiten, wählen, wohnen, kaufen, verkaufen, heiraten, erben, parken oder im Internet Pornos anschauen will. Auf den EU-Plakaten lächeln Menschen mit Labradors und Kindern in Pastellfarben. Darunter steht: „Freiheit heißt, gefunden werden zu können“.
Ruhe in Frieden Lumpi, illegal gebettet unter einer mächtige Buche im tiefen Eifelforst, das alles bleibt Dir erspart.
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Laßt bloß die Tiere in Ruhe. Mit Zwang hat man noch nie etwas erreicht. Viel eleganter ist es doch, den Tieren irgendwelche lustigen Handys unterzujubeln, wo ein Chip schon enthalten ist und auf dem sie, neben Telefonieren untereinander auch witzige Katzenvideos und andere lustige Sachen ansehen können, dann benutzen sie die Dinger bestimmt freiwillig. Man muß nur einen Bedarf erzeugen und schon geht es tierisch ab. Zum Glück sind wir Menschen, weil wir ja denken können davor geschützt, so billig abgegriffen und manipuliert zu werden, denn wir sind ja die Krone der Schöpfung. Pawlow soll ja Hunde dazu gebracht haben, sichtbar zu sabbern, wenn sie ein Freßchen gezeigt bekommen und eine Glocke ertönt. Wir benötigen dazu nur TV mit Dschungelcamp und DSDS, oder einen neuen Klingelton in Verbindung mit Freiheits-Leckerlies und schon sabbern wir Menschen auch diskret vor uns hin. Keine Angst vor zentraler Überwachung, die meißten Databroker haben schon unsere Spur aufgenommen und wir liefern freiwillig die Inhalte und Begehrlichkeiten frei Haus. Wir lassen uns tracken und schicken im Sekundentakt noch Bilder dazu hinterher, vom Essen und mit wem wir irgendwo waren. Wie soll ich mit denen über Überwachung reden und die Konsequenzen, die es nicht für ihr vielleicht lächerliches Leben sondern das ihrer Kinder und Enkel bedeuten kann. Ich hätte viel mehr Angst vor vorgegaukelten „demokratischen“ Chip-Systemen, da sind die Manipulationsmöglichkeiten viel größer und diejenigen, bei denen der automatische Reflex schon bei o.g. Billigvarianten ausgelöst wird, werden auch von solchen komplexen Systemen gefressen werden, mangels intellektueller Möglichkeit von Gegenwehr.
@ Nico Schmidt, also wenn Sie die EU auflösen würden, würde, wie Sie zurecht befürchten, natürlich nicht nur die Erdrotation schlagartig beendet, es hätte auch katastrophale Auswirkungen auf das Universum. Neuer Urknall oder ähnlich.
Erster Gedanke: Mir wäre eine DNA-Datenbank lieber – um die Kacke vor der Haustür dem verantwortlichen Köter bzw. Herrchen zuordnen zu können. Grrrr…
Ansonsten ist der Artikel treffend wie immer. Allerdings übersieht der Autor vielleicht, dass wir Menschen den Chip schon längst haben – zwar nicht imolantiert, aber stets dabei und stets auskunftsfreudig. Nennt sich Smartphone.
Ihr sagt immer EU. Das ist doch gar nicht genau. Von wem geht der Irrsinn tatsächlich aus. Namen bitte. Hat sich das das Europäische Parlament ausgedacht, oder kommt der ganze Schwachsinn immer von zwei bis drei einschlägig bekannten Persönlichkeiten mit nicht nachhaltigen SMS? Die verstecken sich nur hinter einer Organisation, die nicht legitimiert ist. Aber eigentlich sind die persönlich verantwortlich. Also, wenn das kein Beschluss des EU-Parlaments ist, sondern nur die Idee einer ungewählten Kaiserin, muss man sich da vielleicht doch genauer informieren. Oder hat es etwa der Hofnarr der Kaiserin nur mal so angedeutet? Dann gilt es nicht. Nicht dass wir alle in vorauseilendem Gehorsam immer größeren Blödsinn einfach mitmachen, weil wir ja sowieso nichts machen können. Was könnte es für Gründe geben, dass Hunde, Katzen, Hühner und Ameisen durchnummeriert werden und in einer Datenbank erfasst werden. Das ist komplett GAGA! Es sei denn es würde um die Sicherheit gehen. Dann ist es ernst. Damit kann man den größten Blödsinn immer begründen, weil Widerspruch strafbar ist. Spielt doch einfach nicht mehr jedes gezinkte Spiel mit! Oder haben sich drei Hunde und zwei Katzen unter der Brücke getroffen und haben vereinbart, die EU zu stürzen, und eine Ameise hat alles mitgehört und hat es verraten? Fragt doch wenigstens, UNTER WELCHER BRÜCKE DAS GEWESEN SEIN SOLL! SEID IHR NOCH BEI TROST! Früher gab es den idioteschen Spruch: „Und wenn jemand sagen würde, spring aus dem Fenster, würdest du das dann auch machen?“ Ich fürchte, JA!
@Bernd Gottschalk Ich war über 10 Jahren ehrenamtlicher Begleiter. Fazit, im JC sitzen einzig Sanktionskonstrukteure und die Büchner Justiz spricht keine Urteile mehr, einzig nur unfreiwillig eine „Mediation“. (Angeblich ein freiwilliges Verfahren.) Sie fürchten Nachahmer bei einem Urteil im Namens des Volkes. Absolut unfassbar was mit Deutschen ablief/abläuft, Rechtsbrüche ohne ende.
Das Tiere gechipt werden sollen, ist ein schlimmer Sieg der Tierschützer. Weil jetzt wird es richtig schmutzig, blutig. Falscher Weg, Lösung. Das Totalversagen der Behörden ist bekannt. Nun werden die Kosten zur Tierhaltung erhöht.
Water makes Money, nun ist es auch Lumpi. Der Staat lässt sich das alles wie eine Firma bezahlen. Rathäuser sind dank Bertelsmann Profit Center.
@Norbert Hamann, ist leider nur meiner Fantasie entsprungen, doch technisch durchaus machbar. Ich kam drauf als ich mich einmal fragte, weshalb in Deutschland die Rattenbekämpfung nur halbherzig durchgeführt wird und staunte, was anderswo alles effektiv möglich ist. So gibt es beispielsweise in New York in den Kanalisationen Schussanlagen, die induktiv ausgelöst werden und den Ratten keine Qualen verursachen. Aber das ist ein anderes Thema. Seien Sie stolz auf ihre fleißigen Katzen.
Warum soll es dem Hund, der Katze anders ergehen als dem 18—jährigen Soldaten? Geimpft, gechipt, kastriert,besteuert und KV tauglich befunden auf dem Kreiswehramt. Auch Tiere, Pferde, Hunde, Katzen, Tauben…müssen ihren Beitrag leisten für einen umweltgerechten Krieg oder zur Truppenverpflegung in der Konserve.( Salami,Hasen— Katzenbraten,Täubchen für Kommunikation,Drohnenabwehr..).Trotzdem, Kastration beim Tier und Männsch ( Schreibfehler sind Absicht, Herr Oberleerer) sollte verboten werden, ein bißchen Spaß in diesen schweren Zeiten muß sein und nachhaltige Vermehrung des Kanonenfutters mögen auch die Räächten. Nicht vergessen, heute ist Muttertag.