Der Grüne Cem Özdemir ist nicht nur Vegetarier, sondern auch Schwabe und Vielflieger, also ziemlich viel auf einmal. Als er nach einer Bonusmeilen-Affäre vor fast 25 Jahren von seinen Ämtern zurücktrat (das machte man damals noch) und von den Grünen ins Abklingbecken nach Brüssel geschickt wurde, bildete der EU-Abgeordnete eine Männer-Wohngemeinschaft mit dem FDP-Abgeordneten Jorgo Chatzimarkakis. Das war eine etwas ungewöhnliche Konstellation, die ich seinerzeit hier beschrieb und die nicht gegen die beiden, sondern für sie spricht.
In Özdemirs Büro hing ein Bild von Martin Luther King und das Ortsschild von Bad Urach. Die Dekoration deutete auf eine wohl austarierte verbale und habituelle Ausdrucksweise hin, die ein Politiker, der an die Macht kommen und dort bleiben will, tunlichst beherzigen sollte. Ein bisschen gratismutiger Widerstand ist stets genehm, aber es empfiehlt sich, dabei die Ufer des applaudierenden Mainstreams nie aus den Augen zu verlieren. Zumindest war das in der politischen Zeitrechung vor Donald Trump so. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Zumal Trump den Mainstream einfach umgeleitet hat – und die Mühlen der Konkurrenz nun auf dem Trockenen klappern.
Wie dem auch sei: Cem Özdemir will nun seinen Parteikollegen Winfried Kretschmann bei den Wahlen Anfang März als Landesvater beerben oder zumindest als zweiter Sieger im Landtag mitregieren – und muss aufpassen, dass er nicht auf dem Trockenen klappert. Ein wenig hinderlich ist nämlich die Tatsache, dass einst steinreiche Städte wie Stuttgart oder Sindelfingen praktisch pleite sind, weil die Gewerbesteuern vor allem der ansässigen Automobil- und Zulieferindustrie als vermisst gemeldet und auch nicht beim Fundbüro in der Hauptstätterstraße 66 abgegeben wurden. Industrieperlen wie Daimler-Benz, Porsche oder Bosch stellen zehntausende Arbeitsplätze zur Disposition. Die Besitzer von reihenweise leerstehenden Stuttgarter Ladengeschäften bieten ihre Schaufensterfronten den Nachbargeschäften inzwischen kostenlos an, um die große Depression ein wenig zu verschleiern. Wer will schon in der Wüste Gobi shoppen.
Die Treibjagd darf als weitgehend gelungen gelten
Die grün-schwarze Landesregierung hat – in erfolgreicher Kooperation mit Abrissunternehmen wie der „Deutschen Umwelhilfe“ (DUH) – wirklich alles getan, eine Stadt, die vom Auto lebt, zum Revier einer Jagdgesellschaft zu machen, die das Auto zur Strecke bringt, wo es nur geht. Die Treibjagd darf als weitgehend gelungen gelten, Halali. Und da keiner der Verantwortlichen zugeben darf, sich selbst ins Knie geschossen zu haben, schlägt die Zukunft visionären Minnegesangs. Die Minne besingt bekanntlich den ritterlichen Dienst für eine meist unerreichbare Dame.
Friedrich Merz, der gerade unter seinen Augen die letzten Atomkraftwerke sprengen ließ, entdeckt plötzlich sein Herz für den Fusionsreaktor, der uns endgültig ins irdische Paradies befördern soll, wo Milch, Honig und Strom fließen ohne Unterlass. Allerdings erst in 50 Jahren, wenn der Kanzler von einer Wolke übers Sauerland herabblickt und sich über seine depperten Wähler kaputt lacht. Ich erinnere hier an die sogenannte „Haferburgsche Konstante“, benannt nach unserem gleichnamigen Autor Manfred Haferburg: „Seit 50 Jahren behaupten die Anhänger des Fusionsreaktors, dass er in 50 Jahren ans Netz geht“.
So was Ähnliches produzierte gerade auch Cem Özdemir. Er und seine Parteifreunde haben die deutsche Autoindustrie zu einem guten Anteil mit auf dem Gewissen und wollen nun auch noch so tun, als ob sie als einzig wahre Retter derselben bereitstehen. In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen sprach er: „Das Auto der Zukunft fährt elektrisch, denkt digital, kommuniziert vernetzt, steuert autonom. Wer das ignoriert, schadet unserer Autoindustrie und gefährdet Arbeitsplätze“. Dieser Satz ist so falsch, dass noch nicht einmal das Gegenteil richtig ist, weshalb ich ihn im Folgenden einmal Wort für Wort betrachten will.
Ohne sichere Grundversorgung mit Strom und Hirn
Özdemir 1: „Das Auto der Zukunft fährt elektrisch.“ In diesen kalten Tagen konnten wir beobachten, dass vielerorts, besonders in Berlin, nicht einmal die Straßenbahn, die S-Bahn oder die Bundesbahn elektrisch fuhr. Elektrische Busse streikten reihenweise und länderübergreifend, vielerorts nimmt man von den einschlägigen Experimenten wieder Abstand, siehe hier und hier und hier.
Die Straßenbahn in Teilen Berlins fuhr übrigens nicht, weil sie nicht fuhr: Ohne regelmäßigen Betrieb frieren nämlich die Oberleitungen zu. Nun ist am Montag Streik im Öffentlichen Dienst, die Straßenbahnen fahren aber trotzdem weiter, damit die Leitungen nicht wieder einfrieren. Der Clou dabei: Sie nehmen wegen des Streiks keine Passagiere mit.
Angesichts des grassierenden Irreseins möchte ich daher feststellen: Das resilienteste (um ein neues Modewort zu gebrauchen) Verkehrsmittel ist schlicht und einfach das eigene Auto mit Verbrennungsmotor. Wie sich das in einem Land ohne sichere Grundversorgung mit Strom und Hirn auf absehbare Zeit ändern sollte, erschließt sich mir beim besten Willen nicht.
Mit einem Tesla nach Canossa fahren
Damit das Prinzip Hoffnung keine Kratzer bekommt, ist selbst die Auto-Fachpresse dazu übergegangen, eventuelle Reichweiten-Angaben und Ladezeiten elektrischer Fahrzeuge so darzustellen und zu verklausulieren, dass die nachteilige Bilanz gegenüber dem Verbrenner nicht allzu augenfällig wird. Auto-Motor und Sport ging in seiner Ausgabe 2 von 2026 von dieser Praxis möglicherweise aus Versehen ab und veröffentlichte eine unverfänglich klingende Story (nicht im Netz aufrufbar) mit dem Titel: „Großer-Zugwagen-Test: E-Tesla oder Skoda-Diesel“. Kern der Story ist ein Reichweitenvergleich zwischen Skoda-Diesel und elektrischem Tesla unter verschiedenen Umständen wie Beladung, Anhänger, Dachbox, Fahrradträger.
Das Ergebnis. Zunächst mal die normale Reichweite mit zwei Personen bei 100 km/h. Skoda: 1.078 Kilometer. Tesla: 325 Kilometer. Bei 130 km/h sieht der Unterschied so aus: Skoda: 786 Kilometer, Tesla 246 Kilometer. Und nun das ganze mit Gepäck, Dachbox und Fahrradträger bei 100 km/h. Skoda: 786 Kilometer. Tesla: 271 Kilometer. Begeben wir uns nun auf eine Urlaubsreise mit einem kleinen Wohnanhänger (1.000 kg). Die Reichweite bei 100 km/h beträgt dann für den Skoda 423 Kilometer, der Tesla schafft gerade noch 148 Kilometer. Zusätzlich sei noch erwähnt: Teslas gelten als die mit am reichweitenstärksten Elektroautos. Und: Bei starken Minusgraden verlieren E-Autos noch einmal bis zu 30 Prozent ihrer Reichweite (es wurde aber nicht unter verschiedenen Temperaturbedingungen getestet).
Ich habe das ungute Gefühl, dass die Chefredakteurin von Auto Motor und Sport demnächst widerrufen und zur Strafe mit einem Tesla mit Wohnanhänger nach Canossa fahren muss (Stuttgart-Canossa 673 Kilometer, fünfmal nachladen, je nachdem, wo sie anlanden, insgesamt zwischen vier Stunden und zwei Tagen Nachladezeit).
Ein Auto denkt überhaupt nicht
Özedmir 2: „Das Auto der Zukunft denkt digital.“ Ein Auto denkt überhaupt nicht. Das sollte weiterhin der Fahrer tun. Wenn er es nicht tut, dann wählt er womöglich Cem Özdemir. Wenn er denkt, kauft er sich am besten ein Fahrzeug der Baujahre 2008 bis 2015, wie es viele Automechaniker tun. Denn die wissen: Diese Jahrgänge waren bereits in einem alltagstauglichen Maße zum Nutzen des Kunden digitalisiert, zuverlässig, sparsam und von einer ausgezeichneten Qualität. Und vor allem: Sie lassen sich noch reparieren. Was seitdem kommt, macht die Besitzer im Falle eines Defekts zum Leibeigenen der Hersteller, bei dem schon mal aus der Ferne die Heizung abgestellt wird, und treibt sie mit prohibitiv teuren Reparaturen „in eine gnadenlose Kostenspirale“, wie es in diesem aufschlussreichen Aufklärungs-Video heißt.
Özedmir 3: „Das Auto der Zukunft kommuniziert vernetzt.“ Erstens ist das eine Binse und zweitens erhebt sich die Frage, ob das dem denkenden Bürger wirklich im praktizierten Umfang recht sein kann. Innenminister Alexander Dobrindt macht sich gerade schwer Sorgen über chinesische Fahrzeuge und deren „hochkomplexe, vernetzte Systeme, die eine große Menge an Daten generieren, speichern und übermitteln“. So könnten etwa Standortdaten der Fahrzeuge, Gesprächsaufnahmen über die Bordmikrofone oder an Dritte übermittelte Bilder von Fahrkameras zur Sicherheitsgefahr werden, auch für Unternehmen. Vor diesem Hintergrund werde eine mögliche Spionagegefahr ernst genommen.
Und der Sonntagsfahrer macht sich schwer Sorgen, weil die EU diese Systeme mittlerweile gesetzlich vorschreibt und Frau von der Leyen Xi Jinping immer ähnlicher wird, mit Ausnahme der Hosenanzüge selbstverständlich. Der feuchte Traum der Brüsseler Bürokraten besteht darin, dem Bürger den Saft abzudrehen, sobald Stichworte wie „AfD“, „Marie Le Pen“ oder „Meinungsfreiheit“ im Innenraum dedektiert werden.
Viel Vergnügen mit autonomen Autos
Özedmir 4: „Das Auto der Zukunft steuert autonom.“ Das klingt echt bestechend, besonders für grüne Geister, denn man wäre zwar nicht das Auto los, aber zumindest den Autofahrer, und der ist ja das eigentliche Problem. Andererseits: In einem Land, in dem es nicht einmal gelingt, die Weichen und Stromleitungen des öffentlichen Verkehrs im Winter eisfrei zu halten, wünsche ich viel Vergnügen mit autonomen Autos. Ich schlage vor, in der Stadt das Streuen von Salz dann nicht nur auf den Gehsteigen, sondern auch auf den Straßen einzustellen.
Ach ja: General Motors stoppte 2024 seine autonome Taxiflotte. Apple stellte im gleichen Jahr die Entwicklung autonomer Fahrzeuge ein. Volkswagen und Ford zogen sich ebenfalls aus einem entsprechenden Gemeinschaftsprojekt zurück. Uber gab seine autonome Fahrzeugentwicklung schon 2020 auf. Zuletzt hat sich Stellantis fluchtartig vom autonomen Fahren verabschiedet. Lediglich Waymo und Tesla machen weiter. Möglicherweise sehen wir hier einer neuen Haferburg-Konstante entgegen, die bei etwa 15 Jahren liegt. Derzeit ist der heiße Tipp für das flächendeckende autonome Fahren 2040.
Nochmal Cem Özdemirs Weisheit in voller Länge: „Das Auto der Zukunft fährt elektrisch, denkt digital, kommuniziert vernetzt, steuert autonom. Wer das ignoriert schadet unserer Autoindustrie und gefährdet Arbeitsplätze.“ Einer der herrschenden Vielflieger und Staatslimousinenhintensitzer will hier die großartigen Errungenschaften des Automobils für die Menschen immer weiter einschränken, auch wenn er zu feige ist, es offen auszusprechen.
Das, was Cem Özdemir beschreibt, hat mit der Idee des Automobils rein gar nichts mehr zu tun. Es ist nichts weiter als ein emotionsloses Fortbewegungsmittel, eher beendet Daniela Katzenberger (die ich übrigens sehr mag) ein Philosophiestudium, als dass der Autofahrer so ein veganes Elektroschnitzel kauft. „Wenn Du eine Stunde in der Kirche verbringst, wo bist Du?“, fragte einmal der amerikanische Autor P. J. O’Rourke. Statt einer Antwort schickte er eine zweite Frage hinterher: „Wenn Du eine Stunde im Auto verbringst, wo bist Du dann?“ Darauf fiel ihm sofort eine Antwort ein: „At the beach.“
Bei näherer Betrachtung ist Özdemirs Plädoyer für das Auto nichts anderes als ein verkappter Aufruf zu seiner Abschaffung. „UnsereAutoindustrie“ klingt dabei schon genauso wie „UnsereDemokratie“. Und wer nicht mitmacht, ist ein Ignorant und Leugner, der Arbeitsplätze gefährdet. Täter-Opfer-Umkehrung in Reinkultur.

Ja, das trifft es recht. Ich war auf der Inter Classics in Maastricht. Diese Messe mit vielen schönen alten Autos findet angeblich jedes Jahr in Maastricht und in Brüssel statt. Da findet man die besten Designs und ausgefallensten Formen.
Clou, ich war nur zufällig dort, um einen Kollegen aus der Galvanik zu sprechen. Es hat sich beides gelohnt. Wenn ich könnte, würde ich hier eine kleine Galerie veröffentlichen.
Wo der Esel ist gekrönt, dort wird das ganze Land verhöhnt.
Die Elektrifizierung ist wohl erst abgeschlossen, wenn der Politiker der Zukunft auch elektrisch sitzt.
Danke, Herr Winston Smith ! Das war wieder mal voll auf die Zwölf ! Wie alle ihre Kommentare, immer eine Wohltat! Im Kontrast zu den vielen Irrlichtern hier auf der Achse.
Der Mensch, der nicht in der Lage ist, Gigawatt von Gigabyte zu unterscheiden schickt sich an, einem ehemaligen Musterländle den „Gnadenschuss“ zu geben. Im Übrigen bin ich der Meinung, solche Typen verdient das Land. Ein dreifach Allaaff, Helauuuu, so’mer ne reinlasse!? Selbstverständlich immer gerne, Polit-MiPo unter sich.
Mit seinem Fahrrad soll er doch mal aktuell in Berlin in die Pedale strampeln. Immerhin, sein Fahrrad kann das auch wenn Straßen und Gehwege nicht geräumt wird. Scherz beiseite. Die Versicherungsprämien für E-Autos explodieren.
Der Islam gehört nicht zu Deutschland.
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Es ist das erste Mal, dass ich einen zweiten Leserbrief absende. Nachdem ich mein erstes Geschreibsel noch einmal durchgelesen habe, kann ich nur sagen, dass das schon die Argumente sind, die ich anführen wollte. Aber die Wahrheit ist, dass mir viele Eurer Leserbriefe tierisch auf den Geist gingen. Leserbriefe, die vor Schadenfreude, Neid und Beleidigungen nur so strotzen. Vielleicht bilde ich mir es nur ein, aber ich denke, dass das in der Vergangenheit bei achgut nicht so schlimm wie heuer war. Wir sind es doch, die für uns selbst und alle Anderen freies Denken, freie Meinungsäußerung en postulieren. Und was passiert? Tun andere Menschen nicht das, was wir erwarten, weil es nach unserer Meinung das Vernuenftigste wäre, werden diese Leute „in den Senkel gestellt“, gar beleidigt. Ich habe mir vorgestellt, wie diese Leserbriefe auf einen CDU-Waehler wirken müssen. Darüber nachdenken, und sich vielleicht doch etwas maessigen. Wir müssen versuchen, Leute zu überzeugen, und sie nicht beleidigen.