Die Republik Somaliland mit der Hauptstadt Hargeysa ist ein international nicht anerkannter Staat. (Nur Taiwan hat eine Vertretung in der Hauptstadt.) Das ehemalige Protektorat Britisch-Somaliland umfasst den Nordteil Somalias. Die Briten regierten Somaliland indirekt, über die Clanältesten, und rührten die traditionelle Ordnung nicht an. Somaliland erklärte sich 1991 einseitig unabhängig, als der Bürgerkrieg in Somalia ausbrach. In Somaliland leben heute etwa fünf Millionen Einwohner. Das Land, etwa dreimal so groß wie die Schweiz, wird von keinem anderen Staat der Welt anerkannt, obwohl es im Gegensatz zum „Mutterland“ seine Probleme friedlich löst. Anders als im chaotischen Somalia existiert dort ein funktionierendes System des Interessenausgleichs.
In wenigen Ländern gibt es zwar diplomatische Vertretungen, etwa in Großbritannien, den USA, Kenia und in Äthiopien, und einige Länder erkennen den somaliländischen Pass an. Doch völkerrechtlich gehört Somaliland immer noch zu Somalia.
Mangels Anerkennung erhält das Land kaum Entwicklungshilfe und ist trotzdem oder gerade deswegen schuldenfrei. Die deutsche GIZ hat ein Gewächshaus gebaut, und die kleine Mauer vor dem Krankenhaus ist schon wieder in sich zusammengefallen.
Somaliland ist ein gutes Beispiel dafür, dass wenig oder gar keine Entwicklungshilfe besser für die Entwicklung eines Landes ist. Funktionierende Strukturen haben sich in Somaliland nachhaltig gebildet und können nicht korrumpiert werden. So wird auch kein freies Unternehmertum verhindert.
Eine gemeinsame Identität
Die Afrikanische Union (AU) sorgt dafür, dass Somaliland von keinem anderen Land anerkannt wurde – trotz der Stabilität. Die AU fürchtet, dass sich in anderen Staaten Völker ermutigt fühlen könnten, einen eigenen Staat zu fordern. Obwohl es Eritrea und Südsudan inzwischen durch Kriege gelungen ist, sich von Äthiopien bzw. Sudan abzuspalten, wird dem friedlichen Somaliland eine Anerkennung verweigert.
Somaliland hat eine eigene Währung, eine Hymne, eine funktionierende Polizei und Armee, freie Presse, eine parlamentarische Demokratie; Steuern sind eine der wichtigsten Einnahmequellen des Staates. Somaliland hat Briefmarken und ein internationales Literaturfestival mit zehntausenden Besuchern. Die Abspaltung von Somalia (mit ca. 15 Millionen Einwohnern) hat offenbar dazu beigetragen, dass eine gemeinsame Identität entstanden ist.
Am 18. Mai 2021 feiert das Land 30 Jahre Unabhängigkeit von Somalia. Der Afrika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Bernd Dörries, Autor des unterhaltsamen Buches „Der lachende Kontinent“ (Besprechung: hier) hat als einer der wenigen Journalisten Somaliland besucht und in der SZ vom 24./25. April 2021 eine große Reportage über seine Reise veröffentlicht. Dörries hat in Somaliland keine Slums und keine Bettler gesehen. Er berichtet, dass „dort Frauen studieren, Shoppingmalls, Hotels und Straßen gebaut werden – und gerade jetzt ein gigantischer topmoderner Hafen.“ Das Terminal wird von den Vereinigten Arabischen Emiraten mit fast einer halben Milliarde Dollar finanziert. Gebaut wird für das Nachbarland Äthiopien, das nach der Abspaltung von Eritrea keinen eigenen Meereszugang mehr hat.
In Deutschland leben etwa 20.000 Somaliländer
Bernd Dörries schreibt treffend über die fehlende Entwicklungshilfe: „Das klassische Symbol schlechthin hierfür, das man immer wieder sieht in Afrika: ein verrosteter Traktor, der im Graben liegt. Oft wurde er mit Geld aus Europa gekauft, dann aber nie gewartet und von der Dorfgemeinschaft zu Schrott gefahren. Weil er ja niemanden wirklich gehört. In Somaliland mietet man sich einen Traktor für zehn Dollar am Tag, von Geschäftsleuten, die selbst in das Geschäft investiert haben.“
Bisher stamme ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus Überweisungen von der Diaspora, 800 Millionen Dollar sollen es 2020 gewesen sein. In Deutschland leben etwa 20.000 Somaliländer. Viele Hunderttausende sollen sich in Großbritannien und den USA niedergelassen haben. Von dort kommen die Gelder.
Neben den Hafengebühren exportiert Somaliland fast fünf Millionen Ziegen und Schafe in die arabischen Staaten.
Somaliland gilt in der instabilen Region am Horn von Afrika politisch als Erfolgsmodell. Regierungen werden ohne Zwischenfälle ausgetauscht. Auch die Sicherheitslage ist weitgehend stabil. Bildungs- und Gesundheitssystem sind befriedigend. Das Mobilfunknetz ist oft sogar schneller und günstiger als in Europa. Es gibt keine Anschläge, immer mehr Menschen kehren aus der Diaspora zurück.
Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte ( 11.) Neuauflage erschien am 18. März 2021. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.
Beitragsbild: Lakmi00via Wikimedia Commons

Verdammt noch eins: warum zur Hölle bekommt so ein Staat keine Unterstützung? Hilfe beim Aufbau von Strukturen, Ausbildung etc. wären sicherlich gerne genommen. Sicherlich besser als irgendwelche Militärhilfen in Form von Mercedes Geländewagen o.ä., wie in der Vergangenheit in Afrika oft geschehen. Wenn man sich den Gegensatz zu Suma aus Südafrika ansieht, der den ANC immer stärker als korruptes Regime installiert, kann einem nur schlecht werden.
Gibt es Coronamassnahmen?
Wie leicht bekommt man dort eine Aufenthaltsgenehmigung oder gar einen Pass?
„Die deutsche GIZ hat ein Gewächshaus gebaut, und die kleine Mauer vor dem Krankenhaus ist schon wieder in sich zusammengefallen.“ Na also! Es geht doch vorwärts. Und mit der sozialen Marktwirtschaft klappt es bestimmt auch noch. Für mich ist Somaliland das bessere Deutschland. Übertreiben Sie da vielleicht, Herr Seitz? Hoffentlich bauen die keine Atomkraftwerke, jedenfalls nicht ohne Unterstützung der Atomfachleute hier auf der Achse.
Mich würde mal interessieren, warum das Land nicht anerkannt wird. Habe ich das überlesen? Oder reicht es, dass die Afrikanische Union (AU) es nicht will? Seit wann ist Doitscheland Mitglied der AU?
Ich vermisse übrigens, in der Frage Westsahara auch eine Begründung, WIESO Marokko meint, dort einen begründeten Anspruch zu haben vor allem einen Anspruch VOR der Bevölkerung, die dort zum Zeitpunt des Rückzuges der Spanier gelebt hat. Es muss doch irgendein Märchen geben oder so ähnlich, das man als Begründung nennen kann. Bin ich ignorant, oder wieso genügen mir die Begründungen nicht, die ich immer höre. Oder ist Außenpolitik eine so unlogische Wissenschaft, dass sie ein normaldenkender Mensch nicht verstehen kann? Und Menschinnen schon vielleicht auch nicht?
Das alles klingt fast schon zu gut, um wahr zu sein. Bleibt nur zu hoffen, dass die Erfolgsgeschichte dieses Landes on Dauer sein wird. Schließlich könnte es auch hier einmal heißen, das selbst der Beste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass bald von vielen anderen afrikanischen Ländern eine ähnliche Erfolgsgeschichte geschrieben werden kann. Offenbar können sie es doch, die Afrikaner. Leider zieht man seit jeher im „Westen“ viel zu oft falsche Schlüsse; Schlüsse, welchen teils völlig kontraproduktive, ja fatale Entscheidungen folgen. So hat man etliche afrikanische Länder zwar unwillentlich, aber dennoch faktisch, immer wieder in die Abhängigkeit getrieben. Selbstredend können auch die Afrikaner Verantwortung für sich und ihren Kontinent tragen. Sie können es genauso gut, aber bisweilen auch genau so mangelhaft wie wir Europäer. Leider wird dies im Westen immer noch allzu oft hinterfragt, wenn nicht sogar gänzlich in Abrede gestellt. Im Grunde eine unerhörte Überheblichkeit. Mit einer der vielleicht wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung afrikanischer Länder, nämlich mit der einer möglichst stabilen ethnischen Homogenität innerhalb der Grenzen eines Landes, tun sich westliche Gesellschaften, die ja gerade in neuerer Zeit immer begeisterter für Multikulturalität und ethnische Buntheit einstehen, enorm schwer. Der Westen sollte sich endlich abgewöhnen, Afrika zu bevormunden, den Afrikanern einzutrichtern, wie ihr Kontinent zukünftig auszusehen hat. Somaliland zeigt dem Rest der Welt, was in Afrika möglich ist. Was geht. Respekt, und – weiter so!
Angesichts der andauernden chaotischen Zustände im mehr oder weniger fiktiven, aber international anerkannten Staatsgebilde Somalia erscheint Somaliland (das übrigens auch vom Nachbarland Djibouti anerkannt ist) in der Tat wie ein afrikanischer Musterstaat. Außer dem eher symbolischen GIZ-Entwicklungsprojekt gibt esdort seit Jahren auch eine relevantere und aktive Präsenz von UN (da vor allem die entwicklungspolitische Allzweck-Agentur UNOPS) und EU mit wichtigen Infrastrukturprojekten, die man auf alle Fälle erhalten und ausbauen sollte. Deshalb ist jeder Hinweis auf die faktische Existenz dieses nicht anerkannten Staates wertvoll.
Ich verstehe ja was Sie meinen, aber ist das von Ihnen gezeichnete Bild vollständig?
Frauenrechte in Somaliland?
Beschneidung!
Staatsreligion in Somaliland?
Islam!
Ermöglicht die harte Hand der Scharia dieses Wirtschaftswunder, diese Stabilität?
Trotz meiner Vorbehalte: Danke für diesen Einblick.
„Die Staatsreligion ist der Islam. Die Missionierung für eine andere Religion ist verboten.
… Die Sicherheitslage in Somaliland – mit Ausnahme der umstrittenen östlichen Grenzregionen – gilt als wesentlich besser als im übrigen Somalia, dennoch sind Reisen in das Gebiet laut Auswärtigem Amt “immer noch als überdurchschnittlich gefährlich zu beurteilen„ schreibt wiki.
Dennoch: wieso gelingt es denen dort besser als anderen Afrikanern, für sich selbst zu sorgen?