Markus Günther in der Augsburger Allgemeinen: Wenn sich alle einig sind, ist es Zeit, misstrauisch zu werden. Wenn Widerspruch verboten scheint, ist er um so wichtiger. In der Diskussion um den Atomausstieg ist ein Meinungsklima entstanden, das alles, was nicht reine Zustimmung ist, unter Verdacht stellt. Wer jetzt noch sagt, er halte die Atomenergie für eine ganz vernünftige Technologie, der wird angeschaut, als habe er gerade gesagt: „Schlesien bleibt unser!“ Wer auch nur skeptische Fragen stellt, wie die bejubelte „Energiewende“ denn bezahlt werden soll, ob das alles gut durchdacht und solide geplant ist, steht als Ewiggestriger da, dem man nicht ganz über den Weg trauen kann. Wer sich mehr Zeit für den Atomausstieg oder auch nur mehr Zeit für die eigene Meinungsbildung gewünscht hätte, hat den über Nacht zusammengeschusterten nationalen Konsens schon verlassen. Wer gerade noch in der politischen Mitte stand, steht plötzlich am Rand. [...] Es liegt auf der Hand, dass ein Ausstieg eigentlich nur im europäischen Kontext Sinn ergibt. Oder soll der Rest der Welt jetzt durch das deutsche Beispiel zur Vernunft gebracht werden? Das ist vielleicht das Beunruhigendste an der brachial durchgesetzten deutschen Energiewende: der totale Anspruch moralischer Überlegenheit, mit der sie propagiert wird. Soll jetzt am grünen deutschen Wesen die ganze Welt genesen? Wissen wir’s besser als alle anderen? Die Risiken der Atomkraft machen Angst, das ist wahr; deutsche Sonderwege tun es auch.