Gastautor / 02.08.2011 / 21:44 / 0 / Seite ausdrucken

Sobieski und Breivik

Von Gunnar Heinsohn

Angela Merkel, die er siebzehn Mal erwähnt, inspiriert Anders Breivik nicht für seine Tat. Allerdings würdigt er ihren Befund vom gescheiterten „Multikulti“ , wofür Nils Minkmar sie zur Ordnung ruft (FAS, 31.7.11). Auch Nicholas Sarkozy mit seinen dreizehn Nennungen bleibt ohne Einfluss, obwohl er mit seinem Verbot des Ganzkörperschleiers gut wegkommt.  Der Norweger will Kreuzritter, ja Vikinger sein und braucht deshalb einen Militär als Vorbild. Das liefert der 1629 geborene Jan Sobieski, der von 1674 bis 1696 das polnisch-litauische Großreich regiert und schon davor als Feldhetman der Krone Angriffe von Türken und Tataren abwehrt. Seine 23 Nennungen allein vermitteln jedoch nicht das Gewicht des Polen für Breiviks Texte. Es ist der Wiener Sieg Sobieskis vom September 1683 über das osmanische Heer, der dem „Manifest“ Programm und Titel liefert: „2083“. 1683 entsteht mit Oden aus Italien und Sternbenennungen aus Danzig der Mythos von der Rettung des Abendlandes durch die Panzerreiter von der Weichsel, obwohl Ludwig XIV. (1638-1715) an seinem Untergang eifrig mitwirkt. Nationen im modernen Sinne gibt es noch nicht. Herrscherhäuser erweitern ihren Machtbereich und greifen dafür ungeniert nach jeder Unterstützung. Vierhundert Jahre nach Sobieskis Triumph plant Breivik für Europa wieder einen Sieg über ein - bis dahin erneuertes - Kalifat. Nur wer dabei besonders tapfer mitkämpfe, werde den eigens dafür entworfenen Sobieski-Orden tragen dürfen.

Massenmörder, die ihr Tun mit eigenen Schriften begründen, dürfen - neben der Erstellung einer Psychopathologie - auf Analyse und Kritik ihrer politischen Absichten rechnen. Eine welthistorisch schmale Gestalt mit zweistelliger Opferzahl wie Breivik ist da nicht schlechter zu stellen als Lenin und Hitler oder Talaat und Mao, die erst nach der Siebenstelligkeit beim Austilgen richtig loslegen.

Nach der Befreiung Wiens schenkt Sobieski dem Feldmarschall Paul Esterházy (1635-1713) ein Erinnerungsporträt. Man kann es im Familienschloss in Österreichs Eisenstadt immer noch betrachten. Die noble Geste gilt nicht nur der militärischen Tüchtigkeit des Ungarn, sondern ehrt den Fürsten zugleich dafür, dass drei seiner Söhne in den Türkenkriegen fallen. Es ist nun die Ursache für diesen todesbereiten Heroismus, der zur Gegenwart einen Epochenbruch markiert, von dem Breivik nichts ahnt.

Esterházy gibt dem Kaiser seine Söhne nicht allein aus Pflichtgefühl, sondern vor allem deshalb, weil er es kann. Aus zwei Ehen erwachsen ihm 26 Nachkommen. Obwohl viele schon im Kindbett und weitere auf dem Schlachtfeld enden, gleicht das permanente Zeugen und Gebären die Verluste mehr als aus. Mit Esterházy steht nämlich das gesamte christliche Abendland seit der Hexenbulle von 1484 unter einer erbarmungslosen Bestrafung der Geburtenkontrolle, die seit dem Ende des 15. Jahrhunderts die durchschnittliche Zahl überlebender Kinder pro Frau von zwei auf sechs bis sieben hochtreibt. Die gewaltigen Menschenverluste seit der Pest von 1348, als Europa von 80 auf 50 Millionen Einwohner absinkt, sollen durch diese „Repoeplierung“ ausgeglichen werden. Dafür wird durch viehische Unterjochung, die vom grossen Feld der Sexualität nur noch den ehelichen Fortpflanzungsakt straf- und sündenfrei stellt, eine demografische Waffe geschmiedet, der die Osmanen – wie auch die übrigen Regionen der Welt - bis in das 20. Jahrhundert hinein nichts entgegenzusetzen haben. Selbst Könige und Kaiserinnen können nicht, was Fünfzehnjährige des 21. Jahrhunderts mehrmals pro Woche mühelos schaffen – eine Schwangerschaft verhüten. Ungeachtet des ungeheuren Blutzolls durch interne Kriege, Seuchen und Abwanderungen geht es deshalb zwischen 1500 und 1850, als der türkische Niedergang im Krimkrieg unumkehrbar wird, von 70 auf 270 Millionen Europäer. Bei Aufteilung des osmanischen Reiches im Jahre 1918 – und nach dem Verheizen von zehn Millionen Mann im Weltkrieg – stehen der Alten Welt 470 Millionen Menschen zur Verfügung. Doch schon 1916 geht es herunter auf nur noch drei Kinder pro Frau, 1975 sind es zwei und heute weniger als 1,5.

Es ist dieser demografische Niedergang, der den Okzident friedvoll werden lässt. Wer die Einigung des Kontinents aus einer mühsam erarbeiteten Toleranz und Weisheit erklärt, der ein Breivik sich entziehe, verwechselt Impotenz mit Keuschheit. Dem Norweger wiederum sind die wegsackenden Geburtenzahlen so schleierhaft wie den Sozialdemokraten und Kulturmarxisten, denen er sie anlasten will. In Wirklichkeit wird die Verlohnarbeiterung zum effektivsten Verhütungsmittel der Geschichte. Wer eine Position nur erreichen oder verteidigen kann, wenn er die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gewinnt, muss abwerfen, was ihn dabei behindert. Zuerst – in den 1880er bis 1920er Jahren – brechen nur hoch qualifizierte und deshalb immer lernen müssende Minderheiten das Verhütungsverbot. Heute stehen auch 90 Prozent der Frauen im Wettbewerb und müssen ihre stärksten Jahre (15-35) für die Karriere einsetzen. Da dieser Zeitraum für die Fortpflanzung optimal ist, tendiert die Geburtenrate auf Null, wenn auch die emotionale Sehnsucht nach einem Kind schwindet. Niemand ist dafür anzuklagen und auch islamische Nationen wie Iran oder Libanon unterliegen längst demselben Gesetz, schaffen also die Nettoreproduktion von 2,1 Kindern pro Frau nicht mehr.

Europa wird islamischer, weil es sich nicht mehr ausreichend vermehren kann. Nordamerika wird aus demselben Grund hispanischer und katholischer. Aber Europas Südamerika liegt nun einmal in Afrika und dem Islambogen. Frankreich und Deutschland allein haben 1900 mit 100 Millionen Einwohnern so viel Menschen wie ganz Afrika. 2050 jedoch stehen – nach Abzug von AIDS-Opfern – zwei Milliarden Afrikaner 130 Millionen Bürgern in Deutschland und Frankreich gegenüber, von denen viele südlich des Mittelmeeres Verwandte haben. Der Weltislam legt zwischen 1900 und 2050 von 150 auf 2,6 Milliarden zu. Die Fakten hinter Breiviks „demografischer Invasion“ bestreitet mithin niemand. Gleichwohl reden seine Gegner so ideologisch wie er, wenn sie die Islamisierung ihrer Heimatländer als Frucht einer ganz besonderen Offenheit feiern, die nach seinen Morden nur noch liebevoller werden könne.

Die Konflikte müssen zunehmen, wenn immer mehr Fremde in den nördlichen Hightech-Ländern versorgt werden, zu deren Beschäftigungsprofil sie nicht passen. Dennoch spricht nichts dafür, dass Alteingesessene gegen die Zuwanderung kämpfen werden. Sie sind verstört, dass sie beim Beschützen von Frauen, Homosexuellen oder Juden zu Rechtspopulisten mutieren, wenn die Angegriffenen von Muslimen niedergemacht werden. Aber bewaffneten Widerstand leisten sie deshalb noch lange nicht. Wenn die Einzelkinder der Alteingesessenen, aber auch des zugewanderten Spitzenpersonals in die Enge geraten, finden sie immer noch in Nordamerika eine Burg von 20 Millionen Quadratkilometern. Sie wissen genau, dass man dort wegen eigenen Geburtenmangels händeringend auf sie wartet. Lediglich in Europas kinderreichen Hilfesektoren mögen zornige junge Kurden gegen Türken und diese dann gegen Araber irgendwann auch Schusswaffen einsetzen. Von Breivik verachtete Neonazis aus einheimischen Submilieus könnten mitmischen. Er jedoch steht schlicht ohne Truppen da. Denn warum sollte irgendjemand aus seiner herausgehobenen Zielgruppe für einen Sobieski-Orden sterben wollen?

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