Die Jugendorganisationen der Parteien nennt man gern „Kaderschmieden“. Das klingt nach Elite, nach Ernsthaftigkeit, nach Vorbereitung auf große Aufgaben. In Wahrheit sind sie eher die Vorschule des Redens und Nichtstuns. Ein Sammelbecken all jener, die früh lernen, wie man Ideologie schluckt, sie weiterreicht und sich dabei selbst in ein parteiideologisches Vakuum einsaugen lässt.
Wer dort beginnt, landet später oft im Parlament – nicht als Gestalter, sondern als Stuhlbesetzer mit Diätenanspruch. Eine Generation, die schon in jungen Jahren lernt, dass man ohne jede Lebenserfahrung ein ganzes Land regieren könne. Wobei „regieren“ für viele zu hoch gegriffen ist. Anwesend sein reicht völlig.
Die neue Organisation „Generation Deutschland“ hat mich nachdenklich gestimmt. Während die Linken in ihren Jugendbünden äußerlich längst wie ihre Ideologie aussehen – man erkennt sie ja sofort –, wirkten bei dieser Gründungsveranstaltung erstaunlich viele wie aus dem politischen Wachsfigurenkabinett der 60er Jahre herauspoliert: Pomade im Haar, rückwärts gerichtete Attitüde, bewusst konservativ gestylt. Eine Art politische Retro-Show.
Mir wären Politiker lieber, die 20 Jahre gearbeitet, Steuern gezahlt, Verantwortung getragen haben – Menschen, die zu „uns“ gehören, weil sie wissen, wie das echte Leben aussieht. Stattdessen bekommen wir Jahr für Jahr neue Nachwuchsideologen, die früh üben, wie man nichts tut, aber dafür Applaus bekommt.
„Ich werde werden wie sie“
Ich habe das früh begriffen. Mein Großvater, Prof. Hayri Dener, wurde durch das Präsidentenkontingent als Senator für Bildungsangelegenheiten ins türkische Parlament berufen. Ich war zwölf. Seine Studenten verabschiedeten ihn an der Uni. Einer von ihnen schrieb später in seinen Memoiren, die Studenten hätten gesagt: „Herr Professor, wir erwarten Großes von Ihnen.“ Und mein Großvater antwortete: „Macht euch keine Hoffnungen. Sobald ich im Parlament sitze, bin ich einer von denen. Ich wollte den Präsidenten nur nicht brüskieren. Gute Absichten gehen dort unter. Ich werde werden wie sie.“
Und so kam es auch. Er hielt gute Reden, bewegte aber kaum etwas – mit einer Ausnahme: Das Parlament war damals düster beleuchtet. Er sagte: „Ich weiß, Bildung langweilt euch. Aber wenigstens möchte ich sehen, wer während meiner Rede schläft.“ Und er verlangte bessere Lampen. Wenn also heute das türkische Parlament hell erleuchtet ist – trotz mancher politischen Finsternis –, verdanken sie es meinem Opa.
Darum sage ich: Wir brauchen gescheite Leute, die gearbeitet haben. Menschen, die wissen, wie es ist, morgens aufzustehen, Verantwortung zu tragen, sich durchzubeißen. Vielleicht sollte man ein einfaches Auswahlkriterium einführen: Wer in der Jugendorganisation einer Partei war, ist automatisch disqualifiziert.

Ergänzend zu meinem Beitrag unten, müsste natürlich auch die staatliche Parteienfinanzierung eingestellt, oder zumindest deutlich reduziert werden, um Zuchtprämien für Berufspolitiker auszuschliessen. Parteipolitik ist durch die Parteien zu finanzieren, Mitgliederbeiträge, Spenden etc. Aber nicht durch Steuergelder.
Da ist was dran. Das Parteiensystem ist wie es ist und färbt auf die Menschen negativ ab. Ich warne schon lange davor, dass uns der Parteienstaat irgendwann aufsaugen und uns versauen wird. Dass die AfD bisher aus Menschen mit echter Lebenserfahrung aus der freien Wildbahn bestand (in den entscheidenden Bereichen ist das auch noch so), liegt an der Neugründung und dem Ansaugen sehr vieler gefrusteter Menschen, die keine Politiker waren und aus Notwehr in die Politik gegangen sind, weil die etablierten Parteien nicht mehr geliefert haben. Eine Kaderschmiede innerhalb von Parteien sorgt hingegen für Parteisoldaten, die in ihrem Leben nichts anderes gesehen haben und damit für verweichlichte Berufspolitiker ohne Lebenserfahrung. Kann man verhindern, wenn man den Nachwuchs anders in die Mangel nimmt, als das sonst üblich ist. Praxis ist durch nichts zu ersetzen. Lebenspraxis wohlgemerkt. Erst die Härte des Lebens in all ihren Facetten schleift einen derart, dass man wirklich abhärtet wie ein Diamant. Und jetzt zur Optik der AfD Jugend: Auch da ist was dran. Als jemand der seine Pubertät und sein Erwachsenwerden in den 80ern absolviert hat, wo die Jugendkultur nicht nur in klar definierten Grüppchen (Metaller, Punker, Popper, Glatzen, Antifanten etc.), sondern auch in harten Schlagabtäuschen zwischen ihnen stattfand, so wirkt die AfD Jugend auf mich im Moment wie eine Truppe Popper und nicht wie ein harter Haufen, der auch mal die Baseballkeule auspackt wenn man ihm zu nahe tritt. Wegen der deutschen Vorgeschichte ist das durchaus nicht verkehrt. Zumindest so lange Optik und Abhärtung nicht deckungsgleich sind. Bei der Abhärtung muss aber dringend der Fokus stimmen. Und er muss anders sein, als das rechts bisher der Fall war, denn die Weltlage ist heute anders als damals, auch wenn sich das in den Medien wegen des scheiß Nudgings noch nicht zeigt. Aber das bekommen wir hin. Und zwar nicht nur rechts und bei der AfD, sondern auch bei… ;-)
„Die neue Organisation “Generation Deutschland„ hat mich nachdenklich gestimmt.“ – Das hätte wohl eher die buntentägliche Umfallertruppe der „Jungen-Union“ im Hause deer Phrasendrescher bewirken sollen.
Die AfD hat jetzt ihren „Kühnert“:
..keine Ausbildung, nie gearbeitet..
Sowas wählt man nivht!!!
Amts- und Mandatszeiten auf maximal 2 Perioden begrenzen. Gewaltenteilung einführen, d.h. Doppelmandate sowie gleichzeitige Parlaments- und Regierungsmitgliedschaft sind auszuschliessen. Dies würde Berufspolitiker Karrieren zumindest erschweren, wie zum Beispiel einst die von Wolfgang Schäuble. Der war sage und schreibe 50 Jahre lang MdB und während dieser Zeit auch noch 10 Jahre lang zeitgleich Minister (Legislative und Exekutive in Personalunion). Politiker ist kein Beruf, sondern ein Amt oder Mandat auf Zeit und nicht auf Lebenszeit.
Ist doch ganz einfach – passives Wahlrecht an zwei Bedingungen knüpfen:
– Nachweis, daß man bereit ist, die Eigeninteressen wirklich (d.h. bei Gefahr von Leib und Leben) unter die Bedürfnisse des Gemeinwesen zu stellen: Militärdienst von 2 Jahren (es gilt NUR das – alle Alternativen wie Ersatzdienst beinhalten keine wirkliche Gefahr)
– Nachweis, daß man seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann (für die Politik leben, statt von der Politik): 5 Jahre keinerlei staatliche Transferleistungen, einschließlich Arbeit für Parteien, NGO und andere Profiteure von Staatsknete
Damit bekäme man zwar nicht notwendigerweise bessere Menschen in die Parlamente, aber definitiv erfahrenere, unabhängigere.
Super Beitrag, Herr Dener. Danke!