Henryk M. Broder / 24.08.2016 / 09:41 / 6 / Seite ausdrucken

So zärtlich kann investigativer Journalismus in Deutschland sein

Jetzt macht sich auch die Ulmer Südwestpresse Gedanken "über den Antisemitismus in Deutschland". Ein lobenswertes Unterfangen, denn Ulm und Neu-Ulm zählen zu den Hotspots des Islamismus und Salafismus in Deutschland. Aber die SWP schickt lieber eine Reporterin nach Berlin, wo es bei der Polizei eine „Recherche – und Informationsstelle Antisemitismus“ (Rias) gibt, die antisemitische Vorfälle "sammelt". Der Leiter der Stelle sagt: „Rias will den alltäglichen Antisemitismus sichtbar machen“; von einer Verfolgung und Bestrafung der Täter redet er nicht. Denn bei denen handelt es sich offenbar um Geister, die keine Gesichter haben und  keine Spuren hinterlassen. Zum "Alltag von Juden und Jüdinnen" gehört, dass sie "beleidigt und bedroht (würden) von Leuten, die auf der Straße an ihnen vorbeigehen". Amnon Seelig, der im Wedding lebt, "ist einmal von jemandem in der U-Bahn auf den Kopf geschlagen worden“, berichtet seine Frau. Ein ander Mal habe ihn ein Mann mit „du Judenschwein!“ angeschrien.

Wer sind die Leute, die einen Juden, der an ihnen vorbeigeht, beleidigen und bedrohen? Wer war der Mann, der "Judenschwein" gerufen hat? Pfadfinder aus der Slowakei? Ein betrunkener Däne? Die SWP erspart sich jeden Hinweis auf das Umfeld, aus dem die Täter stammen könnten. Werden solche Details von der „Recherche – und Informationsstelle Antisemitismus“ nicht erhoben? Will man keinen "Generalverdacht" erwecken? Seltsam, seltsam, wie rücksichtsvoll investigativer Journalismus sein kann, wenn es darum geht, Bezüge zu verschleiern.

Dem Leiter der „Recherche – und Informationsstelle Antisemitismus“ geht es vor allem darum, "die Öffentlichkeit für Antisemitismus zu sensibilisieren". Und wenn das nächste Mal bei einer Demo auf dem Kudamm von Leuten gerufen wird: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“, wird die sensibilisierte Öffentlichkeit zurückrufen: "Es muss Israelis heißen, Ihr blöden Dumpfbacken!" 

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Karla Kuhn / 24.08.2016

Hallo Herr Broder, 71 Jahre nach Kriegsende wird in Deutschland Judenhass zugelassen ?  Die Steuergelder, die auch vonseiten des Familienministeriums der Frau Schwesig in die Stiftung fließen, die von der ehemaligen Stasi IM Victoria Kahane geleitet werden, sollten ab sofort dazu dienen, diejenigen, die sich gegen den Judenhass engagieren zu unterstützen. Komisch, wenn ein besorgter deutscher Bürger seine Ängste wegen der ungezügelten Einwanderung äußert wird er übelst beschimpft, vor allem als “Rechter.”  Dass aber Migranten ebenfalls Juden beschimpfen und angreifen, das wird wohl übersehen ???? Ich habe gelesen, dass in Frankreich schon etliche jüdische Bürger das Land verlassen haben, weil sie sich dort vor Gewalttätern nicht mehr sicher fühlen. Hat sich da mal Steinmeier oder Merkel oder ein Grüner, die sich ja sonst auch stets in fremde Angelegenheiten einmischen, entrüstet geäußert und Abhilfe versprochen ? Das alles ist mit einem gesunden Menschenverstand nicht mehr zu fassen.

Michael Tharandt / 24.08.2016

Lieber Herr Broder, ich habe Hochachtung vor ihrer Arbeit bei Achgut.com, bei Fernsehauftritten usw., da sprechen Sie mir aus der Seele. Aber beim Thema “Antisemitismus in Deutschland” finde ich Sie zu dünnhäutig. Sie schreiben, dass Juden in Deutschland angepöbelt werden, bis hin zu Schlägen. Ja laufen denn in Berlin die Juden noch mit “Stern” umher, oder woran erkennen die Täter den Menschen als Juden? Ich bin auch zu 25% mit jüdischem Blut gesegnet, und doch hat mich keiner deshalb angepöbelt oder geschlagen. Wo also ist das Problem? Wo also ist ihr Problem als Jude? Mir ist bekannt, dass einige in Deutschland lebende Nordafrikaner, Afghanen usw. Hass auf Juden haben, aber die Altnazis sind doch keine Bedrohung mehr, zu alt, zu wenig noch lebende Deutsche. In Frankfurt am Main wird ein Jüdisches Altersheim rund um die Uhr von 2 Polizeibeamten geschützt. Ist das noch zeitgemäß,  oder schon wieder? Wenn ja, dann frage ich mich, was machen die Juden, dass sie nicht geliebt werden.

Judith Hirsch / 24.08.2016

Fakt ist, dass es fast an Selbstmord grenzt, wenn man(n) in Neukölln, Wedding und Kreuzberg mit Kippa und /oder Davidstern unterwegs ist. Keine der großen Parteien thematisiert diesen alltäglichen Wahnsinn. Wenn Dinge totgeschwiegen werden, kann man sie auch nicht verbessern. Von der so oft kolportierten, mächtigen jüdische Lobby ist nichts, aber auch gar nichts zu merken.

Arnauld de Turdupil / 24.08.2016

Für einen Aussenstehenden ist es sehr schwierig zu kapieren, was bei den (angeblich) massgebenden Deutschen in Sachen “Schonung der Unausprechlichen abgeht, die dem “Hat-nichts-mit-nichts-zu-tun” frönen. Ein Eingeborener, beladen mit demselben antisemitischen Tatbestand würde zumindest sozial und medial gevierteilt, derweil sich die nachdrängenden Importe ungestraft so ziemlich alles erlauben (können). Der in deutschem Kunsthandwerk garnierte Unterschied zwischen Juden, Israeli oder Zionisten ist für die Erfinder ein Deckmäntelchen, deutsche Aktivisten jeder Couleur garnen und weben verwegen daran, damit man es “dem ewigen Juden” trotz wirgeschichtlicher Beisshemmung wenigstens israelkritisch heimzahlen kann. Man weiss in den progressiven Kreisen schon sehr genau, wer/warum/wozu damit gemeint ist. Die krakeelenden Importkräfte dagegen scheren sich einen Deut um feinsinnige Details, aber auch sie wissen, wer gemeint ist und sie brauchen keinen kritischen Lendenschurz der Metaebene (unfähig, sich das Dings umzuschnüren). Langsam aber sicher dräut es: Da haben sich die lokal existierenden und die fliehenden Antisemiten dank ihres Steckenkriegergauls “klammheimlich” zusammengefunden. Es gibt Menschen, die die Welt einreissen würden, nur um “recht” zu bekommen. Die deutschen Antisemiten und Israelkritiker funktionieren genau gleich, ihnen ist es egal, wenn der Staat zugrunde ginge, Hauptsache, der Jude kriegt sein Fett weg. Mit allen Mitteln. Notfalls auch mit importierten Handlangern und antisemitischen Gastarbeitern, Fachkräften. Kräfte, die man rief und nicht wieder los wird - sehr deutsch. Die Faustrecht-Kultur wird dann weiter per Toleranzknickung abgefedert. Kein Wunder, dass man in Deutschland dauernd von Nazis deliriert, man sieht z.B. Knoppens Wochenschau-Aufgüsse hier und dorten - im GEZ- und Spiegel-TV wird, umrahmt von düsterlullendem Endlos-Dreiklang, marschiert was das Zeug hält. Die Nazis sind tatsächlich am Werk! Die regierenden, medialen und elitären Kreise sollten zur Nazischau nur mal in den Spiegel blicken, 1000jähriges Schrecknis garantiert - wären sie nicht von ignoranter Blindheit geschlagen. Beneiden die Deutschen die Juden etwa um ihr Gottesimmediat? Zerstören um nachzustossen? Schlieffenplan oder Sichelschnitt durch Gorlice/Tarnow?! Es steht für den Elitedeutschen ja ausser Frage, dass das deutsche Wesen jedem anderen, ganz besonders aber auch dem jüdischen überlegen sei. Nur sind die real existierenden Juden eine permanent kränkende Mahnung an die deutsche Elitenseele, weil es nicht stimmt! Das losgelassene reine deutsche Wesen erzeugt windmühlenbespickte Trümmerlandschaften. Und in ihrem krautenden Na(r)zis(s)mus können die 33/68er Revoluzzer - wie immer - auf ganz dumme Abwege geraten. Israel blüht trotzdem.  Egal, ob man dem frechen Juden feinsinnig über die Metatebene das Maul stopft, oder geistlos einem alten Buch gehorchend - die nächsten knochenbrechenden Novemberpogrome liegen greifbar in der Luft. Ich fürchte, die Deutschen haben nichts gelernt, der Opa hat wenigstens die antisemitischen Kompetenzen und weiteres Rüstzeug im heimischen Safe bewahrt. Dank der Willkommenskultur wurden in Deutschland insgeheim moralische Pluspunkte erhamstert, diese lassen sich bei der UNO zum ultimativen Israel-/Juden-/Zionisten-Bashing einlösen, ‘standing ovations’ gewisser Kreise inklusive. Liegt irgendwann alles wieder in windmühlenfreien Trümmern, dann waren es die Unausprechlichen, denn die haben sowieso “nichts mit nichts zu tun”. Mann, sind die Deutschen gerissen. Aber eben nicht so klug wie die Juden, denn dann hätte ich nichts gemerkt.

Giovanni Casagrande / 24.08.2016

RIAS Radio im Amerikanischen Sektor von Groß-Berlin. Gibt’s den Sender der Besatzungsmacht noch? Und wenn ja, warum?

Helge-Rainer Decke / 24.08.2016

Warum stellen Sie uns hier im Forum Fragen, die Sie an den Leiter der Rias stellen müssen. Gehen Sie davon aus, dass wir, das heißt mehrheitlich, Ihre Kritik teilen. Auf zur Feder, nehmen Sie den Leiter von der Leiter und ins Gebet. Veteran censeo, haben Sie sich gestern einmal etwas Erbauliches angetan und im alpha TV Bayerisches Fernsehen das Interview mit Gil Yaron abgeschaut? Mit Bezug auf Jude, Israeli, Orthodoxe, die er eher als Orthopraxi was Rechtgläubig betrifft, bezeichnete. Ach, wären auch Sie ein Gil Yaron.

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