Irgendwann im April 2001 haben wir uns kennengelernt. Nach einem kleinen Konzert in einem Hafen-Pub in Dundalk, zu dem mich Colm, Euer grandioser Band-Geiger, für den ich gerade ein Schmuckstück angefertigt habe, was er heute noch trägt, mitgeschleppt hatte. Da saßen wir nun, Du und Deine Jungs von den „Frames“. Du noch heiser vom Singen, aber in bester Stimmung, so wie wir alle. Mit von der Partie: Josh Ritter, der Eure „Vorband“ war und kurz darauf in Irland, so wie Du, zum Superstar wurde und vor Zehntausenden spielte. Musikalisch waren es grandiose Zeiten in Irland, jene Jahrtausendwende-Jahre.
Endlose Gespräche über Gott und die Welt hatten wir jedenfalls; dazu grandiosen Spaß – und Guinness und Whiskey flossen in Strömen. Erst verbrüderten – und dann verabredeten wir uns, später, als der Morgen graute und es über der Irischen See bereits hell wurde. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich übernachtet habe, in jener Nacht, die wir damals zum Tag gemacht haben.
Aus Verabredungen im Suff wird ja meist nichts – aber kurz darauf seid Ihr mich wirklich besuchen gekommen – im uralten, ehrwürdigen Grantstown Castle, meinem Mittelalterturm den ich damals über anderthalb Jahrzehnte restaurierte und wieder zum Leben erweckte, in der grünen, magischen Grafschaft Tipperary, nahe der Königsstadt Cashel. Angefahren kamt Ihr mit Eurem Bandbus, und Colm hat oben in der Great Hall des Castles Geige gespielt: „In the Deep Shade“ – jenen 1. Track Eures Wahnsinns-Albums „For the Birds“, das später zum besten irischen Album einer ganzen Dekade gewählt wurde. Nichts davon habe ich vergessen – und ich würde so gern mit Dir heute nochmal darüber klönen, bei einem gemeinsamen Whiskey – wenn ich es doch verdammt noch mal könnte...
Nach einer grandiosen Session im „Wren‘s Nest“, einem der 50 besten Musik-Pubs der Grünen Insel, hast Du Dich vorgestern in den frühen Morgenstunden mal wieder auf Dein Motorrad gesetzt und wolltest wohl einfach nur noch nach Hause. Heim ins kleine Donadea, außerhalb von Dublin, wo Du seit ein paar Jahren wohnst. Ich weiß, Du liebtest Motorradfahren, selbst im irischen Regen – es war die pure Freiheit für Dich.
Als sie Dir 2008 den Oscar überreichten
Auf der kleinen Straße raus aus Dublin, die mit den Bäumen, entlang der Liffey, die ich gut kenne, hat Dich dann doch tatsächlich der Tod gekriegt. Als sie Dich fanden, neben deinem zerstörten Bike, konnten sie Dir längst nicht mehr helfen. Müde wirst Du gewesen sein – weil Du Dich wahrscheinlich wieder bis aufs Letzte verausgabt hast; weil Du, so wie immer, wieder alles geben wolltest bei Deinem Aufritt. Ein Pub am Stadtrand. Ein kleiner Raum nur; ein paar Dutzend Leute. Dir war das egal. Du konntest vor 20 Leuten genauso authentisch und leidenschaftlich spielen, wusstest Deine Stimme genauso bis zum Äußersten zu treiben wie vor einem Publikum von 20.000. Das konntest Du, weil Du in den frühen Neunzigern, nach Abbruch der verhassten Schule, als Straßenmusiker in Dublin anfingst – und nie vergessen hast, wie hart das war. Weil Du immer ehrlich und authentisch geblieben bist.
Auch als sie Dir dann 2008 den Oscar überreichten, für Dein Gänsehaut-Lied „Falling Slowly“, in diesem wunderbaren, kleinen, zutiefst berührenden Film „Once“, bliebst Du der geerdete, warmherzige Glen – anstatt ein Arschloch zu werden, wie so viele andere es spätestens dann geworden wären. An der Seite der tollen Markéta Irglová hast Du ja eigentlich ohnehin nur Dich selbst gespielt – ohne überhaupt etwas spielen zu müssen, weil man eine derartige Authentizität gar nicht spielen kann.
Danach warst Du plötzlich „weltberühmt“, wie man so sagt. Aber auch das war Dir egal. Allüren hattest Du nie, sowas war Dir fremd. Du sangst lieber für Obdachlose und spendetest Deine Gage für Hilfsorganisationen – allerdings ohne es an die große Medienglocke zu hängen. Vieles müsste hier noch stehen, viel gäbe es noch zu sagen über Dich, lieber Glen. Über Deine großen Erfolge, Deine unglaubliche Bühnenpräsenz; zu all den privaten Details, den Gerüchten und Highlights. Aber darüber lasse ich die großen Gazetten schreiben. Das will und muss ich hier nicht auch noch ausbreiten.
Nicht nur weil wir in etwa gleich alt sind, nimmt mich Dein Tod so mit. Deine Songs liefen bei mir rauf und runter; Du warst nicht nur ein Stück Irland für mich, Du warst eine feste Konstante. Und irgendwie auch ein Stück Gewissheit, einer gemeinsamen Generation anzugehören und deshalb das Privileg zu haben, vielleicht mit- oder nebeneinander alt zu werden. Letzteres wird sich nun nicht erfüllen.
Deine Frau und dein kleiner Sohn werden Dich am meisten vermissen. Colm und die anderen Jungs von den „Frames“ werden am Boden zerstört sein. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was alle, die Dich kannten und liebten, jetzt gerade durchmachen. Und ich? Sitze hier mit feuchten Augen und einem Kloß im Hals. Hab mir ein Riesenglas Whiskey eingegossen, meine alten Irland-Tagebücher von damals hervorgekramt und lasse Deine Musik laufen. All die inneren Bilder von damals sind noch, fast erschreckend, lebendig. Was alles noch schwerer macht, als es eh schon ist. Verdammt…
„So what happens when the heart just stops?
(…)
There was no answer in the dust
And I'm missing you so much
And now you're sleeping
And I'm leaving.“
Machs‘s gut Glen. Sei umarmt und hab eine gute Reise, wohin sie auch führt. Die Welt ist ungerecht. Vor allem aber ist sie nun trister und ärmer ohne Dich.
p.s.: Die Liedzeilen stammen aus Glen Hansards Song „What happens when the heart just stops?“ des Albums „For the Birds“ (2001) von den Frames.

Vielen Dank für diesen wunderbaren persönlichen Nachruf!
Auch ich war geschockt, als ich in Irland nach einer Nacht im Krankenhaus und ein paar Stunden Schlaf in Dingle von seinem Tod las! Unfassbar! Der Schock hält immer noch an! Gerade vor zwei Monaten hatten wir ihn noch in München erlebt, einmal sogar nach Shane Macgowans Tod in Cork und weitere Male zuvor in München. Es war, als hätte er einige Botschaften speziell für uns Deutsche gesungen…„You got to keep on pushing, keep on pushing, push that sky away…“ („Bird of Sorrow“) sphärisch, geradezu entrückt wirkte er (und sehr ergreifend, als er damals in Clonakilty seine Mutter, für die er das Lied schrieb anrief und sie dieses teils zusammen sangen)…machte sich viele Gedanken zu den furchtbaren Kriegen und hatte das Herz wie immer auf der Zunge. Wir, die Fans, liebten ihn für seine Authentizität, seine Energie, seine Sensibilität: z.B. wie er mit dem kleinem Jungen „Falling Slowly“ sang, der von ihm und auch dem Publikum getragen wurde.
Den ersten traurigen Gang machten wir am Mittwoch in den bekannten Musikladen, dessen Besitzerin ja schon Jeden dort hatte und natürlich auch ein Foto mit Glen. Dort konnten wir natürlich keine Blumen niederlegen, aber gegenüber in der Kirche eine Kerze anzünden und die Blumen dann mit den besten Wünschen und dem größtem Dank für diesen besonderen Menschen, diese wundervolle sensible Seele und gleichzeitige Naturgewalt werfen, auf dass sie die Strömung im Abendlicht hinaustrieb.
In München war er wegen Rückenprobleme noch bei einem bekanntem Orthopäden, die Gardaí mutmasst wohl einen Herzinfarkt…ich meinte nach dem Konzert noch zu meinem Mann „Hoffentlich bleibt er uns noch lange erhalten und stirbt nicht p&u oder auf seinem Motorrad!“.
Wir sind beide tief getroffen und werden morgen leider die Wake von hier anschauen und übermorgen die Trauerfeuer aus der St.Patrick’s Cathedral. Gerne hätten wir ihm persönlich die letzte Ehre erwiesen. Es sollte leider nicht sein.
@H.J. Gille – Es gibt keinen Nachruf, es sei denn, jemand schreibt ihn. Wer sollte Ihren Nachruf verfassen. Und warum? Diese Frage kann man bei allen Mitbürgern stellen, die täglich sterben. Erwarten Sie bitte nicht, dass ich oder sonstwer Ihren Nachruf verfässt. Das müssen die machen, die Sie kennen. Wenn die das nicht für nötig erachten werden, wird es Gründe dafür geben. Es gibt kein Recht auf Nachruf. Longfellow schrieb: „Lives of great men all remind us / We can make our lives sublime, / And, departing, leave behind us / Footprints on the sands of time.“ Wenn Sie einen Nachruf wünschen, hinterlassen Sie einfach Fußspuren im Sand der Zeit – die werden Ihr lautester Nachruf sein.
Danke Herr Schneidereit! Ich freue mich, endlich mal wieder etwas von Ihnen zu lesen. Auch wenn es ein trauriger Anlass ist.
Was für eine schöne Hommage.
Ich muss gestehen, ich kannte ihn nicht. Doch dieser aus tiefster Seele kommende, wunderbare Nachruf hat mein Interesse geweckt. Werde den Abend damit verbringen, mehr über diesen Mann und seinen musikalischen Werdegang in Erfahrung zu bringen. Sicher ein schwacher Trost, doch vielleicht hat er posthum in mir einen neuen Fan gewonnen.
Ein Stück authentisches Irland ist mit Glen verloren gegangen, sowie mit Frankie Miller ein
Stück Schottland. Für mich beide die grossartigsten Sänger und Songschreiber der Welt.
Unersetzbar und unfassbar traurig .
Ich bin etwas verwirrt, denn Tagesschau 24live berichtete am 29.07.2026:
>>Der irische Musiker und Oscar-Preisträger Glen Hansard ist tot. Das berichten britische und irische Medien übereinstimmend unter Berufung auf sein Management. Der 56-Jährige Leadsänger der Rockband The Frames starb demnach bei einem Motorradunfall in Dublin.
Die irische Polizei hatte von einem Unfall im Westen der Stadt berichtet, ohne den Namen des Musikers zu nennen. Die Rettungsdienste seien kurz vor 4.30 Uhr Ortszeit alarmiert worden. Ein Mann im Alter von Mitte 50 sei nach kurzer Behandlungszeit am Unfallort verstorben.<<
Und nun ist von einem plötzlichen Herztod die Rede??
Wie immer gilt auch beim Tod von „Promis“, die ich nicht kenne, meine Anteilnahme der Familie und den Freunden des Verstorbenen. Ich weiß nämlich, wie es sich anfühlt, wenn die vertrauteste Person (der absolute Lieblingsmensch!) nicht mehr da ist …
Wohl dem, der dann gewiss sein kann, dass der/die Verstorbene seinen/ihren Platz in der himmlischen Herrlichkeit hat und nicht in der Hölle.