Thilo Schneider / 25.10.2020 / 11:00 / Foto: Timo Raab / 23 / Seite ausdrucken

So verteidige ich unser neues Heim vor Corona

„Was machst Du da?“, fragt der Schatz, während ich in der Herbstsonne auf unserem neuen Balkon sitze und auf die Straße starre. „Ich sitze hier und starre auf die Straße“, gebe ich Auskunft. Ich höre von drinnen das Geräusch eines Bohrers. Anscheinend will die Dame meines Herzens irgendeines der Bilder aufhängen, die wir aus der alten in die neue Wohnung geschleift haben. Das Bohrgeräusch ebbt mit einem kurzen Zirpen ab. „Und wozu brauchst Du dabei das Gewehr?“, will sie jetzt wissen. „Zum Schutz!“, gebe ich knapp zurück. Der gute Boschbohrer nimmt wieder kurz seine Arbeit auf, dreht dann anscheinend hohl. „Scheiße“, höre ich den Schatz ganz undamenhaft fluchen, „da ist ein Loch dahinter.“ Kurzes Klappern, das nach Plastik klingt. Anscheinend hat sie sich das Kästchen mit den Fischer-Dübeln geschnappt.

„Wieso zum Schutz?“, fragt sie durch die offene Balkontür. Und schiebt ein „woher hast Du überhaupt das Gewehr“ nach, bevor ich antworten kann. „Welche Frage willst Du zuerst geklärt haben?“, will ich wissen. Statt einer Antwort höre ich ein Klopfen. Anscheinend hämmert sie den Dübel in die Wand. „Die mit dem Gewehr“, sagt sie von drinnen. „Am Frankfurter Hauptbahnhof gibt es einen Tschetschenen, der verkauft die, hinten an den Schließfächern, in der Nähe des Notausgangs“, antworte ich knapp. Es klappert und klackt. Das könnte ihr Zollstock sein.

„Kannst Du denn mit einem Gewehr umgehen?“, erkundigt sie sich. „Das will ich meinen. Ist ein Heckler&Koch G3, Nato-Kaliber 7,62 mal 51 Millimeter, 20 Schuss Stangenmagazin, 600 Schuss pro Minute Kadenz, allerdings schmilzt dann das Rohr und so schnell kann ich die Magazine nicht wechseln. 4,38 Kilo ungeladen mit einklappbarer Schulterstütze. Damit es besser in den Kofferraum passt. Kenne ich noch von der Bundeswehr. Hat mir die Schützenschnur geschossen“, erkläre ich, nicht ganz unstolz. 

„Du willst auf Corona-Kranke schießen?“

Ein „Wumpf“ ist zu hören, als der Schatz den Bohrer aufsetzt, danach das erneute, kurze Aufheulen des Maschinenmotors. Sie ist wohl an Loch zwei, das sie eben vorbohrt. „Ist das legal?“, fragt sie nach. „Ich glaube nicht“, gebe ich zurück, „aber Not kennt kein Gebot.“ Und außerdem befindet sich noch keine Patrone in der Geschosskammer. Ich habe nur das Magazin reingeklickt, aber auf das Laden verzichtet. Wenn sie kommen, habe ich immer noch Zeit, den Ladehebel nach hinten zu ziehen. „Und wozu brauchst Du das?“, bohrt sie weiter, diesmal aber an mir. Mit ihrer Fragerei. „Das ist, wenn sie kommen!“, gebe ich bereitwillig Auskunft. „Wer ist „sie“?“, fragt der Schatz nach, wartet aber meine Antwort nicht ab.

Der Bohrer wühlt sich wieder kreischend in die Steinwand, bevor er wieder stoppt. „Die Corona-Kranken!“, erkläre ich mit unbeabsichtigtem, aber leicht genervtem Unterton in das Geräusch des ausrollenden Bohrers. „Das ist doch keine Zombie-Apokalypse! Du willst auf Corona-Kranke schießen?“, kommt es erstaunt von drinnen. „Ja, als Ultima ratio werde ich das tun, um uns zu verteidigen!“ „Ultimer Ration?“ Ihre Stimme klingt etwas abwesend. „Ultima ratio. Letzte Möglichkeit!“, bleibe ich geduldig. „Hast Du einen Schlaganfall?“, fragt sie besorgt nach. „Nein, ich bin nur vorsichtig“, rufe ich durch die geöffnete Balkontüre.

Der Schatz erscheint in der Öffnung, in seiner Hand hält er die Fischer-Dübel. Erstaunt starrt er mich in meinem Schaukelstuhl an und wirkt auch etwas empört: „Wir sind hier erst frisch hergezogen, was sollen denn die Nachbarn von uns denken, wenn Du auf sie schießt?“ Ich seufze und klopfe leicht auf das Magazin. „Erstens dient diese Maßnahme unserem Schutz vor Corona und zweitens schieße ich ja nur auf Nachbarn, die Corona haben UND unserem Haus zu nah kommen.“ „Und wie willst Du das herausfinden?“ „Ich rufe sie an, wenn ich sie sehe. 'Halt', sage ich, 'keinen Schritt weiter. Haben Sie Corona?' und dann werden wir ja sehen. Wenn derjenige trotz Anruf weiter in unsere Richtung läuft, dann werde ich uns zu verteidigen wissen!“, erkläre ich entschlossen und klopfe zur Bekräftigung noch einmal auf das Magazin, „'Abstand halten!', hat die Kanzlerin gesagt und genau das habe ich vor, hier vor Ort durchzusetzen!“

In diesem Moment kommt Frau Fleckfels, die hier am Ort nur alle „Elsbeth“ nennen, mit ihrem Rollator die Straße heraufgekrochen. „Sieh zu und lerne“, sage ich und stehe auf. Gut sichtbar richte ich das Gewehr aus der Hüfte auf sie: „Tach, Frau Fleckfels, haben Sie Corona?“ Frau Fleckfels sieht mich an wie ein Mondkalb. „Was hab ich?“, will sie wissen. „Corona! Ob Sie Corona haben, will ich wissen!“, brülle ich sie an. „Was?“ „Corona! Corona! Haben Sie Corona?“ Ich brülle wie Mussolini, aber, meine Güte, die Alte ist taub wie ein Amboss und walzt weiter auf uns zu! „Brauch ich nicht!“, gibt sie zurück. „Maske! Wo ist Ihre Maske?“, schreie ich über die Straße in ihre Richtung. Sie hat ihren Rollator gestoppt. „Maske? Ist denn Fasching?“, fragt sie mehr sich als mich.

Tja. Ich schätze es wird Zeit, Menschen die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen. Ich ziehe den Ladehebel zurück und höre das Klacken, als sich die Patrone in den Verschluss schiebt. Trotz seines Alters funktioniert das Gewehr präzise wie ein Uhrwerk. Und weil ich es besser als eine Rothaarige vor dem Sonnenbad geölt habe. Aus dem Augenwinkel sehe ich ein kleines Rauchwölkchen sich aus dem rechten Griff des Rollators kringeln, dann zischt eine Rakete fauchend am Schatz und mir vorbei, direkt durch die offene Balkontüre in unsere neue Küche, wo sie in einem veritablen Feuerball explodiert. Das Luder hat nur so getan, als würde es nichts verstehen und die Zeit genutzt, sich auf Abschussweite zu nähern. Ich erhalte einen harten Schlag auf die Wange.

Schweißgebadet wache ich auf. Der Schatz schaut mich besorgt an. „Du hattest einen Albtraum, deswegen habe ich Dich wachgerüttelt“, erklärt er meine schmerzende Wange und ich habe nicht das Gefühl, dass er gerüttelt hat, der Schatz. „Was hast Du geträumt? Du weißt, der erste Traum im neuen Haus geht in Erfüllung!“, sagt der Schatz besorgt. „Ich habe von Elsbeth geträumt“, erzähle ich die halbe Wahrheit. Ich muss morgen dringend zum Frankfurter Hauptbahnhof, hinten, an die Schließfächer, in der Nähe des Notausgangs …

(Weitere Albträume des Autors unter www.politticker.de)

Foto: Timo Raab

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Eberhard Firnhaber / 25.10.2020

Welch köstlicher Beitrag Herr Schneider! Und was für eine Melange von textilen Fasern, die sich in Ihrem Unterbewußtsein abgespielt und zu einem herrlichen Ganzen verknotet haben…  Da ist eine Waffe, die in einer unruhigen, unsicheren Zeit vielleicht Schutz bieten könnte,und das nach einem Umzug in eine neue - zu verteidigende -  “Höhle”. Und neue Frauenpower ist angesagt, nicht mehr das Bild einer mit Diamanten behangenen besseren Hälfte, sondern SIE führt den (Diamanten-) Bohrer selbstbewusst…. Und der Waffenkauf im Bahnhof, ja die unsichere Zuwanderer-Situation….. Und dann die Nachbarin, quasi die vermaledeite Oma, gesellschaftlich angezählt durch desavourierende Schmähkritik. Und sie wehrt sich,die Eingesperrte, von wegen die Motorrad fahrende Umweltsau im Hühnerstall….. Im 007-Stil mit Higth-Tech up -to-date und aus dem (elektrischen) Rollstuhl schießt sie schneller als Sie es können mit Ihrem liebgewonnen G3 des früheren Staatsbürgers in Uniform, das trotz Ihrer Auszeichnung nicht mehr das sein soll, was es lange und auch gut war. Und die sich räkelnde, rheinische Oberbürgermeisterin will mindestens eine Armlänge Abstand, was in Corona-Zeiten ausgedehnt wurde…..Und nun feuert Ihre Nachbarin zuerst und Sie können nicht mehr waffentechnisch antworten… Und dann reißt Ihr geschätzter Engel Sie aus Ihrem Traum mit der Braut des Soldaten,Ihrem Gewehr, und beendet Ihr Schweißbad. -Hoffentlich beruht der ganze Alptraum nicht aus einer Besorgnis, die FDP könnte sich nach Ihrem wohlbegründeten Abschieds-Schreiben mit vollem Rohr auf Sie eingeschossen haben…Selten zuvor habe ich Ihre ausgeklügelten Erlebnisse mehr goutiert!

Hans-Peter Dollhopf / 25.10.2020

je suis Frau Fleckfels

Robert Bauer / 25.10.2020

Mal im Scherz: Haben Sie Ihren Grundwehrdienst bei der Heilsarmee oder bei der Luftwaffe abgeleistet? Die einschiebbare, nicht abklappbare Schulterstütze gab es beim G3 nur in der Luftlandeversion (Fallschirmtruppe) oder für die Kradmelder des Heeres, die Patrone gelangt beim Fertigladen nicht in eine Geschoßkammer, sondern in das Patronenlager.

Siegfried Stein / 25.10.2020

Hoffentlich träume ich heute wieder was vom Windsurfen -  nicht dass, das ansteckend ist. P.S.: Wg. dem Frankfurter Bahnhof darf ich nochmal fragen?

B. Oelsnitz / 25.10.2020

EVENING NEWS: Wie in der NZZ heute berichtet wird, gibt es die ersten Studien, die belegen, daß Vitamin-D-Mangel das Risiko für Corinna-Patienten wesentlich erhöhe könne. Also weiter nix, wie ab in die Sonne, am besten OHNE Ɐ-s.

Claudius Pappe / 25.10.2020

Tja, auf Corona Kranke werde ich nicht schießen ( bin kein Reichsbürger-nur ehemaliger Bonner Republik Bürger) aber…............( denkt ihr auch das, was ich denke )? ......das war Satire ! Übrigens: Die Linken schießen auf Reiche-also Hausbesitzer .

Thomas Kache / 25.10.2020

Sehr geehrter Herr Schneider. Im Interesse einer angenehmen Nachtruhe empfehle ich Ihnen zukünftig unmittelbar vor dem zu Bett gehen auf offiziöse Verlautbarungen der uns Regierenden zu verzichten. Statt dessen vielleicht leichte Lektüre, wie wäre es mit, per Exempel, G. J. Cäsar: „De bello Gallico“. Dazu ein guter „Roter“. Schon ist die Nachtruhe gerettet. Wenn es denn ein Film sein soll: „Cockneys vs. Zombies“, aus 2012- herrlich schräg. Ähnlichkeiten mit derzeitigen realen Abläufen sind natürlich rein zufällig. Und wenn ´s Einschlafprobleme geben sollte- Schäfchen zählen ist so was von gestern, heute zählt man Klopapierrollen. Dann gibt es garantiert (ohne Gewehr) keine Albträume. Gute Nacht

Otto Nagel / 25.10.2020

Erst aus der F.P.D.  austreten und jetzt auch noch unter “Beobachtung” durch die Genossen Haldenwangs gestellt zu werden, es wird schlimm enden mit Ihnen, lieber Herr Schneider !  Könnten Sie für mich auch eine kaufen hinterm Hbf. ?

Frances Johnson / 25.10.2020

Mir fällt gerad ein, nur die, die feiern, die in Italien waren oder auf Mallorca oder Skifahren. Die Übrigen können nichts dazu, fragen Sie welt online, besonders am Wochenende, wenn der eine Chef seinen Garten beackert und der andere Chef auch irgendwie wegguckt. Nur die sind schuld. Also: Nur Hedonisten mit Corona, verstanden? Elsbeth, ich bitte Sie. Die sei höchstbetagt sagt Jens Spahn.

Frances Johnson / 25.10.2020

Ich lach mich kaputt,

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