So sein oder nicht so sein? Das große Identitätsgehubere

Identität ist ein Begriff, den man überall bereitwillig adaptiert. Berufen sich Rechte auf eine imaginierte nationale oder – im ethnopluralistischen Neusprech – kulturelle Identität, die von inneren und äußeren Feinden geschützt werden solle, so entdecken Linke allerlei geschlechtliche, sexuelle, religiöse und ebenfalls kulturelle Identitäten, die vor „Hatespeech“ abgeschirmt werden müssen. Klare Abgrenzung scheint ein notwendiger Umstand zur Konstitution von Identität zu sein. Und doch rekurrieren Identitäre von links und rechts unentwegt auf mehr als das, wenn von Identität die Rede ist: Angestrebt ist ein festes Fundament, eine spezifische Verfasstheit, ein unveränderbares So-Sein.

Die Suche nach fester Identität und der Stolz auf das So-Sein der Einzelnen sind kaum noch wegzudenkende Alltagserscheinungen. Bei diesem postmodernen Identitätskult und seiner Betonung des Kollektiven und Unveränderbaren handelt es sich um das Gegenstück zum Individualismus.

Dass das Konzept „Identität“ jedoch kein bloß politisches Phänomen ist, zeigt bereits das gemeine Alltagsbewusstsein. Sätze wie: „Bleib so, wie du bist!“ oder „Sei du selbst!“, gehören zum tradierten Schatz bewährter Kalendersprüche und gelten als besonders löbliche Komplimente, wohingegen die Aufforderung dazu, sich zu ändern, im besten Fall als gutgemeinte, aber sofort zu sanktionierende Grenzüberschreitung, im schlechtesten Fall als brutale und unverzeihliche Beleidigung der zarten und einzigartigen Persönlichkeit wahrgenommen wird.

Nicht von ungefähr gibt es heute kaum eine größere Beleidigung, als die Beschuldigung, „fake“ – also „unecht“ und zu wenig authentisch – zu sein. Die Adressierung des unnachahmlichen Selbst seines Gegenübers als erhaltens- und schützenswert ist so Voraussetzung dafür, keine bösen Absichten unterstellt zu bekommen. Nur so lässt es sich erklären, dass bockig-infantile Aussprüche wie „Ich bin so, wie ich bin“ als Zeichen beeindruckender Selbstakzeptanz und ehrenwerter Charakterfestigkeit, nicht aber als Manifestationen der eigenen Borniertheit gewertet werden.

Vor, nach und gegen die Aufklärung

Mit Identität war nicht immer primär das unverwechselbare Selbst einer Person umrissen. Seit der Antike bezeichnete der Terminus in seiner logisch-formalen Verwendung schlicht die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst, oder war Aufhänger für die Frage, was die fragliche Identität eines Dings überhaupt ausmacht: Was ist das Wesen eines Baumes, der sich über die Jahreszeiten verändert? Ist ein Schiff, dessen Bestandteile nach und nach erneuert wurden, am Ende trotzdem noch das selbe Schiff? Wie ist Identität trotz ständiger Veränderung des Gegenstands möglich?

Erst im Gefolge der Aufklärung trat die Frage nach personeller Identität in den Mittelpunkt. Bestimmte man die Eigenschaften des Menschen, die man heute unter „Identität“ subsumieren würde, vorher als Aspekte der Seele eines Individuums, verorteten Immanuel Kant oder Johann Gottlieb Fichte die Identität des Menschen in seinem Selbstbewusstsein. Damit antworteten sie indirekt auf vorherige Versuche, menschliche Identität völlig zu leugnen. So behauptete der Empirist David Hume, dass allein die menschliche Wahrnehmung dafür sorge, dass ein „Ich“ als vorhanden angenommen werde. In Wirklichkeit hätte ein Individuum nie eine ganze, feststehende Identität, sondern sei von einem Moment zum nächsten vollkommen verschieden.

Hume stand mit seinen Thesen allerdings überwiegend allein da, weil die Identität des Menschen mit sich selbst durch das Selbstbewusstsein weitgehend Konsens war. Fraglich blieb, was jene Kontinuität des Selbst herstelle: das Gedächtnis, der soziale Umgang, die Biologie?

Die Psychoanalyse verlieh dem Begriff schließlich durch die Feststellung, dass es mit dem Unbewussten eine psychologische Instanz gäbe, welche die vollkommene Einheit des Ich mit sich selbst verunmögliche, eine nicht zu vernachlässigende und später dennoch verdrängte Ambivalenz. Da Identität auf Identifikation beruhe, bekam erstere von Anfang an den Charakter des Erworbenen und keineswegs Festen. Sigmund Freuds Entdeckung war wohl auch deswegen die berüchtigte dritte große Kränkung der Menschheit, weil sie mit dem Glauben an ein von Natur aus autonom handelndes und unabhängig bestehendes Selbst aufräumte und an dessen Stelle die Kluft zwischen Bewusstem und Unbewusstem sowie Ich und Ich-Ideal setzte.

Abgeschmackte Selbstvergewisserung

Mit dem Übergang des Identitätsproblems von der Philosophie und der Psychoanalyse in positivistisch domestizierte Disziplinen wie der Soziologie oder der Pädagogik verkam Identität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als zentraler sozialpsychologischer Begriff zum starren Charakter einer Person, auf den sich das Kind bis zum Erwachsenenalter hin entwickelt. Vollendete Identität sei so die Zusammenfassung aller zum Merkmal verhärteten und durch Selbsterkenntnis und Sozialisation erworbenen Potenziale, Stärken, Macken und Defizite. Alles, was an die Unbeständigkeit der Identität erinnerte, wurde so zugunsten massentauglicher Selbstbespiegelung vergessen. Der Sozialphilosoph Christopher Lasch sprach gar vom „Zeitalter des Narzissmus“, in dem konzentrierte Weltabgewandtheit und liebevolle Nabelschau zueinander kommen.

Mit dem Aufkommen der Postmoderne erreichte der Identitätskult eine neue Stufe: Zum einen blieb der Identitätsbegriff nicht mehr auf einer individuellen Ebene stehen, sondern zielte fortan, begünstigt durch das Aufkommen der Cultural Studies, auf die Absolutierung verschiedener Gruppenidentitäten, die in Form von kulturellen Identitäten schon romantische Denker wie Johann Gottfried Herder und Gegenaufklärer wie Joseph de Maistre rund zwei Jahrhunderte früher für vorrangig hielten. Im 21. Jahrhundert setzte sich diese Ansicht vollends durch, und die Identität kam nun, obwohl stets im Singular verbleibend, selten ohne die Rückführung auf die Gemeinschaft aus, der man sich als Einzelner in tüchtig-fügsamer Zu- und Unterordnung einfügt. „Man glaubt, vom abstrakten Menschen zum wirklichen Menschen überzugehen und hebt die Distanz zwischen der Person und ihrer Herkunftsgemeinschaft auf“, schrieb der französische Philosoph Alain Finkielkraut dazu in kritischer Absicht (1).

Zum anderen stand nicht mehr allein das Recht auf das jeweilige So-Sein im Vordergrund. Geboten war nun auch der allumfassende, als Respekt betitelte Zuspruch gegenüber der Verfasstheit anderer Menschen. Um aber überhaupt erst für Akzeptanz werben zu können, sei aufrecht präsentierter Stolz unentbehrlich. Wie sich jenes Bekenntnis zum Stolz auf sich selbst in den vergangenen Jahrzehnten wandelte, lässt sich exemplarisch an der Schwulen- und Lesbenbewegung nachvollziehen.

Waren die „Pride Parades“ ursprünglich Inbegriff der Möglichkeit, sich als für Bürgerrechte kämpfende Minderheit Gehör zu verschaffen und durch die Berufung auf Stolz zu zeigen, dass man die Diffamierung, „unnormal“ zu sein, nicht kommentarlos auf sich sitzenlässt, so ist das Zur-Schau-Stellen von Stolz auf die eigene Sexualität bei heutigen „Christopher Street Days“ nur noch abgeschmackte Selbstvergewisserung ohne Zweck und Ziel, die immerhin als unbeabsichtigter Beweis von Adornos Diktum, dass Identität die Urform der Ideologie sei (2), dienen könnte. Stolz transformierte vom individuellen Gefühl angesichts eines nicht determinierten Sachverhalts zum erstarrten Kollektivbekenntnis, in der die als Wunsch nach Akzeptanz getarnte Anweisung, die Identität meines Gegenübers in allen Facetten zu akzeptieren und zu bejahen, inhärent enthalten war.

Denkfaulheit für Nachwuchs-Akademiker

Der Identitätskult sorgt dafür, dass die ständige Bezogenheit auf die Identität zum unhintergehbaren Gebot zwischenmenschlicher Kommunikation wird: War die Tatsache, dass man das Argumentum ad hominem, also das Eintauschen eines Arguments gegen einen Angriff auf den Gegner, immer schon als Scheinargument verurteilte, stets Beweis dafür, dass zivilisierte Diskussionen das Absehen von der Persönlichkeit des Kontrahenten erfordern, wurde jenes dauerhafte Verweisen auf die Identität des Antagonisten zum positiven, für sensibilierte Menschen erforderlichen Argumentum ad hominem. Folgt man dieser Lesart, bestimmt Identität alles. Sie ist nicht nur unveränderbar und unaufhörlich lobenswert, sondern wirkt ebenfalls vorbestimmend auf Einstellungen, Urteilsvermögen und Verhalten eines Menschen. Auf dem Spiegel-Online-Jugendportal Bento hat man beispielsweise schon gelernt, dieser Maxime zu folgen, wenn man erklären will, „warum mehr Männer als Frauen die Klimakrise leugnen“.

Dafür, dass linke Theoretiker und ihre Entourage jahrzehntelang auf die Vermittlung und das Geworden-Sein von Mensch und Gesellschaft aufmerksam gemacht hatten, verdrängten viele Linke jene Erkenntnisse erstaunlich schnell, um die Erfüllung in vereinzelt-tautologischer Beschäftigung mit sich selbst zu sichten. Schon Jean-François Lyotard – gewissermaßen der Vordenker der Postmoderne – schrieb passend dazu: „Kämpfe sind Kämpfe von Minderheiten, die Minderheiten bleiben und als solche anerkannt werden wollen.“ (3)

Aussagen wie diese, die gar keinen Hehl mehr daraus machen, dass ihnen der Minderheiten- und damit Opferstatus lieb ist, anstatt die sozialautistische Selbstumkreisung einfach abzubrechen, geben das Programm dessen wieder, was das Thema „Identität“ in den letzten Jahren immer wieder auf den Plan rief: die Identitätspolitik.

Erst diese macht es ihren Fürsprechern zufolge möglich, dass die Ansichten von Minderheiten hör- und sichtbar werden, wodurch die weiße Mehrheitsgesellschaft im gewünschten Fall dazu verleitet werde, endlich ihre Privilegien zu reflektieren. Bereits im energischen Bestehen auf vielfältigen Perspektiven, Narrativen und Diskursen entpuppte sich die Identitätspolitik als postmoderne Weiterführung des Abschieds vom Universalismus. Wenn der sogenannte Sprechort von sich aus einer Person bestimmenden Eigenschaften schon von vornherein festlegt, wem zuzuhören und beizupflichten ist, lässt sich kaum noch verbergen, dass der mittels „Intersektionalität“ starkgemachte Partikularismus letzten Endes nur camouflierte Denkfaulheit für Nachwuchs-Akademiker ist. Darüber hinaus folgt es der Prämisse, dass alles, was nicht der bösen, weißen Mehrheitsgesellschaft zugehört, ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen diese ist.

Hinter die einfachste Logik zurückfallen

Kein Zufall, dass heute Identitätspolitik, Kulturrelativismus und Islam-Apologie in ihrem gemeinsamen Hass auf den Westen und die Werte der Aufklärung eine harmonische Liaison eingegangen sind. Doch auch untereinander scheint es, als versuchten sich die Verfechter der Identitätspolitik an scheinbarer Konsequenz und unnachgiebiger Rabulistik zu überbieten: Literatur wird nur noch unter Heranziehung des Urhebers beurteilt, die Universalisierung kultureller Eigenarten wird als verwerfliche „kulturelle Aneignung“ verschrien, und die Aufklärung und ihre Folgen werden als semi-kolonialer Eurozentrismus zu Grabe getragen.

Derweil verändert sich der Umgang mit Identität. Zwar beruft man sich weiterhin beflissentlich auf Stolz, aber wer man ist und was einen auszeichnet, ist jetzt nicht mehr nur vermittelt und geworden, sondern verkommt zum je nach Gefühl frei gestaltbaren Hohlraum. Das folgt gewissermaßen dem postmodernen Credo von der Dekonstruktion, die Identitäten als instabil und konstruiert ausweist. Jedoch führte diese Losung nicht dazu, sich des Identitäts-Konzepts schlicht zu entledigen. Im Mittelpunkt steht weiterhin die Verfestigung – mit dem Unterschied, dass jetzt noch jeder frei wählen kann, welcher Zuschreibung er sich unterwerfen will. Es ist so nur konsequent, wenn irgendwann nicht mehr nur das biologische, also nicht dekonstruierbare Geschlecht je nach Belieben gewechselt werden kann und eingefordert wird, dass „jedem erlaubt sein sollte, sich als schwarz zu identifizieren, unabhängig von der Hautfarbe.“ So verkündete es zumindest die University and College Union aus Großbritannien und zeigte, dass man im identitätspolitischen Modus selbst noch hinter einfachste Logik zurückfallen kann.

Dankbar angenommen werden derartige Äußerungen jedoch immerzu, weil die Nachfrage nach Selbstfindungs-Angeboten, die festen Boden unter den Füßen versprechen, nicht abreißt. Mitunter nimmt das kuriose Ausmaße an: Seit einigen Jahren erfreuen sich beispielsweise DNA-Tests zur „Enthüllung der Ethnizität und Abstammung“ größerer Beliebtheit. Im deutschsprachigen Raum bieten etwa die Unternehmen „MyHeritage“ oder „Ancestry“ Tests an, mit denen sich angeblich herausfinden lässt, welche ethnische und geographische Herkunft die eigenen Vorfahren hatten. Prozentual schlüsselt der Test dann auf, wie viel Anteile von einer der 42 identifizierten Ethnizitäten in der DNA stecken. Allein die immensen Klickzahlen auf Videos sogenannter Influencer, welche die Tests ausprobieren, sprechen dabei für sich.

Ein Exemplar unter vielen

Die Suche nach den eigenen Wurzeln ist nur eine von vielen Formen des Bedürfnisses nach Authentizität. Gefunden wird diese wahlweise in archaisch lebenden Gemeinschaften, in offen zur Schau gestelltem, zivilisationsmüdem Furor oder im Bemühen, mit jedem gesagten Wort besonders viel Tiefe und Weisheit vorzugaukeln, wo eigentlich nur gefühliger Kitsch und abgedroschene Erbauungssprüche lauern.

Auf der Suche nach wahrhaftiger Identität scheint sich das gleiche Bedürfnis niederzuschlagen, das den dem Nationalsozialismus nahestehenden Philosophen Martin Heidegger umtrieb, wenn er von der „Eigentlichkeit“ schwärmte, um gleichzeitig alles, was im Verruf stand, wurzellos und der Alltäglichkeit verfallen zu sein, zu verdammen.

Auch der identitätspolitische Opferstatus bietet dabei das ersehnte Maß an Authentizität. Als Teil eines kulturellen, geschlechtlichen oder sexuellen Clans ist man zwar kaum mehr als ein Exemplar unter vielen. Mit dem Opferstatus Schluss zu machen, gar aus ihm ausbrechen zu wollen und damit das zu verwirklichen, wofür ansonsten das unsägliche Modewort des „Empowerment“, also der Selbstermächtigung, herhalten muss, würde aber ebenso bedeuten, jenen authentischen, gemeinschaftsstiftenden Status aufzugeben, der einen qua Identität zum autoritativen Experten für Diskriminierung macht.

Verachtete Individuation

Aus der Zeit gefallen wirken heute kritische Invektiven, die keineswegs alt sind, dafür aber überhaupt kein Interesse an der dahinwesenden Monotonie der Minderheiten zeigen. So schrieb beispielsweise der Philosoph Robert Pfaller:

„Wenn wir um irgendetwas an uns kämpfen müssen, dann ist es nicht das Besondere unserer stupiden Identität, sondern das Allgemeine an uns, das uns in die Lage versetzt, mit dieser Identität kritisch zu verfahren und gegebenenfalls mit ihr zu brechen.“ (4)

Hinzuzufügen wäre, dass es nicht nur jenes über die Identität auf die Gattung Mensch hinausweisende Allgemeine ist, das wieder stark zu machen wäre. Die Erkenntnis, dass autonome Individualität, die, wenn auch im Verschwinden begriffen, nötiger denn je wäre, weit über vermeintlich feststehende Charaktereigenschaften hinausgeht, müsste wieder reaktiviert werden. Mündigkeit als Ziel jeder Individuation setzt voraus, zu sich selbst auf Distanz gehen zu können und somit unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu Sippe und Ethnie Reflexionen zu fassen.

In einer personalen Identität kann das Individuum hingegen nie vollständig und bruchlos aufgehen – ist jede Person doch darauf angewiesen, mindestens in der Öffentlichkeit des Öfteren Affekte vorzutäuschen, zu schauspielern, sich selbst zu verlieren, selbstlos zu sein – und eben darin gerade die Kategorie des Individuums zu erfüllen. Darauf verweist auch die Etymologie des oft als Synonym für den Begriff des Individuums benutzten Wortes „Person“: das lateinische Persona, was so viel heißt wie Maske oder Rolle.

Individualität lässt sich ohne Widersprüche und Vorläufigkeit gar nicht denken. Das ganzheitliche Kollektiv welcher Art auch immer lässt indes keinen Raum für die individuierte Ambivalenz, weil es anstelle von universaler Erkenntnis nur partikulare, in der Konsequenz beliebige Sichtweisen kennt. Weil es dem Einzelnen einen sicheren Platz zuweist, ist es für viele Menschen andererseits ein Halt versprechender Sehnsuchtsort, dessen enges, einschnürendes Korsett übersehen wird.

Das selbstbestimmte Loslösen von identitären Kategorien zieht dagegen zwangsläufig den Hass derer auf sich, die sich sicher sein wollen, dass jeder Abkömmling seiner Hautfarbe, seines Geschlechts und seiner Sexualität gefälligst seinen Platz im angestammten Kollektiv einnimmt.

Die Geringschätzung des Individuums und die Glorifizierung der Identität lässt sich dadurch erklären, dass letzteres eine scheinbar konkrete, in Wirklichkeit aber unbestimmte Zurücknahme in das Ich, die Herkunft und die Vergangenheit eines Menschen darstellt, während ein mündiges Individuum auf seine zukünftige, nicht endende Verwirklichung und sein dort zu findendes Glück ausgerichtet ist. Für einen Zeitgeist, der sich unter dem Stichwort Zukunft jedoch vor allem dunkle Bedrohungsszenarien vorzustellen weiß, denen man sich in vorlaufender Ausrufung des Notstands zu unterwerfen hat, scheint diese Zurücknahme individueller Bestrebungen zugunsten identitärer Selbstfindung nur folgerichtig zu sein.

Das Problem ist gleichwohl nicht nur die identitäre Regression, dafür vielmehr die Zwangsläufigkeit ihres Misslingens auf der endlosen Suche nach Identität. Das wusste schon Theodor W. Adorno, als er schrieb: „Die Unwahrheit aller erlangten Identität ist verkehrte Gestalt ihrer Wahrheit.“ (5)

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Novo-Argumente.

 

Quellen

1) Alain Finkielkraut: „Die Niederlage des Denkens“, rororo 1989, S. 81.
2) Vgl. Theodor W. Adorno: „Negative Dialektik“, Suhrkamp 2003, S. 151.
3) Jean-François Lyotard: „Das Patchwork der Minderheiten: Für eine herrenlose Politik“, Merve 1977, S. 8.
4) Robert Pfaller: „Erwachsenensprache: Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“,  Fischer Taschenbuch, S. 166.
5) Adorno, s. Anm. 2, S. 153.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost

netiquette:

Peter Holschke / 19.01.2020

Manche Kommentatoren scheinen Ex-Spiegelleser zu sein, welche das eingetrichterte Weltbild für das oberste Niveau halten. Nennt man auch Inkompetenzschwelle oder Dunning-Kruger-Effekt. Oder es sind Trolle unterwegs. Oder das Thema treibt zum interlektuellem Overkill. Kein Problem, ich kann auch nicht Stricken oder die Mundharmonika spielen. Der Artikel ist selbsterklärend ... Schenkelklopfer .... Die Leute die es verstehen, verstehen es, den Rest geht es nichts an.

Sabine Schönfelder / 19.01.2020

Es gilt als Manifestation von Intelligenz, wenn der sprachliche Ausdruck eines Volkes einfach, präzise, ausdrucksstark und dennoch leicht verständlich ist. Eine Sprache, die Gestaltungsmöglichkeiten bietet, die seine Benutzer in die Lage versetzen, mit wenig klaren Worten, Tiefe und Sinn einer Information oder Botschaft zu formulieren, ist eine Errungenschaft geistiger Beweglichkeit. Worin besteht die Attraktivität so mancher Geistesgröße, seine Anliegen so zu formulieren, daß sie kein Mensch versteht, und der Rezipient über den Inhalt rätseln und spekulieren muß? Wer braucht denn so etwas?

maciste rufus / 18.01.2020

maciste grüßt euch. der “satz der identität” lautet “a ist gleich a”. er impliziert den “satz des ausgeschlossenen widerspruchs”, dh. “a kann nicht nicht-a sein”. daraus läßt sich folgern, daß a als identisches (also eines, dem nicht gleichermaßen ein prädikat zugesprochen und aberkannt werden kann) trotzdem durchaus auch b, c, d ... etc. sein kann. mehr braucht man zur lösung der sache im dienste des menschengeschlechts nicht zu wissen. battle on.

Karla Kuhn / 18.01.2020

NDR; 14.04.2019 “ASYL-BETRUG, 1,6 MILLIONEN Euro Schaden.” Da hats doch mit den doppelten (oder wie viel noch?)  IDENTITÄTEN vorzüglich geklappt.  Vielleicht haben sich die (traumatisierten?)  Täter auch gefragt: “So sein oder nicht so sein”  das ist her die Frage.

Peter Holschke / 18.01.2020

Das Niveau steigt. Prima Artikel @sybille eden - Zustimmung! Kulturmarxismus, wobei sich der perverse Marx auch bloß in den Betten der Bourgeoisie reinmogeln wollte. War das nicht der Typ mit der Idee von den Arbeiterarmeen und den Weibern als kollektives Eigentum? Idiologen lügen immer und meinen immer das Gegenteil. Statt Indintität, wohl eher Nummer. @Dieter Kief - Ich bin tief beieindruckt. Ja so isses. Aber psst, nicht weitersagen, da ist ja der Witz an der Sache. Jeder der mehr als nur ein halbes Hirn benutzt, taugt kaum zum Sklaven. Und im Artikel, zu köstlich: ‘Nur so lässt es sich erklären, dass bockig-infantile Aussprüche wie „Ich bin so, wie ich bin“ als Zeichen beeindruckender Selbstakzeptanz und ehrenwerter Charakterfestigkeit, nicht aber als Manifestationen der eigenen Borniertheit gewertet werden.’ Nennt man Kindergarten.

Roland Stolla-Besta / 18.01.2020

Von Brecht gibt es in seinen „Geschichten vom Herrn Keuner“ diese wie als Illustration zu Ihrem Artikel passende Episode: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‘Sie haben sich gar nicht verändert.’ ‘Oh!’ sagte Herr K. und erbleichte.“

Jürgen Probst / 18.01.2020

Die dislaszive Afformitanz levantiert die pertive Lokaliratssutanz. Daraus folgt eine Pimartivation, die dann lomaritiert wird. Ist es das, was Sie sagen wollen?

WOLF-D. SCHLEUNING / 18.01.2020

Oh Gott! Was für ein Geschwurbel!

Michael Hoffmann / 18.01.2020

Neulich mein Arzt zu mir: “Bleiben Sie so wie Sie sind.” Darauf ich: “Potential nach oben ist immer, Herr Doktor.”

sybille eden / 18.01.2020

Sehr schön beschrieben Herr Hoppe; ich würde die genannten Zustände unter dem Begriff “KULTURMARXISMUS” zusammenfassen, denn nach meiner Überzeugung ist dieser die treibende Kraft der Ent-individualisierung. Ich beobachte und erfahre ,wie sich dieser seit gut dreissig Jahren in alle Bereiche der Gesellschaft frisst und das “geistige” Leben korrumpiert. Zur sogenannten Identität würde ich Hermann Hesses Gedicht : “STUFEN” heranziehen wollen. Es legt doch in seiner schönsten Form dar, daß Identität etwas flexibles,lebendiges sein muss,wenn wir nicht frühzeitig erstarren wollen !

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