Vera Lengsfeld / 14.10.2014 / 11:54 / 7 / Seite ausdrucken

So schön war die DDR: Jugendwerkhof Gebesee in Thüringen

Karin war vierzehn, als in ihrer Schule das Gerücht aufkam, ihr Vater sei bei der Staatssicherheit. Die Mitschüler wandten sich ab, sie wurde fortan gemieden, als hätte sie einen ansteckenden Ausschlag. Sie schloss sich einer Gruppe älterer Jugendlicher an, die sich in Karins Heimatstadt Saalfeld regelmäßig traf. Man sang die Lieder von Wolf Biermann, las Rainer Kunze, Erich Loest und andere verbotene Schriftsteller, veranstaltete Partys und Diskussionsabende in der Kirche.

Als Karins Eltern den neuen Umgang ihrer Tochter bemerkten, versuchten sie, das Mädchen zu überzeugen, von ihren Freunden abzulassen. Vergebens. Als treue Genossen und überzeugte Unterstützer der DDR, glaubten sie, sich an die Jugendhilfe wenden zu können, um ihre Tochter auf den rechten Weg zurück zu bringen. Sie ahnten nicht, dass sie damit ihr Elternrecht verloren hatten und fortan die Behörden über ihre Tochter bestimmten.

Karin wurde erst in ein Kinderheim zur „Umerziehung“ gesteckt. Als sie sich dem dortigen Drill durch mehrere „Entweichungen“ zu entziehen suchte, kam sie in einen Jugendwerkhof. Schon bei der Einlieferung musste sie feststellen, dass sie an einem Ort gelandet war, an dem sie keine Rechte mehr hatte. Hier saß sie hinter Mauern und Stacheldraht. Weglaufen war nicht mehr möglich. Sie musste sich vollständig vor einem männlichen Erzieher entkleiden. Der nahm dann an dem Mädchen die Untersuchung ihrer Körperöffnungen vor. Dann kam Karin in die Aufnahmezelle zur „Eingewöhnung“. Eine wegklappbare hölzerne Pritsche, ein Toilettenkübel, ein vergittertes Oberlicht, ein Hocker, ein aufklappbares Wandtablett. Wie viele Tage Karin dort zubrachte, weiß sie nicht. Sie bekam drei Becher Tee am Tag, klitschiges Brot, Margarine, Marmelade und Wurst von undefinierbarer Konsistenz. Das Mittagessen bestand aus Kraut, Kartoffeln und gelegentlich etwas Fleischartiges.

Als sie endlich in die Gemeinschaftszelle kam, besserten sich ihre Lebensumstände nur unwesentlich. Wenn sie die Arbeitsnorm nicht schaffte oder beim „Sport“ nicht mitkam, wurde die ganze Gruppe bestraft. Das hatte zur Folge, dass sie in der Nacht den Unmut ihrer Leidensgefährtinnen zu spüren bekam. Die blauen Flecken und Blutergüsse wurden von den „Erziehern“ übersehen. Ohnehin konnten die auch Resultat der schlagkräftigen Erziehungsmethoden sein. Zum Waschen gab es nur kaltes Wasser. Hatten die Mädchen ihre Regel, gab es nur drei Binden am Tag. Solange sie auf der Arbeit waren, behalfen sie sich mit Toilettenpapier. Wenn die Unterhose Blut abbekam, gab es eine Strafe wegen „Beschädigung sozialistischen Eigentums“.

Geduscht wurde einmal die Woche, auch kalt, unter den Augen der männlichen Erzieher. Die Frauen beaufsichtigten dagegen die Jungen. Bei größeren Vergehen gab es Dunkelarrest bis zu vierzehn Tagen. Karin landete darin, als sie sich weigerte, das widerliche Essen, das man ihr reingezwungen und sie erbrochen hatte, noch mal zu sich zu nehmen. Es konnte sein, dass sich ein Erzieher anbot, die Dunkelhaft zu verkürzen, wenn man ihm zu Willen war. Noch öfter nahmen sich die Erzieher einfach, wonach ihnen der Sinn stand.Um dem Terror zu entrinnen, schluckte Karin auf der Arbeit einen Nagel. Sie hoffte, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Vergeblich. Sie landete in der Dunkelzelle und bekam nichts als Sauerkraut zu essen.

Karin hatte noch Glück, weil sie an keiner chronischen Krankheit litt und von robuster Gesundheit war. Ein dreizehnjähriges Mädchen, das mit Asthma eingeliefert worden war, starb, weil ihr Asthmaspray im Schreibtisch des Erziehers eingeschlossen war und der nicht reagierte, als die Mädchen versuchten, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass die Asthmatikerin einen Anfall hatte.

Karins Geschichte hat sich nicht in Gebesee zugetragen. Es hätte aber Gebesee sein können, denn das Regime war überall gleich. Wer durch eine solche Hölle gehen musste, ist für sein Leben gezeichnet. Die Erzieher waren mehrheitlich Genossen der SED und sind, wenn sie nicht gestorben sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit Mitglied der Linken. Aus Rücksicht auf die Gefühle dieser Leute darf die DDR nicht Unrechtsstaat genannt werden. Mit der Partei dieser Leute schicken sich SPD und Bündnisgrüne an, in Thüringen eine Koalition einzugehen!  Diese Schande nicht mit allen Kräften zu verhindern, ist ein historisches Versagen der CDU.

Vera Lengsfeld: 1989 - Tagebuch der Friedlichen Revolution

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Leserpost

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Günter Reinhard Krüger / 15.10.2014

Bitte nicht vergessen!!! Die CDU - DDR war auch eine Blockpartei

Vera Lengsfeld / 15.10.2014

Lieber Herr Undig, der Souverän hat gewählt und die Linke um 23000 Stimmen geschwächt, wie auch SPD und Grüne absolut Stimmen verloren haben. Es ist dann Aufgabe der Parteien, das Wahlergebnis umzusetzen. Wenn sich die CDU Thüringen aber mit Machtspielchen und Postenhaschen beschäftigt, statt Politik zu machen, muss man das mal kritisch vermerken dürfen.

Reiner Schöne / 14.10.2014

Nicht nur in Thüringen wollen SPD und Grüne eine Koalition eingehen, auch auf Bundesebene sind diese Hürden, wie am Anfang voller Stolz präsentiert, gefallen. Auch ich kenne Menschen die solche Orte besuchen mussten, und die teilweise statt als knapp 18 jährige, wie 35 jährige aussahen, und selbst heute nichts davon erzählen möchten. Es muss sich gegen Links endlich eine breite Front bilden und dagegen vorgehen.

Klaus Kalweit / 14.10.2014

Ich habe immer gedacht, das Dritte Reich sei 1945 zu Ende gegangen. Spätestens jetzt weiß ich, es lebte in unwesentlich veränderter Form unter dem Namen DDR weiter. Einfach widerlich von den Linken, zu behaupten, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Solche Berichte wie diese sind dringend notwendig, um dem geforderten und geförderten Vergessen etwas entgegenzusetzen. Dafür ein Danke.

Franz Roth / 14.10.2014

Empfehle den Film „Und alle haben geschwiegen“ von Dror Zahavi bzw. das Buch “Schläge im Namen des Herrn” von Peter Wensierski. Geht um Kinder- und Erziehungsheime in Westdeutschland in den Sechzigern. Auch ein historisches Versagen der CDU?

Waldemar Undig / 14.10.2014

So schrecklich es auch war. Die CDU ist nicht die Aufpasserin von SPD und Grünen. Es ist und bleibt Aufgabe des Souveräns, das Erstarken der Linken zu verhindern.

Mike van Dyke / 14.10.2014

Ich weiß noch, welcher Schauder mich überkam, als ich den ersten SED Infotisch in meiner Kleinstadt in der Fußgängerzone sah. Meine Unmutsbezeugungen nahmen die Herrschaften unter den anmutigen Schirmen mit stoischer Ruhe zur Kenntnis. Sie gingen ihnen sichtbar am Arsch vorbei.

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