Gastautor / 08.02.2021 / 11:00 / Foto: Tim Maxeiner / 9 / Seite ausdrucken

So kommen die Isländer durch die Corona-Krise

Von Páll Pálsson, Reykjavik.

Wer schon mal in Island war, hat bestimmt auch einen Abstecher in die Innenstadt von Reykjavík gemacht und versucht, sich inmitten der schwierigen Straßennamen zurechtzufinden. Die bekannteste Straße ist die Einkaufsmeile Laugavegur, etwa 1,5 Kilometer lang und teilweise „verkehrsberuhigt“. Der Name bedeutet „Waschweg“ und kommt daher, dass er früher zu heißen Quellen führte, wo auch Wäsche gewaschen wurde. An schönen Tagen, also wenn es nicht regnet, mischen sich hier Einheimische mit Touristen in den vielen Bars, Cafés und Restaurants. Dazwischen findet man immer noch kleine, traditionsreiche Geschäfte, die nach und nach von Souvenirläden und Fast-Food-Lokalen verdrängt werden.

Teile des Laugavegur hat man für den Autoverkehr gesperrt, um mehr Platz zum Flanieren zu schaffen. Im Sommer gibt es tagsüber Veranstaltungen für Kinder jeden Alters, zu später Stunde gehört die Laugavegur den Partygängern. Reykjavík ist für sein vitales Nachtleben weltbekannt – zu jeder Jahreszeit.

„Zu vermieten“

Wer allerdings heute durch die Straße geht, findet ein ganz anderes Bild vor, in vielen Schaufenstern liegen keine Waren mehr aus. Die Läden sind „zu vermieten“. Da keine Touristen kommen, mussten vor allem die Souvenirläden schließen, aber auch kleinere Geschäfte und Gastronomiebetriebe. Die zeitweilige Begrenzung auf 10 Gäste in einem Restaurant oder Café, unabhängig von der Größe der Räume, wurde inzwischen auf 20 erhöht, aber einige haben es nicht überlebt.

Diejenigen, die geblieben sind, bleiben oft auch zur Mittagszeit leer, denn viele Reykjaviker meiden inzwischen aus Furcht vor Ansteckungen die Lokale, obwohl die Zahl der Neuinfektionen derzeit gegen Null geht. Einige schließen temporär, in der Hoffnung, dass es im Laufe des Jahres besser wird. Nicht-Gastro-Betriebe ziehen aus der Innenstadt weg, was auch damit zu tun hat, dass sie für viele Einheimische im Laufe der Jahre zu teuer und zu touristisch geworden ist. 

Freilich: An einem Freitagabend, wenn das Wochenende anfängt, sind die meisten Lokale bis auf den letzten erlaubten Platz besetzt. Die Polizei prüft stichprobenartig, ob sich die Betreiber und Besucher an die Regeln halten.

„Made in China“

Mit der Tourismuswelle, die vor etwa zehn Jahren einsetzte, schossen die Mietpreise in der Innenstadt vor allem dank AirBnB in die Höhe. Viele kleine Geschäfte konnten sich das nicht mehr leisten und mussten Souvenirgeschäften weichen. Dass diese nun zu den ersten gehörten, die dem Ausbleiben der Gäste zum Opfer fielen, ist nicht verwunderlich. Welcher Isländer kauft sich einen Plüsch-Puffin „Made in China“?

Relativ gut gehalten haben sich traditionsreiche Bekleidungsgeschäfte, Juweliere und Galerien, die ihre Stammkunden haben und nicht vom Tourismus abhängig sind. Oft sind es Räumlichkeiten im Besitz der Familien, die das Geschäft betreiben, und deswegen keine enormen Mieten zahlen müssen.

Die erste Welle im Frühjahr traf Island gänzlich unvorbereitet, es kam zu hohen Fallzahlen, die Grenze wurden dichtgemacht, die Arbeitslosenzahlen schossen in die Höhe – es waren die höchsten seit der Bankenkrise 2008.

Im Frühsommer gab es eine kurze Lockerung. Touristen konnten bei der Einreise einen Test machen und sich bei einem negativen Befund überall im Lande frei bewegen. Für eine kurze Zeit lebte der Tourismus etwas auf. Die Tourguides hatten wieder Arbeit und die Hotels nahmen Buchungen entgegen. Die „Erholung“ hielt nicht lange an. Ab dem 19. August musste jeder Reisende, der in Island ankam, zwei Tests im Abstand von fünf Tagen machen und die Zwischenzeit in Quarantäne verbringen. Es war das Aus für den Tourismus. Dennoch waren die Maßnahmen sinnvoll. Man fand in einer ersten Testreihe über 500 Corona-Fälle. Weiterte 166 Personen wurden später ebenfalls positiv getestet, 

Keine Ausgangssperre

Mitte September kam es wieder zu einem sprunghaften Anstieg, nachdem sich mehrere Menschen in Bars angesteckt und das Virus in den folgenden Tagen verbreitet hatten. Daraufhin wurden die Bars geschlossen.

Allerdings gab es in Island keinen wirklich „harten“ Lockdown. Eine Maskenpflicht wurde eingeführt, an die sich bis heute auch fast alle halten. Konzerte und andere öffentliche Events mussten abgesagt werden, Fitnesscenter wurden geschlossen, die Schwimmbäder ebenfalls, worunter vor allem ältere Isländer am meisten litten. Die „heißen Quellen“ sind seit jeher ein Ort, an dem man sich täglich trifft, um über das Leben zu philosophieren. 

Sämtliche Regeln gelten im ganzen Land, auch in ländlichen Gegenden mit weniger als einem Einwohner pro km² und keinem einzigen Covid-Fall. Man will alle Isländer gleich behandeln.  Eine Ausgangssperre gab es aber nie.Mitte Januar traten wieder erste Lockerungen in Kraft. Unter anderem durften die Schwimmbäder wieder aufmachen, aber nur bis zu 50 Prozent ihrer Auslastung.

Islands Chef-Epidemiologe Þórólfur Guðnason sagte bei einer Pressekonferenz am 4. Februar 2021, Island sei auf einem sehr guten Weg, aber das Virus noch nicht besiegt. Zu dieser Zeit hatte Island einen Inzidenz-Wert von 3,8 – bezogen auf 14 Tage. Auf sieben Tage gerechnet, lag er unter 1.

„Quarantäne-Hotels“

Er werde weitere Lockerungen vorschlagen, sagte Guðnason, allerdings nur für das Leben im Lande. Islands Einreisebestimmungen seien extrem lasch, es müsse verhindert werden, dass die niedrigen Fallzahlen Touristen anlockten. Man denke über „Quarantäne-Hotels“ nach, damit die Einreisenden ohne festen Wohnsitz in Island während der Quarantäne besser überwacht werden könnten. 

Bars und Clubs dürfen wieder öffnen, aber wie in Restaurants nur mit Tischbedienung.  Bei Bühnenveranstaltungen und religiösen Zeremonien dürfen maximal 150 Gäste anwesend sein, statt bisher 100. Es wurden auch Lockerungen für Fitnesscenter in Aussicht gestellt. Ansonsten dürfen jedoch weiterhin höchstens 20 Personen zusammenkommen. 

Die Maßnahmen könnten weiter entschärft werden, wenn mehr Menschen geimpft seien. Bis Ende März sollen 10 Prozent einen „Shot“ bekommen haben. Die Impfbereitschaft ist sehr hoch.

Ziemlich hoch ist auch die Arbeitslosigkeit. Sie liegt derzeit bei 12 Prozenzt. Aber das ist derzeit nicht der erste Punkt auf der Tagesordnung.  Vom Beginn der Pandemie bis heute sind 29 Menschen in Island an Corona gestorben, bei ca. 365.000 Einwohnern.

 

Páll Pálsson ist zertifizierter Tourguide und derzeit ohne Beschäftigung.

Foto: Tim Maxeiner

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Hjalmar Kreutzer / 08.02.2021

Positive Testungen für Infektionen gezählt, Impfung als Allheilmittel, „Impfung macht frei!“, zehntel Promille an/mit/ im Zusammenhang mit Covid Verstorbener und dafür die ganze Wirtschaft im Arsch. Hatten die mit Drosten, Wieler, Lauterbach, Merkel, Spahn telefoniert?

Gregor Kühn / 08.02.2021

Also, von den 365000 Einwohnern sind bis jetzt 29 gestorben. Das sind ca. 0,007% der Bevölkerung. Und wer weiß, wieviele davon Mit und nicht AN Corona gestorben sind!!! Die Isländer sind also genauso irrational wie wir - Wahnsinn, wohin man schaut…

Rolf Lindner / 08.02.2021

Eine Jahreshäufigkeit von ca. 0,008 % für Coronatote, dazu ungewiss, woran die 29 Coronatoten wirklich starben. Hatten sie Begleiterkrankungen? Wie alt waren sie? Wie war ihr Immunstatus?  Wie viele erkrankten, ohne zu sterben? Wie war die Belegung der Intensivbetten? Mit Stand vom 06.01 ist Island das Land mit der niedrigsten Infektionszahl in Europa. Die Infektionstodesrate (IFR) beträgt nach verfügbaren Daten z.Z. 0,005. IFR saisonale Grippe in Deutschland 0,1 bis 0,2. Wie hoch die IFR ohne den Lockdown in Island wäre, ist natürlich unbekannt. Vielleicht wäre er 20 mal höher, also 0,1. Wie hoch ist der coronabezogene CFR (collateral fatal rate) für Island, aber auch für Deutschland? Isländer, seid ihr denn verrückt geblieben?

Alexander Damaskinos / 08.02.2021

Als Vorbild kann man sich Island nach diesem Beitrag wohl nun wirklich nicht nehmen. Wegen dieser lächerlich niedrigen Todeszahlen haben die Isländer, die ja vor allem vom Tourismus leben, sich wesentlich mehr geschädigt als andere Länder. Die werden in punkto Selbstzerstörung höchstens noch von Mallorca übertroffen.

Karl Eduard / 08.02.2021

Vielleicht findet jemand den mumifizierten Floki und er wird eine Touristenattraktion. Um zu wissen, daß wie einen Haufen Dilletanten in der Regierung haben, müssen wir nicht nach Island schauen. Schaunse mal nach Weißrussland, Kollegen, wenn Ihre Scheuklappen und Bretter das zulassen. Ein Billy Six hat darüber sogar Phideos gedreht, also so Filme. Wääääh, schlimme Diktatur, was solln wa denn von denen lernen?  :)

Dr Stefan Lehnhoff / 08.02.2021

Interessant für die internationale Galerie 50 shades of Wahnsinn, aber sonst?

P. Wedder / 08.02.2021

Danke für diesen Einblick. Es ist immer wieder interessant in Corona-Zeiten aus anderen Ländern zu hören.

Petra Wilhelmi / 08.02.2021

Ich schreibe es ja nicht gern, weil es schon oft geschrieben worden ist, auch von mir. Woher weiß man in Island, dass die Coronakranken wirklich Corona hatten? Und natürlich sterben jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag Menschen. Ob an Corona? Das wird nicht eruiert, weiß niemand wirklich. Es ist halt lukrativer, sämtliche Toten zu Coronatoten zu machen, weil man da eben mitmacht, auf der Welle schwimmt, vielleicht noch einen Vorteil herausschlagen kann oder was weiß ich, wie tief die Abgründe der Menschen selbst sind und warum sie das erzählen bzw. mit den Totenschein bestätigen. Ob es stimmt, ist doch allen bis jetzt so etwas von egal.

Chr. Kühn / 08.02.2021

Jeder, der Eyjafjallajökull aussprechen kann, ohne daß er sich den Kehlkopf verrenkt, kommt auch mit Corona klar. (Ich kann es, weil ich als Allgäuer mit mehrsilbigen und schwer aussprechbaren Wörtern aufgewachsen und auch Vulkanologe bin.)

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