Gustav Heinemann war der dritte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, einer aus der gar nicht so schlechten alten Zeit. Als er 1969 zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, war er Mitglied der SPD. Der SPD der gar nicht so schlechten alten Zeit. In Heinemanns Leben war es die fünfte Partei, der er angehörte. Keine der vier anderen Mitgliedschaften gehört zu jenen, an die man sich später nur ungern erinnerte. Karriere ließ er Karriere sein, wenn die Partei nicht mehr mit seinen Grundlinien harmonierte. Frühzeitig hatte er formuliert: „Sich selbst folgen, nicht einer Partei! Parteiwechsel als Recht… Parteinehmen: ja, aber nicht von der Partei einnehmen lassen.“ Das hat er tatsächlich durchgehalten, das höchste Staatsamt war jedenfalls nicht erdienert.
Man muss nicht in allem mit Heinemann einer Meinung sein. Aber Rückgrat und Prinzipienfestigkeit kann ihm wohl niemand absprechen. Unter seinen viel zitierten Bonmots gibt es äußerst schwache, etwa wenn er auf die Frage nach der Liebe zum Staat antwortete: „Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau.“ Eine andere Version lautet: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ Nichts gegen Hilda Heinemann, aber das könnte auch ein Politiker aus den Reihen der Parteien Unsererdemokratie geäußert haben. Stark hingegen die Stellungnahme zu Adenauers Westbindungspolitik und dem zum Lippenbekenntnis degradierten Gesäusel über die Bedeutung der Einheit Deutschlands von 1952: „Wenn ich nach Dresden oder Rostock oder Berlin will, steige ich nicht in einen Zug nach Paris oder Rom ein.“ Und durchaus sehr bemerkenswert: „Es geht nicht um Christentum gegen Marxismus. Sondern es geht um die Erkenntnis, dass Christus nicht gegen Karl Marx gestorben ist, sondern für uns alle!“
Am 23. Juli 1899 im westfälischen Schwelm geboren, wurde Heinemann sowohl als Jurist als auch als Staatswissenschaftler resp. Nationalökonom promoviert. Rechtsanwalt war er, dann Justitiar und Prokurist bei den Rheinischen Stahlwerken in Essen, 1936 Bergwerksdirektor und bis 1945 Vorstandsmitglied. Zuneigung zum NS-Staat wird man ihm nicht nachsagen können, völlig zugeständnisfrei hätte er auf besagten Positionen allerdings wohl Probleme bekommen. Von 1946 bis 1949 war er Oberbürgermeister von Essen, seit 1947 Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen und 1947/48 in dem neu gebildeten Land auch Justizminister. Adenauer machte ihn – widerwillig – 1949 zum ersten Bundesinnenminister und war nicht sonderlich unglücklich, als Heinemann wegen der Aufrüstungsambitionen des ersten Kanzlers bereits 1950 zurücktrat. Klassisch ist der Heinemann charakterisierende: Ausspruch: „Ein Volk, dem Gott zweimal die Waffen aus der Hand geschlagen hat, sollte sich genau überlegen, ob es sie zum dritten Mal in die Hand nimmt.“ Im Bundestag saß er seit 1957. Bundesjustizminister der ersten Großen Koalition (damals tatsächlich noch: „Große Koalition“) wurde Heinemann 1966, drei Jahre später war er Bundespräsident.
Der Weg durch fünf Parteien
Hervorzuheben ist sein Engagement in der evangelischen Kirche. Neutestamentlich-pazifistisch orientiert war er, die Suche nach dem Ausgleich war ihm wichtig. Überzeugter Christ wurde er erst als knapp Dreißigjähriger, in der NS-Zeit engagierte er sich in der Bekennenden Kirche, hier zumindest in erkennbarer Opposition zum Staat. Nach 1945 wirkte er in der EKD. Fünf Parteien gehörte er an. Die Familientradition war durch die Revolution von 1848/49 bestimmt. Bevor er zum Glauben fand, prägte ein kämpferisch-atheistischer Monismus sein Weltbild. Nach dem Ersten Weltkrieg betätige er sich zunächst in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), 1930 trat er dem Christlich-Sozialen Volksdienst (CSVD) bei, ohne hier jedoch merklich hervorzutreten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die CDU für ihn zunächst alternativlos. Dass Heinemann ein prominenter Protestant war, war einer der Bewegründe für Adenauer, diesen in sein erstes Kabinett zu holen. Heute ist es die „Genderscheiße“ (Zitat Monika Maron), damals war der konfessionelle Proporz unglaublich wichtig. Ansonsten blieb Heinemann Adenauer fremd. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Bald sollte Heinemann der CDU vorwerfen, das Etikett „christlich“ auszunutzen. Da die Bundesregierung in der Praxis immer weiter vom Ziel der Deutschen Einheit abrückte, sah er in der 1952 gegründeten Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) seinen weiteren Weg. Allerdings blieb die GVP bei Wahlen erfolglos, ungeschickter- und wohl auch unnötigerweise ließ sich die Partei auch aus dem Osten unterstützen. Heinemann war der Ansicht, dass die Interessen der Sowjetunion zu berücksichtigen seien, in der damaligen Bundesrepublik eine Position, die nur wenige teilten; ein Stalin- oder Chruschtschow-Versteher (wie es der Hauptstrom heute nennen würde), war er dabei nicht. Simpler Grundgedanke war, wenigstens Verständnis für die Gegenseite aufzubringen. 1957 wurde die GVP aufgelöst, im Zuge der sich abzeichnenden und mit dem Godesberger Programm von 1959 vollzogenen Neuausrichtung empfahl der GVP-Vorstand einen Beitritt zur SPD, den auch Heineman vollzog, wenn auch nicht vollständig überzeugt, dazu war er zu stark an der sozialen Marktwirtschaft orientiert.
1969 setze sich Heinemann gegen Gerhard Schröder (Gerhard Schröder der Bessere, oder neutraler: Gerhard Schröder – CDU) durch. Heinemann gerierte sich als „Bürgerpräsident“. Redlich, im Auftreten schlicht, durchaus intellektuell, aber nicht über den Dingen stehend. Und sicher auch bieder. 1946 hatte er geäußert: „Ich empfinde im Politischen gar keine metaphysische Leidenschaft, vielmehr rein sachlich.“ Eine Anekdote handelt davon, dass der Vater dem fünfjährigen Heinemann einen Taler versprochen habe, wenn er – endlich einmal – eine Fensterscheibe einwerfe.
Auf eine zweite Amtszeit als Bundespräsident verzichtete Heinemann, 1974 wurde Walter Scheel (FDP, siehe historische Parteien) sein Nachfolger. Scheel war hervorragender Repräsentant Deutschlands, nicht erst im Licht des Personals seit 2010. Mehr Glanz als sein Vorgänger hatte er definitiv, auch wenn gewichtige Stimmen meinen, Heinemann hätte bei einer erneuten Kandidatur auch auf die CDU zählen können. Am 7. Juli 1976, heute vor 50 Jahren, ist Gustav Heinemann in Essen gestorben.
Wer mehr wissen will, der lese:
Thomas Flemming, Gustav W. Heinemann. Ein deutscher Citoyen. Biographie, Essen: Klartext 2014
und/oder
Jörg Treffke, Gustav Heinemann. Wanderer zwischen den Parteien. Eine politische Biographie, Paderborn-München-Wien-Zürich: Ferdinand Schöningh 2009.

Als in den Sechzigern geborener Bub bekam ich zur Kommunion wie damals üblich, ja, richtig, ein Briefmarkenalbum! Jubel!! Das war schon damals für einen Neunjährigen ziemlich öde. Aber, na ja, hab ich nebenbei mal eine Zeit lang Briefmarken gesammelt. Das Album ist seit Jahren in irgendeiner Kiste verschollen, aber noch da – irgendwo. In Erinnerung ist davon selbstverständlich die Reihe der „Heinemann-Marken“. Im Grunde weckte die Sammelei der Heinemann-Marken und anderer mein Interesse für Politik und Gesellschaft. Daß Gustav Heinemann aus meiner damaligen Sicht zwar unglaublich alt erschien, störte nicht meine Einschätzung, mit ihm einen vertrauenswürdigen und in jeder Hinsicht glaubwürdigen Politiker in meinem Album zu haben. Heinemann, Scheel, Brandt, Wehner, Schmidt und wie diese alten Herren alle hießen waren für mich und meine damaligen Freunde Personen des Respekts. Eben weil sie sich auch so verhielten, deshalb!
Ahoi, Herr Dr. Lommatzsch, Gustav Heinemann ist doch auch nur eine sinnlose ABM-Maßnahme für Historiker. Daß er Deutschland mehr mochte, als der Deutschland-Hasser & Separatist, Konrad Adenauer, ist jetzt nicht wirklich so schwer. Und Leute, die in der Politik mit dem Biblischen Gott angeschissen kommen, sind genauso eminent gefährlich, wie jene, die dem Klima-, Gender- & Diversity-Gott huldigen. Die Unterschiede zwischen Antik- & Kultur-Marxisten bleiben lapidar.
Im Grunde können sie praktisch jeden führendenden Politiker aus dieser Zeit nehmen und mit den heutigen vergleichen. Da hat von diesen Bücklingen, Nichtskönnern, Karrieristen, Hochkriechern von heute keiner eine Chance.
Ich fand ihn dröge. Seine Tochter Uta Ranke Heinemann, die Theologin, grauenhaft. Die politische Inzucht ebenfalls. Christina Rau, geboren 1956, die spätere Ehefrau von Bundespräsidenten Johannes Rau, geboren 1931, war eine Enkelin von Gustav Heinemann. Johannes Rau, laut Recherche Internet soll ein „Ziehsohn“ von Gustav Heinemann gewesen sein. Der erwachsene Johannes Rau hat die Christina schon im Haushalt Heinemann kennengelernt, als die noch ein kleines Mädchen war.
Muffiges und verlogenes Milieu evangelisch lutherischer Prägung, aber nicht freikirchlich, sondern amtskirchlich.
Sry Herr Lommatzsch, so berechtigt der früher-war-vieles-besser-Verweis im allgemeinen und gerade auch beim BPräs ist, aber „wie sich unsere Maßstäbe verschoben haben“, das führt nun wieder in die Irre. Es war vor allem Welcome-Angie die das BPräs-Amt vorsätzlich mißbrauchte nur um mit Bobbycar-Christian einen unliebsamen (tatsächlichen oder vermeintlichen) Konkurrenten auszuschalten zu suchen. Die Fehlbesetzungsliste wurde anschließend immer länger. Frank der Spalter ist sicher der intellektuell begrenzteste der jüngeren BPräs-Darsteller. Er konnte trotz vieler Lehrjahre bis heute seine Parteiattitüde nicht ablegen, wobei hinzukommt dass sich auch seine ehemaligen Arbeiterpartei atomisierte und verschob zu einer heutigen Ausländer- und Faulenzerpartei mit Klimasozialismusanstrich. Das nicht zu erkennen sondern mitzumachen und dem gemeinen Bürger apodiktisch überstülpen zu wollen, beweist ein weiteres Mal seine absolute Ungeeignetheit. Obs die nächste BPräs-Person die auf Biegen und Brechen eine Frau sein muss, jdf. kein binärer Mann sein darf, zumindest ein bißchen besser machen wird – ich fürchte nein. Es geht noch schlimmer, und Links-ist-vorbei-Merzel der straflos nicht Lügenfritz genannt werden darf wirds auch wieder mitmachen. M.E. sollte der Posten ersatzlos abgeschafft werden. Die „Verdienst“-Orden kann der BT 1 mal jährlich verlosen. Zur Not kann der Außenkanzler auch noch den BPräs spielen.
@Franz Klar, Heinemanns Vorgänger Lübke soll mal eine Rede in einem afrikanischen Land gehalten haben, die er mit dieser Begrüßung eingeleitet haben soll: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Neger, (…).“ Das ist wahrscheinlich eine Legende, doch ich fand das immer herrlich.
Den besonderen Wert und die Würde des Bundespräsidenten habe ich mal darin gesehen, dass es seine Aufgabe ist, die verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen und politischen Lager irgendwie noch zu vertreten, Konflikte zu erkennen und auf Verständigung und letztlich auf Einigkeit hinzuwirken. Doch auch das Amt des Bundespräsidenten, mit seinen Zugriffsbefugnissen auf unser Steuergeld, ist längst die Beute einer alles ideologisierenden Meute. Man beteiligt sich eifrigst und überheblich an der gesellschaftlichen Spaltung und zapft unser Geld. Damit hat sich für mich auch das mit dem Wert und der Würde erledigt.