Orit Arfa, Gastautorin / 22.05.2019 / 06:29 / Foto: Achgut.com / 8 / Seite ausdrucken

Single Mum: Mein Weg zum Wunschkind

Als ich 31 war, habe ich diesen Moment vielleicht schon unbewusst vorhergesagt. Nun ist es soweit: Ich werde freiwillig Single Mum. Eine alleinerziehende Mutter, schwanger durch eine Samenspende. Damals schrieb ich eine regelmäßige Single-Kolumne für das Jewish Journal in Los Angeles und war so eine Art jüdische „Carrie Bradshaw“. Ich verfasste unter anderem einen Artikel mit dem Titel: „Ich bin nicht hilfsbedürftig“, um Menschen eines Besseren zu belehren, die glaubten, als Single könne man nicht glücklich sein. Aber ich war es. Damals schrieb ich: „Frauen leben heutzutage länger. Die moderne Technologie hat unsere Fruchtbarkeit verbessert. Wir können bis in unsere Mittdreißiger warten, bevor unsere biologische Uhr anfängt zu ticken. Bis dahin danke ich Gott für die Pause-Taste!“

Ein Leser, ein Fruchtbarkeitsexperte, schrieb mir und sagte, ich solle mich nicht auf die Technologie verlassen. Es gäbe keine Garantie. Dennoch drückte ich weiterhin auf die Pause-Taste und ließ meinen Kinderwunsch schlummern – für ganze zehn Jahre.

Ich wollte in den letzten zehn Jahren nie wirklich über mein Alter reden. Zum einen, weil mir viele Menschen sagten, wie jung ich aussehen würde. Aber auch, um möglichst attraktiv für Männer zu sein. Und junge Frauen sind bei weitem attraktiver als ältere. Ich hatte einige ernsthafte Beziehungen in den letzten zehn Jahren. Aber ich hatte nie das Gefühl, “den Einen“ kennengelernt zu haben. Und tief in meinem Herzen mochte ich auch mein Single-Dasein. Ich konnte aus einer Laune heraus spontan verreisen. Konnte ausgehen, feiern und die endlosen Möglichkeiten genießen. Ich konnte die Wohnorte wechseln, was ich tat, als ich 2008 von Israel nach L.A. zog, und dann 2013 zurück nach Tel Aviv. 2016 zog ich nach Berlin, wo ich eine israelisch-deutsche Liebesgeschichte schrieb („Underskin“) und meine journalistische Arbeit fortsetzte.

In Berlin wurde ich glücklicher, als ich es in Tel Aviv war. Das Leben war einfacher. Ich war nicht ständig mit der gesellschaftlichen Verurteilung konfrontiert, die ich als alleinstehende Frau Ende Dreißig in Israel spürte. Ich ging aus, recherchierte für meinen Roman, schrieb faszinierende Geschichten, reiste viel und dankte Gott, dass ich meine Eizellen hatte einfrieren lassen, bevor ich nach Berlin zog. Das hat den biologischen Druck der Fortpflanzung für mich reduziert und mir Aufschub gewährt.

Ich datete keine Männer, sondern ihr Sperma

Bis ich 41 wurde. In der Folge datete ich nicht länger Männer, sondern ihr Sperma – weil ich mich an die Warnung des Fruchtbarkeitsexperten erinnerte und mich nicht allein auf meine eingefrorenen Eizellen verlassen wollte. Dates wurden Mittel zum Zweck. Ich traf einen wundervollen Mann, der aber noch nicht bereit war, zu heiraten oder ein Baby zu bekommen. Ich setzte ihn – entgegen meines Charakters – unter Druck, drängte ihn dazu, mit mir eine Familie zu gründen. Obwohl wir eigentlich gar nicht wirklich zusammenpassten.

Schließlich musste ich mir eingestehen, dass ich dringender ein Kind wollte als einen Mann. Und die Zeit wurde knapp. Also wandte ich mich der modernen Medizin zu, um meinen Traum von der Mutterschaft doch noch zu verwirklichen. Letztes Jahr hatte ich eine IVF (In-Vitro-Fertilisation) in Israel mit „frischen Eizellen“, die Gott sei Dank gleich beim ersten Mal erfolgreich war.

Obwohl es viele Frauen gibt, die diesen Weg als „Makel“ oder Notlösung sehen, macht er für mich Sinn. Eine Single Mum zu werden, entspricht meiner Persönlichkeit als Freigeist. Ich bin nicht der Typ, der sich und seine Werte für einen Anderen verbiegt. Und ich möchte keine Scheidung riskieren oder mein Kind in einen Sorgerechtsstreit verwickeln und in einen Loyalitätskonflikt bringen. Die Entscheidung, diesen Weg zu wählen und Single Mum zu werden, erscheint mir richtig. Für mich.

Freunde und meine Familie versuchen behutsam, mich zu ermutigen, zurück nach Los Angeles zu meiner Familie zu ziehen. Oder nach Israel, wo Familie kulturell eine größere Rolle spielt. Ich habe ein halbes Dutzend israelischer Freundinnen, die freiwillig alleinerziehend sind oder dabei sind, es zu werden. Aber ich möchte, dass meine Tochter dort aufwächst, wo ich momentan am glücklichsten bin. Die Tatsache, dass ich in Berlin ein Kind großziehen will, ist ein Beweis meines Vertrauens dafür, dass Europa, unter deutscher Führung, schließlich das Richtige tun und entsprechende Schritte unternehmen wird, um die Sicherheit aller hier lebenden Juden zu gewährleisten.

Meine Tochter ist ein Geschenk

Meine ungeborene Tochter hat mir schon jetzt viel geschenkt. Ehrlichkeit, zum Beispiel. Lange Zeit habe ich nicht mehr offen über mein persönliches Leben geschrieben. Zum einen, um meine Privatsphäre zu wahren. Aber auch, um Männer damit nicht zu erschrecken. Nun habe ich keine Angst mehr. Und ich bin auch nicht mehr verzweifelt auf der Suche nach einem Mann, weil ich sein Sperma brauche oder ein zweites Elternteil suche. Ich möchte einen Mann treffen, der mich sieht – so wie ich ihn. Der die gleichen Werte teilt, die ich habe. Weil wir uns guttun, als unabhängige Persönlichkeiten, frei von biologischen Zwängen.

Das bedeutet nicht, dass ich jeder Frau diesen Weg als Single Mum empfehle. Es ist eine sehr persönliche Entscheidung. Und ich glaube, dass eine komplette, liebevolle Familie immer noch für viele die ideale Form der Elternschaft ist. Aber nicht jeder hat das Glück, den Partner zu finden, mit dem sich das realisieren lässt.

Ich möchte meine Tochter mit meiner Liebe und meiner Fürsorge, die ich ihr geben werde, inspirieren. Und ich hoffe, sie verzeiht mir meine Fehltritte und wird eines Tages erkennen, dass sie eine kluge, mutige Mutter hatte. Eine Pionierin, die ihren Weg ging. Und ich wünsche ihr, dass sie ein großartiges Leben haben wird, das sie leben kann wie ihre Mum: authentisch.

Dieser Artikel erschien auf Deutsch zuerst auf www.lunamum.de, übersetzt von Stefanie Staiger. Die englische Version erschien zuerst auf www.jewishjournal.com.

Orit Arfa ist israelische Journalistin und Achgut.com-Autorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Im Sommer 2019 erwartet sie ihr erstes Baby. 

Foto: Achgut.com

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Bettina Landmesser / 22.05.2019

Die von Frau Arfa gewählte Lösung ist die einzige Lösung, die sicherstellt, dass eine Mutter das von ihr geborene Kind im Deutschland 2019 auch wirklich behalten und erziehen darf. Es lohnt sich ein Blick auf die aktuelle familienrechtliche Rechtsprechung. Immer mehr Mütter verlieren ihre Kinder an den Vater des Kindes, auch dann, wenn sie ihr Kind bis dato bestens erzogen haben. Denn: auch im Familienrecht wird der Gleichstellungsgrundsatz immer mehr ausgelebt - mit fatalen Folgen für Mutter und Kind.  Ich biete seit mehreren Jahren eine Hotline für betroffene Mütter an und stelle fest, dass neben den Müttern, die ihre Kinder an den Vater verloren, überwiegend Mütter anrufen, deren Kinder in ein “Wechselmodell” hineingezwungen wurden. Häufig höre ich ein Schluchzen,  bevor sich die Mutter überhaupt vorstellt. Die Kinder vertragen das Modell nicht, werden psychisch auffällig, psychisch krank, entwickeln Verhaltensstörungen, Bindungsstörungen. Niemanden interessiert das.  Die Gerichte treffen Entscheidungen zunehmend vor dem ideologischen Hintergrund der Gleichstellung von Mann und Frau. Gerichten scheint das Kindeswohl zunehmend egal. Vor all dem hat Frau Arfa ihr Kind schon einmal bewahrt. Ihr Kind wird es ihr hoffentlich danken. Und doch ist es schade, dass Entscheidungen heute so gefällt werden müssen - nur um sicherzugehen, dass sich das Kind einigermaßen gesund entwickeln kann. Denn es wäre schon schön, wenn ein Kind Mutter UND Vater hätte.

Sabine Heinrich / 22.05.2019

Das arme Kind, das von einer überalterten Mutter in die Welt gesetzt wird, aus deren Text ich nur Egoismus lesen kann. Kein Gedanke darüber, wie das Kind wohl später mit seiner Entstehung klarkommen wird. Und absolute Realitätsblindheit in Bezug auf Berlin und ein Europa unter deutscher Führung. Da hat’s mich geschaudert! Mein Versuch, Ironie aus Frau Arfas Text herauszulesen, ist fehlgeschlagen. Mag sein, dass ich etwas altmodisch bin - aber ich finde es zudem peinlich und unangemessen, derart intime Bekenntnisse in aller Öffentlichkeit auszubreiten. Ich sehe da gewisse Anzeichen von Exhibitionismus und grandioser Selbstüberschätzung, die besonders zum Schluss deutlich wird: “...dass sie eine kluge, mutige Mutter hatte.” Das Kind tut mir schon jetzt leid!  

Stefan Lanz / 22.05.2019

Ohjee, ganz ganz schwieriges und heikles Thema…. Natürlich muss das jeder selber wissen, wie er seine “Familienplanung” gestaltet. Aber meiner Erfahrung nach wird bei Kinderlosen, egal ob Paar oder als Single, egal ob Hetero oder Homo, nicht die Bedürfnisse des Kindes in den Vordergrund gestellt, sondern die eigenen. Vom Wunsch, über die Manie, letztendlich zum Kind. Wie gesagt, ist meine Erfahrung, auch aus einer kinderlosen Partnerschaft. Nur die wenigsten Menschen erkennen, dass ein Leben auch ohne Kinder Sinn machen kann - auch gesellschaftlich. Trotzdem alles Gute für die Zukunft!

Manfred Lang / 22.05.2019

Ich hatte das Glück, eine Ehefrau, die beste von allen, zu finden, mit der ich nun beinahe 50 Jahre verheiratet bin. Wir haben drei Kinder und mittlerweile vier Enkelkinder. Mein bester Freund hatte nicht ganz so viel Glück. Seine Ehefrau und er versuchten genauso wie Sie, sehr geehrte Frau Arfa, sich durch Invitrofertilisation den Kinderwunsch zu erfüllen. Nach vielen ergebnislosen und z.T. dramatischen verlaufenen Versuchen gaben sie ihr Ansinnen auf. Sie entschieden sich für die Adoption eines kleinen Jungen aus Russland.  Er ist mittlerweile der Sonnenschein der Familie, besucht erfolgreich das Gymnasium und entwickelt sich nicht nur schulisch prächtig. Es gibt also auch andere Möglichkeiten, sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Übrigens ist das Kinder -haben- Wollen nicht etwas, das mit eigensüchtiger Selbstverwirklichung zu tun hat. Vielmehr ist es im Idealfall die Liebe zum Partner, die sich im gemeinsamen Kind konkretisiert. Ihnen und Ihrem Kind wünsche ich alles Gute.

Wilfried Cremer / 22.05.2019

Ich kann Ihnen leider nur einen Kommentar spenden. Alles Gute für Ihr Kind und Sie, und halten Sie uns auf dem Laufenden…

Karsten Kaden / 22.05.2019

Die Entscheidung für ein Kind ist zweifellos sehr persönlich. Vor allem ist es eine Wahl, die man nicht für sich allein trifft, sondern für mindestens zwei Personen. Und wo gerade die Person kein Mitspracherecht hat, um die es geht. Wer sich für ein Kind entscheidet, sollte sich im Klaren sein, daß er sich damit für Jahrzehnte die nicht verhandelbare Pflicht auferlegt, zu dessen Wohl die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Wer Kinder in die Welt setzt, hat sein Recht auf freie Entfaltung und Unabhängigkeit verwirkt, sofern dies dem Kindeswohl entgegensteht. Ich weiß nicht, ob es schlimmer ist, das Kind einem eventuellen Sorgerechtsstreit auszusetzen, oder ihm den Vater von vornherein zu entziehen. Bei allem Verständnis für den Kinderwunsch, die Entscheidung pro Single Mum kann ich nicht gutheißen. Sie verwehren damit dem Kind ein ihm zustehendes Grundrecht, noch bevor es diese Welt betritt.

Okko tom Brok / 22.05.2019

Dass unsere Zeit todkrank sein muss, erkenne ich auch daran, dass bildhübsche, kluge Frauen wie die Autorin keinen passenden Mann mehr finden…. Ich möchte angesichts der grünen Ziegenbärte allerdings heute auch keine Frau sein.

Fanny Brömmer / 22.05.2019

Nur zwei Dinge. Erstens: Mein Weg wäre und war es nicht. Zweitens: Glückwunsch und alles Gute für Sie und Ihre Tochter!

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