Ben Krischke, Gastautor / 22.06.2018 / 17:00 / Foto: GalejbAB / 9 / Seite ausdrucken

Sind Fussballfans moralisch blind?

Die Fußballweltmeisterschaft soll, das fantasiert die Grüne Jugend alle vier Jahre wieder herbei, ein Hort für ungehemmten Nationalismus und Chauvinismus sein. Die WM wird gerne als Spielfeld für moralische Hoheitskämpfe genutzt. Im Dunstkreis von Bällen und Bier bringt sich da nicht nur die Grüne Jugend in Stellung, um ihre krude Deutschvolksicht zu verbreiten. Auch Beiträge, die sich über die hohe Aufmerksamkeit des Fußballs echauffieren, während anderswo vermeintlich Wichtigeres geschieht, haben Konjunktur. In den Medien ebenso wie auf Facebook oder Twitter. Das ist auch bei dieser WM nicht anders.

Denn bekanntlich liegt in Mütterchen Russland einiges im Argen, also wurde im Vorfeld der WM ernsthaft diskutiert, ob ein Boykott derselbigen mindestens angemessen, wenn nicht verpflichtend wäre. Die Gründe liegen für die Boykott-Befürworter auf der Hand, darunter der Umgang mit Homosexuellen, Journalisten und Oppositionellen im größten Land der Erde. Für letztere Gruppe steht exemplarisch der Fall Oleg Senzow. Der Filmregisseur wurde aufgrund angeblicher "terroristischer Vergehen" in Sibirien inhaftiert und protestiert dagegen gerade mit einem Hungerstreik. "Auf Leben und Tod", wie die Kulturwissenschaftlerin Kateryna Botanova jüngst in der Neue Zürcher Zeitung schrieb. Botanovas Text über Senzow trägt die Überschrift "Wir schauen Fußball, derweil Oleg Senzow im Gefängnis stirbt". Gucken wir Fußballfans aktuell nicht einfach nur hin, sondern gleichzeitig weg? Sind wir moralisch bankrott, solange das runde Leder rollt?

In seiner grundsätzlichen Ausrichtung ist der Fußballsport erst einmal denkbar unpolitisch. 22 Spieler, ein Ball, zwei Tore, das Team mit den meisten Treffern gewinnt und: "Grau ist alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz“ (Adi Preißler). Keine Quoten, keine Inklusionsbemühungen, wonach der Schwächste im Team das Tempo vorgibt. Meistens ist der Fußball auch alles andere als politisch korrekt, was wahrlich etwas Heilsames hat, wie ich aus eigener Erfahrung als Fan und Hobbykicker zu berichten weiß. Gerade wenn man sich permanent mit moralischen Zurechtweisungen auseinandersetzt, egal ob direkt (in der Diskussion mit Arbeitskollegen) oder indirekt (Anja Reschke).

Und dennoch kann auch der Fußball zum Politikum werden. Man lese nur die unbedingt empfohlene Geschichte von Kurt Landauer. Aber auch das Alkoholverbot bei Champions-League-Spielen, der Umgang mit Pyro-Technik oder die Frage, ob Red Bull den deutschen Profifußball eher beflügelt oder doch abstürzen lässt, sind selbstverständlich politische Themen. Da geht es in den Debatten mitunter hitziger zu als in Streits um die deutsche Zuwanderungspolitik.

Klar ist: Der Fußball findet sich heute in einem Spannungsfeld wieder, in dem die Interessen der ganz normalen Fans, die sportlich-finanziellen Interessen der Spieler und Clubs sowie die politisch-finanziellen Interessen der Verbände – national wie international – zunehmend kollidieren. In diesem Spannungsfeld wurde denn auch die Kampfansage "Gegen den modernen Fußball" geboren, die mittlerweile häufiger auf T-Shirts der Ultras zu lesen ist.

Katalysator für Aufmerksamkeitsbemühungen

In dieses Spannungsfeld stößt seit geraumer Zeit nun eine weitere Interessensgruppe, die gar nicht am Fußballsport interessiert ist, auch nicht an seiner Entwicklung oder Zukunft, sondern an der Plattform Profifußball, an der es sich moralisch zu partizipieren lohnt, weil er wahlweise recht einfach als Katalysator für Aufmerksamkeitsbemühungen dienen kann. Oder als Problemort gesehen wird, an dem man sämtliche Instrumente des linksgrünen Pädagogikwerkzeugkoffers anwenden kann, weil man sie anwenden muss.

In diese Kerbe schlägt – leider, muss man sagen – auch der Ansatz, den Kateryna Botanova in der NZZ verfolgt. Der Fußball beziehungsweise die Fußballweltmeisterschaft wird als unmoralisches Gegengewicht zum wahren Leben (am Austragungsort) konstruiert – und als Beweis präsentiert, dass sich der Homo Einundzwanzigstesjahrhundertus mehr an Jogi Löws Auswechselphobie stört als an den Schrecken dieser Welt.

Unwürdig jedoch das Zerrbild, das dadurch entsteht. Denn nirgendwo sonst sind äußere Merkmale, Sprache, Bildung oder Einkommen unwichtiger als auf den Stadienrängen. Nirgendwo sonst begegnen sich so viele Nationen friedlich, von den wenigen Problemfans einmal abgesehen. Ein bisschen Samba mit den Brasilianern, ein "Huh!" mit den Isländern und auf einen Sliwowitz mit den Kroaten. Wenn der Iran spielt, stehen plötzlich Männlein und Weiblein ganz selbstverständlich gemeinsam in der Kurve. Und schießt Deutschland ein Tor, fallen sich schwarz-rot-gold bemalte Fremde auf der Berliner Fanmeile ganz selbstverständlich in die Arme. Wer angesichts solcher Bilder meint, der Fußball sei nur ein Ausdruck fehlgeleiteter Prioritätensetzung, der irrt – ganz offenkundig.

Allerdings kann ich mich des Eindrucks ohnehin nicht erwehren, dass jene, die den Fußball als moralisches Vakuum oder antimoralisches Gegengewicht stigmatisieren oder meinen, Fußballfans interessierten sich nicht für die wirklich wichtigen Dinge dieser Welt, noch nie in einer Fankurve gestanden sind. Das gilt für Jugendorganisationen ebenso wie für den ottonormalen Twitter-User, der gegen den Fußball twittert und alles retweetet, was diesen wunderbaren Sport als wirren Klamauk zeichnet. So hört doch, wer richtig lauscht, die leisen Zwischentöne, aus denen die Abneigung gegen den Fußballsport insgesamt spricht, weil der Fußball wahlweise banal, gewalttätig oder rechter Proletensport sein soll und damit – frei nach der Grünen Jugend – doch irgendwie auch eine Keimzelle des Faschismus. Zur Wahrheitsfindung empfehle ich einen Nachmittag im Stadion – bei zwei, drei kühlen Bieren.

Dieser Beitrag erscheint auch auf Ben Krischkes Blog.

Foto: GalejbAB via Wikimedia Commons

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Viola Heyer / 22.06.2018

Ich hörte vor einigen Jahren einen Vortrag eines US-Professors, der den Erfolg des Fussballs mit unserem evolutionären Erbe erklärte. Zum einen wird die Jagd imitiert. Der Ball ist der Speer und das Tor das Beutetier. Zugleich wird Kampf simuliert, da es gegen eine konkurrierende Gruppe geht. Auch als Frau konnte ich das nachvollziehen und mich in die Jäger, Krieger bzw. Spieler hineinversetzen.

Marcel Seiler / 22.06.2018

Dass so viele Nationen und Kulturen sich friedlich beim Fußballspiel treffen, hat genau einen Grund: Es gelten für alle Mannschaften und alle Spieler haargenau die gleichen Regeln, egal woher sie kommen. Wenn wir das gleiche Prinzip auch gegenüber den neuen Zuwanderern anwenden würden (inklusive dem Prinzip, dass nur der aus den sozialen Kassen kriegt, der eingezahlt hat), dann gäbe es auch in diesem Bereich mehr Frieden. Wenn aber jede Gruppe um Privilegien buhlt und die auch noch bekommt: dann gib’s richtig Ärger.

Michael Hoffmann / 22.06.2018

Europapokal 1988: Bayern München gegen Inter Mailand. Ich sitze in Ermangelung anderer Karten im Block der Italiener. Bei jedem der beiden Tore der Mailänder umarmen mich die italienischen Fans wir voller Freude. Ich lass es geschehen und freue mich mit. Weder sie noch ich können ahnen, daß das Rückspiel in Mailand 3:1 für die Bayern ausgehen und als eines der besten Fußballspiele ever in die Geschichte eingehen wird.

Tobias Meier / 22.06.2018

Vielen Dank fürs Lanze-Brechen für den gemeinen Fußballfan. Als Akademiker und Dauerkartenbesitzer kann ich Ihre Ausführungen nur bestätigen. Der Fußball verbindet deutlich mehr als das er trennt. Auch und gerade im Vereinsfußball. Da ist es vollkommen egal, aus welchem Land der Siegtorschütze stammt oder zu welchem Gott er betet (wenn er überhaupt betet) - Hauptsache er trägt das richtige Trikot. Gleiches gilt auf den Rängen. Jeder in den eigenen Farben ist automatisch ein Freund - egal ob homo oder hetero, dunkel- oder hellhäutig, rot oder schwarz wählend, studiert oder arbeitslos (oder beides). Aber selbst mit Fans anderer Vereine verbindet einen die gemeinsame, vollkommen irrationale Leidenschaft für diesen an sich sinnfreien Sport. Das soll nicht die regelmäßig zu sehenden unschönen Bilder auf den Rängen relativieren, die aber nicht die übergroße Mehrheit der friedlichen Fußballfans in aller Welt repräsentieren. Aber auch bei Betrachtung der “Mannschaft”, kann ich die Ablehnung der GrünInnen nicht nachvollziehen. Im Gegenteil müsste die Zusammensetzung des Teams bestehend aus Spielern mit türkischen, spanischen, afrikanischen und russischen Wurzeln genau ihren feuchten Träumen einer Multikulti-Utopie entsprechen. Vielleicht sogar mit der Erkenntnis, die auch der anderen Seite gut täte: entscheidend ist nicht, wie lange du irgendwo lebst, sondern wie gut du dich in die Gesellschaft, in der du leben willst, einfügst.

Rudolf George / 22.06.2018

Gerade jene, die alles mit ihrer Moral - ja, nicht mit „der Moral“, sondern nur mit ihrer übersteigerten eigenen Moralvorstellung - aufladen, sind die wahrhaft amoralischen Menschen. Denn sie zerren das hehre Konzept hinab in den Dreck der eigenen Vorurteile und Ideologien, womit Moral beliebig und austauschbar, also überflüssig wird.

Werner Arning / 22.06.2018

Fußball kann befreiend wirken. Fußball ist einfach. Fußball verbindet. Die bösartigen Hooligans lassen wir jetzt mal außen vor. Denen geht es auch gar nicht um Fußball. Nein, ich meine die, denen es um den Fußball geht. Die Fanszene mag von Links oder Rechts unterwandert sein. Für politische Motive genutzt werden. Natürlich verdirbt das Geld den Fußball. Und doch, er ist nicht tot zu bekommen. Ihm wohnt etwas inne, was alle dem widersteht. Und dieses Etwas lebt weiter und es fasziniert weiter. Da ist etwas, was sich von nichts und niemandem instrumentalisieren lässt. Und dieses Etwas passiert auf irgendeinem Bolzplatz in Ouagadougou, Wanne-Eickel, Luang Prabang oder einem Fußballstadion mit 80000 Zuschauern. Fußball hat seine eigene Sprache, eine Weltsprache, die jeder verstehen kann, an der jeder partizipieren kann, es ist eine Sprache des Friedens, der Völkerverständigung. Sie ist frei von Politik, von Ideologie. Wer den Zauber nie gefühlt hat, versteht es nicht. Und ihm sei verziehen. Und er hat mein volles Verständnis. Aber es existiert, es ist schön und es bedeutet die herrlichste Nebensache der Welt zu sein. Eine Hommage an den Fußball.

Joachim Lucas / 22.06.2018

Seit es Sport gibt, seit der Antike, identifiziert man sich über Sport mit einer bestimmten sozialen Gruppe: Familie, Verein, Nation. Damit hat wohl nur das linksgrüne (Jugend-)Milieu ein Problem. Mit was identifizieren sich eigentlich die? -  mit sich selbst? Mit ihrem Hedonismus gepaart mit absoluter Verantwortungslosigkeit, mit abstrakten Bücherideen, die in der Konsequenz immer zur Unfreiheit führen? Ich mag persönlich keinen Fußball, aber sollen sie ihren Spaß haben. Aber Grüne GEWÄHREN einem diesen Spaß als Gnadenakt. Ihre moralinsaure Weltsicht übertrifft noch die von Calvin, der das Zuprosten in den Gasthäusern verbot, weil es die Trunksucht förderte (bis sie ihn aus Genf rausschmissen). Sie machen jedes Thema zu einem Erstsemester-Soziologieseminar und zu mehr werden es die meisten auch nicht bringen, bevor sie dann grüne Pöstchenpolitiker werden.

Judith Hirsch / 22.06.2018

Ich verdanke dem Fussball zwei meiner drei Kinder. Den Vater meiner Söhne lernte ich, bei dem denkwürdigen Sieg von Bayer Uerdingen gegen Bayern München 1985, im Berliner Olympiastadion, kennen. Der Fussball ist wirklich völkerverbindend und hat keine gesellschaftszersetzende Auswirkung wie die organisierten Treffen von linker und grüner Jugend, Fussball ist einfach zu verstehen und zu betreiben, die mit Abstand beliebteste Sportart weltweit und macht die Menschen glücklich. Dass dies die Ideologen zutiefst schmerzt ist nicht überraschend, aber dafür umso mehr entlarvend.

Peer Munk / 22.06.2018

Auf den Nachmittag im Stadion verzichte ich. Ich halte es mit Broder: Solange ich nicht mitmachen muss, ist es mir recht. Ich finde es allerdings etwas unverhältnismässig, was die Starfussballer so an Gehalt einfahren. Ansonsten interessiert mich Fussball nicht die Bohne.

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