Henryk M. Broder / 29.03.2017 / 15:56 / Foto: Bundesarchiv / 5 / Seite ausdrucken

Sigmar Gabriel außer Rand und Band

Falls Sie denken, Sie wüssten schon alles über Sigmar Gabriei - Sie irren sich. Der Mann, der sich für Martin Schulz geopfert hat und Außenminister wurde, um mehr Zeit für seine Familie zu haben, kann nicht nur Politik und Wirtschaft, er versteht auch was von Freundschaft. Ich habe mich heute auf Gabriels Twitter-Account verirrt und da folgenden Eintrag vom 24. März gefunden:

Habe meinen Freund Mahmoud Abbas getroffen. Dtl. steht zur Zwei-Staaten-Lösung & unterstützt den Aufbau staatlicher Strukturen in Palästina. 

Nun ist mir schon klar, dass Gabriel nicht selber twittert, sondern twittern lässt. Wie alle seine Ministerkollegen beschäftigt er ein Social Media Team, das aus IT-Nerds, abgebrochenen Studenten der Kommunikationswissenschaft und ehemaligen Mitarbeitern des Vorwärts besteht. Aber über dem Account steht nun mal der Name Gabriel, und so gehe ich davon aus, dass dort, wo Gabriel draufsteht, auch Gabriel drinsteckt. Und da finde ich es schon aufregend, dass er Mahmoud Abbas als seinen Freund bezeichnet, einen der korruptesten und verlogensten Politiker der Region, der an alles Mögliche denkt, nur nicht daran, sich von seinem Volk nach 10 Jahren im Amt, davon die letzten sechs ohne Mandat, als Präsident bestätigen zu lassen. 

Deutschland seinerseits, das ganze Deutschland, steht unbeirrt zur Zwei-Staaten-Lösung & unterstützt den Aufbau staatlicher Strukturen in Palästina. Was soll der Unsinn? Die Drei-Staaten-Lösung ist längst Realität, es gibt Israel und zwei palästinensische Staaten, einen in in Gaza und einen in der Westbank. Und was den Aufbau staatlicher Strukturen angeht, den Deutschland unterstützt, so handelt es sich in erster Linie um Transferleistungen, die nicht der Bevölkerung in den beiden palästinensischen Staaten zugute kommen, sondern den regierenden Kleptokraten, die sich um die Pfründe streiten. 

Nun gut. Als Politiker kann man sich seine Freunde nicht immer aussuchen. Man muss ihnen aber auch nicht zu Füßen liegen und damit eine Riesenwelle angeben.

Auch die anderen tweets haben es in sich. Von Athen aus meldet der Außenminister:

Immer wieder gut, in Athen zu sein. Hier liegt nicht nur der Ursprung der europäischen Demokratie, es ist auch Teil unserer Zukunft.

Man kann sich darüber streiten, ob der Ursprung der europäischen Demokratie in Athen liegt oder eher in Island (Althing, 930) oder England (Magna Charta, 1215), Gabriel, der mal Grundschullehrer war, muss es wissen. Unbestritten richtig dagegen liegt er mit der Behauptung, in Athen liege auch Teil unserer Zukunft. Es sind die maroden Staatsfinanzen, die Massenarmut und die gigantische Jugendarbeitslosigkeit. Das ist auch unsere Zukunft, die wir Politikern wie Gabriel verdanken, der sich nicht entblödet, die EU das erfolgreichste Projekts für Freiheit, Frieden und Wohlstand in der Menschheitsgeschichte zu nennen. Erfolgreich war das Projekt schon, vor allem für die Gabriels, Junckers und Schulzens, aber muss es gleich die Menschheitsgeschichte sein, also die Zeitspanne von Adam und Eva über Cesar und Cleopatra, Hänsel und Gretel bis Sigmar und Angela?

Ich bin tief erschüttert, wenn ich so etwas höre und lese. Da sind also die intellektuellen Däumlinge, die uns regieren: Ahnungslos, eitel und größenwahnsinnig. Aber ich bin ja nur neidisch. Ich möchte auch in der ersten Reihe sitzen und ekstatisch mit den Schuhspitzen wippen, wenn Wolfgang Niedecken Sympathy For The Devil spielt. 

Siehe auch: Ein paar Fragen an Sigmar Gabriel zu seinem Freund

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Leserpost (5)
Wolfgang Kaufmann / 29.03.2017

Das heutige Griechenland ist wie die Türkei ohne Atatürk: osmanisches Mittelalter pur. So also soll unsere Zukunft aussehen: rückschrittlich, nepotistisch und korrupt, ohne die aufgeklärte Modernität des türkischen Napoleon?

Karla Kuhn / 29.03.2017

Kann man das Zitat von Thoma erweitern und auf andere Berufsgruppen anwenden ? “Er war ein Einser Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande ?”  Aber vielleicht hat Gabriel sogar recht, wenn er meint, unsere Zukunft liegt in Athen. Denn wenn es so weitergeht mit dem Flüchtlingsproblem, dauert es wirklich nicht mehr lange und unsere Sozial-Renten- und Krankenkassen werden die Last nicht mehr tragen können.  Der Familiennachzug ist ja im vollen Gange, nur darüber wird gar nicht geredet.  Als Außenminister hat er ja viel Zeit, die kann er prima für seine eigene Horizonterweiterung nutzen.

Thomas Schlosser / 29.03.2017

Die politische Kaste in Deutschland spottet mittlerweile wirklich jeder Beschreibung…...und dass die Parteien, die solche Vollpfosten in Spitzenpositionen befördern, auch noch von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt werden, bestätigt das Bertolt Brecht-Wort: Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selbst….

Wilfried Cremer / 29.03.2017

“Sympathie für den schrägen Gabriel” könnte das Stück auch heißen.

Sepp Kneip / 29.03.2017

Wunderbar, Herr Broder. Sie zeigen mal wieder launisch, aber deutlich, wo die geistigen Grenzen unserer Politiker angesiedelt sind. Irgendwo im Niemandsland, bar jeder Realität. Gabriel ist ja nur einer von denen, die dumm rumreden, aber keinerlei Substanz erkennen lassen. Sein “größter Wurf” war die eines demokratischen Landes unwürdige Zeremonie seines Abgangs als Witschaftsminister und Selbsternennung zum Außenminister. Oben drauf setzte er dann noch den Verzicht auf die Kanzlerkandidatur und die Inthronisierung des neuen SPD-Schein-Hoffnungsträgers Schulz. Mein Gott, was für ein Tausendsassa. “Immer wieder gut, in Athen zu sein. Hier liegt nicht nur der Ursprung der europäischen Demokratie, es ist auch Teil unserer Zukunft.” Oh ja, an dieser Zukunft basteln Gabriel und Genossen ununterbrochen mit. Vor allen Dingen an einer Zukunft ohne Demokratie. Athen hin, Athen her.

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