Wolfgang Röhl / 08.09.2014 / 16:16 / 4 / Seite ausdrucken

Siegfried Lenz und die windradfreie Zone

„Die Flut ist pünktlich“ heißt eine kleine Erzählung von Siegfried Lenz aus dem Jahre 1953. Das ZDF hat sie verfilmt, weil das ZDF alles von Lenz verfilmt, was die ARD noch nicht verfilmt hat. Dereinst wird das Zweite mutmaßlich auch die Einkaufszettel des Altmeisters verfilmen, sollten sich im Nachlass welche finden. Der Film „Die Flut war pünktlich“ ist wieder mal ein schwer auf Herz und Hirn drückendes Produkt aus dem öffentlich-rechtlichen Tragödienstadl geworden, in dem Schuld und Sühne wabern wie Nebelbänke an der Waterkant. Schwerstblütige Dialoge wechseln sich mit bedeutungshochschwangeren Blicken und Gesten ab; alles ist grimmepreisverdächtig auf Kammerspiel gemollt und per HIV-Problematik à jour genordet. Dunkel klimpert das Klavier zu Sätzen für die Ewigkeit: „Es gab da diese Frau.“ – „Ich hatte Angst, dich zu verlieren“. Aber die Landschaftsbilder! Zum Niederknien. Wie die Wiederholung des Films auf ZDFneo gestern Abend erneut zeigte.

Kamerafahrten über Watt und Wellen und Wolken, Schilf und Dünen, Deiche und Leuchttürme und immer wieder Wolken, „ungeheuer oben“ (Bert Brecht) – alles, was dem Drehbuch des Films fehlt, was schon seiner Vorlage fehlte, die ganze Konstruiertheit und Verdruckstheit der moralisch turbogechargten Plotte - für all das entschädigt, wenigstens zum Teil, die wunderbare Kameraführung. Wer an der wetterlaunischen Küste wohnt, weiß, wie schwer solch perfekte Bilder zu bauen sind. Die Filmer mussten dafür quickmobil sein, von einem Drehort zum anderen hecheln, wie man in den Produktionsnotizen nachlesen kann. Die Landschaftsaufnahmen entstanden auf Sylt, auf der Nachbarinsel Römö und an der dänischen Nordseeküste.

Aber fehlt da nicht was in den Bilderfluten? Genau: nicht ein einziges Windrad ist in den vielen Außeneinstellungen zu sehen. Es muss bei der Vorbereitung der Dreharbeiten ein location finder abgestellt worden sein, der die Drehorte streng unter dem Aspekt gesiebt hat: kein Spargel, nirgends. Auf Sylt ist das relativ einfach, weil es die Insulaner mit mancherlei Tricks geschafft haben, sich die gierigen Windkraftbarone vom Leibe zu halten. Auf Römö ist es schon ein bisschen schwieriger, bei Schwenks Windräder zu vermeiden. Und an der dänischen Nordseeküste stehen in irgendeiner Blickrichtung immer Rotoren. Die Fahrt parallel zur dänisch-deutschen Nordseeküste – sagen wir, von Henne Strand nach Husum – führt durch eine von Windradfeldern fast flächendeckend grausam verunstaltete Plattlandschaft. Ein Emil Nolde hätte hier gar nicht erst zu malen angefangen.

Fernsehfiktion kann den Tourismus regional enorm ankurbeln, siehe „Die Schwarzwaldklinik“. Die Serie „Der Landarzt“ bescherte Schleswig-Holsteins Schlei-Region einen jahrzehntelang anhaltenden Besucherboom. „Die Flut ist pünktlich“ wurde im Februar 2014 erstausgestrahlt. Wer berauscht war von den Filmbildern und in diesem Sommer an die Nordseeküste gefahren ist, um Urlaub in einer veritablen Schimmelreiter-Landschaft zu machen, der sollte das ZDF auf entgangene Urlaubsfreuden verklagen. Die jüngste Lenz-Adaption vom Lerchenberg ist ja der reinste Zuschauerbeschiss.

 

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Leserpost

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Helmut Erb / 09.09.2014

Moin, Herr Röhl, das ZDF ist in schlechter Gesellschaft, also nicht allein. Urlaubskataloge aus dem Landkreis Cuxhaven, aus Dithmarschen und Nordfriesland sind geprägt von wirklich schönen Landschaftsaufnahmen - ohne jegliches Windrad. Und die Tourismusgesellschaft Ostseefjord Schlei stellt nun ihr neues Urlaubsmagazin vor. 134 Seiten windradfreie Zone. Das ist nicht geschwindelt, sondern professionell inszeniert. So macht man das. Schleswiger Nachrichten - ‘LANGSAMZEIT-KAMPAGNE: „Wir inszenieren die Region völlig neu“’ Beste Grüße Helmut Erb

Wolfgang Janßen / 08.09.2014

Das haben wir doch schon vor 70 Jahren gemacht. In der Feuerzangenbowle (1944) ist kein einziges durch Bomben beschädigtes Haus zu sehen.

Karl-Heinz Vogt / 08.09.2014

Ein weiterer Beleg dafür, daß das Sendezentrum der Apotheken-Umschau mit Recht in der Rheuma-Liga ganz oben mitspielt. P.S.: “Insel Römö” ist eine Tautologie - “ö” bedeutet dänisch Insel. Der deutsche Name lautet “Röm”. Die Insel besaß früher eine mehrheitlich deutschsprachige Bevölkerung; die dortigen Grabsteine aus dem 18. und 19. Jahrhundert (und nicht nur die) belegen dieses.

Franz Roth / 08.09.2014

Wer dort hinfährt und denkt, es gäbe keine Growiane ist selbst schuld. Der Wybelsumer Polder mit seinen 54 Anlagen oder die Krummhörn mit ihren vier Windparks kennt auch keine Besucher, die sich groß aufregen.

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