Man kann zum Tod von Siegfried Lenz ahnungslose Zeilen ins Netz stellen („Er war ein Meister der humorvollen Erzählung“, stern.de) oder ihn, wie im ZDF, feuilletonmäßig getragener, als „Geschichtenerzähler“ würdigen (gerade so, als würden normalsterbliche Schriftsteller niemals Geschichten erzählen wollen, da haben wir Victor Hugo und andere wohl falsch eingeschätzt) - jedenfalls ist das Echo auf die große Leiche fürchterlich. Warum sagt denn keiner, der Lenz als Schullektüre erdulden musste, dass dieser hoch sympathische, allzeit druckreif sprechende, immerfort gute, in seiner gusseisernen Bescheidenheit aber auch etwas anstrengende Mensch von Hamburg-Othmarschen hauptsächlich sozialdemokratische Thesen verbreitet hat, die er, na klar, mit mehr oder weniger plausiblen Geschichten illustrierte? Und warum wollten wir Jungspunde, sagen wir mal ab 1968, alles Mögliche lesen, bloß nicht diesen Lenz? Lenz war was für Leute, die ein „Zeit“-Abo gezeichnet hatten.
Es ist ja nicht Lenzens Schuld, dass vor einiger Zeit rauskam: Emil Nolde, der Maler des Nordens, dem Lenz in „Deutschstunde“ ein Denkmal als Verfolgter eines prototypischen Provinznazis gesetzt hatte, war eigentlich selber ein Nazi, der glaubte, sein Malverbot sei nur ein vorübergehender Irrtum. Typen wie Nolde gab es in den Moskauer Schauprozessen zuhauf, auch später, bei den Slansky-Prozessen in der Tschechoslowakei. DAS wäre eine vertrackte Geschichte geworden, welche Geschichte in ihrer ganzen Absurdität transportiert hätte. Doch Lenz, ein Kind der Nachkriegszeit, deutscher Sozialdemokrat reinsten Wassers, hat Orwell und Koestler und all die anderen vom Sozialismus Abgefallenen nie wirklich an sich rangelassen. Anderenfalls wäre er auch nicht der Darling der linksliberalen Kulturszene der Nachkriegszeit geworden.
Was von Lenz bleibt: Dass er niemals ein Grass war. Alles Eifernde war ihm fremd. Rest in Peace, alter Pfeifenschmöker.