In Dostojewskijs letztem Roman Die Brüder Karamasow von 1880 gibt es eine seltsame Textpassage, scheinbar ohne Zusammenhang zur eigentlichen Handlung, eingeschaltet als mündliche Erzählung eines der Protagonisten. Im spanischen Sevilla des 16. Jahrhunderts erscheint ein Mann, der bei seinen öffentlichen Reden großen Zulauf hat und den viele für Jesus halten. Er wird beobachtet, denunziert und von der Inquisition verhaftet, der Großinquisitor selbst verhört ihn des Nachts in seiner Zelle. Das Gespräch kreist um Jesu berühmten Wüstenaufenthalt und die Versuchung durch den Satan, die Jesus von sich wies, ferner um die Konzepte „Sicherheit“ und „Freiheit“, wobei „Sicherheit“ hier durch die Brote symbolisiert wird, die Jesus aus Steinen hervorzaubern sollte.
Der Großinquisitor erklärt, Jesus hätte die Menschen überfordert, indem er ihnen die Freiheit zutraute. Doch die Freiheit könnten sie nicht lange ertragen, sie sei für die meisten von ihnen eine viel zu schwere Last. In Notzeiten vor die Entscheidung gestellt, ob sie lieber in Sicherheit oder in Freiheit leben wollten, würden sie sich für die Sicherheit entscheiden, für das Brot. „So wird es denn damit enden“, sagt der Großinquisitor, „dass sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und sagen: 'Knechtet uns, aber macht uns satt'.“ Beziehungsweise – Sättigung als Metapher für Sicherheit gesetzt – „gebt uns Sicherheit“.
Dostojewskijs Skepsis gegenüber der Haltbarkeit eines auf persönlicher Freiheit basierenden, demokratischen Systems gründete sich nicht nur auf die in den Evangelien überlieferte deprimierende Menschenkenntnis des Satan, sondern auch auf die schon früher, im biblischen Buch Samuel, beschriebene Transformation der proto-demokratischen Regierungsform der Israeliten in eine autoritäre Alleinherrschaft. Die Israeliten wurden in den ersten Jahrhunderten nach Eintritt ins „Gelobte Land“ von Juristen („Richtern“) regiert, die ihrerseits von einem Parlament („Ältestenrat“) gewählt waren, neben der judikativen und legislativen Gewalt gab es als dritte Säule die Priesterschaft, die allerdings ohne weltliche Macht blieb, da ihr nach dem Mosaischen Gesetz der Landbesitz versagt war.
Populäre Sehnsucht nach einer stärkeren Staatsform
Dieses früheste System der Gewaltenteilung zeigte jedoch Schwächen in Zeiten von Kriegen, Krisen und Katastrophen, woraus eine populäre Sehnsucht nach einer stärkeren Staatsform erwuchs. Eine auffällige Parallele zu unseren Tagen bestand darin, dass sich der Wechsel der Herrschaftsform in ein und der selben Person vollzog, in der Verwandlung des letzten gewählten Richters Saul in einen Monarchen mit allen angemaßten autoritären Rechten, die der biblische Gott seinem Volk warnend, jedoch vergeblich vor Augen hielt (1 Samuel 8,10 ff.): der neue Moloch werde sie mit Steuern bedrücken, sie wirtschaftlich ruinieren, „und ihr müsst seine Knechte sein“ etc.
Dostojewskij war seit seiner Verbannung in Sibirien ein aufmerksamer, ständiger Leser der Bibel. Und er studierte mit großem Interesse den griechischen Philosophen Platon, der in seiner um 380 v.u.Z. entstandenen Schrift Politeia („Der Staat“) das gleiche beschrieben hatte: die Neigung der Demokratien zur Selbstzerstörung. Platon gibt als einen der Gründe für die Preisgabe der Freiheit an: Furcht. Genauer: „Todesfurcht“. Wo diese einsetzt, verliert der Wert Freiheit für die meisten Menschen seine Bedeutung, die Sehnsucht nach einem „starken Staat“ nimmt überhand, die Bereitschaft, die subtilen Strukturen der Demokratie zu zerstören und sich einer Stärke verheißenden Tyrannis zu unterwerfen.
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Ob der Mensch nun will, oder nicht: er hat die Wahl. Auch wenn er sich gegen sich selber und seine Freiheit entscheidet, er hat die Wahl und er weiß es. Die Freiheit ist in seinen Gedanken und seinen Träumen. Selbst in Zeiten selbst gewählter Unterwerfung. Die Freiheit erfordert Mut und Kraft. Helden sind in allen Geschichten der Menschheit Freiheitshelden.
Marie-Ebner-Eschenbach " Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit".
@lieber Herr Pressler, genau dieses "Verantwortungsgefühl" soll auch ausgelöst werden. Derjenige, der zufällig eine andere Person infiziert, ist aufeinmal "schuld". Es gibt auch schon diverse Versuche bis hin zu tatsächlichen neuen Gesetzen, so etwas strafrechtlich durchzuziehen. Nehmen wir an, dass dieser Virus tatsächlich intensiver schädigt als ein anderer, wer ist dann schuld, dass es bis hierhin gekommen ist? Grenzschließungen Mitte Januar?, Verteilung von Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel an Mediziner und Pfleger, an die gefährdeteren Bevölkerungsgruppen? Hallo? Nö. Hier sind jetzt SIE schuld, falls Sie jemanden anstecken und daher dürfen Sie sich auch bald träcken lassen und wenn Sie nicht geträckt werden, dann tut das Ihr getrackter Nachbar oder der, dem sie irgendwo begegnen. Toller kann man es als Regierung wirklich nicht treiben. Im Übrigen: M. war im letzten September in Wuhan. Ich habe mich gefragt, wohin diese sozialistische Reise eigentlich genau geht.. der Sovietsozialismus ist es nicht, es ist der chinesische und Sie brauchen sich doch bloß mal den Mao-Look von M genauer angucken. Was einem unmöglich erscheint, ist die internationale Nummer, die hier läuft, aber genau die ist eben erst seit der Medialität unseres Zeitalters möglich. Die Angst vor dem Verlust der Existenz ist natürlich, allerdings wird sie um so größer, wenn die Menschen jeglichen Bezug zu Christus bzw. dem Gott der Juden und Christen verloren haben. Und da sind wir gerade. Die Amtskirchen spielen auch noch mit und verlassen ihre Schafe, früher haben sich die Geistlichen für Pestkranke geopfert, heute biedern sie sich der Macht an. Genau das ist Endzeit. Das macht keinen glücklich, aber die Christen können aufblicken und auf Jesus warten und das tue ich jetzt auch. Ich wünsche allen Glauben, Hoffnung und Liebe.
Die Todesfurcht wird schon sehr viel länger instrumentalisiert. Die Welt gehe unter, sofern wir nicht den geringen, aber durch Menschen verursachten CO2-Anteil der Atmosphäre reduzieren. Dazu muß unsere Technologie, unsere Art des Wirtschaftens inkls. unsers Fleischkonsums beendet werden. Global. Macht gefälligst, was die Grünen sagen. Orientiert Euch an der kommunistischen, dennoch erfolgreichen Staatsplanwirtschaft Chinas, Da muß es hingehen. Mit den USA, unter Clinton bzw. nachfolgenden Sozialisten. Gerne Sanders. Niemals mit Nichtsozialisten, egal wo sie sich an der Macht befinden. Und natürlich die EU, die genau wie aufgestellt ist? Demokratisch, weil sie ein Parlament vorhält ? Man frage die Grünen, die ergrünte CDU, die SPD sowieso, die Linken braucht man nicht erst zu fragen. Es geht um den Sozialismus ohe Alternative. Also global. Angst regiert nun mal die Welt. Kauft e-Autos, Das e steht nicht für Emotion. Die SI - gibts offiziell nicht mehr - will das so. GEZ schauen, schließlich bezahlen wir die ja, vom obersten Gericht als Demokratie-relevant abgesegnet. Der Corona- Virus ist nur ein zufälliger Brandbeschleuniger im Ringen um die gleitende Preisgabe bestehender Rechte. Gewährte Freiheit ist keine Freiheit. Diese muß man fordern, und die Forderung durchsetzen. Das ist der Hintergrund des amerikanischen Rechts, Waffen zu tragen, um den Staat in seine Grenzen verweisen zu können. Von dieser Haltung ist ein Deutscher Lichtjahre entfernt. Also: Gleichschritt, Genossen. Bald gibt es wieder Kunstsahne. Auch irgendwie lecker.
Täglich belästigen sie uns mit dem Tod. Ich ertrage es nicht mehr, es interessiert mich auch nicht, wie viele täglich in Spanien und Italien sterben. Man tut gerade so, als wäre in diesen Länder vor Corona nicht gestorben worden. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass man uns praktisch stündlich mit den Todesfällen in diesen Ländern auf dem Laufenden gehalten hat. Es interessiert mich auch nicht, wer vorrangig daran stirbt; ob es hauptsächlich Alte oder doch auch Junge sind, ob das Virus eine Präferenz für katholische Junggesellen oder eher für Leute hegt, deren Nachname mit M anfängt. Was mich stattdessen entsetzt, ist die Bereitschaft von Grossteilen der Bevölkerung ihre Freiheit freudig zu entsorgen, ganz wie ein Kleidungsstück, welches aus der Mode gekommen ist. Es ist der vorauseilende Gehorsam, mit dem man sich nutzlose Masken vor das Gesicht bindet, der mich an Teilen der Menschheit verzweifeln lässt. Es ist die Sorge um all die Selbständigen, die kleinen Betriebe, die Restaurants und Hotels, deren Existenz unser Leben erst lebenswert macht, die mich nachts nicht schlafen lässt. Wollen wir wirklich so leben? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen.
@Werner Arning - Vielen Dank für diesen wirklich großartigen Kommentarbeitrag! Genau darum geht in diesem säkularen Kampf - die sozialistische Versuchung ist nur die neuzeitlichste Variante des ewigen großen Verführers zur Knechtschaft, dessen Meistertrick darin bestand, den "modernen" Menschen davon zu überzeugen, dass es ihn ja gar nicht gäbe.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte Demokratie umd Meinungsfreiheit für die höchsten gesellschaftlichen Güter und bin deshalb genauso entsetzt wie alle hier, dass sie nach und nach abgebaut werden. Ich sage meine Meinung immer noch recht frei heraus und habe auch keine Angst vorm Anecken. Obwohl ich immer versuche, freundlich zu bleiben, können manche Zeitgenossen nicht mit einer abweichenden Meinung umgehen. Daher ist mein Freundeskreis sehr überschaubar geworden, was hier auch viele schon erlebt und berichtet haben. Wie weit ich für Freiheit und Demokratie kämpfen würde, auch wenn's richtig brenzlig würde, kann ich nicht sagen. Ich fürchte, mit meinem Mut wäre es nicht weit her. Eine Sophie Scholl bin ich sicherlich nicht...