Gerd Held / 22.11.2015 / 06:30 / 7 / Seite ausdrucken

„Sie haben es nicht geschafft“ - Über die versteckte Frankreich-Verachtung (Migrationsmythos VI)

„Die Franzosen haben es nicht geschafft, die Migranten zu integrieren“ – Dieser Satz war am 15.November, kurz nach dem Terrorangriff auf die französische Hauptstadt, im Heute Journal des ZDF zu hören. Ein Korrespondent wollte den Deutschen erklären, wieso es zu dem Angriff gekommen ist. Er war nicht der Einzige, der die Geschehnisse auf solche „Ursachen“ zurückführte. Ähnliche Sätze wurden in den letzten Tagen auch bei der ARD und bei N24 verbreitet. Der Fraktion der Erklärer im Lande genügt es nicht festzuhalten, dass hier eine bestialische, totalitäre Kraft wütet. Dass es eine internationale Terrorarmee neuen Typs gibt, die organisiert und mit demonstrativer Grausamkeit wehrlose Menschen abschlachtet. Um entschieden zu handeln, müsste das eigentlich reichen.

Den Erklärern reicht es offenbar nicht. Sie versprechen, eine Ursache „dahinter“ zu finden, die noch einmal ganz anders ist als das banale Böse. Der geheime Gedanke dabei ist: Eigentlich sind alle Menschen gut, etwas muss sie böse gemacht haben. Es muss da irgendwo Fehler und Defizite geben, sonst wäre alles gut oder jedenfalls – wie der Sprechautomat im Kanzleramt sagen würde – „auf einem guten Wege“. Und wo sollen wir die Ursache suchen? Natürlich nicht dort, wo das Böse sich zeigt. Wir dürfen überhaupt keinen äußeren Feind benennen. Stattdessen müssen wir die Ursache bei uns suchen. Bei uns muss es einen Fehler, ein Versäumnis, eine nicht abgeleistete Bringeschuld geben. 

Die Erklärung, die dann gefunden wurde, ist atemberaubend. Es waren „die Franzosen“. Sie haben „es nicht geschafft“. Will heißen: Eigentlich, ihr Franzosen, hättet ihr es schaffen können. Wenn ihr sie nur richtig gewollt hättet - die „Integration“. Dies magische Wort steht auf dem großen Schalter, den man nur entschlossen umlegen muss - und schon gibt es keinen Nachschub mehr für den Terror. Super, Deutschland erklärt und erlöst mal wieder die Welt.

Mancher Zuschauer, der sich mit der jahrzehntelangen Vorstadt-Politik in Frankreich nicht auskennt, muss bei solchen Sätzen denken: Die Franzosen müssen ihre Zuwanderer wie Dreck behandelt haben. Sie müssen sie ohne Unterkunft gelassen haben. Ihnen keinen Platz in ihren Schulen, ihren Krankenhäusern, ihren Metros, ihren Freizeiteinrichtungen, ihren Sportvereinen angeboten haben. Ihnen keine Sozialarbeiter, keine Jugendzentren, keine Quartiersräte zur Verfügung gestellt haben. Ihnen immer weiter die Geldmittel gekürzt haben…

Das ist dummes Zeug. Welches Buch über die Entwicklung der französischen Problemquartiere man auch zu Rate zieht, nirgendwo – bei welcher politischen Richtung auch immer – wird man den Vorwurf finden, es seien zu wenig Anstrengungen unternommen worden. Und wer vielleicht argwöhnt, es sei in Frankreich zu bürokratisch-etatistisch gehandelt worden, der schaue auf Großbritannien oder auf die Niederlande. Dort herrschen andere politische Traditionen und die Probleme sind trotzdem ähnlich groß. Auch hier rekrutiert die internationale Terrorarmee, und sie tut es ausgerechnet in der 2. und 3. Generation der Migranten – also unter jenen, die mehr Integrationsversuche erfahren haben als ihre Eltern. 

Alle diese Länder sind inzwischen skeptischer, was die Möglichkeiten der Integration betrifft. Sie greifen zu restriktiven Maßnahmen. Sie schärfen die Gesetze. Sie werden republikanischer. Doch das Wir-Schaffen-Es-Deutschland weiß es besser. Es ist dabei, sich im Schnellverfahren eine Migrantenmasse ins Land zu holen, die in der Größenordnung mit der postkolonialen Einwanderung nach Frankreich vergleichbar ist. Und es will die vielen kleinen Anzeichen nicht sehen, die darauf hindeuten, dass hier keine Neugier und Bewunderung für Deutschland am Werk ist, sondern eine ganz prosaische Versorgungserwartung. Es will nicht wahrhaben, dass diese Erwartung bei Nichterfüllung in genau das gewalttätige Ressentiment umschlagen wird, das in verschiedenen Migrationsmilieus Frankreichs und anderer Länder schon seit längerer Zeit zu beobachten ist.

Wie anmaßend ist diese Besserwisserei. Wie arrogant rümpft das zivil-romantische Deutschland die Nase, wenn das französische Parlament eine Verlängerung des Ausnahmezustands beschließt und in den Straßen Soldaten patrouillieren. Wie peinlich wirkt es, wenn der Bundespräsident über die „Werte“ Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit predigt und geflissentlich übersieht, dass Frankreichs historische Leistung darin besteht, diese Werte in einem Staat verfasst zu haben und sie bewaffnet zu haben. Wie viel versteckte Verachtung unseres Nachbarlandes ist in der deutschen Frankreich-Solidarität enthalten.

Nein, die gegenwärtige Lage ist keineswegs so, dass Frankreich etwas nicht schafft, was Deutschland schafft. Im Gegenteil hat Frankreich uns in Sachen Migration aus Afrika und der arabischen Welt viele Erfahrungen voraus. Deutschland sollte sich gegen den Lernprozess unseres großen Nachbarlandes nicht abschotten.

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Leserpost (7)
Frank Jankalert / 22.11.2015

Vor allem wollen die deutschen Islamisten-Versteher nicht einmal akzeptieren, dass Frankreich zur Zeit doch von einer mehr als muslim-freundlichen Regierung regiert wird und nicht etwa von Frau Le Pen. Und auch konservativere Vorgängerregierungen haben faktisch niemals repressiv auf die islamische Einwanderung reagiert.  Besonders hatte keine Regierung den Mut, den “Familiennachzug” endlich zu begrenzen, obwohl viele schon vor Jahrzehnten erkannten, dass die französische Gesellschaft damit völlig überfordert ist. Zur “Logik” der deutschen Journalisten. Sie stellen die Gesinnung zur Schau, die zur Quasi-Vorausetzung für diesen Beruf geworden ist.

Brigitte Mittelsdorf / 22.11.2015

Lieber Gerd Held, im 1. Teil Ihrer Artikelserie schrieben Sie einen Satz, an den ich immer denken muss, wenn ich mal wieder so richtig sauer bin: “Die Wirklichkeit, dieser brave, unermüdliche, brave Maulwurf, arbeitet auf unserer Seite.” Ja, das hoffe ich ebenso.

Wolfgang Schlage / 22.11.2015

Widerspruch Aus dem Artikel: “...dass diese Erwartung bei Nichterfüllung in genau das gewalttätige Ressentiment umschlagen wird, das in verschiedenen Migrationsmilieus Frankreichs und anderer Länder schon seit längerer Zeit zu beobachten ist. “ Hier muss ich widersprechen: es ist nämlich das Versorgtwerden, das in Gewalt umschlägt, nicht die Nichterfüllung der Versorgungserwartungen. Das Versorgtwerden führt dazu, dass sich die Einwanderer *nicht* über Erwerbstätigkeit integrieren, sondern in per Sozialleistungen finanzierten Ghettos isoliert bleiben und eine arbeitslose, würdelose Existenz führen. Diese Würdelosigkeit führt zu Selbstverachtung, Verachtung der Jungen gegenüber ihren rumlungernden Vätern und Verachtung des Landes, das ihnen das antut. Das ist der Nährboden für Terrorismus. Man muss es machen wie die USA: absolut keine Versorgung, so dass die Einwanderer dann stolz auf sich selbst sind, dass sie es *selbst* geschafft haben und dankbar gegenüber dem Land, dass ihnen eine Chance gegeben hat, sich eine würdevolle Existenz aufzubauen. Wir hingegen verleiten die Einwanderer dazu, in Würdelosigkeit zu existieren, uns zu hassen und uns schließlich zu töten. Versorgung schafft keine Dankbarkeit, sondern Hass. Die Menschen sind eben nicht so, wie die Sozialdemokraten sich das immer vorstellen.

Andreas Mertens / 22.11.2015

Diejenigen meiner Verwandten die auswanderten sprachen von dem Tag an an dem sie amerikanischen (Tante), kanadischen (Großonkel), brasilianischen (Onkel), australischen (Tante) Boden betraten, kein Wort Deutsch mehr. Nicht mit ihren Kindern, nicht mit den teils eingewanderten ex-deutschen Nachbarn, nicht mal im Bett miteinander! Sie wurden zu 100% US-Amerikaner, Kanadier, Brasilianer, Australier. Es ist nicht Aufgabe der Aufnahmegesellschaft irgendwen zu integrieren, Sonderrechte zu gewähren oder auch nur die geringste Hilfestellung zu leisten. Das ist originär und zu 100% Aufgabe des Aufgenommenen. Alle diese Verwandten haben es geschafft und wurden respektable .. oder zumindest unauffällige Mitglieder ihrer Aufnahmegesellschaften. Sie sind nie jemanden zur Last gefallen, forderten keine Sonderrechte oder Extrawürste. Die Aufnahmegesellschaft hat mit der Aufnahme bereits genug getan. Sie hat geteilt. Ihren Staat, ihre Kultur, ihr Wissen, ihr Sozialwesen etc etc. Wert ... Werte in Höhe von Billionen über Billionen. Geteilt durch die Anzahl der bereits dortigen Bürger erhält der Einwanderer einen materiellen wie immateriellen Anteil in Millionenhöhe! UMSONST! OHNE VORLEISTUNG! Dafür kann die Aufnahmegesellschaft Respekt, Anerkennung und umfassende Regelkonformität verlangen.  Wenn der Einwandernde seine eigen Kultur, seine eigenen Gesetze, seine eigenen Regeln will .. bitte schön .. aber dort wo er herkam. Anscheinend gefiel’s ihm da nicht, ansonst wäre er inicht gekommen. Jetzt und hier gibt es eien neue Kultur, neue Gesetze und neue Regeln. Nehmen oder Lassen. Akzeptieren oder gehen. Wenn die Aufnahmeegsellschaft eine neue Kultur, neue Gesetze und Regeln wünscht, dann wird sie .. und nur sie .. sie einführen/ändern. Jorualisten die der Aufnahmegesellschaft vorwerfen sie habe ihre Aufgabe nicht gemacht sind schlicht und einfach von einem typisch “linken” Selbsthaß zerfressen (früher stand Links mal für progressiv und fortschrittlich. O tempora o mores!)

Horst Jungsbluth / 22.11.2015

Flüchtlinge oder Vertriebene kommen in Länder oder nur in Gegenden, wo sie als Fremde von den Einheimischen argwöhnisch wahrgenommen werden und es liegt in erster Linie an ihnen selbst, dafür zu sorgen, dass sie “angenommen” werden. Die erste Generation hat schwere Lasten zu tragen, die aber den Weg für nachfolgenden Generationen ebnen können. Nur so kann Integration gelingen und ich wundere mich immer wieder, dass leichtfertig darüber “hinweggehört” wird, wenn z.B. türkische Funktionäre Integration ablehnen, aber dafür Teilhabe verlangen. Es ist doch leider so, dass viele der Asylsuchende jegliche Integration ablehnen, dal sie ganz andere und oft nicht einmal ihre eigenen Interessen verfolgen und so zu einer großen Gefahr für die Aufnahmeländer werden, weil sie auf sorgfältig vorbereitete Strukturen treffen, die ihnen das “gesetzlose Leben” ermöglicht. Sehr geehrter Herr Held, tippen sie doch einmal und das gilt für unser eigenes Land in Ihren Browser den Begriff “Zitate von Claudia Roth” ein, dann finden Sie dort auch solche (ungeheuerliche) von anderen prominenten Personen, die ganz klar darauf hinweisen, warum das mit der Integration gar nicht klappen kann und was bei uns schief läuft. Und so ähnlich wird das auch in Frankreich oder Belgien ablaufen.

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