Die Idee einer zeitweiligen Befreiung von sozialen Festlegungen ist seit der Urgesellschaft bekannt. Maskentänze, Kostümfeste, orgiastische Umzüge und ähnliche Formen einer befreienden Ekstase gibt es in fast allen Kulturen. Sie bedeuteten eine Unterbrechung der üblichen Tätigkeit, dessen, was wir „Arbeit“ nennen. Eine frühe Beschreibung eines solchen Festes findet sich im Zylinder B des Gudea-Textes in babylonischer Keilschrift aus dem 22. Jahrhundert v.u.Z., ist also rund 4.500 Jahre alt. Beschrieben wird ein vorübergehendes Außer-Kraft-Treten der sozialen Ordnung im mesopotamischen Stadtstaat von Lagash, dessen König Gudea der Veranlasser dieser Inschriften war, legitimiert durch den Stadtgott Ningirsu: „Wenn er (der Gott Ningirsu) das Haus (seinen Tempel) betreten hatte, wurde sieben Tage lang die Sklavin der Herrin gleichgestellt und der Sklave schritt an der Seite seines Herrn. In seiner Stadt schliefen der Starke und der Schwache Seite an Seite. Das Wort wandte sich ab von böser Rede, Hinterlist wurde auf ihren Platz verbannt, die strengen Gesetze von Nanshe und Ningirsu wurden strikt befolgt. Die Waise wurde nicht dem Reichen übergeben, die Witwe nicht dem Mächtigen überlassen, kein Mann trat das Erbe an, die Tochter war die Erbin.“
Das Außerkrafttreten der Ordnung zur zeitweiligen Befreiung bedurfte in antiken Gesellschaften göttlicher Legitimation. Das Konzept „Freiheit“ aus menschlichem Bedürfnis, etwa zur Erholung des Körpers und der Seele, war als solches noch nicht bekannt, zumindest nicht akzeptiert. Einen wesentlichen Schritt in diese Richtung ging die Bibel mit der Einrichtung eines regelmäßig wiederkehrenden freien Tages.
In der Bibel wird die Idee des freien Tages Gott zugeschrieben: „Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken.“ (Genesis 2,2) Ein Ruhetag, der Ruhetag Gottes. Und zugleich, da der Mensch „nach unserem (d.h. Gottes) Bild, uns ähnlich“ sein und daher Gottes Vorbild folgen sollte (Genesis 1,26), ein Ruhetag für den Menschen. Ein regelmäßig, einmal wöchentlich wiederkehrender freier Tag.
Die Einführung des Konzepts „Freiheit“ in die menschliche Gesellschaft
Diese Einrichtung war revolutionär. Sie bedeutete die Einführung des Konzepts „Freiheit“ in die menschliche Gesellschaft. Durch die wöchentliche Wiederholung eines freien Tages wurde der Vorgang der Befreiung ständig reaktiviert, bis das Konzept eines menschlichen Rechts auf Freiheit ins allgemeine Bewusstsein gedrungen war. Als geradezu umstürzlerisch galt in antiken Sklavenhalter-Gesellschaften die Ausweitung dieses Rechts auf Unfreie und Sklaven, wie in Exodus 20,10 geboten: „Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh und der Fremdling, der in deiner Stadt lebt.“
Es war verständlich, dass die Bedeutung des Konzepts „Freiheit“ besonders betont werden sollte. Daher wird dem Konzept der Gottesruhe bei seiner Einführung als Gebot im biblischen Buch Exodus 20,8 – sogar als eins der symbolischen „Zehn Gebote“ – die „Heiligung“ hinzugefügt, ein in der Konsequenz aktiver Vorgang. Bei der Wiederholung des Gebots in Exodus 31,17 erscheint neben dem schon aus Genesis 2,2 bekannten Verb „ruhen“ oder „sich setzen“ (in hebräischen Schriftzeichen shin-bet-tav, shavat, wovon der Tag seinen Namen erhielt: Shabat)nun noch ein zweites: j’nafash, stammgleich mit der Vokabel nefesh für Seele, das die Lutherbibel 2017 mit „sich erquicken“, der Chumash von Wohlgemuth/Bleichrode mit „feiern“ übersetzt.
So wird zum ursprünglichen Gottesgebot der Ruhe und Freiheit noch das der „Feier“ hinzugefügt. Womit das vor-biblische Motiv aufgenommen wurde, die Befreiung von Arbeit und gesellschaftlichen Zwängen durch ein religiöses Fest zu legitimieren, wie im Gudea-Zylinder und zahllosen Fest-Bräuchen antiker Völker überliefert, etwa in den gleichfalls freiheitsbetonten, orgiastischen römischen Saturnalien. Eigentlich sind Ruhe und religiöse Feierschwer miteinander zu vereinbaren: Feiern bedeutet immer ein gewisses Maß an Unruhe und Aufregung. Um den offensichtlichen Widerspruch beider Konzepte – Ruhe und Fest – miteinander zu versöhnen, deklarierte der Prophet Jesaia (58,13) den „Shabat-Genuss“ (hebräisch: oneg shabat), die Verpflichtung, den Ruhetag zu genießen und diesem Genuss durch betonte Freude Ausdruck zu verleihen.
Mit allerlei Verpflichtungen und Traditionen beladen
Die Rabbiner fügten im Talmud (Traktat Shabat 113 u.a.) eine weitere Verpflichtung hinzu: den Shabat zu „ehren“. Die gleichfalls durch Jesaia inspirierte Idee, Gott durch besondere Würdigung seines Ruhetags Ehre zu erweisen, wird ausgebaut zu Verpflichtungen wie der, am Shabat drei festliche Mahlzeiten einzunehmen, besondere Kleidung zu tragen, gehobene Gespräche zu führen, möglichst über heilige Themen wie den wöchentlichen Torah-Abschnitt und seine Implikationen, Lobgesänge auf Gott anzustimmen u.a. Das Christentum ist dem Judentum auf diesem Weg der Ritualisierung des Ruhetags gefolgt: auch der christliche Sonntag wurde mit allerlei Verpflichtungen und Traditionen beladen, die, wenn man es kritisch betrachtet, dem eigentlichen Grundgedanken eines Tages der Ruhe und Freiheit hinderlich und restriktiv im Wege sind.
Jüdische und christliche Theologen und fromme Anhänger des so gestalteten freien Tages sehen aber gerade in der religiösen Okkupation einen Weg zur Erlangung der höheren Shabat- oder Sonntags-Ruhe, wie sie im Verb j’nafash (Exodus 31,17) zum Ausdruck kommt, zu übersetzen etwa mit „sich erquicken“ oder „beseelt sein“ nach dem stammverwandten Wort nefesh, die Seele. Mit Ruhe, argumentieren sie, sei nicht gemeint, den Shabat über zu faulenzen und auf dem Sofa zu liegen, sondern diesen Tag durch Gebotserfüllung und Rituale, durch gemeinsame Mahlzeiten und beglückende Gesellschaft zu einem inspirierenden und erhebenden Ereignis zu machen. Letztlich bleibt es – zumindest in einer freien Gesellschaft – jedem einzelnen Menschen selbst überlassen, wie er diesen Tag versteht und verbringt.
Dieser Text erschien in Heft 115 (Ausgabe Mai/Juni 2026) der Zeitschrift Opus, S.151
Zur kulturhistorischen Bedeutung des Shabat für das Konzept „Freiheit“ erschien kürzlich von Chaim Nol n: Der befreite Tag. Jüdische und christliche Feiertage. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2026.
Beitragsbild: pixabay.com

Antrhopoligisch interessant: Kulturübergreifend hatte sich weltweit die Idee eines freien Tages innerhalb einer Woche durchgesetzt. In China z.B. war alle sechs Tage der Badetag (休沐) für Beamte etabliert.
2/2
Dazu passende Zitate, Sprüche
-- „Wir leben in einer Welt in der Kinder keiner Indianer darstellen dürfen aber erwachsene Männer eine Frau“
-- Prof. Marianne Gronemeyer in „PREIS DER FREIHEIT – GRENZENLOSE ILLUSION. Die Freiheit ist warenförmig geworden. Wir leben in einem Meer der Möglichkeiten und doch waren wir noch nie so unfrei wie heute. Keiner ist mehr er selbst, sondernd nur noch die Summe seiner Symbole. Beherrsche die Symbole, so beherrscht du den Menschen.“
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ oder „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“ stammt aus der Bibel und wurde vom Apostel Müntefering als Arbeitsmoral gegen Müßiggang formuliert. Könnte auch „Wer nicht für uns arbeitet, soll sterben“ heissen.
Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) hat vor 200 Jahren vieles erkannt.
„Wer von seiner Arbeit nicht leben kann, sei nicht mehr verpflichtet, irgendeines Menschen Eigentum anzuerkennen.“
„Für den, der keine Kraft hat, selbständig aus sich heraus Wahrheit zu erzeugen, gibt es auch wirklich nirgends etwas anderes als Autorität.“
Und nun fast 8000 Jahre weiter immer noch eine Klosterwirtschaft mit doppel Wumms aus der EU und göttlichen Lohn von ehrenamtlich oder Minijobber.
In Deutschland gibt es inzwischen ein strafbewährtes „sozialwidriges Verhalten“.
Willkommen im Mittelalter, in dem dein gesamtes Leben durch den Staat bestimmt ist.
Die kulturelle Aneignung des Staates. Das Sabbatical (Sabbatjahr) ist für Beamte, Priester ein Jahr Urlaub auf Staatskosten. Angeblich durch Überstunden. Jetzt sind die Argumente des DGB, Verdi den Bach runter. Die Ansammlung von Überstunden bei Beamten ist ein völlig normaler vorgang, Sabbatjahr.
Genial elegant ausgedrückt „zeitweiligen Befreiung von sozialen Festlegungen“.
Eine echte verbale Desinfektion. Wer hat denn die sozialen Festlegungen damit die Begriffe „Freiheit-Arbeit“ eingeführt? Vor allem warum?
Lebenslang 24/7 allzeit für die herrschende Kaste bereit? Der Tod ist im religiösen oder klosterwirtschaftlichen Sinn unbezahlter Urlaub.
„Die soziale Ordnung im sumerischen Stadtstaat Lagasch war hochgradig strukturiert, hierarchisch aufgebaut und eng mit der Tempelwirtschaft verbunden. Die Verwaltung organisierte sich um sogenannte erweiterte Haushalte.“
Ob sich das Tempelwirtschaft oder Demokratie nennt, die Inhalte sind fast identisch. Im Gegenteil, direkt aus der Tempel/Klosterwirtschaft ist die heutige Besteuerung entstanden. Die Klosterwirtschaft, also kostenlos Arbeiten, wurde im Mittelalter Zwangsarbeit. Siehe „Arbeitshäuser des Mittelalters“.
Arbeit und Freihet! Freiheit ist nach Immanuel Kant die Unabhängigkeit von der Willkür anderer.
Zur Sicherung der Freiheit bietet Eigentum den wichtigsten Schutz. Bereits John Locke hatte in seiner
Sozialphilosophie konstatiert „Im Gegensatz zu Hobbes Krieg aller gegen alle im Naturzustand, sieht Locke die Selbsterhaltung als oberstes Ziel.“
In seinem Werk Two Treatises of Government argumentiert Locke, dass eine Regierung nur legitim ist, wenn sie die Zustimmung der Regierten besitzt und die Naturrechte, Leben, Freiheit und Eigentum beschützt.
Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, haben die Untertanen ein Recht auf Widerstand gegen die Regierenden.
GG 20.4
1/2
Dadurch, dass auch künftig das steuernde Prinzip von Natur aus einer positiven Bestimmung entzogen bleibt, hat die Freiheit weiterhin in der Gegenwart eine Stätte. Der Physiker Niels Bohr ironisierte angesichts dessen zuletzt noch vor rund einem Jahrhundert die Versuche, zuvörderst Gott vorzuschreiben, wie die Welt zu regieren ist, als etwas, was allein schon deshalb niemals von Erfolg gekrönt sein kann. Besonders der deutsche Bundespräsident Steinmeier lässt insofern die Achtung vor der Tatsache völlig vermissen, wenn das Staatsoberhaupt hierzulande die Wirklichkeit damit umfälschend erst jüngst behauptet, die Freiheit müsste angeblich erst noch von Menschenhand hergestellt werden.
Freier Tag, nicht schlecht. Die Auserwählten haben ihn rund um die Uhr. Es gibt aber leider auch die Buckelwahl. Sie haben gerade die Buckelwahl frei gelassen. Muss man auch mal zuende denken. Jeder ist seines Glückes Schmied. Und nun muss ich wieder an die Arbeit. Danke für Ihren Zuspruch.
Die Verfasser göttlicher Eingebungen arbeiteten keine zwölf Stunden am Tag, sechs oder sieben Tage die Woche als Sklave oder Knecht. So kann man denn religiöse Texte zu Arbeit und Freizeit als generöses Erbarmen der Herrschenden bezeichnen. Die späteren Mönche in den Klöstern überarbeiteten sich nicht beim Herumpusseln im Kräutergarten, beim Bierbrauen oder Kopieren bzw. Hinzudichten von Schriften.
Im Neuen Testament ist jedoch das Nichtstun am Sabbath eine Pflicht, deren Mißachtung drastische Strafen nach sich ziehen konnte.